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8.570355 - STANFORD: Symphonies, Vol. 3 (Nos. 3 and 6)
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Charles Stanford (1852–1924)
Symphonien Nr. 3 und Nr. 6

 

Innerhalb der Elgar vorangegangenen Generation britischer Komponisten können Sir Hubert Parry und Sir Charles Stanford wohl als die beiden bedeutendsten gelten. Als Komponisten und Lehrer legten sie den Grund für die musikalische Renaissance Englands gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Stanford, der am 30. September 1852 in eine bedeutende Dubliner Anwaltsfamilie hineingeboren wurde, hatte große Teile des Kanons westlicher Kunstmusik bereits verinnerlicht, ehe er 1870 am Queen’s College zu Cambridge sein Studium aufnahm. Nachdem er 1874 Organist am Trinity College geworden war, verbrachte er die nächsten drei Jahre größtenteils in Deutschland. Zurück in Cambridge, bewegte er die Musikgesellschaft der Universität zu den britischen Erstaufführungen von Werken wie Brahms’ Sinfonie Nr. 1 oder der Altrhapsodie, wodurch er die Aufmerksamkeit des Dirigenten Hans Richter und des Violinisten Josef Joachim auf sich zog.

1887 wurde er zum Professor für Musik in Cambridge berufen, wo er den Grad des Bachelor of Music reorganisierte und den Feierlichkeiten zum 25- jährigen Bestehen der Musikgesellschaft vorstand, in deren Rahmen Komponisten wie Tschaikovskij und Saint-Saëns die Ehrendoktorwürde verliehen wurde. 1883 wurde er dann auch Professor für Komposition am neugegründeten Royal College of Music in London, wo Bridge, Butterworth, Moeran und Vaughan Williams zu seinen Schülern zählten. Lange stand er als Dirigent Ensembles wie dem Londoner Bach Choir und der Leeds Philharmonic Society vor, und nachdem er mit diversen Ehrendoktorwürden ausgezeichnet und 1902 zum Ritter geschlagen worden war, starb er als zwar hochverehrter, doch aber auch als überwiegend unzeitgemäß geltender ‚großer alter Mann’ der britischen Musik am 29. März 1924 in London.

Eine zentrale Rolle im kompositorischen Schaffen Stanfords nehmen seine sieben Sinfonien ein, in denen sich sowohl die Stärken als auch die Schwächen seiner Musik offenbaren, wobei der Grad an kompositorischer Strenge und Könnerschaft nur noch von seinem älteren Zeitgenossen (und bisweilen auch Rivalen) Hubert Parry erreicht wurde. Zugleich aber schien Stanford durchaus nicht über die stilistischen Grenzen von Mendelssohn, Schumann oder Brahms hinausgehen zu wollen: ein Beleg für die rückgewandten Tendenzen, was ihn in seinen späteren Jahren zunehmend zu bitteren Polemiken verleiten sollte. Obschon er an der klassischen Viersätzigkeit festhielt (die genialische fantasieähnliche Anlage von Parrys Sinfonie Nr. 5 war seine Sache nicht), stellen seine Sinfonien doch schon allein aufgrund ihres subtilen Umgangs mit Satzstrukturen und ihrer einfallsreichen Instrumentation eine lohnende Beschäftigung dar.

Die zwei auf dieser CD vereinten Sinfonien bezeugen den Wandel, den die Reputation von Stanfords Musik in etwas über zwei Jahrzehnten erfahren hat. Die 1887 vollendete und am 27. Juni desselben Jahres erstmals aufgeführte Sinfonie Nr. 3 erfreute sich unmittelbaren und breiten Erfolgs. Tatsächlich vermochte sie sich bis weit ins 20. Jahrhundert hinein im Repertoire zu behaupten, lange nachdem andere sinfonische Werke Stanfords bereits in Ungnade gefallen waren. Der Untertitel des Werkes, ‚Irische’, deutet bereits auf die häufige Verwendung irischer Volksweisen hin. Gleichwohl war Stanfords formale Ästhetik eben dergestalt, dass sich das Werk letztlich doch nie sonderlich weit von der sinfonischen Tradition Deutsch-Österreichischer Prägung entfernt.

Am Anfang des ersten Satzes steht ein gefühlvolles Thema, das zuerst nur von den Streichern vorgestellt wird, um dann – mit dem Eintritt von Blechbläsern und Pauken – einen etwas dunkleren Anstrich zu erhalten. Nach einem kurzen, aber kräftigen Höhepunkt ist Raum für das nachdenklichere zweite Thema in den Celli, denen später die Holzbläser noch ein wenig Glanz verleihen. Dieses Thema entfaltet sich ohne Hast, bis dann die Durchführung mit einem entschlossenen und ausgeweiteten Wiedereintritt des ersten Themas beginnt. Das zweite Thema wird nur angdeutet als Teil einer beziehungsreichen Überleitung in die Reprise, die das zweite Thema in einer eindrücklich überhöhten Gestalt präsentiert. Nachdem sich dies verloren hat, wird das erste Thema wiederaufgenommen, das nun die Funktion einer Coda übernimmt, die vorwärts brandet, ehe der Satz dann ruhig beschlossen wird. Beim zweiten Satz handelt es sich um ein lebhaftes Intermezzo, dessen Hauptthema durchsetzt ist vom Impetus einer irischen Jig – eine Technik, die Stanford des Öfteren in seiner Instrumentalmusik einsetzt. Nachdem er das gesamte Orchester ins Feld geführt hat, hebt als Trio eine nicht weniger reizvolle Melodie an, ehe dann das Eingangsthema wiederkehrt, um den Satz leidenschaftlich zu beschließen.

Der dritte Satz beginnt mit einem kunstvollen Solo für Harfe, auf das die Holzbläser zunächst antworten, wie wenn sie dessen keltische Wurzeln bestätigen wollten, ehe sie dann ein ausdrucksstarkes Thema ausgesprochen Brahms’scher Prägung intonieren, das im folgenden ausgiebig entwickelt wird, um schließlich einen Höhepunkt zu erreichen, der die motivischen Komponenten des Themas deutlich kraftvoller beleuchtet (man beachte den zugrundeliegenden Rhythmus, der diesem Abschnitt seinen Schwung verleiht). Nachdem der Satz wieder zu seiner früheren Stimmung gefunden hat, schließt er mit einer innigen Andeutung der Harfenkadenz, mit der er seinen Anfang genommen hatte. Der vierte Satz beginnt nach einigen wenigen Takten der Vorahnung mit einem ebenso entschlos-senen wie energischen Thema. Kontrastierend dazu steht eine choralartige Melodie, der es gleichwohl nicht an Ausdrucksstärke mangelt. Am Anfang der Durchführung steht ein zurückhaltender Anklang des ersten Themas, dem sich das zweite Thema anschließt, das nun so verlangsamt erklingt, dass es tatsächlich eher einem Choral ähnelt, wobei beschwörende Trompeten gegen die gleichsam abwartenden Akkorde der Streicher gesetzt werden. Nachdem das erste Thema entschlossen wiedergekehrt ist, um eine variierte Reprise einzuleiten, wird das zweite Thema erneut in seiner choralartigen Gestalt aufgenommen, was nun allerdings in eine ausgedehnte Coda führt, die das Werk entschieden seinem Schluss zuführt.

Die Sinfonie Nr. 6, die Stanford zügig im Frühjahr des Jahres 1905 komponiert hat, erklang erstmals am 18. Januar des folgenden Jahres in London. Der vortrefflichen Aufführung des London Symphony Orchestra unter Leitung des Komponisten zum Trotz, erklang es dann allerdings nur noch ein einziges Mal, ehe es für gut 80 Jahre ganz von der Bildfläche verschwand. Wichtig ist der Untertitel des Werkes: ‚In honour of the life-work of a great artist: George Frederick Watts’ [‚Zu Ehren des Lebenswerkes eines großen Künstlers: George Frederick Watts’]. Watts (1817-1904) gehörte zu den am höchsten gepriesenen bildenden Künstlern seiner Zeit, und die Komposition Stanfords bedient sich – auch, wenn sie nicht ausgesprochen programmatisch daherkommt – einzelner Beispiele aus dem reichen künstlerischen Erbe Watts’ als Inspirationsquelle.

Der erste Satz bricht sich gleich mit einem entschiedenen Thema von bemerkenswerter rhythmischer Erfindungsgabe Bahn. Das zweite Thema, das – obschon das Tempo an sich kaum zurückgenommen wird – deutlich expressiver ist, leitet dann über in die Durchführung, in der ein verblüffendes Violinsolo vor gleichsam raunenden Streichern zurückführt zur Reprise. Hier klingt dann das zweite Thema kaum noch an, so energisch und nachdrücklich strebt der Satz seinem Schluss zu. Den zweiten Satz eröffnet eine poetische Melodie im Englischhorn, die dann von den Streichern aufgegriffen und fortgesponnen wird, wobei die Orchestrierung Stanfords ausgesprochen attraktiv ist – namentlich die Behandlung der Holzbläser ist erlesen. Der mittlere Satzteil ist von mehr fatalistischem Gestus, obwohl die unheilvoll tönenden Blechbläser, mit denen dieser Abschnitt beginnt, in Kontrast zu einer delikaten Musik für Holzbläser und Harfe gesetzt werden. Schon bald wird ein prächtig ausgedehnter Höhepunkt erreicht, ehe das Eingangsthema in den Streichern zurückkehrt, das dem Ganzen einen apotheotischen Anstrich verleiht. Die verbleibenden Takte vor dem ergreifenden Schluss gemahnen dann gleichsam wehmütig an frühere Motive. Der dritte Satz kommt als ein ungewöhnlich knappes Scherzo daher, dessen vorwärts drängender Gestus mit einem Trioteil von leichterem Charakter kontrastiert wird. Die beiden Ideen werden alternierend bis zu einer Überleitung geführt, deren rhythmischer Unterbau unmerklich das Finale einleitet. Dessen von Blechbläsern und Pauke intoniertes Hauptthema ist von marschähnlichem Charakter, der von im ganzen Orchester um sich greifenden imitativen Kontrapunkt noch intensiviert wird. Auch der Mittelteil bringt nur wenig Entspannung, wobei das intensive Wechselspiel der Hauptmotive in einen atmosphärisch äußerst dichten Abschnitt mündet, der das Hauptthema nach und nach wieder in den Vordergrund stellt. Die größte Überraschung aber steht noch an, wenn der Satz allmählich an Verve verliert und in einen erhabenen Epilog mündet, der das Werk dann ebenso verhalten wie bestimmt beschließt.

Richard Whitehouse
Deutsche Fassung: Matthias Lehmann


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