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8.570356 - STANFORD, C.V.: Symphonies, Vol. 4 (No. 1, Clarinet Concerto) (Bournemouth Symphony, Lloyd-Jones)
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Charles Villiers Stanford (1852–1924)
Symphonie Nr. 1 • Klarinettenkonzert

 

Von jenen britischen Komponisten, die Edward Elgar (1857–1934) vorausgingen, sind Hubert Parry (1848–1918) und Charles Stanford die wichtigsten. Als Komponisten und Lehrer schufen sie die Voraussetzungen für die musikalische Renaissance gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Mehr noch als Parry betätigte sich Stanford in allen Musikgenres. Am 30. September 1852 in eine angesehene Dubliner Anwaltsfamilie geboren, hatte er schon vor Eintritt ins Queens College in Cambridge 1870 den Kanon der westlichen klassischen Musik in sich aufgenommen. 1874 zum Organisten des Trinity College ernannt, verbrachte er die folgenden drei Jahre häufig studierend in Deutschland. Nach Cambridge zurückgekehrt, veranlasste er die University Music Society zu britischen Premieren solch gewichtiger Werke wie Brahms’ Erster Sinfonie und Alt-Rhapsodie; zudem gewann er Künstler wie den Dirigenten Hans Richter und den Geiger Joseph Joachim.

1887 zum Musikprofessor in Cambridge berufen, erneuerte Stanford den Musikabschluss der Universität (Bachelor of Music) und beaufsichtigte die Feier zum Silberjubiläum der Music Society. Dabei wurden Tschaikowsky und Saint-Saëns Ehrendoktorate verliehen. Seine Beziehung zu Cambridge war nicht ungetrübt, und so ermöglichte ihm die Berufung zum Professor für Komposition an das neu gegründete Royal College of Music 1883, sich zunehmend auf diese Institution zu konzentrieren, wo er Lehrer später bedeutender Komponisten wurde, darunter Bridge, Butterworth, Moeran und Vaughan Williams. Stanford absolvierte ein umfangreiches Dirigierpensum mit dem Bach-Chor und der Leeds Philharmonic Society, bekam mehrere Ehrendoktorate verliehen und wurde 1902 in den Ritterstand erhoben. Er starb am 29. März 1924 – hoch geachtet, aber als „Grand Old Man“ der britischen Musik etwas aus der Zeit gefallen.

Schon früh hatte Stanford mit seiner Chor- und Kirchenmusik Ansehen erworben. Seine Evening Services sind zentral für die anglikanische Liturgie, während seine Chorlieder (Part-Songs) sich im Repertoire der Chorgesellschaften gehalten haben, allen voran die Vertonung von Mary Coleridges (1861–1907) The Bluebird. Keine seiner zwölf vollendeten Opern hielt sich auf der Bühne – eine herbe Enttäuschung für ihn, der sich in seiner gesamten Laufbahn energisch für die britische Oper eingesetzt hat. Der Orchestermusik erging es etwas besser: Seiner Sinfonien und Konzerte haben sich führende Dirigenten und Solisten angenommen, obwohl es ein Kennzeichen seiner abnehmenden Reputation war, dass viele seiner späteren Werke unpubliziert blieben und zum Zeitpunkt seines Todes unaufgeführt waren.

Zentral in Stanfords Werk sind seine sieben Sinfonien, die den größeren Teil seiner OEuvres ausmachen. Sie sind von kompositorischer Meisterschaft gekennzeichnet, die nur von der seines älteren Zeitgenossen und gefühlten Rivalen Parry übertroffen wird, geben sich jedoch anscheinend damit zufrieden, im stilistischen Rahmen von Mendelssohn, Schumann und Brahms zu verharren. Das ist ein Anzeichen für seine rückschrittlichen Tendenzen, die ihn in seinen letzten Lebensjahren veranlassten, sich in bitterer Polemik zu ergehen. Während er der klassischen Gestaltung verhaftet blieb, machen sein oftmals subtiler Umgang mit überlieferten Satzformen und die einfallsreiche Orchestrierung die Sinfonien dennoch zu lohnenden Entdeckungen.

Als er im Februar 1876 seine Erste Sinfonie bei einem von Alexandra Palace geförderten Wettbewerb einreichte, gab es nur wenige andere britische Sinfonien neueren Datums: William Sterndale-Bennetts g-Moll- Sinfonie, Arthur Sullivans Irish Symphony, Frederick Cowens Erste Sinfonie, Julius Benedicts c-Moll- Sinfonie und Ebenezer Prouts Erste Sinfonie. All diese hatten im Jahrzehnt zuvor flüchtigen Erfolg verbuchen können. Mit dem zweiten Platz bedacht – nach jener von Francis Williams Davenport –, wurde Stanfords Einsendung jedoch erst 1879 im Kristallpalast in London aufgeführt, dann jedoch weder publiziert, noch zu seinen Lebzeiten ein weiteres Mal aufgeführt.

Die Erste Sinfonie ist in ihrer formalen und ausdrucksmäßigen Anlage an Beethoven und Schumann orientiert. Der erste Satz beginnt mit einer langsamen Introduktion, die um ein freundliches Thema für Streicher, Holzbläser und Hörner zentriert ist. Dieses erfährt sodann eine auffallende Steigerung, von der aus das Allegro mit einem wendigen Thema beginnt. Das klare und elegante zweite Thema ist zunächst den Holzbläsern und den tieferen Streichern übertragen. Nach einer lebendigen Codetta wird das bis dahin vorgestellte Material in der Durchführung intensiv verarbeitet. Ein resoluter Höhepunkt bringt die gesteigerte Wiederkehr des ersten Themas für die Reprise, in der das zweite Thema gefühlvoll in den Celli erklingt. Die Musik geht dann in die Coda über, welche die Introduktion wieder aufgreift – nun, da der Satz einen markanten Abschluss erreicht, als kraftvoller Choral.

Das Scherzo, bezeichnet In Ländlertempo, ist ein Intermezzo, wie es auf ihre Weise Schubert, Schumann und Brahms gestaltet haben. Das Hauptthema, verbindlich und einnehmend, findet reichlich Kontrast in seinen zwei Trios – einem Presto mit gewandtem kontrapunktischen Zusammenspiel der Streicher und einer reizenden Melodie, die verschiedene Soloinstrumente in freundlichen Einklang bringt –, bevor es mit einer pikanten Coda abgerundet wird.

Der langsame Satz beginnt mit expressiver Streichermelodik – Violinen und Bratschen sind durchweg gedämpft –, wobei eine kurze Wendung zu Moll einige treffliche Beiträge der Holzbläser mit sich bringt. Die Musik des Beginns ist nun im Kontrapunkt der Streicher zu hören, worauf poetische Soli von Cello und Klarinette zu dessen klanggesättigter Wiederkehr führen. Prominent ist hier eine fein ausgearbeitete Passage für Violine, nach der die Musik in eine nachdenkliche Coda mündet. Eröffnet von einer Blechfanfare geht das Finale mit einem energischen Thema weiter, dessen rhythmischer Impetus vieles vom Folgenden untermauert. Ein eher zartes Thema schafft Kontrast – man beachte das nachdenkliche Blechmotiv in der Codetta –, bevor die Exposition komplett wiederholt wird. Die Durchführung bestätigt vollends Stanfords kontrapunktische Fähigkeiten und verleiht gleichsam Schwung für die tonal variierte Reprise. Gestärkt von einem Blechmotiv, treibt die Coda das Werk seinem quirligen Abschluss entgegen.

Als einer der führenden Verfechter von Brahms’ Musik in Großbritannien war Stanford mit dem inneren Kreis des Komponisten gut bekannt, nicht zuletzt mit dem Klarinettisten Richard Mühlfeld, für den Brahms einige Kammermusikwerke geschrieben hatte. Stanfords Klarinettenkonzert ist für Mühlfeld geschrieben und war ihm zunächst auch gewidmet, weshalb dessen Zurückweisung des Stücks überrascht. Es erlebte seine eigentliche Premiere im Juli 1903 in Bournemouth und die Londoner Erstaufführung im Juni darauf – beide Male mit Charles Draper als Solist; später nahm sich Frederick Thurston seiner an. Ein halbes Jahrhundert nach dem Tod des Komponisten wurde das Konzert wiederbelebt und gehört seitdem zu seinen meistgehörten Orchesterwerken.

Der Eröffnungsabschnitt beginnt mit einem energischen Orchestertutti, alternierend mit dem lebhaften ersten Thema des Solisten. Gegen eng davon abgeleitete Kommentare der Holzbläser erfolgt der Übergang in das eher ruhige zweite Thema voller reizvoller Orchesterbeiträge. Nach einer kurzen Steigerung, die auf den Beginn anspielt, mündet das Werk in einen Mittelabschnitt, dessen Hauptthema – zunächst von Streichern und Hörnern vorgetragen – zu Stanfords schönsten Eingebungen gehört. Trotz einer gelegentlichen Verdunkelung der Stimmung ist der freundliche Ausdruck des Themas selten abwesend und kehrt schließlich wieder, um die Musik zu einem Punkt wohltuender Ruhe zu lenken. Der Schlussabschnitt beginnt mit dem bis dahin energischsten Orchesterpart, der Schwung verleiht für das Hauptthema des Solisten. Dieses beruht auf zuvor Gehörtem, nun vom Geist des irischen Tanzes erfüllt, den Stanford immer wieder favorisierte. Als Kontrast folgt ein entspannteres Thema und ein Zitat aus jenem des Mittelabschnitts, bevor die Coda das ganze Werk in äußerst gehobener Stimmung beendet.

Richard Whitehouse

Deutsche Fassung: Thomas Theise


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