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8.570359 - ALWYN: Piano Music, Vol. 1
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William Alwyn (1905–1985)
Klaviermusik, Folge 1

 

Die Klaviermusik hat für William Alwyn während der längsten Zeit seiner kompositorischen Karriere eine hervorragende Rolle gespielt. Er liebte und verstand das Instrument und war selbst ein sehr guter Pianist, wie die unterschiedlichen technischen Anforderungen der hier eingespielten Werke zeigen. Es gibt rund 150 Einzelstücke, deren erste in den zwanziger Jahren entstanden, indessen er sein letztes Soloklavierwerk, die für die zweite CD dieser Serie vorgesehenen Movements, Anfang der sechziger Jahre komponierte. Es gibt überdies Two Intermezzi für zwei Klaviere, zwei Klavierkonzerte sowie eine Sonatine für Klavier und Orchester, die allerdings nie orchestriert wurde, sondern nur im Klavierauszug erhalten ist.

In den dreißiger Jahren war Alwyn Prüfer beim Associated Board of the Royal Schools of Music, was ihn auch zu Examina nach Australien und Kanada führte. Er schrieb viele Unterrichtsstücke, von denen einige in den Lehrplan des Associated Board aufgenommen wurden und andere bei der Oxford University Press erschienen. Die vorliegende Produktion präsentiert sowohl Musik für den Unterricht wie solche für den Konzertsaal, wobei Cricketty Mill, Prelude and Fugue formed on an Indian Scale, Haze of Noon, Harvest Home, Fancy Free und April Morn in Weltersteinspielungen zu hören sind.

Die dreisätzige Sonata alla toccata entstand zwischen Februar 1945 und Juni 1946 in London. Auf der Titelseite des Originalmanuskripts findet sich die Überschrift „Sonata”, während „alla toccata” eindeutig später hinzugefügt wurde. Zwar wurde das Stück zu einer Zeit komponiert, als Alwyn mit dem Neoklassizismus experimentierte, doch es ist seinem Wesen nach romantische Musik. Der erste Satz beginnt mit einem majestätischen C-dur, in dem der Hauptgedanke des gesamten Werkes exponiert wird. Dieser führt stürmisch zu einem toccatenhaften Allegro in dem viele Gegenrhythmen und Akzente verwendet werden. Demgegenüber ist das nachfolgende Andante in F-dur von sehr einfacher Art: Durchweg erklingen glockenartig wiederholte Fs, bis ein geheimnisvoller Schluss in f-moll erreicht ist. Der Schluss-Satz, Molto vivace, beginnt mit einem lebhaften Triolengedanken, der über weite Strecken beibehalten wird; des weiteren treten auch das repertierte F aus dem Andante sowie die Gegenrhythmen des Kopfsatzes wieder in Erscheinung. Das breitere Nebenthema gewinnt immer größere Brillanz und gipfelt in der ausgedehnten Wiederholung des einleitenden Maestoso-Themas – jetzt allerdings in As –, worauf ein Presto furioso das Werk dramatisch beendet. Die Sonata alla toccata wurde am 30. Juli 1947 von Joan Davies in einer Sendung des BBC Home Service uraufgeführt.

Die beiden nächsten Stücke, Green Hills und Cricketty Mill, stammen aus dem Jahre 1935. Sie sind dem Komponisten und Pianisten Hugo Anson gewidmet, mit dem Alwyn befreundet war. Beide wurden bei der Oxford University Press eingereicht, die am Ende aber nur Green Hills veröffentlichte, weil Cricketty Mill zu schwierig schien. Wie die Titel verraten, handelt es sich in beiden Fällen um Naturgedichte. Das deutlich in der Klangwelt von John Ireland angesiedelte Green Hills hebt mit einem zarten Thema an, das nach einem passionierten Mittelteil wiederkehrt und sich in der Unendlichkeit verliert. Cricketty Mill heißt eine kleine Mühle südwestlich von Bisley Village in den Cotswolds (dem „Herzen Englands”), die an dem Fluss liegt, der in den Toadsmoor Brook mündet. Alwyn stellte seiner bildhaften Impression ein eigenes kleines Gedicht voran:

Klar und ängstlich
Murmelt der Strom
an der Cricketty-Mühle
Am Fuß des Hügels
Liegen finstre Schatten —-
—- eine Fee geht um.

Die Luft ist heiß
Von betriebsamen Lauten,
Und immer kräuselt
Widerhallend
Hochzeitsglockenklang
Den Bach.

Das kurze Prelude and Fugue formed on an Indian Scale wurde im März 1945 vollendet. Bei der bewussten indischen Skala handelt es sich um ein G-dur, dem bei der Aufwärtsbewegung Quarte und Septime fehlen. Die rechte Hand spielt die heitere Melodie des Prelude, die von weichen Akkorden in der Linken begleitet wird und mehrfach in unterschiedlicher Gestalt auftritt. Dabei bleibt durchweg die ruhige Stimmung erhalten. Im Gegensatz dazu beginnt die lebhafte Fugue mit einem gespreizt schreitenden Thema der linken Hand und entfaltet einen joie d’esprit, der bis zur Schlusskadenz andauert.

Haze of Noon ist eines von mehreren Stücken, die die Oxford University Press in der von A. Forbes Milne vom Ende der zwanziger bis zum Anfang der dreißiger Jahre herausgegebenen Unterrichtsreihe veröffentlichte. Das Stück entstand 1925 und erschien zwei Jahre später im Druck – eine verträumte Musik, die die lastende, müde Stimmung in der warmen Mittagssonne, eben den „Dunst des Mittags”, bis zum Ende aufrecht erhält.

Die vier kurzen Sätze des Harvest Moon wurden 1938 von Banks & Son Ltd in York veröffentlicht und sprechen für sich. Auch diese Stücke gehören zu einer instruktiven Reihe, in der auch Werke von Thomas Dunhill, Alec Rowley und Felix Swinstead enthalten sind.

Fancy Free (1926) und April Morn (1924-26) bestehen aus jeweils vier deskriptiven Unterrichtsstücken. Die erste Kollektion kam bei der Oxford University Press heraus, die zweite beim Associated Board. Obwohl es sich dabei um einfachere Piecen handelt, zeigt Alwyn auch hier stets seine kompositorischen Fertigkeiten, mit denen er eine Fülle unterschiedlicher Stimmungen vermittelt.

Das hier eingespielte Hauptwerk, die Fantasy Waltzes, bilden eine virtuose Suite aus elf Sätzen. Sie entstanden zwischen Juni 1954 und April 1955 in London und dürften wohl die schönste Schöpfung Alwyns für Klavier solo sein. Unverkennbare Vorbilder sind die Walzer von Chopin, Ravel und Johann Strauß, doch interpretiert Alwyn, indem er den fundamentalen Dreivierteltakt mit großer Vielfalt und stilistischer Freiheit verwendet, das ganze Spektrum des Walzers auf eine eigene, unnachahmliche Weise. Die Idee zu den Fantasy Waltzes kam ihm, nachdem er bei einem Urlaub in Norwegen Griegs Haus am See besucht hatte. Als erstes schrieb er die spätere Nr. 3 der Sammlung – eine Hommage an Grieg, die sich deutlich in der Klangwelt der Lyrischen Stücke bewegt (im Manuskript hat Alwyn dem Satz die Überschrift „Am Grabe Griegs” gegeben).

Die Suite ist als zusammenhängender Zyklus gedacht, gliedert sich aber dennoch in zwei Teile (Nr. 1-6 sowie Nr. 7-11), die eine Vielzahl unterschiedlichster Stimmungen umfassen und vom Glücklichen bis zur Betrübnis, vom Geheimnisvollen bis zum Trauerhaften reichen. Der erste Teil beginnt wehmütig und endet mit einem sehr rhythmischen, sehr fröhlichen Walzer, der einen ausdrucksvollen Mittelteil enthält. Der zweite Teil beginnt mit einem sehr verhaltenen und geheimnisvollen Stück, das die Akkordik des Klaviers erkundet und einen Trauerzug mit schmerzlichem Glockengeläut beschwören könnte. Die anschließenden Walzer Nr. 8-10 sind nacheinander leicht, dramatisch und graziös, der elfte bietet dann ein brillantes, fröhliches Finale mit einem langsameren, kontrastierenden Mittelteil, der allmählich in Schwung kommt und bis zum funkelnden Schluss führt.

Die Fantasy Waltzes sind dem neuseeländischen Pianisten Richard Farrell gewidmet, der den Zyklus am 2. Juni 1957 in einer BBC-Sendung aus dem Funkhaus uraufführte. Nicht einmal ein Jahr später, im Mai 1958, beendete ein tödlicher Autounfall die vielversprechende Karriere des nur 32-jährigen Konzertpianisten. Alwyn hatte Farrells Klavierspiel sehr bewundert und war offensichtlich von seinem Tod tief erschüttert, denn er widmete das fünfte seiner Twelve Preludes für Klavier dem Andenken Farrells.

Andrew Knowles
(unter Bezug auf William Alwyns Einführungstexte zur Sonata alla toccata und den Fantasy Waltzes)

Deutsche Fassung: Cris Posslac

 


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