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8.570377 - STRAVINSKY: Music for Piano Solo
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Igor Strawinsky (1882-1971)
Klaviermusik

 

Für einen Komponisten, dessen hauptsächliches Instrument das Klavier war, ist es eine bemerkenswerte Leistung, derart fantasievoll zu instrumentieren, wie das Igor Strawinsky getan hat – insonderheit, wenn man seinen ambitionierten und farbenfrohen Umgang mit dem großen Orchester während der frühen russischen Phase bedenkt. Strawinsky spielte kein Orchesterinstrument (abgesehen von dem Cimbalom, das er 1915 für den Renard erwarb, und von den Trommeln, die er sich für Die Geschichte vom Soldaten zulegte); für ihn war vielmehr das Klavier das Mittel, durch das er seine schöpferischen Energien kanalisierte, dem er originelle Texturen und vielgestaltige Klangmöglichkeiten abgewann, nicht zuletzt durch die perkussiven Klänge, die dem Instrument innewohnen. Das Klavier war ihm ein lebensnotwendiges Hilfsmittel beim Komponieren, eine Art von Schmelztiegel, in dem er seine Ideen läuterte: „Jeder Ton, den ich schreibe, wird darauf ausprobiert, jede Beziehung von Tönen zerlegt und wieder und wieder gehört,“ äußerte er gegenüber Robert Craft.

Igor Strawinsky hat sein Leben lang am Klavier komponiert und im Laufe von vierzig Jahren eine Reihe von Werken für das Instrument geschaffen, in denen sich nicht nur seine wichtigsten stilistischen Wandlungen widerspiegeln, sondern auch die damit einhergehenden familiären und finanziellen Verhältnisse sowie die geopolitischen Situationen, in denen er lebte. Die Klavierstücke aus der Zeit vor 1908, mithin aus den Jahren vor den drei russischen Vorkriegsballetten, kann man daher weitgehend als Nachahmung anderer Komponisten ansehen und gewissermaßen durch deren Brille betrachten. Strawinsky war zwanzig Jahre alt und studierte an der Universität von St. Petersburg Rechtswissenschaften, als er dem Vater seines Kommilitonen Wladimir Rimsky-Korssakoff die ersten Klavierstücke vorlegte. Ein vielversprechendes Talent zeigt jedenfalls die bewegte Rhythmik des bescheidenen, dreiteiligen Scherzo g-moll von 1902, das Peter Tschaikowskys harmonischem Vokabular verpflichtet ist.

Ein Jahr später begann Strawinsky mit seiner ehrgeizigen, viersätzigen Klaviersonate fis-moll, und wieder wandte er sich ratsuchend an Nikolai Rimsky-Korssakoff, weil ihm die formale Organisation aufgrund seiner Unerfahrenheit im Umgang mit großen Strukturen Probleme bereitete. Hier ist neben Tschaikowsky auch Alexander Glasunow zu spüren. Gegenüber Robert Craft hat sich Strawinsky an die frühe Sonate, die lange Zeit als verschollen galt, nicht sehr schmeichelhaft erinnert, als er sagte: „Sie ist zum Glück verschwunden. Ich glaube, es war eine absurde Imitation von Beethovens letzter Periode.“ Das Werk verrät jedoch eher die Bemühungen eines jungen Komponisten um traditionelle deutsche Modelle, weniger irgendwelche direkten Beethoven-Anleihen. Ungeachtet es keine spezifischen Spuren Beethovens gibt, sind die Ecksätze der fis-moll-Sonate dennoch von dramatischem Gewicht, indessen es unvorteilhafterweise nicht immer recht gelingen will, auf die übermäßige Verwendung ein- und desselben Materials zu verzichten. Doch es werden sich gewiss Anwälte für das posthum veröffentlichte Werk finden, und zwar aufgrund des ansteckenden Vivo und des Andante mit seinem eleganten Charme und seinen Anklängen an Sergej Rachmaninoff.

Rund vier Jahre vergingen, bevor Strawinsky wieder für Klavier schrieb, und was dann entstand – die Quatre Etudes von 1908 –, zeigt einen auffallend anderen Einfluss. Besonders in den beiden ersten Studien wird man Alexander Skrjabins Stimme bemerken, die sich wiederum Chopin verdankt: Die Verwendung komplexer rhythmischer Muster zwischen beiden Händen (2 oder 3 gegen 5 und 4 oder 5 gegen 6) und die vielfache Chromatik sind teuflisch schwer auszuführen. Eine poetische, eher an Rachmaninoff erinnernde Trägheit kennzeichnet die dritte Etüde, während aus dem harmonischen Schwung und der unaufhaltsamen Energie des letzten Stückes ein vorzügliches moto perpetuo entsteht, das echter Strawinsky ist. Die hartnäckigen Rhythmen dieser tour de force könnten den ersten Hinweis auf den perkussiven Stil liefern, der in den nächsten Jahren dominieren sollte, um sich in Petruschka und Le Sacre du Printemps, dem dritten Vorkriegs-Ballett, Gehör zu verschaffen.

In den Kriegsjahren komponierte Igor Strawinsky nur einige wenige Klavierminiaturen. Während er unter prekären Verhältnissen mit seiner jungen Familie im Schweizer Exil lebte, beschäftigte er sich vor allem mit größeren Projekten wie Renard und Les Noces (die er 1921 für ein „Orchester“ aus vier Klavieren und Schlagzeug uminstrumentierte) sowie mit der Geschichte vom Soldaten. Die knappe Piano-Rag-Music entstand 1919 kurz nach der Vollendung des letztgenannten Werkes und reflektiert das Interesse des Komponisten am Jazz, das sich auch schon in der Geschichte und in dem Ragtime für elf Spieler aus dem Vorjahr manifestiert hatte. Zugleich spiegelt die Demontage des Ragtime, die Bruchstücke dieses Klavierstils zerlegt und zu einem grotesken kubistischen Bild verdreht, die aktuellen Trends in der bildenden Kunst und im Schaffen Pablo Picassos. Das Stück ist Arthur Rubinstein gewidmet. Damit bedankte sich Strawinsky für die Hilfe, die ihm der Pianist während seiner schwierigen Umstände geleistet hatte; außerdem habe er, so heißt es, Rubinsteins „starke, agile, kluge Finger“ im Sinn gehabt, als er das Stück schrieb.

Nach dem Kriege wurde das Klavier für Strawinsky bedeutungsvoller. Jetzt spiegelte das Instrument die neue musikalische Richtung, in der es besonders um klassisch transparente Linienführungen und Texturen ging. Zugleich sieht man darin aber auch ein Zeichen für die unsichere finanzielle Lage des russischen Emigranten, der zunächst in der Schweiz und seit 1920 in Frankreich lebte: Als Interpret seiner eigenen Werke konnte der Komponist sich weitere Einnahmen verschaffen, und sowohl die Sonata von 1924 als auch die ein Jahr später geschriebene Serenade in A entstanden, um sie selbst aufzuführen. Beide Stücke wurden Bestandteile seiner neuen, zweiten Karriere als ausübender Musiker – wie übrigens auch das in derselben Zeit komponierte Konzert für Klavier und Bläser und das Capriccio für Klavier und Orchester aus dem Jahre 1929, für die sich Strawinsky die exklusiven Aufführungsrechte vorbehielt.

Die Sonate komponierte Igor Strawinsky in Biarritz und Nizza. Gewidmet ist das Stück der berühmten Kunstmäzenin Princesse de Polignac. Die Klarheit der drei Sätze erinnert an die Musik des 18. Jahrhunderts. So evoziert die Zweistimmigkeit des Kopfsatzes mit den wiederkehrenden Terzen der rechten und den Pseudo-Albertibässen der linken Hand die Welt eines Muzio Clementi und Joseph Haydn, während die elegische Lyrik und Ornamentierung des Adagietto an der Oberfläche nach Johann Sebastian Bach klingt, dessen Geist dann im Finale durch eine ebenso bewegte wie knifflige zweistimmige Invention beschworen wird.

Nachdem Strawinsky im Oktober 1924 die Sonate vollendet hatte, unternahm er zwei bahnbrechende Tourneen. Die erste Reise führte ihn nach zehn Jahren wieder nach Warschau, und Anfang 1925 ging es in die USA, wo er mit Brunswick seinen ersten Schallplattenvertrag abschloss. Für diese Firma schrieb er dann die Serenade, wobei er jeden Satz so berechnete, dass er genau auf eine Seite einer 78er-Schallplatte passte. Wie in der Sonate, so fangen auch hier die durchsichtigen Texturen mehr den Geist als den Buchstaben der Klassik ein. Die „feierliche Einleitung“ (die Francis Poulenc anscheinend für seine eigene Hymne, das zweite seiner kurz danach entstandenen Trois Pièces, „entliehen“ hat), betrachtete Strawinsky als eine „Art Hymne; dann folgt ein Solospiel als zeremonielle Huldigung des Künstlers an die Gäste; der dritte Satz in getragenem, rhythmisch betontem Zeitmaß, nimmt die Stelle des Tanzes ein, der traditionsgemäß in die Serenaden und Suite der Zeit eingeflochten wurde; ich schließe mit einer Art Epilog, gleichsam einer Unterschrift mit zahlreichen, sorgfältig kalligraphierten Schnörkeln. Ich habe diese Komposition mit besonderer Absicht Serenade in A genannt, nicht um die Tonart zu bezeichnen, sondern weil ich meine Musik nach einem klingenden Pol gravitieren lasse, und der ist in diesem Fall das A.“

In den späteren Jahren hat die Musik für Klavier allein keine so große Rolle mehr in Strawinskys Schaffen gespielt. Von dem Tango und der Zirkuspolka abgesehen, findet sich das Instrument nur noch in einigen Orchesterwerken. Kurze Zeit, nachdem der Komponist im September 1939 in die USA übersiedelt war, ließ er sich in Kalifornien nieder, wo er seinen unterhaltsamen Tango schrieb. Ursprünglich als Gesangsstück gedacht, vermittelt er in seinen schwankenden Rhythmen und seiner plastischen Stimmung etwas von der Nostalgie, die der Komponist in seiner Wahlheimat empfunden haben muss. Zwei Jahre später begann Strawinsky seine Zirkuspolka, die – so unglaublich es auch scheinen mag – im Auftrag von Barnum and Bailey’s entstand: Sein letztes Soloklavierwerk ist also ein Tanz für junge Elefanten in der unglaublichen Form eines „Balletts“.

David Truslove
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 


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