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8.570398 - BOTTESINI COLLECTION (The), Vol. 2
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Giovanni Bottesini (1821–1889)

 

„Er war eines der künstlerischen Genies in Verdis Jahrhundert und ein besonders einfallsreicher Virtuose: Er brachte es fertig, dem komplizierten Mechanismus seines Instrumentes etwas Spirituelles zu entlocken, und auf dem Höhepunkt seiner Karriere spielte er rasante Stücke von Paganini auf dem Kontrabass. Er wurde in einer Zeit geboren, als nicht Ingenieure die Welt beherrschten, sondern hohe Herren, die von einer geistigen Hierarchie erzogen und aufgeklärt wurden, und so ruhte die Gnade dieser großzügigen, romantischen Epoche auf ihm. Bis zum Ende genoss er diesen Ruhm.“ Mit diesen Worten beginnt das berühmte Kapitel, das Bruno Barilli in seinem Buch Il Paese del melodramma („Das Land der Oper“) Giovanni Bottesini gewidmet hat. Sein Ruf verbreitete sich auf der ganzen Welt, und sein Leben war bis kurz vor seinem Tod eine lange Reise gewesen. Wenn wir bedenken, wie zeitraubend es mit den damaligen Transportmitteln war, von einem Ort zum andern zu gelangen, so haben Bottesinis Auftritte in den entlegensten Theatern etwas Fantastisches: Er durchquerte Europa von Portugal bis nach Russland, fuhr nach Nord- und Südamerika, was beinahe einen Monat dauerte – und von den Erfolgen, die er errang, wird noch heute gesprochen.

Bottesini gelang es, seinem schwerfälligen Instrument unerwartete Dinge zu entlocken. „Unter seinem Bogen“, schrieb Depanis, „stöhnte, seufzte, gurrte, sang, zitterte, dröhnte der Kontrabass – ein Orchester von unwiderstehlicher Faszination und ungemein lieblicher Expression.“ Das letzte Wort sprach Barilli, als er bildhaft die Szenen beschrieb, die sich bei den Konzerten abspielten: „Unbeschreiblich! Das aristokratische Publikum war in Ekstase. Beifall und Zugabenforderungen gingen in jedem Takt explosionsartig durch die aufgelösten Reihen. Die vornehmen, fein gekleideten Damen in den aristokratischen Logen wurden ohne Vorwarnung in den Applaus hineingezogen und versuchten, wieder ihre Contenance zu finden, während ihre Fächer ihr Lachen verbargen. Von seinem großen hölzernen Klangkörper gestützt, lehnte Bottesini wie ein heldenhafter Eroberer über seinem Instrument.“

Seinen Spitznamen „Paganini des Kontrabasses“ erhielt der Virtuose am 12. Dezember 1843 in Parma nach einem bahnbrechenden Konzert vor der Herzogin Maria Luigia. Viele Anekdoten übertrieben seinen Erfolg, und anscheinend hat Bottesini die Anregung zu Jacques Offenbachs Operette Oyayaie ou La reine des îles geliefert. Bottesini war ein „großzügiger, intelligenter Geist in einem hochaufgeschossenen Körper, verblüffend fahrig“ und zu gutmütig. Er verdiente unglaubliche Summen und starb doch ohne einen Pfennig, so dass der Stadtrat von Parma für sein Begräbnis aufkam. Sein Fehler war, dass er Rossinis Rat in den Wind geschlagen hatte: „Machen Sie sich bekannt. Verdienen Sie so viele Rubel, wie nur möglich, und sparen Sie fürs Alter,“ hieß es am Ende des Briefes, in dem der berühmte Komponist dem jungen Bottesini mitteilte, dass er ihn an den St. Petersburger Hof empfohlen habe. Wie hatte er alles verlieren können? Die Antwort findet sich in einem Briefe Bottesinis. Darin grämt er sich über das, was er in Ägypten hatte zurücklassen müssen: seine Frauen, die Araber, die sich um sein Haus kümmerten, seine Haustiere. Bottesini hatte in seiner Kairoer Villa an den Ufern des Nils ein wahres Serail zusammengebracht. Das Glücksspiel gab ihm den Rest.

Und Giovanni Bottesini war nicht nur ein virtuoser Kontrabassist, sondern ein brillanter Allround-Musiker. Er war einer der ersten, wenn nicht der erste Italiener, der 1847 in der kubanischen Hauptstadt Havanna den Konzertsolisten und Dirigenten vereinigte. Auch in der letztgenannten Eigenschaft bereiste er die ganze Welt: Seine Präzision, seine Akkuratesse und die Genauigkeit, mit der er die jeweiligen kompositorischen Absichten befolgte, trugen ihm großen Respekt ein – wenngleich man ihm gelegentlich eine steife, formelle Interpretation zum Vorwurf machte. Er war einer der führenden italienischen Dirigenten, ein äußerst innovativer Künstler, der viele Symphonien dirigierte und mit vielen verschiedenen Instrumentalsolisten zusammenarbeitete.

Gleichermaßen neuartig war Bottesinis Einstellung zur Kammermusik. In Florenz gehörte er 1861 zu den Gründern der ersten italienischen Quartettvereinigung. Ein gleiches geschah am 2. September in Neapel, wo man dieser Art von Musik, die Verdi verhasst war, ebenfalls durch eine Quartettgesellschaft einen Tempel errichten wollte. Einige Jahre zuvor, im August 1856, hatten Bazzini, Arditi, Piatti und Bottesini bei einem legendären Konzert in London fünf der unveröffentlichten Quartette aufgeführt, die Gaëtano Donizetti als Neunzehnjähriger geschrieben hatte.

Neben seinen Auftritten fand Bottesini die Zeit, Streichquintette und -quartette zu schreiben. 1862 siegte er mit seinem Quartett in D-dur beim Basevi-Wettbewerb, wobei er mit der Aufführung des Werkes die zweite Saison der Florentiner Quartettgesellschaft einleitete. Seine anderen Kammermusiken, von denen es auch Orchesterfassungen gibt, sind meisterhaft in ihren schwungvollvirtuosen Feuerwerken. Über seine mehr als siebzig bekannten Salonstücke, seine Symphonien, seine Kirchenmusik (sein Requiem) und seine didaktischen Werke (Metodo per il Contrabbasso) könnte man viele Seiten schreiben, doch dazu fehlt hier der Platz.

Dabei sollte man auch Bottesinis Opern nicht übersehen. Obwohl sie zu ihrer Zeit, als die italienischen Theater von Verdi besessen waren, keinen großen Erfolg erzielen konnten, verdienen einige Stücke doch, als melodische Juwelen anerkannt zu werden. Von diesen Opern sollten vor allem Ero e Leandro und Alì Babà erwähnt werden. Der Heilige Tanz (Tanz der Farben) aus dem erstgenannten Werk geht der hitzigen Diskussion über das Verhältnis von Musik und Farbe um einige Jahre voraus. Alì Babà hingegen hat im 20. Jahrhundert bereits etliche hundert recht ungewöhnliche Aufführungen erlebt. 1914 gründete Podrecca in Rom das Teatro dei Piccoli. Er ging mit Opern auf Weltreise, bei denen die führenden Regisseure, Sänger und Akteure mitwirkten, die Bühnenbilder und Kostüme von den größten italienischen Künstlern stammten – indessen aber die „Piccoli“ [= Marionetten] die eigentlichen Aufführenden waren. Und Giovanni Bottesinis Alì Babà war der größte Erfolg dieser Marionetten.

Gaspare Nello Vetro

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Vorspiel zu Ero e Leandro
Concertino c-moll
Sinfonia zu Il diavolo della notte
Passioni amorose
Elegie in D
Ouvertüre zu Alì Babà
Duo Concertante über Themen aus Bellinis I Puritani

 

Das Vorspiel zu Ero e Leandro steht am Anfang der Oper, die als Bottesinis Meisterwerk gilt. Verdi räumte ein, dass sie wohl der Erfolg der Spielzeit 1879 gewesen sei, als sie am Teatro Regio in Turin uraufgeführt wurde. Bei dieser Premiere wurde der Komponist 23 Mal hervorgerufen, und das Vorspiel musste sogar wiederholt werden. Bei einigen der 28 nachfolgenden Vorstellungen unterhielt Bottesini das Publikum während der Pause mit seinem Kontrabass. Der Verfasser des Librettos war Arrigo Boito, der später für Ponchielli den Text zu La Gioconda schrieb und vor allem durch seinen eigenen Mefistofele und seine Zusammenarbeit mit Giuseppe Verdi berühmt wurde: Simon Boccanegra, Otello und Falstaff gingen aus dieser Kooperation hervor.

Das Concertino c-moll entstand vor dem weitaus grandioseren und größer besetzten Gran Concerto fis-moll. In der Originalfassung ist das Stück lediglich für Kontrabass und Streicher komponiert. Der Solist hat sein Instrument eine kleine Terz höher als im Orchester üblich zu stimmen. Hierbei handelt es sich womöglich um die unter den modernen Bassisten beliebteste Komposition für das Instrument. Wie bei den meisten seiner Werke, so stellt Bottesini auch hier seinen eigenen Soli eine sehr einfühlsame und interessante Begleitung zur Seite. Die Virtuosität dient während des gesamten Werkes musikalischen Zwecken, weshalb das Concertino auch von vielen Kennern für das schönste Kontrabasswerk des Komponisten erachtet wird. Die drei Sätze sind als Moderato, Andante und Allegro bezeichnet.

Den größten Teil seines 37. Lebensjahres verbrachte Bottesini in Mailand. Am 18. Dezember 1858 kam am dortigen Theater Santa Radagonda Il diavolo della notte zur Uraufführung. Dabei handelt es sich um eine klassische Komödie im Stile Rossinis, die von einer Sinfonia eingeleitet wird und an den Hof Ludwigs XIV. führt. Sie fand seinerzeit eine gute Aufnahme und wurde – wie auch Ero e Leandro und Alì Babà – von Giulio Ricordi veröffentlicht, dem sie auch gewidmet ist.

Passioni amorose für zwei Kontrabässe ist ein frühes Werk und gehört zu einer Reihe von Stücken für diese Besetzung, die Bottesini komponierte, um sie mit Carlo Arpesani, einem Freund aus Konservatoriumstagen, gemeinsam aufzuführen. Tatsächlich war es jener Arpesani gewesen, von dem Bottesini wusste, wo er den Testore- Bass finden konnte, der sein lebenslanger Begleiter wurde – nämlich in der Besenkammer eines Mailänder Marionettentheaters! In den drei hier vorliegenden Stücken (Allegro deciso, Andante und Allegro) ist zu spüren, dass der junge Virtuose nicht nur seinen technischen Horizont erweiterte, sondern sich auch als Komponist entwickelte.

Die Elegie in D ist eines von mehreren langsamen Stücken, in denen sich Bottesini eines lyrischen Stils befleißigte: Romanza hießen diese Stücke, Melodia oder Rêverie. Die Elegie ist für Kontrabass und Streichorchester geschrieben. Am Ende der Partitur wird darauf hingewiesen, dass man entweder an dieser Stelle (wie im vorliegenden Falle getan) aufhören oder aber, vermutlich infolge eines späteren Einfalls des Komponisten, eine kontrastierende Tarantella anschließen könne, die im Gegensatz zu diesem Stück ein volles Opernorchester verlangt.

1870 arbeitete Bottesini vor allem von Paris aus. Einen langen Erfolg feierte er damals mit seiner Oper Vinciguerra il bandito, die in Monte-Carlo vierzig Vorstellungen erlebte. Wegen des preußisch-französischen Krieges musste er jedoch nach London fliehen. Nach einer Solotournee durch die britischen Provinzstädte bat ihn der Impresario Tito Mattei um eine komische Oper, für die ihm nur sieben Wochen Zeit blieben. Als Alì Babà dann Anfang 1871 am Lyceum Theatre uraufgeführt wurde, errang sie einen viel größeren Erfolg als erwartet und kam ein Jahr lang fast jeden Abend auf die Bühne. Im Anschluss daran ging die Produktion nach Madrid. In den 1920er Jahren wurde das Werk wiederbelebt, für Podreccas berühmtes Marionettentheater, das Teatro dei Piccoli, adaptiert und 1924 von englischen Sängern am Londoner Garrick Theatre mit triumphalem Erfolg gespielt.

Die Fantasie für Violoncello und Kontrabass über Themen aus Bellinis I Puritani komponierte Bottesini, um sie in der Londoner und Pariser Saison des Jahres 1851 mit dem überragenden Virtuosen Carlo Alfredo Piatti, seinem berühmten Freund (und einstigen Kommilitonen am Mailänder Konservatorium), gemeinsam zur Aufführung zu bringen. Die technischen Ansprüche beider Stimmen sind beängstigend, weshalb das Werk auch selten gespielt wird. Bottesini hat zwar mehrere Stücke für diese Intrumentalkombination verfasst, doch sind alle bis auf diese Fantasie verschollen. Von dieser gibt es zwei Handschriften, die sich in einigen unwesentlichen Details voneinander unterscheiden. Bei dieser Aufnahme wird das Material der Sammlung Franco Petracchi verwendet.

Thomas Martin
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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