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8.570413 - BAX: Piano Works, Vol. 4 - Music for 2 Pianos
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Arnold Bax (1883–1953)
Klaviermusik, Folge 4 • Musik für zwei Klaviere

 

Als behüteter Sohn einer wohlhabenden Mittelklasse- Familie aus Hampstead hatte Arnold Bax alle erdenklichen Vorteile. Im Zentrum seiner musikalischen Entdeckungen stand das Klavier. Als er im Herbst 1900 – kurz vor seinem 17. Geburtstag – zur Aufnahmeprüfung für die Londoner Royal Academy of Music antrat, spielte er Beethovens Sonate op. 110, und Direktor Mackenzie akzeptierte ihn nach wenigen Takten. Bax muss schon als Teenager ein wirklich fähiger Pianist gewesen sein, und er machte rasch technische Fortschritte, wie die stürmischen Klavierpartien der Lieder zeigen, die er während seiner Studienzeit schrieb. Bax war einer von vielen talentierten jungen Pianisten- Komponisten, die damals die Academy besuchten. Altersgenossen waren unter anderen York Bowen, Benjamin Dale, Felix Swinstead, Paul Corder, Myra Hess, Irene Scharrer und etwas später Harriet Cohen, allesamt Klavierschüler von Tobias Matthay.

Bax' frühe Werke erwuchsen aus Klavierimprovisationen und dem Durchspielen der neuesten Orchesterpartituren. Er wurde bekannt für seine Fertigkeit, komplette Partituren vom Blatt zu lesen. Dabei waren das nicht notwendigerweise Solositzungen: Viele der Werke ging man an zwei Klavieren durch, und mit York Bowen begleitete Bax die Opernklasse. Die Harmonik und die farbigen Texturen, die er auf diese Weise aufnahm, müssen auf dem Klavier erschreckend modern geklungen haben. Er absorbierte, was immer er in der damals noch neuen Queen's Hall von London zu hören bekam. Besonders die jüngsten russischen Neuheiten, die Henry Wood favorisierte, waren für den Musikstudenten Bax ein wahres Festmahl. Als der neuseeländische Pianist Arthur Alexander zur Ausbildung an die Academy kam, schlossen die beiden enge Freundschaft: Bax und Alexander sollen dem Vernehmen nach sämtliche Glasunow-Symphonien zu zweit durchgenommen und dabei miteinander alle erdenklichen Pianisten- Späße auf dem Klavier getrieben haben.

Bax hat nie versucht, als Konzertpianist Karriere zu machen; da er private Einkünfte hatte, musste er sich nicht um Honorare sorgen. Tatsächlich störte es ihn nicht, dass man ihn nicht bezahlte, wenn er bei der Aufführung neuer Werke für etabliertere Künstler einsprang. So finden wir ihn im Februar 1909 bei einem Konzert mit Liedern von Claude Debussy, die er im Beisein des Komponisten begleitete. Im Januar 1914 wirkte er in derselben Eigenschaft für Schönberg, als der vorgesehene Pianist in letzter Minute „ausstieg“. Im Ersten Weltkrieg spielte Bax verschiedentlich mit seiner Freundin Harriet Cohen sein „irisches Tongedicht“ Moy Mell im Konzert. Die hinlänglich bekannte Liaison mit der Pianistin begann Ende 1914. Bax hat ihr viele seiner kurzen Klavierstücke gewidmet. Dessen ungeachtet wetteiferten Harriet – „Tania“ in ihrem Kreis – und Myra Hess darum, wer die Klaviermusik von Bax als erste aufführen konnte, und tatsächlich hatte Myra Hess zusammen mit Irene Sharrer im Dezember 1916 Moy Mell aus der Taufe gehoben. In den zwanziger Jahren präsentierte sich Bax von Zeit zu Zeit mit eigenen Werken; überdies machte er im Mai und Juni 1929 Aufnahmen von Delius' erster Violinsonate und seiner eigenen Bratschensonate. Bax war ein geborener Pianist, komponierte am Klavier und verriet in den beiden Einspielungen deutlich das Feuer seines romantischen Spiels.

Seine Festival Overture komponierte er im Oktober 1909, ein halbes Jahr vor seiner Russland-Reise. Im März 1911 orchestrierte er das Stück während seiner Flitterwochen in Irland. Die Uraufführung fand genau ein Jahr später bei einem Balfour Gardiner-Konzert unter Gardiners Leitung, dem das Werk auch gewidmet ist, in der Queen's Hall statt. Im November 1918 nahm Bax eine Revision vor; der hier vorliegenden Duo-Fassung liegt jedoch die Originalversion zugrunde, die er vermutlich für Gardiners Proben arrangiert hatte.

In den siebziger Jahren gab mir der Pianist Vivian Langrish einige Informationen für meine Biographie über Arnold Bax. Ich hatte ihn einmal rein zufällig in der U-Bahn getroffen, und er zeigte mir diese Version der Ouvertüre für zwei Klaviere, die er gerade in seiner Notentasche bei sich trug. Er hatte zwei Kopien des Manuskriptes, von denen er mir eine in die Hand drückte: „Die nehmen sie lieber,“ meinte er, „das ist ganz sicher, ich habe die andere Kopie.“ Kurz danach starb Langrish, und seine Kopie der Festival Overture wurde nie gefunden. Meine Abschrift kam zum Einsatz, als das Stück im August 1983 in der BBC uraufgeführt wurde. Die Aufnahme wurde dann im Dezember zum 100. Geburtstag des Komponisten gesendet.

In stürmischer Laune beschwört Bax hier den Geist des Festes, der, wie er meint, „ein wenig dem Karneval auf dem Festland ähnelt. Es gibt in diesem Stück keinerlei ‚Realismus‘; der Komponist beschränkt sich darauf, eine unkonventionelle Lustbarkeit mit den Mitteln ganz und gar absoluter Musik anzudeuten.“ Im Mittelteil stellt Bax ein drittes Thema vor, das er in seinem Uraufführungskommentar als „ernsthafter und getragener“ bezeichnete und das er am Ende „in noch breiterem und triumphalerem Gewand“ wieder aufgreift. Der Kritiker Edward J. Dent bemerkte recht herablassend: „Bax ist ein cleverer Kerl; doch was hat ein echter Cockney mit dem Zwielicht der Kelten zu tun? … Diese Ouvertüre à la Bohème wirkte wie Menschen aus Hampstead in einem Gasthaus von Soho.“ Dem Verfasser des vorliegenden Einführungstextes erscheint das Stück, wenn man es seiner Orchesterfarben entkleidet, wie eine der energischsten Kreationen von Percy Grainger.

Die meisten seiner Werke für zwei Klaviere schrieb Bax in den späten zwanziger Jahren für das Pianisten-Ehepaar Ethel Bartlett und Rae Robertson. Eines dieser Stücke ist The Poisoned Fountain. Das Duo Bartlett-Robertson brachte es im Juni 1928 zur Uraufführung. Arnold Bax, der in seiner Musik so oft die See beschworen hat, verstand sich auf die musikalische Darstellung des Wassers, wie er in Winter Waters (Naxos 8.557592), Nereid (Naxos 8.557439) und einer Fülle anderer Seestücke unter Beweis gestellt hatte. Am Anfang des „vergifteten Brunnens“ weist Bax die Spieler an, völlig unabhängig voneinander zu agieren, und ein sehr leiser, endloser Strom figurativer Wiederholungen deutet fließendes Wasser an. Das zweite Klavier bringt ein dramatisches, in einer Klimax bedrohlich gesteigertes Motiv. Es geschieht etwas, doch Bax gibt uns keinen Hinweis auf eine programmatische Grundlage der Musik. Überzeugend ist die Annahme von Graham Parlett, der in dem Brunnen den geheimen Quell von Segais vermutet, der in der irischen Mythologie als Ursprung des Wissens gilt.

Dem evokativen Moy Mell (The Happy Plain) gab Bax den Untertitel „ein irisches Tongedicht“. Man findet auch „die angenehme Ebene“, während als Titel des Werkes auch das irische „Magh Mell“ dient. In einem autobiographischen Rundfunkgespräch fasste Bax die programmatischen Quellen dieses Stückes zusammen: „Yeats hat mich durch seine Poesie und Prosa in die Hierarchie der irischen Feenwelt eingeführt … nach der Vorstellung der alten Gälen gab es drei irdische Paradiese … den Heiligen Hügel … Hy-Brazil oder das Land der ewigen Jugend … sowie Moy Mell – die glückliche Ebene. Ich habe über alle drei heidnischen Orte der Seligkeit Tongedichte geschrieben.“ Das Stück beginnt mit einer jener keltischen Melodielinien, die für Bax ebenso typisch sind wie die impressionistischen Begleittexturen, die bald in orchestraler Sparsamkeit zu hören sind. Die Musik steigert sich zu einem evokativen Höhepunkt und verklingt dann in einem langen Sonnenuntergang.

Die Sonate für zwei Klaviere ist das größte Stück, das Bax für das Duo Bartlett-Robertson geschrieben hat. Sie entstand zwischen den Winter Legends für Klavier und Orchester und der 3. Symphonie (Naxos 8.553608) und wurde am 10. Dezember 1929 in London uraufgeführt. Das Stück wurde als einer der britischen Beiträge für das IGNM-Fest ausgewählt, das 1930 in Lüttich stattfand. Ein französischer Kritiker bemerkte den „sehr vorsichtigen Modernismus“ des Werkes. Als Bax' Pianisten das Stück mit nach Amerika brachten, reagierte das dortige Publikum jedoch warmherzig.

An den Anfang des ersten Satzes schrieb Bax: „In a languorous sunstained mood“. Man hat sich nun gefragt, ob das zweite Attribut womöglich ein Druckfehler sei und eigentlich „sustained“ (= getragen) heißen müsse. Doch offenbar hat Bax genau das gemeint, was er drucken ließ: „In einer träumerisch-müden, sonnengefärbten (sun-stained) Stimmung“. Als ihn Rae Robertson drängte, vor der USA-Tournee ein wenig programmatischen Hintergrund zu liefern, meinte Bax, dass der Kopfsatz das „Kommen des Frühlings“ und „das Meer mit seinen vielen verschiedenen Stimmungen“ widerspiegele. Der langsame Satz ähnelt formal einigen Tondichtungen für Orchester und beschwört eine alte keltische Welt – auffallend ähnlich dem Orchesterstück The Garden ofFand (Naxos 8.557599). „Aus einem fernen Feen-Himmel über der See,“ sagte Robertson, „hört man einen schwachen Klang unirdischer Musik, kaum zu unterscheiden von dem Murmeln des Meeres, das sie begleitet … die See wird turbulenter … bis sie am Ende als große Welle ausbricht; dann erscheint die Feen-Melodie wieder, die langsam in der Stille verklingt.“ Das Finale ist ein wilder Tanz, an dessen Schluss sich der Anfang des ersten Satzes in einer triumphalen Klimax zurückmeldet: Der Frühling ist tatsächlich in all seiner Glorie gekommen.

The Devil That Tempted St Anthony gehört wiederum zu den Werken, die Bax Ende der zwanziger Jahre für die Robertsons arrangiert hat. Die Uraufführung dieser Version fand im Juni 1928 statt. Das Original für ein Klavier ist nicht erhalten, doch können wir anhand damaliger Kataloge erschließen, dass es unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg geschrieben wurde. Binnen weniger Jahre erschienen etliche Werke über das Thema, wovon besonders die Symphonie Mathis der Maler zu nennen ist, in der Paul Hindemith mit musikalischen Mitteln Matthias Grünewalds Altar im elsässischen Kolmar beschwört. Ferner schrieb Cecil Gray, ein Freund von Bax, eine Oper über The Temptation of St Anthony nach Flaubert. Graham Parlett erinnert uns daran, dass das Thema „der heilige Antonius war, ein Abt, den die Versuchungen des Teufels nicht von seinem Pfad der Rechtschaffenheit abbringen konnten.“

Es muss des weiteren daran erinnert werden, dass Bax von Landschaften besessen war. Mehrere Orchesterstücke der späteren Jahre haben ihren Ursprung in Titeln, die während der Jahre vor dem Ersten Weltkrieg im Particell skizziert worden sind. Dazu gehören die Tondichtungen Nympholept (Naxos 8.555343), November Woods (Naxos 8.557599) und The Garden of Fand für Orchester – dann aber auch Red Autumn, die Bax schließlich für zwei Klaviere arrangierte, weil ihn Bartlett-Robertson nachdrücklich um ein weiteres Werk baten. Er hätte dieses Stücke allerdings auch für Orchester schreiben können. Graham Parletts neue, idiomatische Instrumentierung hat verdeutlicht, dass es sich dem Wesen nach um eine weitere Naturbeschwörung im Stile der November Woods handelt. Die roten Blätter hat der Komponist in den Chilterns gesehen, möglicherweise bei Amersham.

Hardanger entstand im Mai 1927 und ist eine kurze Zugabe. Bartlett-Robertson stellten es im Februar 1929 der Öffentlichkeit vor. Bax schrieb „mit Dank an Grieg“ auf die Partitur, und in einem Brief nennt er es sein Stück von Grieg. Darin ahmt er den folkloristischen Stil nach, den er in der Klaviermusik des norwegischen Kollegen fand. Der Titel verweist auf das Gebiet um Bergen, wo Grieg gelebt hat, und die wilde Hochebene der Hardanger-Vidda.

Lewis Foreman © 2007
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 


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