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8.570414 - FINZI: Young Man's Exhortation (A) / Till Earth Outwears / Oh Fair to See (English Song, Vol. 16)
English  German 

Gerald Finzi
A Young Man's Exhortation op. 14
Till Earth Outwears op. 19a • Oh Fair to See op. 13b

 

Gerald Finzi studierte bei Ernest Farrar, Edward Bairstow und Reginald Owen Morris. Aufmerksamkeit erregte er zunächst mit Werken wie der Orchesterminiatur A Severn Rhapsody (1923) und dem Liederzyklus By Footpath and Stile (1921/22) nach Gedichten von Thomas Hardy. Das Ansehen des Komponisten wuchs in den dreißiger Jahren durch die Aufführung zweier weiterer Lied-Kollektionen nach Hardy: A Young Man's Exhortation (1926-29) und Earth and Air and Rain (1928-32). Vollends befestigte sich sein Ruf 1940 mit der Uraufführung der Kantate Dies Natalis (1925-39). Während des Zweiten Weltkrieges arbeitete Finzi im Ministerium für Kriegstransport, und er gründete ein feines, vornehmlich aus Liebhabern bestehendes Orchester, die Newbury String Players. Im Krieg erschienen zwei seiner beliebtesten Werke: die in den zwanziger Jahren begonnenen, 1941/43 abgeschlossenen Fünf Bagatellen für Klarinette und die Shakespeare-Vertonungen Let us garlands bring (1938-40). Nach dem Kriege entstanden der Festhymnus Lo, the Full, Final Sacrifice (1946), die zeremoniöse Ode For St Cecilia (1947) sowie eine weitere Sammlung mit Hardy-Liedern Before and After Summer (1932-49), das Klarinettenkonzert (1948-49) und die Intimations of Immortality für Chor und Orchester (Ende 1936 bis 1938 sowie 1949/50). Finzis letzte Lebensjahre waren von einer unheilbaren Krankheit überschattet; dennoch vollendete er noch die Weihnachtsszene In Terra Pax (1951-54) und das Cellokonzert (1951-55).

Den Mittelpunkt in Finzis Schaffen bilden die Liedkompositionen, die einen bedeutenden Beitrag zur englischen Musik des 20. Jahrhunderts auf diesem Gebiet darstellen – insbesondere durch die Vertonungen seines Lieblingsdichters Thomas Hardy, den er häufiger als jeden anderen herangezogen hat. Sein persönliches Exemplar von Hardys Gesammelten Gedichten war ihm ein kostbarer Besitz: „Wenn ich von allem abgeschnitten wäre, dann wäre dies das einzige Buch, für das ich mich entscheiden würde,“ schrieb er einem Freund. Er fühlte eine Seelenverwandtschaft mit Hardys frostigem Fatalismus, seinem Empfinden der Vergänglichkeit und mit der Wut über das Leid, mit der die Menschheit die Menschheit peinigt. Finzis Worte: „Ich liebe ihn schon immer und fühlte weniger seinen Einfluss als vielmehr die Ähnlichkeit mit ihm,“ sprechen eine deutliche Sprache.

Ungewöhnlich für Finzis Arbeitsweise ist, dass A Young Man's Exhortation (1926-9) gleich von vornherein als Zyklus entworfen wurde. Dieser gliedert sich in zwei Teile, denen der Komponist jeweils ein Zitat aus Psalm 90 vorangestellt hat. Der erste Teil: Mane floreat, et transeat („Am Morgen blüht und wächst es“) handelt von Jugend und Liebe, indessen der zweite aus dem Blickwinkel des Alters auf das Leben zurückschaut: Vespere decidat, induret, et arescat („Am Abend vergeht es und welkt“). Frank Drew wurde bei der öffentlichen Premiere des Werkes am 5. Dezember 1933 von Augustus Lowe begleitet.

Finzi muss sich sehr mit dem emotionalen Gehalt des Titelliedes A Young Man's Exhortation („Ermahnung eines jungen Mannes“) identifiziert haben. Hardy hatte das Gedicht als Mittzwanziger geschrieben, während er in London um Anerkennung als Dichter rang, und Finzi war etwa genauso alt, als er kompositorisch Fuß zu fassen versuchte. In der letzten Strophe entlockt die „flüchtige Kostbarkeit der Träume“ Gerald Finzi eine melodische Phrase von zärtlicher Sehnsucht. Ditty ist ein zufriedenes Liebesliedchen, das sich in diatonischer Gewissheit sonnt. Diese wird nur durch die Dissonanz bei dem Wort „smart“ erschüttert: Der dem Dichter unerträgliche Gedanke, es hätte ein Zufall die Begegnung mit seiner Liebsten verhindern können, wird so auf treffende musikalische Weise symbolisiert. Budmouth Dears („Die Schönen von Budmouth“) hat Finzi als einen „stürmischen Marsch“ beschrieben. Die prahlerische Begleitung liefert das glänzende Portrait der hübschen Husaren, die die jungen Schönheiten der Stadt in Augenschein nehmen. In Her Temple („Ihr Tempel“) will der Dichter seiner Liebe ein dauerhaftes Denkmal setzen. Finzi entspricht dieser Absicht in einem dicht gefügten Lied, das sich um drei Motive der Klaviereinleitung dreht. Bei The Comet at Yell'ham handelte es sich um Enckes Komet, den Hardy 1858 sehen konnte. Dieser Anblick inspirierte ein Gedicht, das die Kürze des Menschenlebens den Äonen gegenüberstellt, die das Universum existiert. Finzis Reflexion besteht darin, dass er den unermesslichen nächtlichen Himmel durch mysteriös-ätherische Klänge im hohen Klavierregister beschwört, ohne Puls und einfache Harmonik. Für kurze Zeit wird die Musik gewissermaßen irdisch, wenn der Dichter über sein eigenes kurzes Leben nachdenkt; dann erhebt sie sich wieder zu den Sternen. Nicht minder evokativ sind die Shortening Days („Die kürzer werdenden Tage“): Die musikalischen Tupfen am Anfang passen zu den Herbsttagen der Kindheit, an die sich Hardy erinnert. In der zweiten Strophe vermählt Finzi die poetische Beschreibung von der Ankunft des Apfelwein- Erzeugers ganz perfekt mit einer schwerfälligen Prozession. Im Zentrum von The Sigh („Der Seufzer“) steht die Frage, ob die Frau, die der Dichter liebt, für einen andern als ihn Gefühle hegt? In der Klaviereinleitung bezeichnet Finzi das „Seufzen“ der Frau mit einem adäquaten musikalischen Bild, das in variierter Form am Ende jeder Strophe wiederkehrt („aber sie seufzte“) – analog der drängenden Frage, die den Mann über die Jahre hin nicht loslässt. In Former Beauties („Einstige Schönheiten“) sind aus den Mädchen der Budmouth Dears die „Marktfrauen mittleren Alters“ geworden, deren Jugenderinnerungen auf schmerzliche Weise in einem sanft wiegenden Tanz erklingen. Die beiden letzten Lieder handeln vom Tode selbst. Transformations spricht von Hardys Philosophie, wonach die, die verwest sind, in den Pflanzen wieder lebendig werden, die auf ihren Gräbern wachsen. Finzi reflektiert diesen Gedanken in einem Lied voll blühender Energie, in das er eine Anspielung auf Her Temple einflicht. In The Dance continued („Bedaure nicht mich “) meldet sich der Tote aus seinem Grabe. Die Musik ruft die heiteren Erinnerungen an ein Leben zurück, das in vollen Zügen genossen wurde, sie spricht aber auch ohne Bedauern von der Resignation, die das Alter mit sich bringt, wenn die Jugend vergeht.

Finzi komponierte langsam, so dass die Lieder, aus denen seine Sets (wie er gern sagte) bestanden, sich erst im Laufe vieler Jahre formten und nur allmählich die passende Reihenfolge fanden. Infolgedessen hinterließ er bei seinem Tod rund zwei Dutzend Lieder, die Howard Ferguson zusammen mit Finzis Witwe Joy und dem ältesten Sohn Christopher in vier Sets aufteilte. Dabei enthält die Sammlung Till Earth Outwears alle übrig gebliebenen Hardy-Vertonungen für hohe Stimme. Ferguson begleitete Wilfred Brown am 21. Februar 1958 bei der Uraufführung.

Die Kollektion beginnt mit dem warmherzig-entspannten Let me enjoy the Earth („Lass mich die Erde genießen“), das in den frühen dreißiger Jahren entstand und später transponiert wurde. Das 1936 entstandene In years defaced („Verunstaltet in Jahren“) erzeugt eine mächtige emotionale Wirkung, die zum Teil auf die Allgegenwart des winzigen Motivs zurückgeht, das bei den ersten Worten erklingt. Auf dem Höhepunkt „Till earth outwears“ („Bis die Erde vergeht“) scheint die begeisterte Melodielinie stehen zu bleiben – wie in dem innigen emotionalen Moment, den die Liebenden des Gedichts vor so langer Zeit erlebten. The Market-Girl (1927, revidiert 1940) hätte eventuell in A Young Man's Exhortation einfließen sollen. Das Lied durcheilt eine Fülle von Emotionen, bis im fröhlichen Schluss die Liebe triumphiert. In I look into my Glass („Ich schaue in mein Glas“) aus dem Jahre 1936 beklagt der Dichter, dass sein Herz nicht auch so zusammengeschrumpft ist wie sein alternder Körper. Die pochenden Synkopen der Klaviereinleitung sprechen von Enttäuschung und Bedauern. It never looks like summer here („Hier sieht es nie nach Sommer aus“) entstand am 23. Februar 1956: Am selben Morgen hatte Finzi das Gedicht wieder einmal gelesen und beschlossen, es auf der Stelle zu vertonen. Die Musik fängt die lakonische Ironie ein, mit der hier Vergangenheit und Gegenwart einander gegenübergestellt sind. At a Lunar Eclipse („Bei einer Mondfinsternis“, 1929) ist von Gustav Holsts Egdon Heath beeinflusst und sollte ursprünglich in A Young Man's Exhortation aufgenommen werden. Mühelos wird die erste Gedichtzeile beschworen, während sich die Musik in imitativen Einsätzen aus dem Halbdunkel des tiefen Klavierregisters erhebt, um zunehmend den Bogen der Gesangsmelodie zu formen. Diese scheint in Übereinstimmung mit Hardys Bilderwelt Zeit und Raum zu transzendieren. Unter der vokalen Linie bewegt sich der kontinuierliche Schritt der Begleitung, der zwangsläufig zum Höhepunkt des Liedes und seiner ironischen Vision von der Menschheit führt. Nach diesem Lied, das zu Finzis besten Schöpfungen auf dem Gebiet gehört, endet der Set mit dem Juwel Life laughs onwards („Das Leben lacht weiter“), das Finzi am 18. März 1955 komponierte, während er an seinem Cellokonzert arbeitete. Damals wusste er bereits, dass seine Tage gezählt waren, und die Musik ist von einer Schärfe durchtränkt, die seine eigene Lage nur zu gut widerspiegeln will.

Auch die Lieder, aus denen Oh Fair to See besteht, wurden posthum publiziert. Darin sind Finzis unveröffentlichte Lieder für hohe Stimme nach Texten verschiedener Dichter zusammengefasst. Die Kollektion wurde am 8. November 1965 von David Johnston und Courtney Kenny uraufgeführt. Die ersten fünf und die letzten zwei Titel stammen aus den letzten Lebensjahren des Komponisten. I say „I'll seek her side “ („Ich sage, ich will an ihre Seite“, 1929) ist eine weitere Hardy-Vertonung, die womöglich für A Young Man's Exhortation gedacht war. Das Lied beginnt dramatisch und trotzig, endet aber als einsame Klage. Oh fair to see („Wie schön zu sehen“, 1929 ) entstand auf einen Text von Christina Rossetti und wiegt sich wie ein Volkslied. Als Zwanzigjähriger schrieb Finzi As I lay in the early sun („Wie ich in der Morgensonne liege“) zu Worten von Edward Shanks. Das Stück verrät wenig von dem reifen Komponisten; vielmehr hört man darin den Charme Edwardischer Salonmusik und den Einfluss von Finzis Lehrer Ernest Farrar. Only the wanderer („Nur der Wanderer“, 1925) ist das einzige Stück, in dem Finzi Worte des Komponisten und Dichters Ivor Gurney vertonte, der sich auf den französischen Schlachtfeldern seiner geliebten „Severn Meadows“ erinnert. Demgemäß zitiert Finzi anfangs die ersten Phrasen seiner Severn Rhapsody für Orchester, die im Vorjahr entstanden war. To Joy (1931) und Harvest (1956) enthalten Texte von Edmund Blunden, mit dem Finzi bei der Ode For St Cecilia zusammengearbeitet hatte. Beide Stücke waren für einen Set mit Liedern nach Blunden gedacht. Der erste Titel ist eine zutiefst bewegende Reaktion auf die Elegie, die der Dichter zum Tode seines Kindes geschrieben hat. Harvest („Ernte“), das umfangreichste Lied der Sammlung Oh Fair to See, liefert ein schönes Beispiel für den großen Einfallsreichtum, mit dem Finzi Texte vertonte. Worte von Robert Bridges benutzte Gerald Finzi in der Weihnachtsszene In terra pax und dann wieder in seinem letzten Lied Since we loved („Da wir uns liebten“), das er einen Monat vor seinem Tode verfasste. Im Rückblick scheint es ein musikalischer Epitaph und eine Würdigung seiner Ehe mit der Künstlerin Joyce (Joy) Black zu sein. Mit Joy an seiner Seite hatte er „joys“ (Freuden) im Übermaß, war all seine Arbeit tatsächlich „wohl gediehen.“

Andrew Burn
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 

Die gesungenen Texte sind online unter www.naxos.com/libretti/570414.htm

 


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