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8.570429 - CLARKE, N.: Samurai / Black Fire / The Miraculous Violin
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Nigel Clarke (geb. 1960)
Pernambuco • The Miraculous Violin • Loulan • Samurai • Premonitions • Black Fire

 

Nigel Clarke begann seine musikalische Laufbahn als Trompeter in einer Militärkapelle. Es ist faszinierend, dass er viele seiner mutigsten Werke für Streichinstrumente komponiert hat. Seine Schreibweise für Streicher ist äußerst idiomatisch: Ähnlich wie andere Musiker, die kein Streichinstrument spielen – Sir Michael Tippett etwa oder Hans Werner Henze –, so scheint auch Clarke oftmals seinen persönlichsten Ausdruck bei jenen Instrumenten zu finden, die am weitesten von seinen Erfahrungen als ausübender Musiker entfernt sind.

Seit zwei Jahrzehnten arbeitet Nigel Clarke mit dem britischen Geiger Peter Sheppard Skærved zusammen. Die beiden Künstler haben gemeinsame Workshops für Interpreten und Komponisten in China, Mazedonien, im Kosovo, in Kroatien, der Türkei und in den USA veranstaltet. Diese Arbeit hat sich als ein wichtiger Antrieb für die Techniken und Ideen der hier vorliegenden Kompositionen erwiesen.

The Miraculous Violin („Die wunderbare Violine“) entstand im Auftrag des British Council und der Solisti di Zagreb, denen das Werk auch gewidmet ist. Als Vorbereitung zu diesem Werk verbrachten Clarke und Sheppard Skærved einige Zeit mit dem virtuosen Kammerensemble. Man wird den Komponisten bei Workshops dieser Art immer wieder nach solchen musikalischen Gesten suchen sehen, bei denen sich die Spieler auf ihren Instrumenten wohlfühlen. Das kann in unterschiedlicher Weise geschehen – entweder in Form eines graduellen Erkundungsprozesses, bei dem eine Farbe nach der anderen untersucht wird, oder aber bei der Betrachtung der improvisierten Figuren und Läufe, die die meisten Spieler zur Entspannung, zum Aufwärmen oder zum Amusement verwenden. Dieses genaue Zuhören ermöglicht ihm dann die Konstruktion von Klangfarbmustern, aus denen sich kleine Tapisserien verschiedener Effekte erstellen, lassen die häufig das Rohmaterial, den Stoff abgeben, aus dem das Stück entstehen wird. Bei einer Gelegenheit platzte Krešimir, einer der Zagreber Bratscher, mit einer spektakulären, in fantastischen Farben gespielten Tanzmelodie los. Nigel Clarke, der inmitten der Musiker saß, sprang von seinem Stuhl auf: „Das ist großartig, das nehmen wir! Was ist das?“ Es folgte ein johlendes Gelächter, und der Bratscher wurde von seinen Kollegen auf den Arm genommen. Andelko Krpan, der Konzertmeister, wandte sich an Sheppard Skærved. Sie sagen: „Bitte verwenden Sie das nicht. Das ist eine serbische Melodie!“. „Dann nehme ich es auf jeden Fall,“ erwiderte Clarke. Dieser Augenblick lieferte die Anregung für die melodischen Gegenstimmen der Bratsche, die in den schnelleren Binnenteilen des Werkes zu hören sind. Infolge dieser engen Zusammenarbeit reflektiert The Miraculous Violin die energiegeladene Körperlichkeit der Solisti di Zagreb. Der Erfolg, den das Stück bei seinen Widmungsträgern und anderen Ensembles erringen konnte, ist ein Beweis für die Richtigkeit dessen, was die Anthropologin Genevieve Bell als „tiefes Eintauchen“ bezeichnet hat.

Auch Loulan war das Ergebnis eines solch „tiefen Eintauchens“. Im Herbst 2002 verbrachten Nigel Clarke und Peter Sheppard Skærved einige Zeit in Urumqi, der Hauptstadt der chinesischen Provinz Xinjiang. Die außergewöhnliche Landschaft, die Einsamkeit und der große kulturelle Schmelztiegel berührten den Komponisten zutiefst. Am letzten Abend ihres Aufenthalts wurden Clarke und Sheppard Skærved mit einem ungewöhnlichen Bankett geehrt, bei dem viele traditionelle Musikstücke und Tänze der Gegend aufgeführt wurden.

Beide Künstler machten ausgiebige Notizen von den Darbietungen, und diese wurden zum Rohmaterial des Stückes Loulan, bei dem es sich – ebensowenig wie bei Pernambuco – um eine synthetische Variante der Musik handelt, die Clarke zu hören bekam, sondern um ein außerordentliches Destillat des gesamten Erlebnisses, das sich in neuen Farben und Timbres der Geige sowie in einer großen strukturellen und sprachlichen Einfachheit manifestierte.

Dieser informatorische Ansatz bildet auch die Grundlage von Pernambuco, dem ältesten Violinstück auf dieser CD. Clarke nahm sich vor, ein Werk über den Bogen zu schreiben, ein Instrument, das trotz seiner außergewöhnlichen Technologie und technischen Feinheiten kaum ins öffentliche Bewusstsein gedrungen ist. „Pernambuco“, auch bekannt als „brasilianisches Holz“, war von großer Bedeutung für die Konstruktion des modernen Bogens, den der französische Instrumentenbauer François Tourte in den 1780er Jahren entwickelte. Clarke ließ sich von der aufregenden Rhythmik und den brillanten Farben der südamerikanischen Volksinstrumente sowie von Aspekten der präkolumbianischen Kunst inspirieren und schuf ein Violinstück, das sich von allen andern unterscheidet und sich trotz seiner extremen physischen Anforderungen sowohl bei den Musikern wie auch beim Publikum größter Beliebtheit erfreut.

Während des Aufenthaltes in Xinjiang nahm The Miraculous Violin ihre endgültige Form an. Als Clarke mit dem Orchester von Urumqi arbeitete, stellte er fest, dass dem Stück eine Kadenz fehlte. Diese bestand anfangs aus einer Improvisation, wurde dann aber durch eine auskomponierte Kadenz von Sheppard Skærved ersetzt, die auf verschiedene frühere Stücke von Clarke anspielt – besonders auf Parnassus, ein Stück für Streicherensemble, mit dem seinerzeit die Zusammenarbeit der beiden Studenten begann. Diese Kadenz steht, wie bei Mendelssohn, in der Mitte des Stückes.

Als Nigel Clarke mit Sheppard Skærved gemeinsam in Ankara arbeitete, hatte er erstmals die Möglichkeit, mit einer türkischen Militärkapelle zu kooperieren. Diese Erfahrung und die lange Zusammenarbeit mit türkischen Komponisten wie Sıdıka Özdil und Yiğit Kolat waren wesentliche Elemente, die zur Entwicklung der tumulthaft schnellen Musik von Black Fire führten. Da Nigel Clarke selbst seine musikalische Karriere als Militärmusiker begonnen hatte, interessierte ihn natürlich besonders die Beziehung zwischen der westeuropäischen Militärmusiktradition und der Musik des einstigen Osmanischen Reiches, die in der Militärmusik der Türkei und der Balkanstaaten noch immer ihren Widerhall findet.

1995 erhielt Nigel Clarke den Auftrag zu Samurai für Timothy Reynish und das symphonische Blasorchester des Royal Northern College of Music im nordenglischen Manchester. Im Hinblick auf die Tatsache, dass das Stück im japanischen Hamamatsu uraufgeführt werden sollte, berücksichtigte er bei der Komposition verschiedene Aspekte der Samurai-Kultur und -kriegskunst. Insbesondere evoziert er zwei japanische Instrumente: die große Fasstrommel Taiko, die der Kommunikation auf dem Schlachtfeld diente, sowie die Muscheltrompete Horagai. Der Komponist betont, dass er auch von der schöpferischen Kultur der Samurai beeindruckt war, auf die er in den langsamen, rituellen Abschnitten des Stückes Bezug nimmt. Clarke hat hier versucht, eine Musik zu schreiben, die zu einem Film von Akira Kurosawa passte.

Einige Jahre vor der Komposition von Black Fire äußerte Nigel Clarke immer wieder seine Absicht, ein großes Stück für Violine und symphonisches Blasorchester zu schreiben. Nachdem Samurai ein zentrales Repertoirewerk für Blasorchester geworden war, fasste er den Entschluss, die Herausforderung anzunehmen, die Kurt Weill mit seinem klassischen Konzert für Violine und Bläser gestellt hat, und die beiden üblicherweise voneinander getrennten Welten miteinander zu verbinden. Der Titel ist durch Gustave Dorés Stiche zu Miltons Paradise Lost angeregt. Miltons mehrdeutige Parabel erschien ihm als perfekte Metapher für das „Zeitalter der Angst“, in dem das Stück komponiert ist. Um diese Stimmung zu betonen, wird ein Zitat aus Richard Wagners Götterdämmerung verwendet. Clarke betont, dass es sich bei diesem Werk um kein Konzert handelt, sondern um ein Drama für Orchester und Solisten in der Tradition von Berlioz – wobei hier dem Solisten die Rolle Satans zugewiesen ist. In Paradise Lost spricht Milton von den Teufeln, die aus dem Himmel vertrieben wurden und nun vertrockneten Blättern gleich im Tal des Arno liegen. Clarke verdreht die Zeit in seinem Stück, das damit endet, dass Satan in bösem Heroismus zu seiner selbstmörderischen Mission abhebt, um Gottes jüngste Schöpfung, die Erde, zu vernichten. Sein stiller Aufbruch wird dabei nur ein wenig durch das Rascheln der niedergeschlagenen Dämonen gestört. Black Fire wurde in Tuscaloosa, Alabama, unter der Leitung des inzwischen verstorbenen Gerald Loren Welker uraufgeführt.

Einige Zeit nach der Premiere stellte Clarke fest, dass er, ohne es zu wissen, schon ein Vorspiel zu diesem Stück geschrieben hatte – in Gestalt seines frühen Trompetenwerkes Premonitions. Dieses wurde zu einer passenden, an Ives erinnernden Frage und geht als Auftakt dem Klang und der Wut von Black Fire voran.

Es ist nicht nötig, etwas von diesen Dingen zu wissen, um sich an Clarkes direkter, leidenschaftlicher Musik erfreuen zu können; er aber hält es nicht für nötig, seine Anregungen zu verbergen und spricht immer freimütig von den „Auslösern“, die ihn faszinieren und inspirieren.

Stella Wilson
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 


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