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8.570446 - Guitar Recital: Nirse Gonzalez
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Nirse González: Gitarren-Recital

Antonio José (1902-1936): Sonata
Manuel Ponce (1882-1948)
: Thème Varié et Finale
Johann Sebastian Bach (1685-1750): Sonate Nr. 2 BWV 1003
Joaquín Clerch (geb. 1965): En Volos • Estudio de acordes • Estudio de ligados
Francisco Tárrega (1852-1909): Adelita • Mazurca en Sol

 

Die vorliegende Aufnahme präsentiert eine bunte Anthologie aus dem Schaffen einiger hervorragender Gitarrenkomponisten sowie die Transkription eines Werkes von Johann Sebastian Bach. Die Gitarre verfügt über ein außerordentlich vielseitiges Repertoire: Sie ist in spanischen und lateinamerikanischen Kompositionen ebenso daheim wie in der Musik des Barock oder der anspruchsvollen Avantgarde. In den Händen eines Könners scheinen die Klänge dieses Instruments unendlich adaptionsfähig zu sein – ob nun ausgewachsene Sonaten, Suiten, Variationswerke, expressive Miniaturen oder brillante Konzertetüden vorgetragen werden. In einem einzigen Soloprogramm lässt sich ein ganzes Spektrum von Stimmungen und Emotionen darstellen, vom Nachdenklichen zum Extrovertierten, vom Eindringlichen bis zum Spektakulären. Die Palette der Gitarre umfasst eine Fülle von Möglichkeiten: romantische Melodien sowie komplexe kontrapunktische Effekte oder tänzerische Rhythmen; doch stets bleibt sie ein intimes, menschlichpersönliches Ausdrucksmittel. Überdies ist sie außerordentlich international, weshalb sich Interpreten und Komponisten aus allen fünf Kontinenten veranlasst fühlen, die lange historische Tradition der mit Bünden versehenen Instrumente erweiternd zu konsolidieren.

Von Antonio José meinte Maurice Ravel, er würde „der größte spanische Musiker unseres Jahrhunderts“ werden. Nachdem er jedoch während des spanischen Bürgerkrieges im Jahre 1936 nahe seiner Heimatstadt Burgos verhaftet und exekutiert worden war, geriet seine Musik in eine Vergessenheit, aus der sie sich erst allmählich wieder befreit. Die Stadt Burgos hat eine Monographie über sein Leben und Werk veröffentlicht. Die bewegende, virtuose Gitarrensonate hat Antonio José am 23. August 1933 vollendet (im November 1934 brachte Regino Sáinz de la Maza einen Satz daraus in Burgos zur Uraufführung). Das Werk wurde Ende der 1980er Jahre wiederentdeckt und erweist sich heute als besonders beliebtes Konzertstück; überdies haben Aufnahmen von Orchesterwerken wie der Sinfonía castellana (Naxos 8.557634) neues Interesse an seinem Schaffen geweckt. Die Sonate gewährt einen weiteren Einblick in die musikalische Renaissance, die sich im frühen 20. Jahrhundert in Spanien ereignete – das technisch anspruchsvolle, emotional außerordentlich tiefe und scharfsinnige Werk stellt eine eigene Facette des Repertoires dar und verhalf Antonio José zu seiner Position neben den bekannteren Zeitgenossen.

Manuel Ponce war der Gründungsvater der modernen mexikanischen Musik. Sein Schüler Carlos Chávez (1899-1978) sagte, es sei Ponce gewesen, „der ein wirkliches Bewusstsein für den Reichtum der mexikanischen Volkskunst schuf.“ 1923 begegneten sich Andrés Segovia und Manuel Ponce in Mexiko, und im weiteren Verlauf seines Lebens schrieb der Komponist viele Stücke für Gitarre, darunter ein Konzert, Werke für Gitarre und Cembalo, Sonaten, Präludien, Suiten und Variationen, die fast alle Segovia gewidmet sind. Thème Varié et Finale wurde im August 1926 von Segovia in Evian-les-Bains uraufgeführt. Nach dem ungewöhnlichen Anfangsthema mit seinen nachdenklichen Modulationen entfaltet sich in den Variationen eine Reihe von Texturen, wozu Akkord-Repetitionen, ein Dialog zwischen Bass und Diskant, eine Studie in Terzen, ein Agitato in Triolen, explosive Tonleiterpassagen sowie ein gefühlvolles molto più lento mit einer einprägsamen Melodie und inspirierten Harmoniefortschreitungen gehören. Das Finale (Vivo scherzando), ein Tanz im 3/8-Takt mit der dynamischen Kraft einer Tarantella, entwickelt sich aus filigranen Sechzehntelläufen zu akkordischen Glissandi; dabei wird die Bewegung immer kraftvoller, während die Musik einen Mittelteil mit melodischen Fragmenten, chromatischen Akkorden und vertrackten Triolen ansteuert. Nach der Wiederholung des ersten Final-Themas setzt eine lebhafte Coda den triumphalen Schlusspunkt.

Der meisterhafte und äußerst einflussreiche Francisco Tárrega begründete im 19. Jahrhundert die Tradition, Johann Sebastian Bach auf der Gitarre zu spielen. Andrés Segovia und spätere Künstlergenerationen setzten diese Gewohnheit fort, und heute ist Bachs Genie ein fester Bestandteil der gitarristischen Welt, in der man Transkriptionen von Violin-, Cello- und Clavier-Werken spielt. In der Sonate Nr. 2 a-moll BWV 1003 dient das Grave mit seinen subtilen Verzierungen und seiner deutlich ausgeführten Basslinie als Präludium, dessen letzter Takt uns harmonisch direkt in die Fuge führt. Diese ist mit 288 Takten ein majestätisches Werk (man vergleiche damit beispielsweise die 103 Takte, aus denen der Mittelsatz des Präludium, Fuge und Allegro BWV 998 besteht, oder die 94 Takte der Fuge, die zu der Violinsonate BWV 1000 gehört) und verlangt seitens des Solisten ein hohes Maß an interpretativem Stehvermögen. Es gibt zwar eindeutig Phasen, in denen sich Spieler und Hörer von der gewaltigen polyphonen Schreibweise erholen können, wie der Bachforscher Werner Breig meinte, doch werden die strengen Fugenabschnitte dadurch nicht in den Hintergrund gedrängt. Im Gegenteil, so Breig, hat der Komponist offenbar zu beweisen versucht, dass eine Fuge für Violine solo nicht notwendigerweise hinter einer solchen für Ensemble zurückstehen muss. Die kontrapunktischen Ansprüche des Satzes sind für einen Gitarristen ähnlich hoch wie für einen Geiger, wenngleich man vielleicht sagen könnte, dass sechs Saiten, die von drei Fingern und Daumen gezupft werden, sich leichter für eine Mehrstimmigkeit eignen als der Geigenbogen, der sich auf nur vier Saiten bewegt. Dem geschäftigen Marathon des Fugensatzes folgt ein sanftes Andante in C-dur, dessen nachdrückliche Harmonien eine scharf konturierte Melodielinie stützen. Das funkelnde Finale mit der Bezeichnung Allegro ist – wie das Andante – zweiteilig und zeichnet sich durch ein rasches Tempo und größere spieltechnische Anforderungen aus.

Joaquín Clerch wurde 1965 in Havanna geboren. In frühen Jahren studierte er unter anderem bei Leo Brouwer und Costas Cotsiolis. Später unterrichtete ihn Eliot Fisk in Salzburg, wo er mit höchster Auszeichnung graduierte. Clerch ist heute Professor für Gitarre an der Düsseldorfer Robert Schumann-Hochschule. Er hat verschiedene Aufnahmen gemacht, darunter eine Einspielung von Leo Brouwers Concierto de Habana. Das erste der hier vorliegenden Solostücke, En Volos (Nirse González und Michalis Kontaxtis gewidmet), ist eine Hommage an die malerische griechische Stadt Volos, wo eine berühmte Sommerschule für Gitarre stattfindet. Estudio de Acordes und Estudio de Ligados bieten Hilfe bei gitarristischen Problemen – bei zart fortschreitendem Akkordspiel sowie der klaren Artikulation von Bindungen (ligados). Letztere sind ein Charakteristikum sämtlicher Saiteninstrumente (wodurch melodische Linien eine interpretierende Färbung erhalten) und stellt für die Gitarristen eine besondere Schwierigkeit dar, die Kraft und Kontrolle und viel Übung verlangt.

Francisco Tárrega, der einflussreichste spanische Meister des 19. Jahrhunderts, entwickelte revolutionäre Prinzipien der Gitarrentechnik, während seine eigenen Kompositionen die reichen tonalen Qualitäten der von Antonio de Torres gebauten Gitarren ausnutzten. Tárrega war außerordentlich von dem stilvollen cantabile in Chopins Klaviermusik beeinflusst. Seine miniaturistischen Meisterwerke werden heute überall gespielt, wo Gitarristen zusammenkommen. Durch die höheren Lagen am Hals der Gitarre und durch Klangeffekte, die der Komponist durch genau vorgeschriebene Fingersätze erzeugte, entstand ein neues Bild von dem Instrument. Adelita ist eine Mazurka mit spanischem Akzent – das liebevolle Portrait eines Mädchen, das zweifellos ebenso hübsch wie sensibel war. Die Mazurka in G zeigt bewundernswert Tárregas musikalische Charakteristika, darunter den Gebrauch subtiler Ornamentierung, erfindungsreicher Themen, chromatischer Harmonik und verschiedenartigster Tonfarben. Im Mittelteil verlagert sich der Schwerpunkt von der reichen, von Diskantakkorden begleiteten Basslinie auf legato- Phrasierungen der Diskantsaiten.

Graham Wade
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 


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