About this Recording
8.570451 - PARSONS, R.: First Great Service / Responds for the Dead
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Robert Parsons (ca. 1530–1572)
First Great Service • Responds for the Dead

 

Über das Leben von Robert Parsons ist wenig bekannt. Von seiner Musik ist viel erhalten, wenn auch oft in unvollkommenen Ausgaben. Er wurde 1563 zum „Gentleman of the Chapel Royal“ berufen; diese Position behielt er bis zu seinem Tod 1572, als ihm William Byrd nachfolgte. Parsons’ musikalisches Werk ist vielfältig. Obwohl die Mehrzahl Chorwerke sind, hat er wahrscheinlich auch sehr viel Instrumentalmusik für die Chapel Royal – eine Institution am Hof der englischen Könige, bestehend aus Geistlichen und Musikern, besonders Sängern-geschrieben. Der Tod von Robert Parsons erregte allgemeine Aufmerksamkeit: An einem kalten und nassen Januartag fiel er in den mächtig angeschwollenen Fluss Trent und ertrank. Die Aufregung und die Spekulationen um dieses tragische Geschehen waren so groß, dass viel von seiner Musik in der Chapel Royal nicht mehr aufgeführt wurde – die Musiker wollten zur Tagesordnung übergehen und vergessen. Diese unglücklichen Umstände mögen zu der geringen Präsenz von Parsons’Musik seither beigetragen haben. Das Ausbleiben von Aufführungen nach seinem Tod führte im Laufe der Zeit dazu, dass dieser englische Meister der Polyphonie weitgehend unbeachtet blieb oder sogar vergessen wurde. Mit Hilfe einer kompletten Folge neuer Editionen möchte die vorliegende Aufnahme eine Art Gedächtnisgottesdienst für Parsons sein, um ihm einen Platz unter den anerkannten englischen Renaissance-Komponisten zu sichern.

Im Jahr 1549 bestieg Eduard VI. den englischen Thron, und mit ihm begann die Reformation der englischen Kirche. Thomas Cranmers neues Book of Common Prayer trat an die Stelle des alten Sarum Rite – Variante des römischen Ritus, in Gebrauch vor der englischen Reformation –, und alle lateinischen Texte wurden ins Englische übersetzt. Parsons First ‚Great‘ Service ist eine der ersten vollständigen Vertonungen der „revolutionären“ Texte von 1549, zusammen mit Werken von John Sheppard (1515–1558) und Thomas Tallis (ca. 1505–1585). Der First ‚Great‘ Service bildet den Kern, um den herum das Thema dieser Aufnahme als Gedächtnisgottesdienst für Robert Parsons gebildet ist, und enthält Gesänge des Morgengottesdienstes (Venite, Te Deum, Benedictus), des Abendliedes/Evensong (Magnificat, Nunc Dimittis) und eine Vertonung des Credo aus der Messe. Der First ‚Great‘ Service war nicht nur wegen der englischen Texte innovativ, er ist auch eine der ersten Gottesdienst-Vertonungen, deren einzelne Sätze musikalisch miteinander verbunden sind. Sheppard hatte in seinem Second Service mit der Idee experimentiert, die mehrteilige Struktur zu vereinheitlichen – es ist mehr als wahrscheinlich, dass dieses Werk Parsons inspiriert hat. Der First ‚Great‘ Service ist für zwei antiphonische Chöre gesetzt, und die Polyphonie bewegt sich zwischen fünf bis acht Stimmen, wobei die Countertenöre stets separat bleiben. Das Werk hätte der Chapel Royal genau das gegeben, was sie benötigte, indem es die Pracht und die polyphone Erhabenheit der katholischen Tradition weiterführt und zugleich die neue protestantische Liturgie verwendet. Parsons’Werk dürfte Inspiration und Modell für eine Anzahl berühmterer Gottesdienst-Vertonungen gewesen sein, darunter Mundys In Medio Chori, Byrds Great Service and Tomkins Third Service.

Das lateinische Magnificat eröffnet diese Aufnahme und ist das am größten angelegte Einzelwerk von Parsons. Mit ihm stellt er sich in eine Tradition, die bis ins 15. Jahrhundert zurückreicht, in dem viele große Vertonungen im Eton Choir Book zu finden sind. Überwiegend für sechsstimmigen Chor gesetzt, wechselt das Magnificat stilistisch zwischen gregorianischem Choral und polyphonen Strophen. Es werden höchstens sechs Stimmen verwendet, dabei ist jede polyphone Strophe anders gesetzt, in einigen Fällen sogar radikal anders. Einige Strophen sind für Männerstimmen allein, andere für höhere Stimmen, wiederum andere für den ganzen Chor. Mit blühenden Sopranlinien und genialem kanonischen und polyphonen Satz repräsentiert das Magnificat Parsons’ höchste Kunst.

Zwischen die einzelnen Teile des First ‚Great‘ Service ist eine Anzahl von Stücken aus den Responds for the Dead (Responsorien/Antwortgesänge) eingestreut. Bei diesen handelt es sich um eine Sammlung von drei Stücken auf Texte aus dem Begräbnisgottesdienst. Es ist unbekannt, ob alle drei Stücke zur selben Zeit unter Maria I. (der Katholischen oder Blutigen, engl. Bloody Mary, regierte 1553–58) geschrieben wurden. Möglicherweise entstand ein Teil der Musik unter Elisabeth I. (regierte 1558–1603), die das Common Prayer Book wieder einführte, die Vertonung lateinischer Texte jedoch nicht gänzlich verbot. Peccantum me, quotidie erscheint als modernisierte Form von Text aus dem Sarum Rite. Der Cantus firmus mit einem marianischen Thema liegt in der höheren der zwei Altstimmen. Parsons deutet den Text genau aus, indem er die Musik ins tiefe Stimmenregister setzt und dunkle Intervalle anwendet, so dass ein einzigartiges Klanggewand entsteht. Credo quod redemptor ist in der ABB-Form geschrieben, die im England der Mitte des 16. Jahrhunderts verbreitet war; dabei wurde der zweite Teil eines Stückes wiederholt. Credo quod redemptor hat keinen Cantus firmus und auch keine melodischen Verzierungen, was fast sicher auf eine Entstehung unter Elisabeth I. schließen lässt. Die dritte und letzte von Parsons’ Begräbnismusiken ist Libera me, Domine. Diese Hymne hat wieder einen Cantus firmus, diesmal im Tenor, über den die Polyphonie eine erschreckend deutliche Beschreibung des Jüngsten Gerichts breitet.

Diese Aufnahme zur Erinnerung an Robert Parsons beschließt sein dem modernen Publikum bekanntestes Stück, das Ave Maria. Während dieser Text in den letzten Jahrhunderten häufig vertont wurde, waren es im 16. Jahrhundert nur Parsons und sein großer Zeitgenosse und Nachfolger in der Chapel Royal, William Byrd (wohl 1543–1623), die ihn verwendeten. Hier verwendet Parsons wiederum die ABB-Form und demonstriert sein polyphones Können. Parsons Ave Maria wäre geeignet gewesen, in der Chapel Royal als ‚Votiv-Antiphon’ am Ende der Komplet gesungen zu werden.

Barnaby Smith
Deutsche Fassung: Thomas Theise

 

Die gesungenen Texte sind online unter www.naxos.com/libretti/570451.htm

 


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