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8.570461 - IRELAND, J.: Piano Works, Vol. 3 (Lenehan) - Piano Sonata / Preludes / Green Ways
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John Ireland (1879-1962)
Klavierwerke • 3

 

Der englische Komponist John Ireland hat sich oft darüber beklagt, dass seinem Schaffen nicht genügend Aufmerksamkeit zuteil geworden sei. Dabei geriet seine Musik eigentlich erst nach seinem Tode ins Hintertreffen, während er zu Lebzeiten gewiss nicht zu kurz gekommen war. Geboren wurde er 1879 als Sohn des aus Edinburgh stammenden Geschäftsmannes Alexander Ireland, der den Manchester Examiner herausgab. Die Mutter war Alexanders zweite Frau und dreißig Jahre jünger als ihr Mann. Ireland besuchte zunächst das Gymnasium von Leeds, machte dann aber mit dreizehn Jahren, ohne dass es die Eltern wussten, die Aufnahmeprüfung am Royal College of Music, wo eine seiner Schwestern bereits studierte. Er wurde angenommen und wollte zunächst Konzertpianist werden. Außerdem nahm er Orgelunterricht bei Sir Walter Parratt, dem Organisten der St. George’s Chapel von Windsor. Drei Jahre später wurde er Kompositionsschüler von Stanford. Während sich John Ireland dann mit dem Geld, das ihm seine Eltern vermacht hatten, als Komponist zu etablieren versuchte, verdiente er sich in den nächsten Jahren ein Zubrot als Organist und Chorleiter (vor allem seit 1904 in der St. Luke’s Church von Chelsea). In dieser Zeit entstanden langjährige Freundschaften mit einigen seiner Schutzbefohlenen. Er ließ sich im Londoner Stadtteil Chelsea nieder, verbrachte aber auch immer einige Zeit in West-Sussex sowie auf den Kanalinseln. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde er selbst Lehrer am Royal College. Hier prägte er im Laufe der Zeit mehrere Schülergenerationen. 1927 versuchte er sich als Ehemann, doch seine rund dreißig Jahre jüngere Frau erwies sich als ungeeignete Partnerin – und so wurde die Ehe, wie fünfzig Jahre zuvor im Falle Tschaikowskys, schon bald annulliert.

1939 brach für Ireland und viele seiner Kollegen eine Welt zusammen. Er hatte zunächst Zuflucht auf Guernsey gesucht, musste aber kurzfristig von dort fliehen, als die französische Kapitulation unmittelbar bevorstand. Daher lebte er während der Kriegsjahre zumeist bei einem Geistlichen, den er als junger Chorleiter kennensgelernt hatte. Dann ging er wieder nach Chelsea, bis ihm London unmöglich wurde. Seine letzten Jahre verbrachte er in der umgebauten Windmühle von Rock Mill, West-Sussex. Von hier aus konnte er Chanctonbury Ring sehen, einen der wichtigen Orte seines Lebens. Hier starb John Ireland 1962.

Bedingt durch seine lange berufliche Beziehung zur Church of England komponierte Ireland gottesdienstliche Musik sowie Hymnen und Carols. Auch erweiterte er das englische Gesangsrepertoire um eine Reihe unschätzbarer Sololieder und Chorstücke. Erfolgreich war er beispielsweise mit These Things Shall Be und Greater Love Hath No Man für Chor und Orchester. Zu seinen Orchesterwerken gehören ein Klavierkonzert, ein Concertino pastorale für Streichorchester und die symphonische Rhapsodie Mai- Dun, die durch die Verteidigung des Maiden Castle gegen die römischen Eindringlinge im Jahre 43 n.Chr. angeregt wurde.

Mit einiger Mühe beendete er die Musik zu dem Film The Overlanders („Das große Treiben“), die eine seiner letzten großen Arbeiten darstellte. Das Kammermusikrepertoire bereicherte er um zwei Violinsonaten (die zweite entstand für Albert Sammons), eine Cellosonate, die Casals in sein Repertoire aufnehmen wollte, und schließlich eine Fantasy Sonata für den Klarinettisten Frederick Thurston. Für das Klavier, sein eigentliches Instrument, schrieb John Ireland eine Sonate sowie rund vierzig kurze lyrische Stücke. Ursprünglich war auch seine populärste Komposition, das von einem seiner Chorsänger inspirierte The Holy Boy, ein Klavierwerk, das allerdings verschiedene Transformationen erlebte. Das musikalische Denken Irelands war stark von Arthur Machens Romanen mit ihrer keltischen Mystik und den umherspukenden römischen Geistern beeinflusst. Außerdem schätzte er die Gedichte von A.E. Housman sowie die Romane und Gedichte von Thomas Hardy.

1937 fasste Ireland drei kurze Klavierstücke zu den Greenways zusammen. Das erste Stück war 1932 bereits als Indian Summer erschienen und hieß jetzt The Cherry Tree. Der Komponist stellte die folgenden Zeilen von A.E. Housman voran:

Fünfzigmal Frühling wird kaum langen,
um alles Blühende im Blick zu fangen;
so will ich in die Wälder gehn
und nach den beschneiten Kirschen sehn.

Das Stück ist als Moderato e con grazia bezeichnet und beginnt mit einem wiederholten Motiv, an das sich ben cantato das Hauptthema anschließt, das die Basis des Werkes bildet. Ireland hat es seinem Anwalt Herbert S. Brown gewidmet. Das zweite Stück namens Cypress, ein Andante mesto, ist mit zwei Zeilen von Shakespeare überschrieben:

Komm herbei, komm herbei, Tod!
Und versenk’ in Zypressen den Leib!

Das Stück steht im Fünfvierteltakt und beginnt mit einer Figur, die im Laufe der weiteren Entwicklung immer größere Bedeutung gewinnt. Das pastorale Schluss- Stück der Sammlung, The Palm and May, ist Harriet Cohen gewidmet und trägt eine kurze Überschrift von Thomas Nash: The Palm and May / make country houses gay („Die Palme und der Mai stimmen Landhäuser froh“).

Die weitaus anspruchsvollere Klaviersonate entstand zwischen 1918 und 1920. Ein Kompositionsschüler Irelands hielt in seinem Tagebuch fest, was sich sein Lehrer bei dem Werk wohl gedacht hat. Demnach sollte der erste Satz „das Leben“ sein und der zweite eine „größere Ekstase“ vorstellen, während der dritte von einem „rauhen Herbsttag am Chanctonbury Ring & old British Encampment“ inspiriert wurde (zit. nach F. Richards: The Music of John Ireland, Aldershot 2000). Das erste Thema des sonatenförmig angelegten Kopfsatzes steht in e-moll und ist gleich am Anfang zu hören. Ein zweites Element dient als Übergang zum zweiten Thema in B-dur. Die erste Themengruppe liefert das Hauptmaterial für die Durchführung, während das Nebenthema in der Reprise in E-dur wiederholt wird. Das thematische Rahmenwerk des zweiten Satzes besteht in der Phrase, die am Anfang erklingt und vor den reicheren Texturen des Mittelteils immer komplexer wird. Der Hinweis des Finales auf das römische Fort des Chanctonbury Ring in den Sussex South Downs, das Ireland seit 1920 kannte, erinnert daran, wie sehr sich der Komponist für vorchristliche Ritualstätten und Zivilisationen interessierte: Auch Mai- Dun und The Forgotten Rite stellten ganz konkrete Beziehung zu jener alten Zeit her. Das Finale der Sonate stellt Beziehungen zum Kopfsatzes des Werkes, aber auch zu anderen Stücken des Komponisten her.

Das pentatonische The Almond Trees („Die Mandelbäume“) stammt aus dem Jahre 1913. Wie so oft in seiner Klaviermusik, benutzt Ireland auch hier auf feinsinnige Weise das linke Pedal und die daraus resultierenden Klangunterschiede zwischen una corda und tre corde. Im vorliegenden Programm folgt darauf On a Birthday Morning („An einem Geburtstagsmorgen“), geschrieben pro amicitia zum Geburtstag Arthur George Millers, der Chorknabe in Chelsea gewesen war und in den folgenden Jahren eine Reihe von Geburtstagskompositionen erhielt. Dieser musikalische Glückwunsch verbreitet echte Festtagslaune: Er beginnt „fröhlich“ und geht „frisch und voller Freude“ weiter, bevor er mit einer rhythmischen Figur zu Ende geht, die im Verlauf des gesamten Stückes eine wichtige Rolle spielt. Soliloquy („Selbstgespräch“) aus demselben Jahr und ist ein gesangliches „Lied ohne Worte“, das auf ein Gedicht von John Masefield zurückgeht.

Seine vier Preludes komponierte Ireland in den Jahren 1913-1915. Am Anfang steht The Undertone, der sich im asymmetrischen Fünfvierteltakt aus einem Motiv entwickelt, das in den beiden ersten Takten erklingt und vor dem Schlussabschnitt einen dynamischen Höhepunkt erreicht. Obsession bietet sogleich eine ganz andere Stimmung, worauf mit The Holy Boy („Der Heilige Knabe“) das bis heute beliebteste Stück Irelands erklingt: Man kennt es sowohl im Original wie auch in verschiedenen Arrangements, darunter als Lied mit einem Text von Herbert Brown. Es ist anzunehmen, dass das Werk sich der Freundschaft des Komponisten mit einem seiner Chorsänger verdankte – was immer man später an weihnachtlichen oder literarischen Assoziationen hineingehört hat. In jedem Fall ist es Musik von gewinnender Unschuld und Einfachheit. Das letzte Stück der Gruppe, Fire of Spring („Feuer des Frühlings“) bringt einen rhapsodischen Kontrast und eine immer größere Intensität, bis die Musik endlich zur Ruhe kommt.

Das als erstes von Zwei Stücken veröffentlichte For Remembrance trägt das Datum „Juli 1921“. Dieses Andantino con moto bewegt sich im steten Wechsel von Dreier- und Zweiermetrum, erreicht eine gewisse Leidenschaftlichkeit und erinnert am Ende una corda an die vergangenen Ereignisse. Der Satz ist mit den Amberley Wild Brooks gekoppelt, in denen Ireland einen Monat vorher die schöne Landschaft der Grafschaft Sussex beschwor, in der er sich schließlich niederlassen sollte.

Spring will not wait trägt das Datum des 22. Februar 1927 und ist mit zwei Zeilen aus A Shropshire Lad überschrieben: Der Frühling harret des Faulenzers nicht, der sich nicht einstellen will. Das Stück ist ein Epilog zu dem Liederzyklus We’ll to the woods no more nach Housman [Naxos 8.570467]. Aus dem Datum der Widmung „an Arthur“ lässt sich erkennen, dass es sich um ein letztes Geburtstagsgeschenk für Arthur Miller handelt, der im Juni 1927 heiratete – sechs Monate, nachdem Ireland selbst eine kurze, unselige Ehe eingegangen war. Das Klavierstück ist ein Nachhall und Fazit der voraufgegangenen Lieder.

Equinox entstand im Herbst 1922 und bedient sich wiederum des metrischen Wechsels von Dreier und Zweier. Dabei entstehen rhythmische Konflikte zwischen den Sechzehntelquintolen der rechten und der Bewegung der linken Hand. Auch dieses Stück wirkt wie ein Echo der Landschaft von Sussex, in die sich starke persönliche Empfindungen mischen.

Die Ballade of London Nights ist unvollendet. Sie wurde durch die Wiederholung des Anfangs komplettiert und in dieser Form posthum veröffentlicht. Ungeachtet verschiedener Datierungsversuche gehört die Komposition zu jenen Werken, die von London inspiriert sind – hier einmal nicht von Chelsea, wo Ireland viele Jahre gelebt hatte, sondern vom Leben in Soho (ein Vorecho der Soho Forenoons), von wo es ihn wieder nach Hause zog.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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