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8.570466 - LISZT: Beethoven - Symphony No. 9 (arr. for 2 pianos) (Liszt Complete Piano Music, Vol. 28)
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Franz Liszt (1811–1886)
Transkription der neunten Symphonie von Ludwig van Beethoven für zwei Klaviere (S657/R376)

 

Nichtsdestoweniger trifft man hier und dort Künstler, die behaupten, die klassische Musik von Haydn, Mozart und Beethoven sehr zu schätzen – doch das hat eher etwas von den Damen der Gesellschaft, die sich in anderen Hauptstädten mit der Tiefe der deutschen Philosophie brüsten, deren näherer Kenntnis sie jedoch sorgfältig aus dem Wege gehen.
- Franz Liszt aus Rom an Prinz Friedrich Wilhelm Constantin von Hohenzollern-Hechingen, 26. Januar 1862

Mit missionarischem Eifer hat sich Franz Liszt für die Musik der älteren Generation engagiert – insbesondere für Ludwig van Beethoven, dessen Werke er immer wieder auf seine Programme setzte. In einem Brief aus dem Jahre 1865 verurteilt er vor allem die Haltung in Paris, wo man über die neunte Symphonie Dummheiten und erbärmliche Urteile in Umlauf brächte und Beethovens Werken offenbar ein großer Widerstand entgegengesetzt würde – selbst nach den Veränderungen des Jahres 1848.

Franz Liszt wurde 1811 im ungarischen Raiding geboren. Sein Vater Adam war Amtmann im Dienste der Fürstenfamilie Esterházy, deren Kapellmeister Joseph Haydn einst gewesen war. Schon früh wurde Franz vom ungarischen Adel gefördert, so dass er 1822 in Wien bei Carl Czerny Unterricht nehmen konnte. Damals kam es auch zu der berühmten Begegnung mit Beethoven, bei der dieser trotz seiner völligen Ertaubung dem Spiel des Knaben Beifall gezollt und ihm den sogenannten Weihekuss auf die Stirn gedrückt haben soll. Von Wien ging Liszt nach Paris. Luigi Cherubini verweigerte ihm, dem Ausländer, zwar die Zulassung zum Conservatoire; gleichwohl konnte der Jüngling das Publikum mit seinen Darbietungen beeindrucken. Unterstützt wurde er jetzt durch die Klavierbauer-Familie Erard, für deren Produkte er bei seinen Konzerttourneen Werbung machte. 1827 starb der Vater, worauf seine Mutter nach Paris kam. Franz Liszt unterrichtete, studierte und profitierte von den intellektuellen Kreisen, mit denen er in der Seine- Metropole Kontakte pflegte. Ein neues Interesse am virtuosen Klavierspiel entstand, als er den großen Geiger Nicolo Paganini hörte, dessen technische Fertigkeiten er nun nachzuahmen begann.

In den nächsten Jahren schuf Franz Liszt als Teil seines virtuosen Arbeitsmaterials zahlreiche Kompositionen – darunter auch Lieder und Opernfantasien. Seine Beziehung zu der verheirateten Comtesse Marie d’Agoult veranlasste ihn, Paris für einige Jahre den Rücken zu kehren. Er lebte zunächst in der Schweiz, kam dann nach Paris zurück, um endlich nach Italien, Wien und Ungarn zu reisen. 1844 endete die Beziehung zu seiner Geliebten und Mutter seiner drei Kinder. Seine Konzertkarriere dauerte noch bis 1847: In diesem Jahr begann sein Verhältnis zu der polnischen Fürstin Carolyne zu Sayn- Wittgenstein, die vor ihrem ungeliebten russischen Gemahl geflohen war und sich 1848 mit Liszt in der Goethe-Stadt Weimar niederließ. Hier beschäftigte sich Franz Liszt nun mit einer neuen Form der Orchestermusik, der Symphonischen Dichtung; außerdem widmete er sich, wie üblich, der Revision und Publikation früherer Werke.

1861 ging der inzwischen fünfzigjährige Franz Liszt nach Rom, wo Fürstin Carolyne bereits seit dem Vorjahr lebte. Nach erfolgter Scheidung und Annullierung schien der Weg zur Eheschließung offen, doch beide lebten fortan in getrennten Wohnungen. Liszt empfing schließlich die niederen Weihen und lebte abwechselnd in Weimar, wo er jüngere Künstlergenerationen unterrichtete, in Rom, wo er seinen geistlichen Interessen nachging, und in Pest, das ihn als Nationalhelden feierte. Er starb 1886 in Bayreuth, wo seine Tochter Cosima residierte und damit beschäftigt war, die Musik ihres drei Jahre früher verstorbenen Ehemannes Richard Wagner zu verbreiten.

Wie genau der Bericht auch sein mag, den Franz Liszt fünfzig Jahre nach seiner – durch das Beharrungsvermögen seines damaligen Lehrers Carl Czerny zustandegekommenen – Begegnung mit Beethoven lieferte: In jedem Fall zollte er dem großen Mann den höchsten Respekt, der sich in seinem Einsatz für die Beethoven-Denkmäler in Bonn und Wien sowie in Festspielen mit Beethovens Werken niederschlug. Zu den besonders wertvollen Besitzstücken, die Liszt 1860 in seinem Testament aufführte, gehörten die Totenmaske von Beethoven und dessen Broadwood-Flügel, den die Fürstin Carolyne und ihre Tochter, Fürstin Hohenlohe, nach Liszts Tod dem Budapester Nationalmuseum schenkten.

Den Sommer 1837 verbrachte Liszt in der Begleitung von Marie d’Agoult auf George Sands Landsitz in Nohant, wo er Beethovens fünfte und sechste Symphonie für Klavier arrangierte. Diese Transkriptionen erschienen 1840 zusammen mit einer Übertragung der siebten Symphonie im Druck, wurden dann allerdings später revidiert und von den Einrichtungen der sechs anderen Symphonien ergänzt – wobei sich Liszt nach einigem Zögern sogar zu einer Bearbeitung der Chorsymphonie entschlossen hatte. Die Version für ein Klavier verursachte ihm einige Probleme – insbesondere im Schluss- Satz, den er nur zögernd in Angriff nahm und erst 1865, nach Abschluss der anderen Übertragungen, anfügte. Schon 1851 hatte er eine Duo-Version der Neunten hergestellt, die die Anerkennung von Clara Schumann und Johannes Brahms fand, als die beiden das Werk am 22. Geburtstag von Brahms (1855) durchspielten.

Bei der Transkription für zwei Klaviere hat Liszt sorgfältig die originale Phrasierung beachtet. Gelegentlich gibt er auch die Originalinstrumente an, und insgesamt werden die offenkundigen Schwierigkeiten der Solofassung vermieden – teilweise durch zusätzliche Notenzeilen für den Schlusschor. Die Partitur der Duo- Version enthält in der Druckausgabe auch die Worte des Gedichts und bringt, wie die andern Beethoven- Bearbeitungen von Liszt, die Stimmführung und Struktur dieses großen Monuments der europäischen Musik deutlich hervor. In dem bescheidenen Vorwort, das er seinen später veröffentlichen Transkriptionen beigab, schrieb Franz Liszt, selbst die armseligste Lithographie bzw. die ungenaueste Übersetzung könnte eine vage Vorstellung vom Genie eines Michelangelo oder Shakespeare geben; zudem sei das Klavier mit seinem großen Umfang in der Lage, fast alle Charakteristika, Kombinationen und Figuren selbst der tiefgründigsten Kreation reproduzieren zu können, wobei lediglich die unterschiedlichen Tonfarben fehlten: Sein Ziel sei es gewesen, die Arbeit eine klugen Graveurs oder gewissenhaften Übersetzers zu leisten, der den Geist eines Werkes begriffe und auf diese Weise dazu beitrüge, das Wissen um die großen Meister weiter zu verbreiten.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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