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8.570468 - SCARLATTI, D.: Keyboard Sonatas (Complete), Vol. 11 (Wallisch)
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Domenico Scarlatti (1685–1757)
Sämtliche Sonaten Folge 11

 

Domenico Scarlatti wurde 1685 in Neapel als sechstes von zehn Kindern des Sizilianers Alessandro Scarlatti geboren, der bei der Entwicklung der frühen neapolitanischen Oper eine Hauptrolle spielte. Die großen musikalischen Aktivitäten der Familie Scarlatti kannte man nicht nur in Rom, sondern auch in Neapel, wo Alessandro seit 1684 das Amt des maestro di cappella beim spanischen Vizekönig bekleidete. Unter der Obhut des Vaters begann Domenico im Jahre 1701 seine eigene öffentliche Laufbahn als Organist und Komponist in der vizeköniglichen Kapelle. Ein Jahr darauf ließen sich Vater und Sohn beurlauben, um berufliche Möglichkeiten in Florenz zu erkunden. Danach sandte Alessandro seinen Sprössling nach Venedig, wo dieser die nächsten vier Jahre zubrachte. Im Jahre 1709 trat Domenico Scarlatti in den Dienst der polnischen Königin Maria Casimira, die in Rom im Exil lebte. Hier lernte Scarlatti den gleichaltrigen Georg Friedrich Händel kennen, gegen den er in einem Wettbewerb um den besten Tasteninstrumentalisten antrat. Das Resultat war, dass man Händel zum besseren Organisten, seinen italienischen Kollegen dafür aber zum besseren Cembalisten erklärte. Es wird vermutet, dass sich Scarlatti seit 1719 einige Zeit in Palermo aufgehalten hat, doch inzwischen bestanden bereits Verbindungen zur portugiesischen Gesandtschaft in Rom, und diese führten ihn schon bald nach Lissabon, wo er fortan den Kindern der Königlichen Familie Musikunterricht erteilte. Diese Aufgabe führte ihn 1728 dann nach Madrid, als seine Schülerin, die Infantin Maria Barbara, den spanischen Thronerben heiratete. Hier scheint Scarlatti den Rest seines Lebens verbracht zu haben, wobei seine erheblichste musikalische Leistung in der Komposition von mehreren hundert einsätzigen Sonaten oder essercizi bestand, die vor allem für die Infantin und spätere Königin von Spanien gedacht waren.

Diese Claviersonaten sind zum Teil in Handschriften des 18. Jahrhunderts überliefert. Einige dieser Manuskript- Bände, die heute in Venedig aufbewahrt werden, stammen unzweifelhaft aus dem Besitz der Königin Maria Barbara. Möglicherweise wurden sie testamentarisch dem großen italienischen Kastraten Farinelli vermacht, der am spanischen Hofe angestellt war. Mehrere Sammlungen wurden zu Lebzeiten des Komponisten veröffentlicht, darunter eine Sammlung von 30 Stücken, die 1738 in Venedig oder auch in London herauskam, sowie eine 42teilige Ausgabe, die über die bereits publizierten Werke hinaus zwölf weitere Sonaten enthielt und 1739 bei Thomas Roseingrave in London erschien. Später brachte dann zunächst Alessandro Longo neue Ausgaben heraus, die er nach seinem eigenen System numerierte (L). 1953 veröffentlichte der amerikanische Cembalist Ralph Kirkpatrick ein neues Verzeichnis (K).

Aus stilistischen Gründen nahm schließlich Giorgio Pestelli (P) eine weitere Veränderung an der Zählung der Sonaten vor, während Emilia Fadini in einer Gesamtausgabe für Ricordi eine weitere Neuanordnung vorschlägt, die teilweise auf den venezianischen Bänden beruht. Kirkpatricks Numerierung der Sonaten, die auf der chronologischen Reihenfolge der verfügbaren Quellen basiert, beginnt mit den dreißig Essercizi per gravicembalo, die Anfang 1739 von Adam Scola, einem „Musick Master“ in der Vine Street bei der Swallow Street, Piccadilly, zum Kauf angeboten wurden.

Die Publikation trägt eine italienische Widmung an den portugiesischen König. Überdies klärt der Komponist den Käufer im Vorwort darüber auf, dass es ihm nicht um ernsthafte Dinge, sondern ganz schlicht um „geistreiche künstlerische Scherze“ gegangen sei. Die Auflistung wird vornehmlich mit den venezianischen Bänden in chronologischer Reihenfolge ihrer Kompilation fortgesetzt.

[1] Die zweistimmige Sonate B-dur K. 472/L. 99/P. 475 ist als Andante bezeichnet und in ihrer polyphonen Struktur recht geradlinig. Sie findet sich im elften venezianischen Buch (1756).

[2] Die Sonate B-dur K. 473/L. 229/P. 355 mit der Bezeichnung Allegro molto und Alla breve bildet mit dem vorherigen Stück ein Paar. Beide Werke folgen in dem elften Buch aus Venedig direkt aufeinander.

[3] In der Sonate C-dur K. 384/L. 2/P. 487 mit der Bezeichnung Cantabbile [sic!] Andante setzt eine zweite Stimme als Imitation der ersten ein und trägt damit das Thema des Anfangs ins mittlere Register. Sie verwendet charakteristische Tonwiederholungen und wird von Kirkpatrick mit der Sonate K. 385 kombiniert, die ihr im achten venezianischen Buch aus dem Jahre 1754 folgt.

[4] Die Sonate a-moll K. 61/L. 136/P. 16 ist Teil der vierzehnten Kollektion aus Venedig. Dieses älteste der Bücher datiert von 1742 und enthält 61 Sonaten. Die hier vorliegende Sonate ist insofern eine gewisse Rarität, als es sich dabei um dreizehn Variationen über ein sechstaktiges Thema handelt.

[5] Die wichtigste Quelle der Sonate g-moll K. 347/L. 126/ P. 294 ist das siebte venezianische Buch von 1754. Das Stück ist ein Moderato è Cantabbile [sic!] im Alla breve- Takt und wird von Pausen unterbrochen, an die sich aufsteigende chromatische Tonleitern anschließen. Am Ende der Handschrift findet sich eine Hand, deren Zeigefinger auf die nächste Sonate hinweist: attacca subito lautet die Instruktion, wonach die…

[6]Sonate G-dur K. 348/L. 127/P. 462 folgen soll, die sich in demselben Band direkt anschließt und ein Prestissimo mit gelegentlich sich überkreuzenden Händen darstellt.

[7] Die Sonate d-moll K. 64/L. 58/P. 33 ist die Nr. 24 aus der vierzehnten venezianischen Kollektion mit 61 Sonaten. Die als Allegro bezeichnete Gavota dürfte ein recht frühes Werk sein und folgt genau der Form des entsprechenden barocken Tanzes.

[8] Die als Vivo vorzutragende, polyphone Sonate D-Dur K. 224/L. 268/P. 225 wird oft mit K. 223 gekoppelt, die ihr im dritten venezianischen Band von 1753 voraufgeht.

[9] Die Sonate f-moll K. 462/L. 438/P. 474 ist ein Andante und beginnt mit ungewöhnlichem Figurenwerk, das in charakteristischer Weise verdoppelte Terzen, Sexten und parallele Oktaven verwendet.

[10] Die Sonate h-moll K. 376/L. 34/P. 246 mit der Anweisung Allegro gehört in den achten Band aus Venedig (1754). Sie ist weitgehend zweistimmig, wobei die linke Hand im dritten Takt als Imitation der Rechten einsetzt.

[11] Die Sonate h-moll K. 377/L. 263/P. 245 soll Allegrissimo gespielt werden, folgt dem vorigen Stück in der Kollektion und bildet mit diesem ein Paar. Die Textur ist wiederum zweistimmig, und wie das voraufgegangene Stück gibt es auch hier beim Doppelstrich eine vorschriftsmäßige Modulation nach D-dur.

[12] Im sechsten venezianischen Buch aus dem Jahre 1753 findet sich die Sonate G-dur K. 314/L. 441/P. 505 mit der Bezeichnung Allegro, die möglicherweise zusammen mit der g-moll-Sonate K. 315 ein Paar bilden sollte. Die zweite der drei Stimmen setzt als Imitation der ersten ein; es gibt charakteristische Sequenzen und Phrasenwiederholungen, dazu aber auch eine ungewöhnliche Figuration im zweiten Teil der Sonate.

[13] Die Sonate D-dur K. 278/L. Supp. 15/P. 434 ist Con Velocità auszuführen. Sie steht im Sechsachtel-Takt und gehört zu den dreißig Sonaten, die in der fünften venezianischen Kollektion von 1753 überliefert sind. Man hat vermutet, dass ihr die Sonate K. 277 in derselben Tonart direkt voraufgehen soll. In beiden Abschnitten des Stückes gibt es eine Fermate, und nach dieser Unterbrechung folgt jeweils eine wiederholte Phrase, die absteigende Figuren benutzt.

[14] Die wichtigste Quelle der Sonate B-dur K. 545/ L. 500/P. 549 ist der fünfzehnte Band der insgesamt 463 Sonaten, die in Parma aufbewahrt werden. Kirkpatrick sieht in dem auf 1757 datierten Buch weitgehend denselben Kopisten wie in den venezianischen Sammlungen und entsprechend eine spanische Provenienz. Das Prestissimo ist mit der in derselben Tonart stehenden Sonate K. 544 gekoppelt worden: Eine zweite Stimme setzt in diesem recht brillanten Werk als Imitation der ersten ein und verwendet die Oktaven der linken Hand als Betonung der Basslinie.

[15] Die Sonate a-moll K. 148/L. 64/P. 291 mit der Bezeichnung Andante steht im Dreiachtel-Takt und wird von Kirkpatrick mit der nächsten Sonate gekoppelt. Sie ist die erste Sonate des ersten venezianischen Buches (1752) und auch in dem ersten Sonatenband aus Parma erhalten. Sie ist relativ einfach texturiert und technisch weniger anspruchsvoll als einige der offenbar später entstandenen Werke.

[16] Das zweite Stück des Werkpaares, die Sonate a-moll K. 149/L. 93/P. 241, steht in den ersten Bänden aus Venedig und Parma an zweiter Stelle. Kirkpatrick nimmt an, dass sie vielleicht für ein Fortepiano in der Instrumentensammlung des spanischen Königs gedacht war. In der Handschrift aus Parma endet die Sonate mit dem Wort Fin, woraus man schließen kann, dass sie tatsächlich mit dem vorigen Werk eine Einheit bilden soll.

[17] Die Sonate c-moll K. 58/L. 158/P. 39 steht an sechzehnter Stelle in dem vierzehnten und ältesten Band aus Venedig (1742). Dabei handelt es sich um eine Fuge, deren chromatisch absteigendes Thema im Alt erklingt und von einem Gegenthema gefolgt wird, worauf nacheinander Diskant, Tenor und Bass einsetzen. Die Fugentextur ist mit einiger Freiheit behandelt und verwendet verschiedentliche Augmentationen sowie endlich Orgelpunkte auf der Dominante und auf der Tonika.

[18] Die Sonate C-dur K. 406/L. 5/P. 509 steht als neunzehnte im neunten venezianischen Buch (1754) und im elften Band aus Parma. Es ist ein Allegro, das mit einem absteigenden Arpeggio beginnt. Man hat das Stück, in dem einige Male das tiefe G vorkommt, mit der im Manuskript anschließenden Sonate K. 407 gekoppelt. Jede der beiden Satzhälften endet mit der vorbereitenden Verzierung einer schnell aufsteigenden Skala.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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