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8.570474 - BACH, J.C.: Keyboard Concertos, Op. 13, Nos. 2, 4 / BACH, J.C.F.: Keyboard Concertos, B. C29, C30 (attrib. to J.C. Bach) (The Music Collection)
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Johann Christian Bach (1735–1782)
Johann Christoph Friedrich Bach (1732–1795)
Clavier-Konzerte

 

Johann Sebastian Bachs jüngster überlebender Sohn Johann Christian stellt die Verbindung zwischen den Welten des Barock und der Klassik dar. Nach der frühen Ausbildung durch seinen Vater und den gut zwanzig Jahre älteren Halbbruder Carl Philipp Emanuel ging er nach Italien, um bei Padre Martini zu lernen. In Italien konvertierte er zum Katholizismus und wurde Organist am Mailänder Dom. Damals komponierte er eine Vielzahl geistlicher Werke. 1762 reiste Johann Christian nach England, wo er sich sogleich der Opernkomposition zuwandte und rasch zu einer der führenden Gestalten im Londoner Musikleben wurde. Bald war er Komponist des Londoner King’s Theatre und Musikmeister der Königin. Zusammen mit seinem Kollegen Carl Friedrich Abel gründete und realisierte er die berühmten Bach-Abel- Konzerte.

1764 lernte er den jungen Wolfgang Amadeus Mozart kennen, der mit seiner Familie gerade nach England gekommen war. Bach wurde der Mentor und lebenslange Freund des damals achtjährigen Wunderkindes. Mozart hielt so große Stücke auf Johann Christians Klaviersonaten, dass er einige davon als Konzerte einrichtete. Außerdem hat er Bach verschiedentlich in Symphonien, Konzerten und der Zauberflöte zitiert.

In der General History of Music („Allgemeinen Musikgeschichte“) des Dr. Charles Burney lesen wir: „Orione, I sia Diana vendicata, die erste Oper, welche Herr Bach in England herausgebracht, wurde am Premierenabend des 19. Februaris 1763 durch die Gegenwart Ihrer Majestäten geehrt und darbey mit äußerstem Beyfalle bedacht. Alle Musikrichter empfand die Ausgießungen des Genies während der gesammten Darbietung; waren aber in der Hauptsache ergriffen vom Reichtum der Harmonien, den klugen Stimmgeflechten sowie insbesondere von der neuen, glücklichen Verwendung der blasenden Instrumente: Es war dies das erste Mal, wo Klarinetten in unser Opernorchester Zutritt gefunden. Ihre Majestäten ehrten selbigermaßen die zwote Aufführung mit Ihrer Gegenwart, und war für beinahe drei Monate keine andere ernsthaffte Oper gewünscht.“

Johann Christian Bachs Musik erfuhr in London große Verbreitung, und seine Position als „englischer“ oder „Londoner Bach“ festigte sich zunehmend und in solcher Weise, dass er unter allen Mitgliedern der Musikerfamilie Bach den größten zeitlichen Erfolg erringen konnte. Stark beeinflusst von den Studien in Italien und dem italienischen Stil, wurde er als Meister des Galanten bekannt. Diesen Begriff wandte man auf jenen Stil an, der sich vornehmlich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entwickelte und nach den Komplexitäten des späten Barock eine Rückkehr zur klassischen Einfachheit verlangte. Schlicht ausgedrückt, ging es um eine einfachere Musik mit weniger Zierrat, die größeres Gewicht auf die Melodik legte und dem Bass eine geringere Bedeutung zubilligte. Die Phrasenlänge wird regelmäßiger, und im harmonischen Vokabular werden vor allem Tonika und Dominante betont. Es war in vieler Hinsicht eine Reaktion auf den kunstvolleren und manierierteren Barock.

Johann Christian Bachs Fähigkeit im Umgang mit dem neuen Fortepiano wurde von der Öffentlichkeit noch günstiger aufgenommen. Indessen Muzio Clementi die Londoner noch mit dem alten Cembalo unterhielt, verzauberte Bach seine Zuhörer mit dem neuen Tasteninstrument. Seine Clavier-Konzerte aus den 1770er Jahren gehören zu den besten Exempeln seiner gesamten Claviermusik und haben alles zu bieten, was man seinerzeit bewunderte. Sie sind schnittig und elegant, voller Grazie und galant. Alle folgen der traditionellen Dreisätzigkeit (schnell-langsam-schnell) und zeigen, mit welcher Delikatesse Bach seinem Publikum im italienischen Stil den Hof machte, während er zugleich folkloristische Elemente seiner neuen Heimat aufgriff und verarbeitete. Was hätte einer Königin wohl besser gefallen können?

Das Konzert D-dur op. 13 Nr. 2 gehört in die sechsteilige Kollektion, die 1777 publiziert wurde. Der Titel lautete: „Eine dritte Sammlung mit sechs Conzerten vor das Clavizimbel oder PianoForte in Begleitung zweier Violinen und Bass, zwo Oboen und zwei Hörnern ad libitum. Mrs. Pelham unterthänigst dedizieret und verfasset von John Christian Bachen, Musikmeister Ihrer Majestät der Königin von Groß=Britannien.“ In sämtlichen seiner Fortepiano-Konzerte pflegte Bach den bezifferten Bass der Orchesterpassagen mitzuspielen, will sagen, dass er während der Aufführungen in ständiger Aktion begriffen war: Er begleitete das Orchester mit den Akkorden des Generalbasses und hatte dann seine eigenen Soli auszuführen.

Das Konzert B-dur op. 13 Nr. 4 war damals das Lieblingsstück der Kollektion und wurde noch zusätzlich ausgezeichnet, als Joseph Haydn es zehn Jahre nach Bachs Tod für Soloklavier arrangierte. Das Werk fand großen Anklang beim Publikum – nicht nur wegen seines galanten Charmes und der liedhaften Zartheit des langsamen Satzes, sondern auch wegen der Variationsfolge über das schottische Lied The Yellow haired Laddie, mit der das Konzert beschlossen wird.

Die beiden anderen Konzerte auf dieser CD wurden lange Zeit Johann Christian Bach zugeschrieben, galten als Kreationen aus den Jahren 1770/1771 und sollten demnach für die Konzertsammlung des Opus 7 entstanden sein. Sie sind jedoch von völlig anderem Charakter als der Inhalt des Opus 13, und während wir die Stücke probten, versuchten wir herauszufinden, wer wohl der Komponist sein könnte – denn keiner von uns hatte den Eindruck, dass sie nach Johann Christian klängen. In ihrer Brillanz und dem allenthalben vorherrschenden Schwung der Melodik fühlen sie sich eher wie Werke von Carl Philipp Emanuel oder die Sinfonien von Johann Christoph Friedrich Bach an. Sie sind sicherlich unterhaltend, dabei aber schnörkellos und vielleicht sogar ein wenig altmodisch. Dabei bemerkte ich dann, wie zukunftsweisend Johann Christian damals gewesen sein muss, selbst wenn er nach den modernen Standards des Klavierspiels womöglich zu einfach wirken könnte. Immer deutlicher traten die Unterschiede zwischen dem Opus 13 und diesen zwei Konzerten zutage – wozu dann auch die andere Instrumentierung gehörte: Die beiden Konzerte enthalten eine orchestrale Bratschenstimme, während das Opus 13 nur mit zwei Violinen und Violoncello sowie Bläsern ad lib. besetzt ist. Vermöge einiger Nachforschungen fand ich dann heraus, dass die beiden Stücke inzwischen Johann Christoph Friedrich Bach zugeschrieben werden, der an dem kultivierten Hof des Grafen Wilhelm von Schaumburg Lippe in Bückeburg Karriere machte. Damit war das Rätsel für uns gelöst (s. die von Ernest Warburton herausgegebene J. C. Bach-Gesamtausgabe). Die beiden Werke wurden während der 1770er Jahre von Hartknoch in Riga veröffentlicht. In seinem Katalog führt Warburton aus, dass „Ulrich Leisinger inzwischen unzweifelhaft dargelegt hat, dass das Konzert in Es-dur tatsächlich von J. C. F. Bach stammt“, und dass auch das zweite der „Hartknoch-Konzerte“ in A-dur heute als Schöpfung Johann Christoph Friedrichs gilt.

Aus dieser Aufgabe erhellte, wie innovativ Johann Christian Bachs Musik war und warum er sich als Komponist auch weiterhin so großer Beliebtheit erfreute. Seine Musik bezeichnet die Verbindung zwischen Barock und Klassik. Sie legte das Fundament, auf dem die Klassik erblühen sollte, wobei es äußerst wichtig war, dass sich diese Musik für gesellschaftliche Zwecke eignete. Das war im 18. Jahrhundert ein Erfolgsrezept.

© 2008 Susan Alexander Max
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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