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8.570481 - HAYDN, J.: Concertos for 2 lire organizzate, Hob.VIIh:1-5 (Cologne Chamber, Muller-Bruhl)
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Joseph Haydn (1732–1809)
Fünf Konzerte für zwei Lyren in der Bearbeitung für 2 Blockflöten, 2 Querflöten, Flöte/Oboe

 

Im Winter 1785/86 erhielt Joseph Haydn, Kapellmeister im Dienst des Fürsten Esterházy, den ersten Auftrag zur Komposition von Lyrenkon zerten für den König von Neapel. Ferdinand IV. war 1759 im Alter von acht Jahren seinem Vater Carlos III., der zu diesem Zeitpunkt König von Spanien wurde, auf dem Thron gefolgt. Mit dem österreichischen Kaiserhaus verband ihn seine Heirat mit Maria Karolina, einer Tochter Maria Theresias, im Jahr 1768. Doch anders als seine Gemahlin konnte Ferdinand dem politischen Tagesgeschäft und einem steifen Hofzeremoniell nichts abgewinnen; er bevorzugte einfachere Ver gnügungen, liebte Pferde und die Jagd und überließ die Regierungsgeschäfte zunächst dem von Carlos III. eingesetzten Minister und nach dessen Entlassung seiner Frau.

Sein Lieblingsinstrument war folgerichtig ein Instrument des einfachen Volkes: die Orgelleier oder Lira organizzata, deren Vorbild die schon im Mittelalter bekannte Drehleier ist und die in Neapel noch im 18. Jahrhundert weit verbreitet war. Die Lira organizzata war zusätzlich zu den herkömmlichen Melodie-und Bordunsaiten der Drehleier mit einer Reihe von kleinen Orgelpfeifen ausgestattet. Streichund Orgelwerk, die im Einklang oder in der Oktave ertönten, wurden über eine Tastatur bedient und konnten—ebenso wie die Bordunsaiten—einzeln abgeschaltet werden, was eine Art von Registrierung ermöglichte. Ob Haydn mit dieser Praxis vertraut war oder ob er die Registrierung bewusst den Interpreten über antwortete, muss dahin gestellt bleiben—die überlieferten Abschriften seiner Konzerte enthalten dazu ebensowenig Angaben wie Hinweise zur Verwendung der Bordunsaiten.

Freilich waren Orgelleiern auch zu Haydns Zeit nicht mehr überall gebräuchlich, vor allem aber war ihr Platz eher die Dorfschenke als das Konzertpodium. Das Problem der extravaganten Besetzung umging Haydn denn auch später, indem er die Orgelleiern durch Traversflöte und Oboe bzw. zwei Traversflöten ersetzte. So instrumentiert kamen die Werke vermutlich sowohl in Eszterháza als auch während seines Londoner Aufenthalts in den 1790er Jahren zur Aufführung. Dem Klang der Lira organizzata näher stehen aber wohl Blockflöten, wie sie in der vorliegenden Aufnahme im C-Dur-Konzert Hob. XVIIh:1 und im F-Dur-Konzert Hob. VIIh:5 verwendet werden.

Unterricht auf der Orgelleier erhielt König Ferdinand IV. von Norbert Hadrawa, Legations sekretär in der Österreichischen Gesandtschaft zu Neapel, der darüber hinaus die Kompositions aufträge im Namen des Königs vergab und nicht zuletzt die Werke zusammen mit seinem Schüler auch aufführte. In einem Brief rühmte sich Ha drawa, „Sr. M. dem König mit aller Delikatesse zu spielen gelernt“ und das Instrument „auf die möglichste Art vervollkommt und raffiniert“ zu haben. Worin diese Verbesserungen Hadrawas bestanden haben mögen, ist allerdings unbekannt, zumal eine Orgelleier aus dem Besitz des Königs nicht überliefert ist.

Den Kontakt zwischen dem neapolitanischen Hof und Haydn vermittelte möglicherweise Ignaz Pleyel, vormals Schüler des Kapellmeisters in Eszterháza, der sich 1785 in Neapel aufhielt und selbst ein Lyrenkonzert für Ferdinand schrieb. Über Art und Umfang der königlichen Wünsche bezüglich solcher Konzerte gibt ein Brief Hadrawas an den Komponisten Johann Franz Xaver Sterkel vom Oktober 1785 recht genau Auskunft: „…mache ich Ihnen zu wissen, daß Sie drey Concerte für zwey organisierte Leyern für S. M. den König von Neapel schreiben sollen, das eine aus dem Ton C das 2te aus dem F, und das dritte aus dem G, sind Sie bedacht die Ritornello kürzer als in Ihren ersteren Concerten zu schreiben, übrigens richten Sie sich ganzlich das Gesang deren Leyern oder die Melodie nach der Art der Oboe ohne viel Beschaulichkeit deren Passagen einzu leiten“. Nicht nur Anzahl und Tonart der Werke waren also, wie noch zu erwarten, vorher bestimmt, der König stellte auch ganz konkrete Ansprüche an die Kompositionsweise: Er forderte kurze „Ritornelle“, also knappe Orchesterein leitungen vor dem Einsatz der Soloinstrumente, und gesangliche, muntere Melodien „ohne viel Beschaulichkeit“.

Dass Haydn einen ganz ähnlichen Katalog von Anweisungen erhielt, lässt sich, da seine Korrespondenz mit Hadrawa nicht erhalten ist, zwar nur vermuten; die Werke selbst verraten es gleichwohl, erfüllen sie doch pflichtschuldigst Ferdinands Vorgaben: Die Themen kommen frisch und unbekümmert daher, und die Orchesterexpositionen umfassen nur wenige Takte, an denen Haydn die Solisten sogar teilhaben lässt—vielleicht eine weitere Forderung des Monarchen, der seinen Einsatz nicht ungeduldig zählend abwarten mochte?

(Für rhythmische Stabilität sorgte der Komponist im übrigen öfters mit einer durchgängigen Achtelbewegung der Begleitstimmen.) Auch die fast kammermusikalisch anmutende Besetzung des Orchesters mit zwei Hörnern, zwei Violinen, zwei Violen und Violoncello war sicherlich aus Neapel vorgegeben, denn Haydn verwendete in seinen Orchesterwerken in der Regel nur eine Viola. Ganz nach Ferdinands Geschmack dürften die eher schlichten Satztypen gewesen sein: Auf die kleinen Sonatensätze zu Beginn folgen langsame Sätze im wiegenden Siciliano-Rhythmus (Hob. VIIh:1 und 4) und Finalrondos (Hob. VIIh:1, 2 und 4). Daneben finden sich Sätze in dreiteiliger Da-capo-Form, was im Fall des G-Dur-Konzerts Hob. VIIh:2 auf eine genuine Arie zurückgeht: Für das Adagio ma non troppo verwendete Haydn die Arie „Sono Alcina“, die er im Sommer 1786 für eine Aufführung von Giuseppe Gazzanigas Oper L'isola d'Alcina am Esterházyschen Hof komponiert hatte.

Alles in allem handelt es sich weniger um glanz volle Solo-Konzerte im engeren Sinne als um anmutig-lebhafte Divertissements—übertriebene Virtuosität entsprach kaum dem Charakter der Soloinstrumente und verbot sich möglicherweise auch mit Rücksicht auf den musizierenden König. (Im Hinblick auf ihren Schwierigkeitsgrad unterscheiden sich die beiden Solopartien übrigens keineswegs.) Ihr unbeschwerter Ton erinnert an italie nische Serenaden, und die anregende Melange aus Tutti und Solo lieferte zusammen mit den originellen, auskomponierten Kadenzen dem König wie seinen Zuhörern vergnügliche Kurzweil. Dass Haydn die Qualität seiner Werke durchaus nicht unterschätzte, zeigt die Wiederverwendung mehrerer Sätze in zwei seiner späteren großen Sinfonien: Das Andante sowie das Finale des Konzerts Hob. VIIh:5 nutzte er als Grundlage für den 2. und 4. Satz in seiner Sinfonie Nr. 89 von 1787, und die Romance aus dem Konzert Hob. VIIh:3 ging, in Umfang und Besetzung erweitert, als Allegretto in die Sinfonie Nr. 100, die berühmte „Militärsinfonie“, ein.

Überliefert sind die fünf Lyrenkonzerte in je einer zeitgenössischen Abschrift, die von Haydn, wie einige Korrekturen oder Ergänzungen von seiner Hand zeigen, durchgesehen wurden (die Autographe selbst sind verschollen). Dabei bilden die Stimmenabschriften der Konzerte Hob. VIIh:1, 2 und 4—letzteres ist als einziges der Werke datiert und trägt die Jahreszahl 1786—eine geschlossene Gruppe mit den in Hadrawas Brief angegebenen Tonarten C-Dur, G-Dur und F-Dur. Die beiden übrigen Konzerte sind dagegen als Partituren überliefert und unterscheiden sich auch in Papier und Kopisten von den Stimmenabschriften. Mit der ersten Serie dürfte Haydn seine Verpflichtungen aus dem Auftrag vom Winter 1785/86 erfüllt haben—offenbar zur Zufriedenheit des Königs: Im April 1787 teilte Haydn seinem Londoner Verleger Forster mit, er werde sich „für diesen winter nach Neapel Angagiren“. Zusammen mit der Einladung an den neapolitanischen Hof erfolgte wahrscheinlich wiederum eine Bestellung von Konzerten, zu denen die beiden in Partitur überlieferten Kompositionen Hob. VIIh:3 (G-Dur) und 5 (FDur) gehören—was die Vermutung nahelegt, dass ursprünglich ein drittes Konzert in C-Dur existierte, das später verloren ging.

Die Reise nach Neapel kam letztlich nicht zustande—vielleicht ließen Haydns umfangreiche Verpflichtungen in Eszterháza dies nicht zu—doch weitere Kompositionsaufträge folgten. Zu einer persönlichen und nicht ganz ungetrübten Begegnung zwischen Komponist und Auftraggeber kam es erst im Dezember 1790, als Ferdinand IV. wegen der Hochzeit seiner ältesten Tochter mit dem zukünftigen österreichischen Kaiser Franz II. für längere Zeit in Wien weilte. Kurz vor seiner Abreise nach London, so berichtet Georg August Griesinger in seinen 1810 erschienenen „Biographischen Notizen“, machte Haydn mit einigen bestellten Arbeiten Ferdinand seine Aufwartung. „Uebermorgen wollen wir sie aufführen, sagte der König.“ Haydn entschuldigte sich, „denn übermorgen reise ich nach England. ‚Wie? und sie haben mir versprochen nach Neapel zu kommen?’“ Der ob so viel Missachtung empörte Ferdinand ließ Haydn kurzerhand stehen und kam erst nach einer Stunde zurück—offenbar vollständig versöhnt: Haydn erhielt ein Empfehlungsschreiben an den neapolitanischen Gesandten in London, wohin ihm der König schließlich noch „eine reiche Tabatiere“ nachschickte.

Silke Schloen


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