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8.570509 - PENDERECKI, K.: Concerto Grosso No. 1 for 3 Cellos / Largo / Sonata for Cello and Orchestra (Monighetti, Noras, Kwiatkowski, Wit)
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Krzysztof Penderecki (geb. 1933): Concerto Grosso Nr. 1
Largo für Violoncello und Orchester • Sonata für Violoncello und Orchester

 

Krzysztof Penderecki ist bis heute zwar vor allem durch seine Chormusik und seine symphonischen Werke bekannt, doch hat er auch ein beträchtliches konzertantes Schaffen vorzuweisen. Dabei handelt es sich bei seinen frühen Kompositionen für Solo und Orchester oft um kurze, selbständige Stücke, die ein gehöriges Maß an Virtuosität verlangen, dabei aber jenem rhetorischen Ausdruck aus dem Wege gehen, den man so oft mit der Gattung des Konzertes in Verbindung bringt (dazu gehört hier die Sonata für Violoncello und Orchester). Das änderte sich mit dem ersten Violinkonzert (Naxos 8.555265) aus dem Jahre 1976, in dem Penderecki nicht nur ein großes Format, sondern obendrein auch jene unverhohlene Romantik präsentierte, die den Bruch mit seiner Vergangenheit als Avantgardist bezeichnete. Das für Isaac Stern geschriebene Werk gehört zu den meistgespielten Stücken des Komponisten, der dann 1982 sein kaum weniger emotional gearbeitetes zweites Cellokonzert für Mstislaw Rostropowitsch schrieb. Anschließend komponierte Penderecki die weniger ausladenden Konzerte für Bratsche (1983) und für Flöte (1992), worauf 1995 für Anne-Sophie Mutter ein zweites Violinkonzert (Naxos 8.555265) entstand, dem bisher das Klavierkonzert (2002) und das Hornkonzert (2008) folgten. Dazu kommen etliche konzertante Werke für Solist(en) und Orchester, die nicht als Konzerte bezeichnet sind. Zwei dieser Stücke sind auf dieser CD enthalten.

Das Concerto grosso Nr. 1 für drei Violoncelli und Orchester wurde 2001 vollendet (ein weiteres für fünf Klarinetten und Orchester folgte vier Jahre später). Die Uraufführung fand am 22. Juni desselben Jahres mit den Solisten Boris Pergamenschikow (†), Truls Mørk und Han-Na Chang sowie dem NHK Symphony Orchestra unter Charles Dutoit in Tokio statt. Penderecki nutzt hier sämtliche Möglichkeiten, die sich aus dem Solound Ensemblespiel der Instrumente ergeben, während das Orchester sowohl en masse wie auch in eher kammermusikalischen Gruppierungen verwendet wird. Die sechs Sätze werden ohne Pause gespielt und sind zu einem einheitlichen Ganzen verbunden. Der erste Satz beginnt mit grübelnden Gebärden der tiefen Streicher, bevor einer der drei Solisten leidenschaftlich einsetzt. Bald fallen auch die anderen beiden Celli ein, und zwischen ihnen entsteht ein oft nachdenkliches, von orchestralen Einwürfen durchsetztes Gespräch. Nach einer von getragenen polyphonen Klängen der Solisten unterstrichenen Passage steigert sich die Musik zu einem kurzen Höhepunkt, ehe sie in einer eloquenten Threnodie ihr ruhiges Ende findet. Der zweite Satz beginnt mit zerklüfteten Rhythmen der tiefen Streicher und militärischen Gesten des Schlagzeugs. Schnell werden die drei Solisten in den prägnanten Diskurs mit einer kantigen Xylophonstimme hineingezogen, bevor die Spannung nachlässt. Eine aufsteigende Linie der Oboe leitet direkt zum dritten Satz über, in dem eine impulsive Bewegung und fanfarenartige Figuren der Blechbläser mit einem zurückhaltenderen Solosatz abwechseln. Ein erwartungsvolles Pulsieren wird erreicht, an das sich eine immer stärkere Steigerung der Aktivitäten anschließt, die bis zum Ende des Abschnitts fortdauert. An vierter Stelle steht ein Notturno, das mit einer intensiven, leidenschaftlichen Intensität sämtlicher Streicher aufbrandet und ein emotionales Plateau bietet, auf dem die drei Celli ihrem zurückhaltenden Diskurs nachgehen. Ein plötzlicher Ausbruch der Blechbläser und des Schlagzeugs gibt den Auftakt zum fünften Satz, einer eindringlichen „Fantasie“ über alle bisherigen Motive. In einer ruhigeren Passage hat das Englischhorn ein Solo, das mit der vorherrschenden Geschäftigkeit kontrastiert. Von hier aus führen die Violoncelli zu einem Höhepunkt, an den sich eine dreifache Kadenz über das thematische Material der Solisten anschließt. Der sechste Satz wird durch die Wiederholung des Englischhorn-Themas eingeleitet und konzentriert sich dann auf eine nachdenkliche Unterhaltung zwischen Celli und Orchester, indessen die Musik ihrem ruhigen, immer fragenden Ende entgegen geht.

Das Largo für Violoncello und Orchester ist ungeachtet seines Titels ein ausgewachsenes Konzert. Es ist denkbar, dass nur das Fehlen eines schnellen Satzes den Komponisten davon abgehalten hat, das Werk als sein drittes Cellokonzert zu bezeichnen. Es entstand 2003, und zwar wiederum für Mstislaw Rostropowitsch, der es am 19. Juni 2005 mit den Wiener Philharmonikern unter Seiji Ozawa in Wien zur Uraufführung brachte.

Der erste Satz beginnt mit sparsamen Klängen des Solisten, dem sich bald die anderen tiefen Streicher anschließen, indessen die Musik allmählich intensiver wird. Oft werfen Bläser und Schlagzeug ihre Schatten auf die Kollegen, die das hauptsächliche Material gelegentlich geradezu parodieren – wenngleich die Gesamtstimmung eher von Resignation und Bedauern geprägt ist. Die Musik gelangt in immer höhere Sphären, wobei das gestimmte Schlagzeug stark in Erscheinung tritt – dann beginnt der zweite Satz mit einer choralartigen Idee der Holzbläser, die den Solisten zu einer nochmals gesteigerten Inbrunst treibt und dann in einen vorwärts drängenden Marsch des gesamten Orchesters überleitet, gegen den der Solist heftig protestiert. Von hier aus führt der Weg zu einer mächtigen Klimax, die anschließend verklingt und den Solisten vor der ätherischen Textur der hohen Holzbläser und des gestimmten Schlagzeugs gewissermaßen „schweben“ lässt. Die zögerlichen Streicher erzeugen ein dissonantes Crescendo, das seinerseits zu dem recht kurzen Schluss-Satz führt – einem recht konzentrierten Resumé des Vorherigen mitsamt einer Wiederholung der martialischen Klänge und einer verhaltenen Apotheose, in deren Verlauf der Solist zum Läuten der Glocken und dem Puls der Pauken Abschied nimmt und verschwindet.

Formal und expressiv sind diese beiden Werke weit von der Sonata für Violoncello und Orchester entfernt, die 1964 entstand und noch im selben Jahr von Siegfried Palm und dem SWF-Sinfonieorchester unter Ernest Bour uraufgeführt wurde. Wie bereits gesagt, sind alle früheren konzertanten Stücke Pendereckis recht leichtgewichtig: Der Sonata folgten die Capricci für Oboe und für Violine, und wie bei diesen ist auch hier die Virtuosität von ironischen, wenn nicht gar verspielten Elementen durchsetzt, die in der Neuen Musik damals ungewöhnlich waren. Das Stück besteht aus zwei kurzen, äußerst gegensätzlichen Sätzen.

Der erste Satz breitet allmählich das Material aus, in das sich Solo und Orchester teilen. Dabei stehen der getragenen Stimmführung des Cellos immer dissonantere Akkordfolgen des Orchesters gegenüber. Jeder tiefere Diskurs zwischen den Beteiligten wird durch die gestische Natur der musikalischen Ideen verhindert. Nachdem sich die grollende Klimax bis zur Unhörbarkeit ausgedünnt hat, beginnt der abschließende Satz mit sardonischen Gebärden des Solisten, die durch das ungestimmte Schlagzeug und eine Fülle von Streichereffekten erweitert werden. In dieser geschäftigen Bewegung treibt die Musik ihrem aggressiven, gleichwohl keineswegs humorlosen Ende entgegen.

Richard Whitehouse
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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