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8.570516 - LISZT: Dante Symphony / Dante Sonata (arr. for 2 pianos) (Liszt Complete Piano Music, Vol. 26)
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Franz Liszt (1811–1886)
Dante-Sonate • Dante-Symphonie

 

Wer da, in Wien, als mein Partner bei der Dante Symphonie? 2 Claviere sind nothwendig; ich kann nur eines traktiren, in der Wagner Vereins Soirée, bei Ihnen am Mittwoch 24ten März. Versichern Sie sogleich den Obman des Vereins, Herrn Ludwig Koch, von meiner Bereitwilligkeit. Sollte auch das 2te Theil der Dante Symphonie (Purgatorio) aufgeführt werden, so bitten Sie Freund Zellner das Harmonium zu übernehmen und für die fünf Stimen, Sopran und Alt, Sorge zu tragen. Die ganze Symphonie dauert nicht länger als eine Stunde.
Liszt an Ludwig Bösendorfer, Budapest, 11. März 1880. Die Aufführung kam nicht zustande.

Franz Liszt wurde 1811 in Raiding im Burgenland (damals Ungarn, heute Österreich) – als Sohn von Adam Liszt, Verwalter in Diensten der Fürsten Esterházy, geboren. Früh schon erfuhr er Förderung durch Mitglieder des ungarischen Adels, so dass er 1822 nach Wien gehen konnte, um dort Stunden bei Czerny zu nehmen und die berühmte Begegnung mit Beethoven zu haben. Von Wien ging Liszt nach Paris, wo Cherubini ihm als Ausländer zwar den Zugang zum Konservatorium verwehrte, er aber durch seine Auftritte das Publikum zu begeistern vermochte. Nun unterstützte ihn die Familie Erard, Klavierfabrikanten, für deren Instrumente er auf seinen Konzertreisen warb. 1827 starb sein Vater, worauf die Mutter zu ihm nach Paris kam. Er unterrichtete, las und profitierte von den intellektuellen Kreisen, zu denen er Kontakt fand. Sein Interesse an virtuosem Spiel wurde erneuert, als er den großen Geiger Paganini hörte, dessen technischen Fähigkeiten er nun nacheiferte.

In den folgenden Jahren entstand eine Reihe von Kompositionen, darunter Liedtranskriptionen und Opernfantasien, die zum Repertoire eines Virtuosen gehörten. Wegen seiner Beziehung zu einer verheirateten Frau, der Comtesse Marie d’Agoult, verließ er Paris und war dann mehrere Jahre unterwegs: zunächst in der Schweiz, dann wieder in Paris, schließlich in Italien, Wien und Ungarn. 1844 war die Beziehung zu seiner Geliebten – der Mutter seiner drei Kinder – beendet, doch setzte er seine Konzertaktivitäten bis 1847 fort. In jenem Jahr begann seine Verbindung zu Caroline von Sayn-Wittgenstein, polnische Erbin und Gemahlin eines russischen Prinzen. Im Jahr darauf ging er mit ihr nach Weimar, um dort als außerordentlicher Kapellmeister zu wirken. In der Stadt Goethes widmete er sich der Entwicklung einer neuen Form von Orchestermusik, der symphonischen Dichtung, sowie der Revision und Veröffentlichung früherer Kompositionen.

1861 folgte Liszt – fünfzig Jahre alt – Caroline nach Rom, die sich dort ein Jahr zuvor angesiedelt hatte. Rechtlich stand mittlerweile einer Heirat nichts mehr im Wege, doch wohnten sie auch weiterhin in getrennten Apartments. Liszt empfing schließlich die niederen Weihen und pendelte zwischen Weimar, wo er eine jüngere Generation unterrichtete, Rom, wo er seinen religiösen Interessen nachgehen konnte, und Pest, wo er als Nationalheld empfangen wurde. Er starb 1886 in Bayreuth, wo seine Tochter Cosima, die Witwe Richard Wagners, lebte und sich für die Musik ihres Mannes einsetzte.

Liszt hatte keine förmliche Ausbildung erfahren, doch vermochte er dieses Defizit in Paris durch ausgedehnte eigene Lektüre und die Zusammenarbeit mit führenden Schriftstellern und Künstlern mehr als auszugleichen. Sein Durchbrennen mit Marie d’Agoult 1835 hatte das Paar zunächst in die Schweiz geführt, wo die gemeinsame Tochter Blandine geboren wurde. Nach einem erneuten Aufenthalt in Paris folgte 1837 eine Reise nach Italien, wo die zweite Tochter, Cosima, am Heiligen Abend geboren wurde. Ein späterer Biograph zeichnete ein idyllisches Bild jener Zeit – die doch in Wahrheit praktische Schwierigkeiten und Beschwernisse brachte – mit der romantischen Vorstellung, dass Liszt und seine Geliebte gemeinsam Dante lesen zu Füßen einer Statue des Dichters und Beatrices. Marie d’Agoult sah sich selbst später sogar in der Rolle der Letzteren. Diese Identifizierung konnte Liszt später nur noch mit Skepsis betrachten. Immerhin gaben die Monate in Italien die Gelegenheit, Petrarca und Dante zu lesen; letzterer – Liszts Profil soll dem seinen geähnelt haben – war ihm schon aus Pariser Tagen vertraut.

An seinem fragment dantesque begann Liszt nicht vor Herbst 1839 in San Rossore zu arbeiten; in einem Konzert am 5. Dezember des Jahres in Wien führt er es auf. Ein Kritiker beschrieb das Stück als eine von der Lektüre der Divina Commedia („Göttliche Komödie“) Dantes inspirierte Art Improvisation. Liszt überarbeitete es in Weimar, so dass es nun das siebte Stück seiner Années de pèlerinage, deuxième année (Italie) bildete. In diesem Kontext trägt es den Titel Après une lecture du Dante, Fantasia quasi Sonata – übernommen von Victor Hugos Gedicht Après une lecture de Dante, veröffentlicht 1837 in der Sammlung Les Voix intérieures.

Das allgemein als Dante-Sonate bekannte Werk – hier in einem Arrangement für zwei Klaviere von Vittorio Bresciani – beginnt mit geheimnisvoll absteigendem Tritonus (übermäßige Quarte) als Vergegenwärtigung des Eingangs in die Hölle mit dem bedrohlichen Lasciate ogni speranza, voi che entrate („Lasst, die ihr eingeht, jede Hoffnung fahren!“) im Canto III des Inferno. Das erste Thema – Presto agitato assai, auch bezeichnet mit lamentoso – repräsentiert die Schreie der Verdammten: sospiri, pianti ed alti guai („Geächz, Geschrei und Klagen“). Ein zweites, hymnenartiges, aus dem ersten abgeleitetes Thema ersteht, das in einer von Liszts englischem Schüler Walter Bache annotierten Ausgabe auf Lucifer bezogen wird: Vexilla regis prodeunt inferni / Verso di noi („Uns naht des Höllenköniges Panier!“) (zit. nach Alan Walker, Franz Liszt: The Virtuoso Years 1811–1847, London 1983). Dieses zweite Thema wird von dem Tritonus- Motiv des Anfangs unterbrochen, das zu einer quasiimprovisatorischen Passage führt, bevor ein eher ruhiger Kurs wiederaufgenommen wird. Eine Episode reflektiert die Liebe und die dolci sospiri von Paolo und Francesca, doch das Teufelsintervall, der Tritonus, ist stets nahe. Das Werk endet mit einem Hoffnungsschimmer – vielleicht in Hinsicht auf die Schlusszeilen von Dantes Inferno, wenn der Dichter und sein Führer Virgil in die höhere Welt eingehen: Tanto ch’io vidi delle cose belle / Che porta il ciel, per un pertugio tondo, / E quindi uscimmo a riveder le stelle (Da blickte durch der Felsschlucht obre Rundung / Der schöne Himmel mir aus heitrer Ferne, / Und eilig stiegen wir aus enger Mundung / Und traten vor zum Wiedersehn der Sterne.).

In Weimar wandte sich Liszt erneut Dante zu und machte erste Skizzen für eine geplante Symphonie, die wohl 1856 vollendet war und die er 1859 für zwei Klaviere arrangierte. Das Werk erlebte 1857 in Dresden eine desaströse – weil viel zu wenig geprobte – Aufführung, gewann jedoch allmählich Anerkennung, nicht zuletzt in Budapest. Die Fassung für zwei Klaviere wurde Teil von Liszts eigenem Repertoire, gespielt in Paris im Haus von Gustave Doré oder auch in Wien mit einem früheren Schüler. Die ursprüngliche Intention des Komponisten war Musik zu Illustrationen von Bonaventura Genelli (1798–1868, die Bildfolgen zu Dantes „Göttlicher Komödie“ entstanden 1840–46), die mittels des neu erfundenen Dioramas auf eine Leinwand projiziert werden sollten. Diese neuartige Idee wurde allerdings ebenso verworfen wie der Plan, drei Sätze – Inferno, Purgatorio und Paradiso – zu schreiben und für den ersten eine Windmaschine zu konstruieren. Statt des Paradiso endet der zweite Satz mit einem Magnificat, gesungen von Knaben- oder Frauenstimmen, wobei nur die Anfangsworte vertont sind: Magnificat anima mea Dominum / Et exultavit spiritus meus in Deo salutari meo, gefolgt von Hosanna, Halleluja. Ursprünglich wollte Liszt die Symphonie leise enden lassen, doch auf Drängen von Prinzessin Caroline fügte er ein triumphales Ende an – sehr zur Empörung Wagners. Das ganze Werk wurde Wagner später gewidmet, den Liszt als Dante ebenbürtig beschrieb.

Die Symphonie beginnt mit einem bedrohlichen Thema, einer Vertonung der Worte, die über der Höllenpforte angeschrieben sind (Canto III des Inferno): Per me si va nella città dolente, / Per me si va nell’eterno dolore, / Per me si va tra la perduta gente ... (Durch mich geht’s ein zur Stadt der Qualerkornen, / Durch mich geht’s ein zum ew’gen Weheschlund, / Durch mich geht’s ein zum Volke der Verlornen). Darauf folgen die Schlussworte der Inschrift: Lasciate ogni speranza, voi che entrate! (Lasst, die ihr eingeht jede Hoffnung fahren!). Der Satz geht in dreiteiliger Form weiter; die zentrale Episode repräsentiert das Schicksal von Paolo und Francesca mit deren Worten: Nessun maggior dolore, / Che ricordarsi del tempo felice / Nella miseria (Wer fühlt wohl größres Leiden / Als der, dem schöner Zeiten Bild erscheint / Im Missgeschick?), die in der Partitur vermerkt sind. Lasciate ogni speranza, voi che entrate erklingt erneut und eine Passage, die als „blasphemisch-spöttisches Gelächter“ gemeint ist, wenn die Höllenflammen emporschlagen. Wenn der Satz zuende geht, erscheinen die bedrohlichen Worte in der Partitur erneut. ... e canterò di quel secondo regno / Dove l’umano spirito si purga, / E di salire al ciel diventa degno (Zum zweiten Reiche hin geht seine Bahn, / Wohin zur Reinigung die Geister schweben, / Um würdig dann dem Himmelreich zu nah’n.) aus dem Canto I des Purgatorio hat die Stimmung stiller Hoffnung, das thematische Material strebt eher in die Höhe als dass es – wie zuvor – in die Tiefe sinkt. Eine Fuge mit der Bezeichnung lamentoso wird eingeführt, gefolgt vom Seufzen der Bußfertigen, bezeichnet gemendo und dolente ed appassionato. Kurze Quasi-Rezitative und choralartige Texturen gehen voraus, wenn der Poet zurückkehrt: Io ritornai dalla santissim’ onda / Rifatto sì, come piante novelle / Rinnovellate di novella fronda, / Puro e disposto a salire alle stelle (Ich ging aus jener heil’gen Flut hervor, / Wie neu erzeugt, von Leid und Schwäche ferne, / Gleich neuer Pflanz’ in neuen Lenzes Flor, / Rein und bereit zum Flug ins Land der Sterne.). Darauf folgt das abschließende ätherische Magnificat mit seinem kulminierenden Hallelujah.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Thomas Theise

Die deutschen Übersetzungen der Textpassagen aus Dantes „Göttlicher Komödie“ sind Nachdichtungen von Adolf Steckfuß, erschienen 1876.

 

 


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