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8.570528 - SPOHR, L.: Violin Concertos Nos. 6, 8, 11 (Lamsma, Sinfonia Finlandia, P. Gallois)
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Louis Spohr (1784–1859)
Violinkonzerte Nr. 6, 8 und 11

 

Mit einem OEuvre, das alle wichtigen Gattungen der deutschen Frühromantik umfasste, galt Louis Spohr als einer der bedeutendsten Komponisten seiner Zeit. Er wurde am 5. April 1784 in Braunschweig geboren, wo er schon als Jugendlicher im Hoforchester spielte. Er entwickelte sich zu einem führenden deutschen Geiger seiner Zeit, nachdem er im Dezember 1804 mit einem Konzert in Leipzig über Nacht berühmt geworden war. Wichtige Posten bekleidete er in Gotha (1805–1812), Wien (1813–1815), Frankfurt am Main (1817–1819) und schließlich in Kassel (1822–1857), wo er am 22. Oktober 1859 starb. In der übrigen Zeit unternahm er zahlreiche Konzertreisen—unter anderem nach St. Petersburg, Italien und Paris sowie (sechsmal) nach England. Als Dirigent wesentlich an der Einführung des Taktstocks beteiligt, gab er bahnbrechende Aufführungen der Matthäus-Passion von Bach, der neunten Symphonie und der Missa solemnis von Beethoven, der Frühlingssymphonie von Schumann sowie des Fliegenden Holländer und des Tannhäuser von Wagner. Überdies war er ein bekannter Lehrer: Rund zweihundert Geiger, Dirigenten und Komponisten hat er ausgebildet.

In Spohrs Musik verbinden sich romantische und klassische Tendenzen. Erstere spiegeln sich in der harmonischen Sprache und instrumentalen Textur, letztere in der formalen Anlage der Werke – und eben diese Seite seiner musikalischen Persönlichkeit spielte bei seinem späteren Popularitätsverlust eine Rolle: Sie muss denen, die unter den berauschenden Klängen eines Wagner, Tschaikowsky und Richard Strauss auf-wuchsen, altmodisch erschienen sein.

Seinen Ruf als Komponist begründete Spohr mit seinen Violinkonzerten. Nach seinem Leipziger Konzert von 1804 schrieb der einflussreiche Kritiker Friedrich Rochlitz über Spohrs Violinkonzert Nr. 2 d-moll op. 2: „Seine Konzerte gehören zu den schönsten, die nur vorhanden sind, und besonders wissen wir dem aus Dmoll durchaus kein Violinkonzert vor zuziehen, sowohl in Absicht auf Erfindung, Seele und Reiz, als auch in Absicht auf Strenge und Gründlichkeit.“

Bei seinen Konzerten wurde Spohr vor allem von zwei Richtungen beeinflusst: von der französischen Schule eines Viotti, Kreutzer und Rode sowie von den Wiener Klassikern Haydn, Mozart und Beethoven. Dabei versuchte Spohr nun, den geigerischen Ansatz der Franzosen mit der höheren Ernsthaftigkeit, Formvollendung und gekonnten Durchführungsarbeit der Wiener zu verbinden. In vier seiner insgesamt achtzehn Violinkonzerte verwandte er eine langsame Einleitung; dazu übernahm er das Passagenwerk nach der Art Viottis und Rodes, um chromatischere Möglichkeiten auszuschöpfen. Generell folgte er dem französischen Stil in seinen Rondo-Finalsätzen mit ihren punktierten oder alla polacca-Rhythmen. Von Wien übernahm er die konzentrierte thematische Verarbeitung und die stärkere Betonung der Durchführung sowie die größere Seriosität und Anlage der langsamen Sätze, die bei Viotti zumeist simple „Arien“ waren. Einen Aspekt jedoch, den es sowohl in Frankreich wie in Wien gab, ließ er fast völlig außeracht: die improvisierte Kadenz. Spohr war der Ansicht, dass solche „Schaustellerei“ die niedrigsten Instinkte des Solisten befriedigten und die Komposition entwerteten. Nur zwei seiner Violinkonzerte enthalten kurze Kadenzen, und beide sind ausgeschrieben.

Die drei hier eingespielten Konzerte bieten eine faszinierende Mischung aus Tradition und Innovation. So folgt der Kopfsatz des Konzertes Nr. 6 g-moll op. 28, das im Winter 1808/9 geschrieben und von Spohr am 9. Januar 1809 bei einem Konzert in Sondershausen uraufgeführt wurde, dem Lehrbuch, wenn zunächst die Orchesterexposition die beiden Hauptthemen exponiert, diese dann vom Solisten übernommen werden und einer der beiden Gedanken mit Doppelgriffen in der Durchführung ausgearbeitet wird. Die herkömmliche Reprise beendet das Allegro. Im Gegensatz dazu betreten sowohl der langsame Satz als auch das Finale neues Terrain. Schon zur Zeit Bonportis und Vivaldis hatte man gelegentlich in den langsamen Sätzen Rezitative verwandt, doch Spohr geht darüber hinaus, indem er die opernhafte Folge von Rezitativ und Arie verwendet. Das dramatisch-rezitativische Andante in g-moll führt zu dem schönen B-dur-Adagio, einer von den Pizzikati der Violoncelli begleiteten Arie. Im abschließenden Rondo alla spagnola, Tempo di polacca wendet sich Spohr nach G-dur, um mit den exotischen Nationalfarben Spaniens zu spielen. In seinen Memoiren führte der Komponist aus, die Melodien seien tatsächlich spanischen Ursprungs gewesen: Ein spanischer Soldat der napoleonischen Armee, der nach der Schlacht von Jena bei ihm einquartiert war, habe sie ihm zur Gitarre vorgesungen und er, Spohr, habe sie sich notiert. Den Klang des charakteristischen Zupfinstruments ahmt das Orchester mit Pizzikati und col legno nach, wobei die Saiten mit dem Holz des Bogens geschlagen werden. Ganz am Ende bereitet Spohr eine Überraschung, wenn er auf das virtuose Feuerwerk verzichtet und statt dessen zu einem zarten und graziösen Abschluss kommt.

Das Vorbild der Oper, das den langsamen Satz des sechsten Konzertes prägte, wird im Konzert Nr. 8 a-moll op. 47 so sehr erweitert, dass es die völlige Herrschaft übernimmt. Spohr schrieb dieses Werk zwischen dem 23. April und 4. Mai 1816 während eines Ferienaufenthalts in der Schweiz, an den sich eine Tournee durch Italien anschloss. Er richtete das Konzert speziell auf den Operngeschmack des italienischen Publikums aus und gestaltete es in der Form einer vokalen Szene aus Rezitativ (erster Satz), Arie (Adagio) und Cabaletta (Finale) – daher der italienische Untertitel in modo di scena cantante oder die üblichere deutsche Bezeichnung als Violin-Concert in Form einer Gesangszene. Der anfängliche Marschrhythmus des Orchesters alterniert mit dem Rezitativ des Solisten, der schließlich obsiegt und zum F-dur-Adagio führt. Ein lebhafterer Teil schiebt sich ins Geschehen, worauf die „Arie“ wieder aufgegriffen und durch weitere Rezitative mit dem mächtigen Allegro moderato-Finale verbunden wird. An der Stelle, wo der Sänger eine Kadenz einschieben würde, komponiert Spohr ein kurzes Solo aus, das typisch opernhaft mit der applausheischenden Geste abgeschlossen wird. Der Komponist war über das mäßige Niveau der italienischen Orchester belehrt worden, weshalb er den Orchestersatz absichtlich sparsam und anspruchslos hielt. Überrascht musste er dann bei der Premiere am 27. September 1816 in der Mailänder Scala feststellen, wie exzellent das Orchester unter Alessandro Rolla spielte. Spätere Aufführungen in Venedig, Florenz, Rom und Neapel zeigten dann allerdings, dass das eine Ausnahme gewesen war.

Das achte Konzert etablierte sich bald im Repertoire der führenden Geiger. Heute ist es das einzige Violinkonzert von Spohr, das man gelegentlich noch live hören kann. Der Komponist, der das Werk stets als „meine Gesangszene“ apostrophierte, trug es auch bei seinem Londoner Debüt am 6. März 1820 in den New Argyll Rooms der Regent Street vor. Die durchkomponierte Anlage mit dem Verzicht auf die konventionelle Konzertform wurde zum Vorbild vieler jüngerer Komponisten wie de Bériot, Saint-Säens, Vieuxtemps, Goetz und Glasunow. Als Max Bruch darüber rätselte, ob er sein berühmtes Opus 26 in g-moll überhaupt ein Konzert nennen dürfe, sprang ihm der große Geiger Joseph Joachim bei, indem er ihn auf den klassischen Status der Spohr’schen Gesangszene hinwies, womit die Legitimation erteilt war.

Im September 1825 sollte in Leipzig Spohrs bis dahin jüngste Oper Der Berggeist auf die Bühne gebracht werden. Der Komponist war anwesend und erinnerte sich daran, dass 21 Jahre zuvor just in dieser Stadt seine Solistenlaufbahn begonnen hatte. Aus diesem Anlass beschloss er, ein neues Violinkonzert zu schreiben, und es entstand das Konzert Nr. 11 G-dur op. 70, das er am 19. September 1825 im Leipziger Gewandhaus aufführte. Der Kopfsatz weicht in verschiedener Hinsicht von dem Standardtypus ab, wie er beispielhaft im sechsten Konzert zu hören ist. Es gibt zunächst eine langsame Einleitung, die mit drei aufsteigenden Basstönen beginnt und auf das wichtigste Themenmaterial des Satzes hinweist; das Orchester bricht mit dem Allegro vivace-Hauptthema los, doch schon nach sieben Takten übernimmt der Solist die Führung. Das Nebenthema scheint sich in einem langsameren Tempo zu bewegen, doch das wirkt nur so, weil die lyrisch-expressive Melodie in längeren Notenwerten geschrieben ist. Diesem Gedanken sind die drei aufsteigenden Töne aus der langsamen Einleitung vorangestellt, und er ist es auch, mit dem die Reprise beginnt, weshalb die aufsteigende Phrase im Bass vom Anfang des Konzerts einen wichtigen Punkt in der Struktur markiert. Von exquisiter Schönheit ist das Adagio e-moll, dessen zweites Thema sich mozartischer Lyrik nähert, um sich bei seiner späteren Wiederholung nach E-dur zu wenden. Das abschließende Allegretto- Rondo beginnt mit einem Kontretanz, der den Solisten mit seinen zahlreichen Doppelgriffen sogleich auf die Probe stellt. Eine breitere Melodie bringt den wichtigsten Kontrast und gestattet der Solovioline die Entfaltung ihrer gesanglichen Qualitäten; durchsetzt von virtuosem Passagenwerk, endet die Musik in einem kraftvollen Schluss.

Viele Jahre gehörte dieses elfte Konzert neben dem siebten, achten und neunten zu den vier Meisterwerken Spohrs auf diesem Gebiet (das zehnte ist ein frühes Werk, das außerhalb der Reihenfolge publiziert wurde). Im Laufe des 20. Jahrhunderts verschwand es allmählich aus dem Repertoire, während der Ruhm des Komponisten nach und nach verblasste. Das schöne Werk ist sicher reif für ein Comeback.

Keith Warsop, Spohr Society of Great Britain
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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