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8.570530 - BACH, W.F.: Keyboard Works, Vol. 2 - 8 Fugues, Fk. 31 / Fantasias (J. Brown)
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Wilhelm Friedemann Bach (1710–1784)
Clavierwerke Vol. 2: Fantasien und Fugen

 

Johann Sebastian Bachs ältester Sohn Wilhelm Friedemann wurde am 22. November 1710 in Weimar geboren und starb am 1. Juli 1784 in Berlin. Zunächst genoss er den Unterricht seines Vaters, und als die Familie 1723 nach Leipzig umgezogen war, kam er an die Thomasschule. Nach einem vierjährigen Rechtsstudium an der Leipziger Universität fand er für dreizehn Jahre eine Anstellung als Organist der Dresdner Sophienkirche. Dresden war seinerzeit das Zentrum des Opern- und Theaterlebens und unterschied sich in seiner Opulenz deutlich von dem schlichten Leipziger Haushalt der Bachs. 1746 verließ Wilhelm Friedemann das liberale und glamouröse „Elbflorenz“, um die Organistenstelle an der Liebfrauenkirche in Halle, dem Zentrum des Pietismus, zu übernehmen. Die Atmosphäre war hier nüchterner, und die Musik ließ man einzig zu dem Zwecke gelten, „dass dadurch die eingepfarrete Gemeinde zur Andacht und Liebe zum Gehör göttliches Wortes desto mehr ermuntert und angefrischet werde,“ wie das die Hallische Bestallungsurkunde vom 16. April 1747 genau festlegte. In den zwanzig Jahren von 1764 bis zu seinem Tode bekleidete er kein offizielles Amt mehr. Dafür schätzte man in ihm einen der besten Orgelspieler seiner Zeit. 1774 ging er schließlich nach Berlin, wo er während der letzten Lebensjahre von einigen Konzerten, Schülern und den Zuwendungen seiner Gönner lebte.

Friedemann Bach war ein vielbewunderter Cembalo und Orgelvirtuose: „Alles was die Empfindung berauscht, Neuheit der Gedanken, frappante Ausweichungen, dissonirende Sätze [...] Force, Delicatesse, kurz dieses alles vereinigte sich unter den Fingern dieses Meisters: Freuden und Schmerzen in die Seelen seiner feinern Versammlung überzutragen,“ heißt es beispielsweise in dem Bericht vom Mai 1774. Ungeachtet jedoch seiner plötzlichen und geschwinden Kontraste enthielten Friedemanns Kompositionen so viele traditionelle Elemente, dass sie seinen Zeitgenossen altmodisch und kompliziert erschienen. Das 18. Jahrhundert befand sich nicht nur in einem weltanschaulichen Umbruch, sondern auch die musikalische Ästhetik wandelte sich. Friedemanns Werke zeichnen sich durch das Nebeneinander konservativer und progressiver Mittel aus: Er wechselt zwischen Altem und Neuem, zwischen kontrapunktischem Satz und einfacher Melodieführung – und dieses faszinierende Hin und Her macht seinen persönlichen Stil mit all seinen expressiven Sprüngen und jähen Überraschungen aus.

Was von Wilhelm Friedemanns Oeuvre erhalten blieb, dürfte nur einen Bruchteil seines wirklichen Schaffens darstellen. Die meisten seiner Kompositionen kursierten nur in Form handschriftlicher Kopien, wurden allerdings in gewissen Kreisen sehr geschätzt. Trotz dieser Situation sind Beispiele seiner Sonaten, Fantasien und Polonaisen nebst einer Suite, etlichen Fugen und kürzeren Stücken für Tasteninstrumente (Cembalo, Clavichord oder Fortepiano) erhalten.

Neben den zwölf Polonaisen F. 12 [Naxos 8.557966] gehören die acht Fugen F. 31 zu Friedemanns berühmtesten Klavierstücken. Dementsprechend waren sie im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert weithin verbreitet. Abschriften der Kollektion konnte man bei Musikalienhändlern in Berlin, Hamburg, Leipzig und Wien bekommen. Außerdem sind eine autorisierte Kopie nebst dem zugehörigen Widmungsschreiben an Prinzessin Anna Amalia von Preußen mit dem Datum „24. Februar 1778“ sowie ein vollständiges Autograph erhalten. Die Fugen sind durch ihre äußerst individuellen Themen und die Dominanz freier Episoden gekennzeichnet. Die Vielfalt der hier angeschlagenen Affekte und die äußerst eigenständigen Themen lassen sie eher wie Charakterstücke erscheinen. Die durchweg dreistimmigen Fugen sind kleine Meisterwerke an formaler Gedrängtheit und thematischer Entwicklung. Beginnend bei C-dur, sind sie in aufsteigender Tonartenfolge geordnet – bis hin zu der letzten Fuge in f-moll, die größer konzipiert ist und mit einem chromatischen Thema arbeitet, das sich für sehr dramatische, dissonante Passagen eignet.

Die Fantasie war das höchste Ziel des praktischen Musikunterrichts, wie das zum Beispiel Carl Philipp Emanuel Bach in seinem Versuch über die wahre Art das Clavier zu spielen dargelegt hat. Aus zeitgenössischen Berichten des 18. Jahrhunderts erhellt, dass die Meister des Claviers sich oft vor allem durch Improvisationen hervortaten. Dass nur wenige Fantasien veröffentlicht wurden, sagt nichts über ihre damalige Bedeutung: Wenn man sie aufzeichnete, geschah das nur, um instruktive Beispiele für Schüler zu bekommen. Nach Carl Philipp hat der „Clavierist alle mögliche Freyheit“ beim Fantasieren; eine kühne und überraschende Harmonik „und andere vernünftige Betrügereyen machen eine Fantasie gut: allein sie müssen nicht immer vorkommen, damit das Natürliche ganz und gar darbey verstecket werde.“

Von Friedemanns Fantasien gibt es keine Autographen, sondern lediglich undatierte Abschriften aus zweiter Hand. Dieser Mangel an authentischen Quellen kann natürlich zu Problemen bei der Zuschreibung und der Chronologie führen. Es ist denkbar, dass sämtliche Fantasien entstanden, nachdem der Komponist seinen Posten an der Hallischen Marienkirche aufgegeben hatte – dass sie also aus einer Zeit stammen, in der er als selbständiger Virtuose besonders große Aktivitäten entfaltete. Auch die verwendete Ornamentik und der große instrumentale Tonumfang, den er in den meisten seiner Fantasien verlangt, deuten auf den reifen Friedemann Bach.

Die Fantasien sind von faszinierender Originalität, da sie die Waage zwischen traditioneller und moderner Schreibweise halten. Immer wieder gibt es kontrastierende Abschnitte: Fugensätze wie in der Fantasie d-moll F. 19, Albertibässe und Rezitative wie in der e-moll-Fantasie F. 21, Passagen ohne Taktstriche (Fantasie a-moll F. 23), rasche Tempo- und Stimmungswechsel (wie in der Fantasie c-moll F. 15) kennzeichnen die Werke. Das letztgenannte Werk entstand im Auftrag des baltischen Barons Ulrich Georg von Behr auf Schleck (1745-1813).

Diese Fantasien bestehen aus mehreren Teilen, und ihren improvisatorischen Charakter erkennt man in den häufigen Veränderungen der Textur, des Tempos und der Tonarten. Dabei kombiniert jedes Stück auf äußerst individuelle Weise die gegensätzlichen und widersprüchlichen Abschnitte miteinander. Die Fantasien F. 15 und 19 enthalten als einzige fugierte Teile. Das letztgenannte Stück gliedert sich in drei Abschnitte, die in sich jeweils wiederum dreiteilig sind; Anfang und Ende markieren gebrochene Akkorde im Stil einer Tokkata. Die Fantasie e-moll F. 21 enthält höchst ausdrucksvolle Instrumentalrezitative und Kantilenen sowie mehrfach auftauchende Furioso-Abschnitte. Bei F. 18 und 23 handelt es sich um kürzere Stücke, die womöglich den Ausgangspunkt für freie Improvisationen darstellten. Die d-moll-Fantasie F. 18 ist von Skalen und Arpeggien erfüllt; formal besteht sie aus einem da capo, das von einem kurzen Larghetto in F-dur unterbrochen wird. Die bezaubernde Fantasie amoll F. 23 beginnt mit einem langen Abschnitt ohne Taktstriche, in dem gegensätzlichste Tempi vorgeschrieben sind, endet dann aber mit einem abrupten Prestissimo. Die Fantasie c-moll des Berliner Manuskripts P 883 wurde Wilhelm Friedemann zugeschrieben, da auf der Vorderseite des Manuskripts sein Name steht. Es könnte sich hier allerdings auch um ein Stück von Johann Wilhelm Hässler handeln und ist in jedem Falle eines der vielen Beispiele aus Friedemanns OEuvre, die sich schwer zuordnen und datieren lassen – weil es eben an zuverlässigen Druckausgaben fehlt und Friedemanns Musik vornehmlich in Handschriften verbreitet wurde.

Fraglich ist auch, welches Instrument man am besten bei der Aufführung dieser Werke verwenden sollte. Das Wort „Clavier“ schließt viele Möglichkeiten ein: Das Clavichord war bekanntermaßen ein Lieblingsinstrument der Empfindsamkeit; das Pianoforte wurde allmählich populär, und das Cembalo hatte den Gipfel seiner Entwicklung erreicht. Die Fugen F. 8 gelingen auch sehr gut auf der Orgel. Sie werden in der vorliegenden Aufnahme zwar auf einem Cembalo gespielt, tatsächlich aber kann jedes in Frage kommende Instrument den Werken dieses begabten Komponisten einzigartige Stimmungen und Farben verleihen.

Julia Brown
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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