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8.570534 - BARTOK: Wooden Prince (The)
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Béla Bartók (1881-1945)
Der holzgeschnitzte Prinz

 

In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg arbeitete Béla Bartók hart daran, sich als führender Komponist der ungarischen Moderne zu etablieren. Nachdem er sich als Pianist bereits einen Namen gemacht hatte, der durch internationale Konzertauftritte und die Anstellung als Klavierlehrer am Liszt-Konservatorium (1907) nur noch gefestigt wurde, kümmerte er sich seit 1909 in zunehmendem Maße um die öffentliche Aufführung der großangelegten Werke, die in neuerer Zeit entstanden waren. Damals wurden zunächst die beiden Orchestersuiten in der ungarischen Hauptstadt komplett gespielt. Das erste Streichquartett erfuhr 1910 seine vielbeachtete Premiere. Zwar schrieb Bartók in diesen frühen Jahren auch weiterhin kürzere Werke, insbesondere solche für Klavier, doch sieht man auch die bewusste Entscheidung für größere Formate, die des öffentlichen Veranstaltungsortes bedurften. Wie ein heiliger Tempel leuchtete das Königliche Opernhaus am Ende des Weges, das mit seinen Opern- und Ballettspielzeiten für hoffnungsvolle ungarische Komponisten der jungen Generation ein weithin sichtbares Ziel darstellte.

1911 begann Bartók mit Herzog Blaubarts Burg, dem ersten seiner drei Bühnenwerke. Diesem folgte in den Jahren 1914-16 das Ballett Der holzgeschnitzte Prinz. Beide hätten ihn eigentlich in die Lage versetzen sollen, sich dem Budapester Publikum als vorzüglicher junger Bühnenautor vorzustellen. Doch im Opernhaus gab es andere Prioritäten – wie Franz Schubert schon ein Jahrhundert früher hatte bemerken müssen, als seinem Ausflug in die Welt der Oper nur kurzfristige Erfolge beschieden waren. Bartóks Oper konnte warten. Als sich die Schlingen der Kriegsunruhen unheilvoll um die Institution zusammenzogen, suchte die Leitung des Hauses ihr Repertoire noch immer an andern Orten. Endlich aber erlebte Der holzgeschnitzte Prinz aufgrund der Fürsprache des Grafen Miklós Bánffy und verschiedener anderer Persönlichkeiten, die Bartóks Werk auf der Bühne sehen wollten, am 12. Mai 1917 unter der Leitung des italienischen Dirigenten Egisto Tango seine Uraufführung am Königlichen Opernhaus. Der verhältnismäßig große Erfolg dieser Unternehmung ermutigte die Direktion des Hauses, für die kommende Saison auch Blaubarts Burg aufs Programm zu setzen. Dieses Werk wurde dann am 24. Mai 1918 aus der Taufe gehoben – im Zusammenhang mit einer neuerlichen Aufführung des Holzgeschnitzten. Die Partitur und das Aufführungsmaterial der Ballettmusik erschienen 1924 bei der Universal Edition. Obwohl Bartók mit Der wunderbare Mandarin noch ein weiteres Bühnenwerk schreiben sollte, hatte er doch bemerkt, dass es eine Sache war, ein solches Stück zu schreiben – eine ganz andere jedoch, es auch ins Theater zu bekommen. Fortan bevorzugte er Gattungen, die zumindest hinsichtlich ihrer ersten Aufführung größere Aussichten hatten.

Der holzgeschnitzte Prinz ist ein dreiviertelstündiges Märchenballet. Die Geschichte stammte von einem Bekannten Bartóks, dem Literaten Béla Balázs, der auch das Libretto zu Blaubarts Burg geschrieben hatte. Das Ballettszenario wurde 1912 im Weihnachtsheft des Literaturjournals Nyugat veröffentlicht. Die Geschichte spielt in einer fernen Zeit an einem fernen Ort inmitten eines Waldes, dessen Bäume im Laufe des Geschehens zum Leben erwachen. Das Ballett besteht aus einer Folge von sieben Tänzen, die durch verbindende Musik und durch verschiedene wiederkehrende Themen zusammengehalten werden.

Trotz seines vordergründig heiteren Sujets hat Der holzgeschnitzte Prinz auch eine mystische Seite, aus der sich erklären ließe, was Bartók an der Geschichte anzog. Zunächst scheint es sich um das übliche Märchen von einem Prinzen und einer Prinzessin zu handeln, die sich ineinander verlieben und die Hindernisse zu überwinden haben, die man ihnen in den Weg legt. Wenn der Vorhang aufgeht, sieht der hübsche Prinz die wunderschöne Prinzessin allein im Walde spielen. In der Nähe ist jedoch eine allwissende Fee, die mit dem Jüngling andere Pläne hat: Sie will, dass er allein bei ihr im Wald und in ihrer Zauberwelt bleibt. Als es ihr nicht gelingt, die Gefühle des Prinzen von der Prinzessin abzulenken, erweckt sie zunächst den Wald und dann den Fluss zum Leben. Inzwischen sitzt das Mädchen gedankenverloren im Schloss und spinnt Garn. Der Prinz ist verzweifelt bemüht, ihre Aufmerksamkeit zu erringen und schnitzt ein hölzernes Ebenbild, das er über die Bäume emporhalten kann. Die Figur belebt sich. Als die Prinzessin die Puppe sieht, eilt sie auf sie zu und verliebt sich prompt in die Kopie. Zwangsläufig zerbricht die Figur – schließlich handelt es sich um ein Märchen. Als die Prinzessin den richtigen Prinzen dann zum ersten Male sieht, vermag sie seinen verletzten Stolz zu lindern. Die beiden verlieben sich ineinander. Wenn der Vorhang fällt, stehen sie voreinander und schauen sich stumm in die Augen.

Aus den Regieanweisungen geht allerdings hervor, dass der Schwerpunkt des Stückes nicht im Zusammentreffen der beiden Liebenden liegt, sondern vielmehr an der Stelle, wo der Prinz seinen ganzen Schmerz fühlt – als ihn die Prinzessin wegen der Puppe aufgibt und er mit der Fee allein ist. Nachdem diese nun alle Bäume und Blumen und das Wasser aufgefordert hat, dem leidenden jungen Mann ihre Reverenz zu erweisen, „nimmt sie ihn bei der Hand“, wie die Partitur vermerkt, „und führt ihn zu dem Hügel. Triumph und glänzendes Leuchten: Über all das wirst du als König herrschen!“ Der Prinz erkennt, wie närrisch es ist, nach Liebe zu suchen. Die ganze Natur umfängt ihn in großartiger Einsamkeit. Bartóks Musik unterstreicht diesen Moment der Apotheose, wenn sie über einem Fortissimo-Akkord in cis-moll mit bogenförmigen Gesten emporstrebt. Die Liebe, scheint das Ballett sagen zu wollen, ist nicht das Ideal, das die Menschen bisweilen daraus machen. Die beste Lösung für einsame Seelen ist es, ihre Last an den verzeihenden Busen der Natur zu legen, wo keine Fragen gestellt werden und alles vergeben ist.

Bartók hatte sein ganzes Leben viel für die freie Natur übrig, die er als einen Quell der Heilung und spirituellen Wiederherstellung verehrte. Die innere Handlung des Holzgeschnitzten Prinzen, die stark von romantischer Waldeinsamkeit überlagert ist, wird für ihn eine starke Anziehungskraft gehabt haben.

Den Anfang des Balletts hat man oft mit dem Beginn von Wagners Rheingold verglichen, weil Bartók auf ähnliche Weise Dreiklänge benutzt, die fast ohne Puls in höhere Register vorstoßen, indessen sie allmählich immer stärker und bewegter werden. Auch Bartóks Musik besteht am Anfang aus tonalen Dreiklängen: Ein tiefer, leiser Orgelpunkt befestigt das C-dur, über dem sich nacheinander sanfte Wellen aufsteigender Dreiklänge erheben – als würde die Natur selbst zum Leben erwachen.

Zur Zeit der Uraufführung bezeichnete Bartók das Ballett als „eine Art symphonisch ausgearbeiteter Musik, eine Art von symphonischer Dichtung, zu der getanzt wird.“ In den lebhafteren Tänzen pulsiert die Musik voller Energie. Der groteske Tanz der Prinzessin mit der Marionette hat eine robuste Kraft, die aus der Tanzmusik des verbunkos stammt, dessen Stil dem Ungarn Bartók geläufig war. Die andern Tänze illustrieren auf lebendige Weise die Handlung. Die kokette Prinzessin wird von einer raffinierten Klarinette vorgestellt, die mit leichten Schritten über eine Pizzikato-Walzerbegleitung trippelt. Der Tanz der Bäume rumpelt mit tiefen Klangwellen daher, die sich zu folkloristisch getönten Rhythmen steigern. Das majestätische Herz der Partitur liegt in der grandiosen Musik, mit der Bartók die Apotheose des Prinzen begleitet. Anders als einige andere, farbigere Tänze der Partitur, die manchmal den starken Einfluss Strawinskys verraten, wendet sich hier die leidenschaftliche, zugleich schmerzliche und schöne Musik von der Folklore ab, um sich in die zutiefst chromatische, äußerst charakteristische Klangwelt zurückzuziehen, die Bartók in den damaligen Jahren für sich gefunden hatte. Wenn das Ballett zu Ende geht, verliert der Wald langsam seinen Zauber. Nach und nach kehren die sanften C-dur-Klänge zurück, die bereits eine halbe Stunde vorher, beim Aufgehen des Vorhangs, zu hören waren. Die Musik verklingt. Der Kreis schließt sich und führt uns wieder zum herrlichen Frieden der Natur zurück.

Carl Leafstedt
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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