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8.570540 - ZEMLINSKY: Trio for Clarinet, Cello and Piano / Cello Sonata / 3 Pieces
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Alexander Zemlinsky (1871-1942)
Kammermusik

 

Alexander Zemlinskys Musik hat im letzten Vierteljahrhundert ein zunehmend größeres Publikum gefunden. Dabei ruht seine Reputation vor allem auf seinen Opern, Orchesterwerken und einer Reihe schöner Lieder sowie auf der Kammermusik, die bei ihm – wie bei etlichen seiner Zeitgenossen – in den Jahren der Selbstfindung eine hervorragende Rolle spielte. Zemlinsky hat diesen Bereich allerdings um die Jahrhundertwende fast völlig aufgegeben, wenn man von den drei emotional weitgespannten Streichquartetten absieht, die jeweils entscheidende Punkte seiner Entwicklung markieren. Die vorliegende CD bringt drei Kammermusikwerke aus dem letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts und zeigt, wie eine begabte, selbstbewusste Persönlichkeit dabei ist, sich von fremden Einflüssen zu befreien, um der Komponist zu werden, dessen Individualität man erst später erkannte.

Die beiden Werke für Violoncello und Klavier verdanken ihre Entstehung Zemlinskys Freund und Kollegen Adolf Buxbaum. Beide Partituren waren mehr als hundert Jahre verschollen, wenngleich sich die verloren geglaubten Manuskripte seit Jahren im Besitz des Pianisten Peter Wallfisch befanden (ohne dass man sie identifiziert hätte). Der Cellist Raphael Wallfisch fand die Stücke nach dem Tode seines Vaters unter dessen Effekten, worauf der Musikwissenschaftler und Zemlinsky-Experte Antony Beaumont eine Aufführungsfassung der Werke herstellte.

Die Drei Stücke (1891) gehören heute zu den frühesten erhaltenen Werken des Komponisten. Sie waren vermutlich als Geschenk für Buxbaum gedacht, der wenig später von Wien nach Glasgow ging, um seine Stellung als Erster Cellist des damals neuen Scottish Orchestra (heute: Royal Scottish National Orchestra) anzutreten. Der erste Satz ist eine Humoreske, die mit einem vitalen, auf die beiden Instrumente verteilten Thema losbricht. Dieser Gedanke wird von einer expressiven Melodie kontrastiert, die gemächlich ihres Weges geht, bis sie von einer kompletten Wiederholung des ersten Themas beendet wird. Nach einer kurzen, nachdenklichen Einleitung wird das anschließende Lied zu einer rhapsodischen Cellomelodie, die sich zu sanften Klavierfiguren entfaltet, bis die poetischen Schlusstakte erreicht sind. Am Ende liefert die Tarantella mit ihrem animierten, rhythmisch akzentuierten Wechselspiel der beiden Instrumente einen sprechenden Kontrast, wobei vor dem brüsken Abschluss noch einmal ganz kurz der vorherige Satz in Erinnerung gerufen wird.

Die Anfang 1894 vollendete und am 23. April desselben Jahres von Buxbaum in Wien uraufgeführte Cellosonate ist insgesamt ein gehaltvolleres Werk. Ihre Wiederentdeckung hat zweifellos zur Ergänzung des Bildes beigetragen, das wir von dem jungen Zemlinsky haben; zugleich aber wurde damit auch ein markantes und wertvolles Stück Musik ans Licht gebracht. Während die stilistischen Vorläufer der Sonate leicht aufzuspüren sind, zeigt sich in der technischen und emotionalen Spannweite der Komposition bereits der ganze Zemlinsky, in dessen Entwicklung das Werk einen Meilenstein darstellt.

Der erste Satz beginnt mit einem bemerkenswert nach Brahms klingenden Thema, an dem zugleich eine gewisse Nähe zu Tschaikowsky auffällt und das sich in einem intensiven Wechselspiel von Violoncello und Klavier bewegt. Ruhiger und in seinem gesamten Ausdruck entspannter ist das Nebenthema, an das sich die komplette Wiederholung der Exposition sowie eine Durchführung anschließen, die nach ruhigem Anfang bald zu einer ebenso kräftigen wie methodischen Diskussion der bis dahin dargelegten Gedanken führt. Dieser Teil verklingt und bereitet die recht wörtliche Reprise der Hauptthemen vor, worauf bald die Intensität des Anfangs wieder an die Oberfläche dringt und eine mutwillige, wenn nicht gar heftige Coda den Satz beendet. Der langsame Satz beginnt mit einer Melodie, in der sich Zemlinsky von seiner poetischsten Seite zeigt: Violoncello und Klavier engagieren sich in einem Dialog, dessen ruhige Nachdenklichkeit unterbrochen wird, wenn dunkler gefärbte Themen entstehen. Die Anfangsmelodie meldet sich wieder zu Worte, und eine geheimnisvolle Pause bereitet auf die ausgedehnte Coda vor, die auf ihrem Wege bis zum zarten Ende des Satzes sehnsüchtig an verschiedene Aspekte des Themas erinnert. Den Auftakt des Finales bildet ein Thema, das in seiner bewusst seriösen Art wiederum an Brahms denken lässt; die wiegendwohlige Gestaltung des anschließenden Gedankens hingegen könnte von Dvořák inspiriert sein. Nach einer sehnsüchtigen Codetta widmet sich die Musik mit bildhaften Pizzikati einer intensiven Diskussion des ersten Themas, worauf die volle Reprise einsetzt, die jetzt das zweite Thema in Moll bringt. Die Musik erstirbt und macht sogleich Platz für eine Coda, die die motivischen Aspekte sämtlicher drei Sätze zu berühren scheint, ehe sie sich auf eine wehmütige Weise beruhigt, die das Werk in einer unerwartet heiteren Gelassenheit beschließt.

Nach einem nur fragmentarisch erhaltenen Klavierquartett war die Cellosonate Zemlinskys zweites Kammermusikwerk, das unter den Auspizien des Wiener Tonkünstlervereins uraufgeführt wurde, der jungen Komponisten in Wien unter dem Vorsitz von Johannes Brahms die wichtigste instrumentale Plattform bot. Im November 1894 erlebte dann auch Zemlinskys Streichquintett, von dem nur die äußeren Sätze erhalten sind, seine Uraufführung, und es kam zu einer Begegnung zwischen dem jungen Komponisten und seinem älteren Kollegen, in dem dieser ihn ob seiner harmonischen Unbekümmertheit und tonalen Zerfahrenheit zur Rede stellte. Wie eine Antwort auf die offensichtlich „berechtigte Kritik“ schrieb Zemlinsky daraufhin sein Klarinettentrio, das am 11. Dezember 1896 in Wien aufgeführt wurde und Brahms’ Imprimatur erhielt, als er es zusammen mit dem etwas später entstandenen ersten Streichquartett seinem eigenen Verleger Simrock zur Veröffentlichung empfahl. In seiner Besetzung ist das Werk zwar Johannes Brahms verpflichtet (der erst fünf Jahre vorher sein eigenes Trio für Klarinette, Violoncello und Klavier herausgebracht hatte); hinsichtlich seiner Form und Ausdrucksweise jedoch handelt es sich um echten Zemlinsky. Heute gehört die Komposition zu den meistgespielten Stücken des Komponisten.

Der erste Satz beginnt mit einem Thema, in dem Nachdenklichkeit und Entschiedenheit mit packender Wirkung vermählt sind, wobei die trügerische Ungezwungenheit zu einem zweiten Thema führt, ohne dass die Kontinuität merklich unterbrochen würde. Nach der kompletten Wiederholung der Exposition folgt die Durchführung, die sich den expressiven Charakter der Instrumente voll und ganz nutzbar macht, indessen sie sich zu einer ausgedehnten Klimax des ersten Themas steigert. Die subtil veränderte Reprise gibt dem zweiten Thema einen entsprechend größeren Raum zur Entfaltung, und endlich wird in der Coda die zutiefst melancholische Natur der Musik pointiert unterstrichen. Der langsame Satz beginnt mit einem zarten Klaviersolo, dessen thematisches Material von der Klarinette und dem Cello sofort in einen getragenen lyrischen Strom gelenkt wird. Die dunkle Schlussphrase bildet die Grundlage des bewegteren Mittelteils, in dem sich die Instrumente in reichem Kontrapunkt miteinander unterhalten, bevor nach einer ausdrucksvollen Pause die Musik vom Anfang des Satzes mit mannigfachen Veränderungen der Harmonik und der Register wieder aufgegriffen wird. Allmählich steuert der Satz dann zielbewusst einem Ende entgegen, in dem sich Resignation und Bedauern verbinden – eine deutlich, wenngleich nicht sklavisch von Brahms übernommene Kombination. Das Finale besteht aus einem überraschend kompakten Sonaten- Rondo, dessen trippelndes Hauptthema in wirkungsvollem Kontrast zu den gemächlicheren Gedanken steht, die sich ihm anschließen. Alle drei Instrumente bewegen sich in einer dicht geknüpften, kontrapunktischen Textur, die endlich in die Coda einmündet, in der nunmehr alle Themen ins Spiel gebracht werden. In den letzten Takten widersprechen drei entschiedene Akkorde der bisherigen Ausgeglichenheit der Musik.

Richard Whitehouse
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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