About this Recording
8.570554 - GODARD: Violin Concerto No. 2 / Concerto romantique / Scenes poetiques
English  German 

Benjamin Godard (1849–1895)
Concerto No. 2 for Violin and Orchestra, Op. 131
Concerto Romantique for Violin and Orchestra, Op. 35
Scènes Poétiques for Orchestra, Op. 46

 

Benjamin Louis Paul Godard wurde am 18. August 1849 als Sohn eines Geschäftsmannes in Paris geboren. Das Wunderkind auf der Violine wurde zunächst von Richard Hammer und später von Henri Vieuxtemps ausgebildet. Mit vierzehn (andere Quellen sagen: mit zehn) Jahren kam er ans Pariser Conservatoire, wo er bei Henri Reber Komposition studierte. Eine Violinsonate, die er als Sechzehnjähriger geschrieben hatte, war seine erste Veröffentlichung. Mitte der sechziger Jahre bewarb er sich zweimal vergeblich um den Prix de Rome. Von dieser Zeit an widmete sich Godard dem Komponieren – zunächst in zahlreichen Klavierstücken und einer Reihe kammermusikalischer Werke (er war Bratscher in mehreren Kammermusikvereinigungen). Vor allem inspirierte ihn die Musik von Robert Schumann, dessen Kinderszenen er 1876 orchestrierte. 1878 teilte er sich mit einem Kollegen den Kompositionspreis des Concours de la Ville de Paris. Ausgezeichnet wurde damit seine dreiteilige dramatische Symphonie La Tasse für Soli, Chor und Orchester auf ein Gedicht von Charles Grandmougins, das seinerseits auf Fausts Verdammung zurückging. In den nächsten Jahren schrieb Godard eine enorme Menge an Musik, darunter drei programmatische Symphonien (Symphonie Gothique, Symphonie Orientale und Symphonie Légendaire), drei Streichquartette, vier Violinsonaten, eine Cellosonate, zwei Klaviertrios, zahlreiche Klavierstücke, Konzerte für Violine und für Klavier, verschiedene Orchesterwerke sowie über einhundert Lieder. In Erinnerung ist er vor allem durch seine Opern geblieben. Sein erstes Bühnenwerk, Les bijoux de Jeanette, wurde 1878 inszeniert. 1884 folgte Pedro de Zalamea. Die nächste Oper, Jocelyn, nach einem Gedicht von Lamartine, erschien 1888. Berühmt wurde hier vor allem die bekannte Berceuse, die für zahlreiche Instrumentalkombinationen und/oder Singstimmen arrangiert wurde und noch heute Godards populärstes Werk ist. Der Titel wurde von Jussi Björling und von John McCormack (in der englischen Übersetzung als Angels Guard Thee und zu Fritz Kreislers Violinbegleitung) sowie von Alma Gluck, Pablo Casals, dem Eroica Trio und vielen andern aufgeführt. Zu Godards Bühnenwerken gehören ferner Dante et Béatrice (1890), Jeanne d’Arc (1891) und La Vivandière, die er bei seinem Tode 1895 unvollendet hinterließ und die Paul Vidal beendete. Der Dirigent Jules Étienne Pasdeloup bewunderte Godards Musik und ließ ihn viele Werke selbst uraufführen. Nachdem sich Pasdeloup zur Ruhe gesetzt hatte, rief Godard die Concerts Modernes ins Leben, mit denen er Pasdeloups Concerts Populaires fortzusetzen versuchte, doch diese erlebten nur eine Spielzeit (Oktober 1885 bis April 1886). Im Jahre 1887 wurde Godard Professor am Pariser Conservatoire, und 1889 wurde er Ritter der französischen Ehrenlegion. Godard starb am 10. Januar 1895 in Cannes an Tuberkulose.

Godard war zweifellos ein romantisches Temperament, für das aber eher die Mitte des 19. Jahrhunderts als Wagner und Tschaikowsky Leitlinien waren. Man hat seine Begabung mit der flüssigen Arbeitsweise und Manier von Camille Saint-Saëns verglichen. Von seinem Respekt und seiner Bewunderung für Robert Schumann war bereits ebenso die Rede wie von seiner Ausbildung durch Henri Vieuxtemps, einen der großen romantischen Geiger- Komponisten des 19. Jahrhunderts. Godards Musik wurde bisweilen als oberflächlich und „übereilt“ kritisiert, und tatsächlich hat er in einem verblüffenden Tempo komponiert: Schon 1886, mithin als nicht einmal Vierzigjähriger, erreichte er die Opuszahl 100. Ganz in der Art der Romantik gab er seinen Symphonien „Namen“, und in seinen Opern findet man die schwingende Melodik und die romantische Sensibilität, die man von einer romantischen Oper erwartete, wenngleich seine Bühnenwerke bald ihre Publikumsgunst einbüßten. Von all seinen Opern hatte die unvollendete „opéra comique“ La Vivandière den größten Erfolg. Musikalisch folgte Godard den Traditionen Mendelssohns und Schumanns. Für Wagners übertriebene Rhetorik hatte er wenig übrig, zumal er als Jude Wagners Antisemitismus ablehnte. Wie die älteren Romantiker tat sich Godard in kleinen Formen hervor. Der Wissenschaftler Hervey schrieb im 19. Jahrhundert, Godard sei „in kleinen Dingen vielleicht größer als in den großen. In einigen seiner Lieder findet man einen exquisiten Charme ... während viele seiner Klavierstücke ein eigenes Aroma haben.“ In den letzten Jahren ist ein neues Verständnis für die Leistungen entstanden, die Godard auf dem Gebiet der kleinen, einstmals als Salonmusik abgelehnten Stücke vollbracht hat. Am besten fasst man Godards Leistungen als „traditionelle Romantik“ zusammen.

Während sich Godard einen großen Teil seiner kompositorischen Karriere auf andere Instrumente und Formen wie die Oper, das Lied und das Klavierstück konzentrierte, vernachlässigte er doch auch nicht jenes Instrument, auf dem er in seiner Jugend brilliert hatte. Seine Violinkonzerte gehören zu seinen besten Werken und zeigen sowohl seinen Erfindungsgeist als auch seinen Elan. Das Violinkonzert Nr. 2 op. 131 besteht aus den traditionellen drei Sätzen. Das Allegro moderato bringt vom ersten Takt an einen akkordischen Wechsel von Solo und Orchester. Diese Geste wird mit Skalenläufen des Solisten und Bruchstücken eines Motivs ausgefüllt, das eine halbe Note mit Triolen verbindet. Nach einem ritardando wird das gesangliche Hauptthema eingeführt, zu einem Höhepunkt gesteigert und im forte wiederholt. Nach einer kurzen Einlage des Orchesters beginnt der Solist mit einer Kadenz, in der doppelte, dreifache und vierfache Griffe sowie ein Glissando vorkommen. Die thematischen Materialen werden verarbeitet, und der Satz endet mit der üblichen, schwungvollen Geste. Im anschließenden Adagio quasi andante wird das zunächst vom Solohorn angedeutete und dann von der Violine übernommene, lyrische Hauptthema durchweg von einer Triolenbewegung des Orchesters begleitet. Während der Satz im Viervierteltakt begann, ist der kontrastierende Mittelteil im Sechsachteltakt komponiert; hier gibt es Doppelgriffe und kurze Läufe, bevor die Musik langsam zu dem lyrischen Hauptmaterial im Viervierteltakt und der stetigen Triolenbegleitung zurückkehrt, die dann in der Coda aufhört. Das abschließende Allegro non troppo ist ein lebhafter Satz im Zweivierteltakt, vom Anfang bis zum Ende ein rasantes und vergnügliches Rondo.

Das Concerto Romantique op. 35 ist ein viel älteres Werk und in mancher Hinsicht experimenteller. Hervey schrieb, in diesem Concerto Romantique habe Godards Talent „seinen wahren Ausdruck gefunden. Der Komponist dieser Werke ist im Vollbesitz seiner Kräfte, und es ist sicher nicht übertrieben anzunehmen, dass er noch viel zu sagen hat.“ Leider erschien Herveys Buch im Jahre 1894, wenige Monate vor Godards frühem Tod. Das erste ungewöhnliche Kennzeichen dieses Konzertes ist, dass es vier anstelle der üblichen drei Sätze hat. Der erste Satz, Allegro moderato, ist zwar von dramatischerem Charakter als die andern Sätze, recht kurz aber für einen Kopfsatz, der doch gern der „schwerste“ und längste Satz ist. Nach einer sechzehntaktigen Orchestereinleitung setzt der Solist fortissimo mit einem äußerst akzentuierten, martialischen Thema in Doppelgriffen ein. Nach einem Orchesterzwischenspiel singt die Geige ein lyrisches Thema; dieses Material führt schließlich zu einem Abschnitt mit der Bezeichnung Recitativo, das eine Art begleiteter Kadenz darstellt. Eine Coda bringt den Satz zum Abschluss. Das graziöse Adagio non troppo ist mit der nachfolgenden, Allegro moderato vorzutragenden Canzonetta durch einen kurzen, improvisatorischen Teil verbunden. Dabei handelt es sich um Godards berühmtesten Konzertsatz, der bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein immer wieder als Einzelausgabe oder in Sammelbänden für Geige und Klavier veröffentlicht wurde. Es ist ein delikater, äußerst akzentuierter Gesang, der seinen zarten Charakter nur kurz zugunsten einer breiteren Lyrik aufgibt. Das abschließende Allegro molto beginnt mit einer dramatischen Exposition des Orchesters; der Solist tritt mit einem Agitato ed appassionato molto bezeichneten Thema ein. Dieses Thema ist durchsetzt von verschiedenen, teils scherzoartigen Passagen. Die peroratio des Solisten bringt Doppelgriffe, und der Satz endet mit der gehörigen Lebendigkeit.

Die atmosphärischen Scènes Poétiques für Orchester op. 46 bestehen aus vier kurzen, bukolischen Stücken, die verschiedene Freiluft-Szenen schildern: Dans les bois („Im Walde“), Dans les champs („Auf dem Felde“), Sur la montagne („Im Gebirge“) und das quirlige Au village („Im Dorf“).

Bruce R. Schueneman
Deutsche Fassung: Cris Posslac


Close the window