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8.570562 - LISZT, F.: Wagner and Weber Transcriptions (Liszt Complete Piano Music, Vol. 33)
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Franz Liszt (1811–1886)
Wagner- und Weber-Transkriptionen

 

Wagner hat durch seine Bücher…sowie durch seine drei Dramen—Der fliegende Holländer, Tannhäuser und Lohengrin—ein ganzes Regiment von Technikern und Pionieren nötig gemacht. Es wird zum mindesten ein Dutzend Jahre dauern, bis man seine Ideen verdaut hat und die von ihm gesäte Saat aufgeht, um Früchte zu tragen.
— Liszt an seinen Vetter Eduard, Gotha, 29. März 1854

Franz Liszt wurde 1811 im ungarischen Raiding geboren. Sein Vater Adam war Amtmann im Dienste der Fürstenfamilie Esterházy, deren Kapellmeister Joseph Haydn einst gewesen war. Schon früh wurde Franz vom ungarischen Adel gefördert, so dass er 1822 in Wien bei Carl Czerny Unterricht nehmen konnte. Damals kam es auch zu der berühmten Begegnung mit Beethoven. Von Wien ging Liszt nach Paris. Luigi Cherubini verweigerte ihm, dem Ausländer, zwar die Zulassung zum Conservatoire; gleichwohl konnte der Jüngling das Publikum mit seinen Darbietungen beeindrucken. Unterstützt wurde er jetzt durch die Klavierbauer-Familie Erard, für deren Produkte er bei seinen Konzerttourneen Werbung machte. 1827 starb der Vater, worauf seine Mutter nach Paris kam. Franz Liszt unterrichtete, studierte und profitierte von den intellektuellen Kreisen, mit denen er in der Seine-Metropole Kontakte pflegte. Ein neues Interesse am virtuosen Klavierspiel entstand, als er den großen Geiger Niccolò Paganini hörte, dessen technische Fertigkeiten er nun nachzuahmen begann.

In den nächsten Jahren schuf Franz Liszt als Teil seines virtuosen Arbeitsmaterials zahlreiche Kompositionen—darunter auch Lieder und Opernfantasien. Seine Beziehung zu der verheirateten Comtesse Marie d’Agoult veranlasste ihn, Paris für einige Jahre den Rücken zu kehren. Er lebte zunächst in der Schweiz, kam dann nach Paris zurück, um endlich nach Italien, Wien und Ungarn zu reisen. 1844 endete die Beziehung zu seiner Geliebten und Mutter seiner drei Kinder. Seine Konzertkarriere dauerte noch bis 1847: In diesem Jahr begann sein Verhältnis zu der polnischen Fürstin Carolyne zu Sayn-Wittgenstein, die vor ihrem ungeliebten russischen Gemahl geflohen war und sich 1848 mit Liszt in der Goethe-Stadt Weimar niederließ. Hier beschäftigte sich Franz Liszt nun mit einer neuen Form der Orchestermusik, der Symphonischen Dichtung; außerdem widmete er sich, wie üblich, der Revision und Publikation früherer Werke.

1861 ging der inzwischen fünfzigjährige Franz Liszt nach Rom, wo Fürstin Carolyne bereits seit dem Vorjahr lebte. Nach erfolgter Scheidung und Annullierung schien der Weg zur Eheschließung offen, doch beide lebten fortan in getrennten Wohnungen. Liszt empfing schließlich die niederen Weihen und lebte abwechselnd in Weimar, wo er jüngere Künstlergenerationen unterrichtete, in Rom, wo er seinen geistlichen Interessen nachging, und in Pest, das ihn als Nationalhelden feierte. Er starb 1886 in Bayreuth, wo seine Tochter Cosima residierte und damit beschäftigt war, die Musik ihres drei Jahre früher verstorbenen Ehemannes Richard Wagner zu verbreiten.

Operntranskriptionen, -arrangements, -paraphrasen und -phantasien waren für das Repertoire eines jeden Virtuosen unverzichtbar. Liszt leistete bei der Beschwörung des Opernhauses glänzende Arbeit und verfuhr dabei mit dem entliehenen Material oft auf innovative Weise, die neue Aspekte offenbarte. Um die vierzig Werke dieser Art hat er geschaffen, darunter solche nach Meyerbeer, Bellini und Donizetti, später dann nach Verdi und Wagner.

Franz Liszt hatte Richard Wagner 1840 in Paris kennengelernt, wo dieser sich damals mühsam über Wasser hielt und bei jenem vorsprach, ohne dass er einen wirklichen Eindruck hinterlassen hätte. Vier Jahre später erlebte Liszt dann die Dresdner Uraufführung des Rienzi, dessen Komponist inzwischen eine gewisse Selbständigkeit erreicht und sich als Kapellmeister in der sächsischen Metropole etabliert hatte. Liszt war indessen längst der große Virtuose geworden, der die Welt eroberte, bevor er als solcher seinen Abschied nahm und sich 1848 in Weimar als Hofkapellmeister niederließ. Hier konnte er seine altruistische Mission fortführen und die Begabung fördern, die er bei andern entdeckte. Wagner unterstützte er dabei im Februar 1849 mit der Weimarer Inszenierung des Tannhäuser, indessen er auch nicht unwesentlich daran beteiligt war, dem Freund und Kollegen bei der Flucht aus Dresden zu helfen, nachdem dieser sich unbesonnenerweise an der Erhebung der Republikaner gegen die Monarchie beteiligt hatte. Wagner gelangte dergestalt schließlich ins Schweizer Exil, indessen Liszt 1850 in Weimar die Uraufführung des Lohengrin ermöglichte und auch fürderhin alles in seiner Macht stehende tat, um Wagners Bühnenwerke in Deutschland aufführen zu lassen. Gleichermaßen versuchte er demselben mit finanziellen Mitteln unter die Arme zu greifen und eine Amnestie zu erwirken, die Wagner die Rückkehr in die Heimat ermöglichen sollte. Die beiden Männer wurden zum Inbegriff der sogenannten „Zukunftsmusik“, die einerseits in Wagners großartigem dramatischen Konzept vom Gesamtkunstwerk und andererseits in der Gattung der Symphonischen Dichtung repräsentiert wurde, als deren eigentlichen Erfinder man Liszt durchaus wird ansehen können. Während nun dieser das Schaffen des Kollegen überaus würdigte, waren Wagners Ansichten über Liszts Kompositionen zumindest zwiespältig, mochte er sich gegenüber demselben auch noch so vorteilhaft geäußert haben.

Tannhäuser wurde im Oktober 1845 in Dresden uraufgeführt. Während der Zeit des Exils richtete Wagner die erweiterte Pariser Fassung ein, die 1861 in der französischen Hauptstadt allerdings durchfiel. Im November 1848 erklang unter Liszts Leitung in Weimar die Ouvertüre, und im folgenden Februar konnte hier die ganze Oper über die Bühne gehen. Um dieselbe Zeit richtete Liszt auch die Ouvertüre sowie die Romanze O du mein holder Abendstern für Klavier ein. Sie erschienen 1848 in Dresden bzw. Leipzig und sind im Rahmen der Kampagne zu sehen, mit der Liszt sich um eine größere Verbreitung der Wagnerschen Musik bemühte. In der Oper selbst geht es um den Konflikt des Minnesängers Tannhäuser, der zunächst in den sinnlichen Freuden des Venusbergs schwelgt und dann für seinen Frevel büßt. Inzwischen verliebt er sich während des „Sängerkrieges auf der Wartburg“ in Elisabeth, die Nichte des Landgrafen, doch als er die sinnlichen Aspekte der Liebe besingt, richten sich die dort versammelten Ritter gegen ihn. Tannhäuser schließt sich einem Pilgerzug nach Rom an, wo er die Vergebung seiner Sünden erfleht. Der Heilige Vater versagt ihm die Bitte mit den Worten, dass eher sein Hirtenstab Blüten trieb, als dass Tannhäuser Verzeihung würde. Elisabeth erwartet gemeinsam mit dem Minnesänger Wolfram von Eschenbach die Heimkehr des Pilgers, der schließlich durch die posthume Fürsprache der Geliebten seine Erlösung findet. Das Vorspiel des Werkes verbindet den Gesang der Pilger und die Motive der Buße mit der anschließenden Musik des Venusbergs und endet mit dem Chor der heimkehrenden Romfahrer. Das Rezitativ und die Romanze O du holder Abendstern singt Wolfram von Eschenbach, wenn Elisabeth im Sterben liegt. Liszt beschließt seine Bearbeitung mit einer eigenen Coda. Der Einzug der Gäste, zu dem die Kontrahenten und Zuschauer des Sängerwettstreits in der Festhalle der Wartburg auftreten, um vom Landgrafen begrüßt zu werden, ist eines von zwei Wagner-Arrangements, die Liszt 1852 veröffentlichten ließ. Eine Trompete gibt das Signal zu dem Festmarsch, worauf drei weitere Motive den feierlichen Einzug der Edlen und Sänger begleiten. Liszt rundet die Klavierfassung mit einer eigenen Durchführung des Materials.

Die Meistersinger von Nürnberg wurden 1868 in München uraufgeführt. Im Vorjahr hatte Liszt die Partitur mit dem Kollegen zusammen in München durchgespielt (kurze Zeit, bevor seine Tochter Cosima ihren Ehemann Hans von Bülow, einen Freund ihres Vaters, für Richard Wagner verließ, den sie später heiraten sollte). Die Meistersinger verkörpern die Ideale der deutschen Kunst, wie sie der Schuster und Poet Hans Sachs formuliert. Der junge Ritter Walther von Stolzing verliebt sich in Eva, die Tochter des Goldschmieds Pogner, und will in die Gilde der Meistersinger aufgenommen werden, um an dem von diesen veranstalteten Wettbewerb teilzunehmen und so die Geliebte zur Frau zu gewinnen. Der Sieg gelingt schließlich durch die freundliche Anleitung des Hans Sachs. Walther fehlt zwar die formale Ausbildung und somit das traditionelle Regelwerk, an das ein echter Meistersinger gebunden ist, doch schon sein erstes Lied—Am stillen Herd in Winterszeit—ist von seiner Liebe inspiriert und beruft sich darin, wie er singt, auf sein großes Vorbild Walther von der Vogelweide. Liszts Einrichtung des Titels erschien 1871 im Druck; es ist mehr eine Improvisation als eine Transkription.

Dasselbe gilt auch weitgehend für Liszts Bearbeitung der Walhalla-Musik aus dem Ring des Nibelungen, die 1875 entstand und im folgenden Jahr publiziert wurde, als auch die Bayreuther Festspiele mit der ersten kompletten Aufführung der Ring-Tetralogie begannen. Die sogenannte Transkription verwendet verschiedene Themen und Motive des Zyklus: Das bereits im Rheingold vorkommende „Ring-Motiv“ führt zum Motiv der neuen Götterburg Walhall, die Wotan würdig begrüßt. Darauf folgt das Motiv des Schwertes, das Siegmund (Die Walküre) von seinem Vater Wotan verheißen ward.

Als pianistisches Wunderkind hatte Franz Liszt auch Werke von Carl Maria von Weber in seinem Repertoire, und während seiner Weimarer Jahre dirigierte er unter anderem auch den Freischütz. Von 1840 datiert die Freischütz-Fantasie, und 1846 übertrug er weitestgehend textgetreu die Ouvertüren zu Oberon und Der Freischütz aufs Klavier. Das letztgenannte Stück bildet den Auftakt zu einer der wichtigsten Opern der deutschen Romantik und beschwört schon in seiner atmosphärischen Einleitung das Sujet: den deutschen Wald, die Jäger, Förster und teuflisches Zauberwerk. Der Hauptteil des sonatenförmig organisierten Werkes bringt dann die Themen, die den jungen Förster Max und die geliebte Agathe bezeichnen, die der Held mittels der teuflischen Mächte, sprich: durch den schwarzen Jäger Samiel, für sich gewinnen will.


Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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