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8.570563 - TELEMANN, G.P.: 12 Fantasies for Solo Violin (Hadelich)
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Georg Philipp Telemann (1681–1767)
Zwölf Fantasien für Violine sol

 

Georg Philipp Telemann war einer der überragenden Komponisten seiner Zeit, machte seinem Freunde Johann Sebastian Bach weiland den Rang streitig und war auch eindeutig der bevorzugte Kandidat des Leipziger Magistrats für den Posten des Thomaskantors, den Bach 1723 dann aber doch erhielt. Telemann hatte 1721 die Kantorenstelle am Hamburger Johanneum angenommen, womit er zugleich auch für die Musik an den fünf städtischen Hauptkirchen verantwortlich war. Als er ein Jahr später in die Verhandlungen mit Leipzig eintrat, tat er dies, um in Hamburg, wo er dann bis zum Lebensende blieb, bessere Bedingungen für sich durchzusetzen. Als er 1767 starb, trat sein Patenkind Carl Philipp Emanuel Bach, der Sohn von Johann Sebastian, seine Nachfolge an.

Georg Philipp Telemann war 1681 in Magdeburg als Spross einer Familie geboren worden, die seit langem in engen Beziehungen zur lutherischen Kirche stand. Der Vater, der Großvater mütterlicherseits und der ältere Bruder waren Geistliche, und auch er hätte wohl diesen Beruf gewählt, wenn er nicht über außergewöhnliche musikalische Fertigkeiten verfügt hätte. Nachdem er als Kind eine gewisse Frühreife an den Tag gelegt hatte, konnte an einer musikalischen Laufbahn kein Zweifel mehr bestehen, nachdem er sich 1701 erst einmal an der Leipziger Universität immatrikuliert hatte. Hier gründete er das Collegium Musicum, dessen Leitung später Johann Sebastian Bach übernehmen sollte, und 1703 wurde er zudem musikalischer Leiter der Leipziger Oper, indessen er selbst um die zwanzig Bühnenwerke schrieb. In derselben Zeit hatte er mit seinen Kommilitonen viele öffentliche Auftritte, womit er sich den Ärger des damaligen Thomaskantors, Bachs direktem Vorgänger Johann Kuhnau, zuzog, der darin eine Gefahr für seine Privilegien sah.

Von Leipzig ging Telemann nach Promnitz, wo er Kapellmeister des Grafen Erdmann II. wurde, eines Adligen mit einem französisch geprägten Musikgeschmack. Von hier aus führte ihn sein Weg zunächst nach Eisenach, und 1712 wurde er städtischer Musikdirektor in Frankfurt am Main, bevor er 1721 trotz verschiedener anderer Angebote nach Hamburg übersiedelte und dort den Rest seines Lebens verbrachte.

Georg Philipp Telemann war ein ungemein produktiver Komponist und schuf eine enorme Menge sowohl geistlicher als auch weltlicher Musik. Unter anderem schrieb er 1.043 Kirchenkantaten sowie in jedem seiner 46 Hamburger Jahre eine neue Passion. Außerdem beteiligte er sich an den öffentlichen Opernaufführungen der Hansestadt, womit sein Arbeitgeber, der Stadtrat, nicht unbedingt einverstanden war. Nachdem er jedoch erst einmal seine Position gefestigt hatte, übernahm er auch das Direktorat der Hamburger Oper, während er zugleich viele seiner eigenen Werke verlegte und vertrieb. Telemann war vier Jahre älter als Johann Sebastian Bach und überlebte diesen um siebzehn Jahre: Als er starb, war Joseph Haydn 35 und Mozart elf Jahre alt. Sein musikalischer Stil entwickelte sich im Laufe der Zeit vom typischen Spätbarock zu dem neuen galanten Stil, den sein Patensohn auf beispielhafte Weise vertrat.

Seine Zwölf Fantasien für Violin ohne Bass schrieb Telemann im Jahre 1735 als eines der vielen Produkte, die im Hinblick auf den Markt der Amateure und Schüler entstanden. Im Gegensatz zu den höchst komplexen Solostücken, die Johann Sebastian Bach komponierte, erkunden diese unbegleiteten Sätze die Möglichkeiten der Geige, indem sie zwar polyphonische Stimmführungen oder zumindest den fehlenden Bass andeuten, ansonsten aber keine sonderlich hohen Ansprüche an die Spieler stellen. Telemann bedient sich der gängigen, aus der damaligen Sonate oder Suite bekannten Instrumentalformen und zeigt sich dabei oftmals Arcangelo Corelli und dessen italienischen Nachfolgern verpflichtet.

Den Auftakt der Fantasie Nr. 1 B-dur bildet eine langsame Einleitung, deren erste Phrase als Echo erklingt, worauf weitere dynamische Kontraste folgen. Wie in diesem Satz, so gibt es auch im anschließenden Allegro mit seinen charakteristischen Barockfiguren nur bescheidene Doppel- und Dreifachgriffe. Ein Grave in g-moll führt zur Wiederholung des Allegro. Deutlich größer ist der Anteil an Mehrfachgriffen in den beiden ersten Sätzen der Fantasie Nr. 2 G-dur: einem Largound einem Allegro im Dreiachteltakt, dessen Triolenfiguration dann auch in dem abschließenden, an eine Gigue erinnernden Allegro weiterwirkt. Die Fantasie Nr. 3 f-moll bedient sich in der Adagio- Einleitung und in dem nachfolgenden Presto größerer polyphoner Mittel. Ein kurzes Grave stellt die Verbindung zum abschließenden Vivace im Dreiachteltakt her.

Die Fantasie Nr. 4 D-dur beginnt mit einem hurtigen Vivace, worauf ein feierliches, sechstaktiges Grave in hmoll mit Vierfachgriffen zu dem abschließenden Allegro führt, das mit seinem Zwölfachteltakt eine fröhliche Gigue darstellt, die nur nicht so bezeichnet ist. In der Fantasie Nr. 5 A-dur bedient sich Telemann einer andern Form. Eine kurze Allegro-Einleitung mündet in ein kontrapunktisches Presto, das sich nach E-dur wendet. Nach der Wiederholung des Allegro kommt eine Variante des kontrapunktischen Presto-Teils, der nun wieder nach A-dur zurückführt. Im Anschluss folgen ein sechstaktiges Andante fis-moll, das auf einer phrygischen Kadenz endet, sowie ein Allegro, das sein Zweiermetrum mit triolischer Figuration abwechseln lässt. Den Auftakt der Fantasie Nr. 6 e-moll bildet ein Grave, in dem, wie das auch sonst bei anfangs kontrapunktischen Sätzen dieser Art geschieht, eine zweite Stimme als Imitation der ersten einsetzt. Diese Prozedur wird im weiteren Verlauf des Satzes wiederholt. Ein kontrapunktisches Element findet sich auch im anschließenden Presto, dem eine Siciliana in G-dur folgt. Der Schluss-Satz ist ein Allegro, dessen äußere Abschnitte in e-moll einen Mittelteil in E-dur umrahmen.

Der erste Satz der Fantasie Nr. 7 Es-dur ist mit Dolce bezeichnet und besteht aus einer Arie, die Doppelgriffe weitgehend vermeidet. Der zweite Satz, ein Allegro¸ führt zu einem Largoin c-moll, das das hohe und tiefe Register des Instruments kontrastierend gegenüberstellt, wie das auch im endlichen Presto geschieht. Die Fantasie Nr. 9 hmoll beginnt mit einer Siciliana, auf die ein Vivace folgt. Das Stück endet mit einem gigue-artigen Allegro. Dem einleitenden Presto der Fantasie Nr. 10 D-dur schließt sich ein Largoh-moll an, in dem die erste Phrase ihren Widerhall in der zweiten findet. Das Stück endet mit einem Allegro im Neunachteltakt, das mit großen Abwärtssprüngen einsetzt. Am Anfang der Fantasie Nr. 11 F-dur steht ein Un poco vivace, worauf ein arioses Soave folgt, das Un poco vivace wiederholt werden soll. Das abschließende Allegro, das zu der Originaltonart zurückkehrt, kommt gänzlich ohne Mehrfachgriffe aus.

Die Kollektion endet mit der Fantasie Nr. 12 a-moll, deren erstes Moderato durch punktierte Rhythmen charakterisiert ist. Danach folgen ein Vivace im Sechsachteltakt sowie als Finale ein Presto in A-dur.

 

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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