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8.570567 - PASCULLI: Operatic Fantasias
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Antonio Pasculli (1842–1924)
Opernfantasien für Oboe und Klavier

 

Antonio Pasculli gehörte zu den großen Virtuosen auf der Oboe, für die er selbst viele Werke von beträchtlicher Brillanz geschrieben hat. Er wurde 1842 in Palermo geboren und begann seine Musikerkarriere, als er sich mit vierzehn Jahren in Italien, Deutschland und Österreich präsentierte. Als Achtzehnjähriger erhielt er eine Professur für Oboe und Englischhorn am Konservatorium seiner Heimatstadt, und dieser Lehrtätigkeit kam er bis 1913 nach. Seine Karriere als ausübender Musiker, die er auch gemeinsam mit seinem Bruder, dem Geiger Gaëtano Pasculli, verfolgte, war allerdings schon 1884 zu Ende gegangen, als es zeitweilig so aussah, als würde er erblinden. Pasculli spielte eine Oboe aus Buchsbaum und ein Englischhorn mit elf Klappen.

Seit 1879 leitete Antonio Pasculli das Städtische Musik- Corps von Palermo. Dabei war ihm daran gelegen, dass die Bläser auch Streichinstrumente spielten und das Orchester auf diese Weise ein größeres, anspruchsvolleres Repertoire aufführen konnte. Die Kapelle löste sich auf, als Pasculli 1913 in den Ruhestand trat. Er überlebte seine drei Söhne, deren jüngster im Ersten Weltkrieg ums Leben kam. Von seinen sechs Töchtern wurden zwei Harfenistinnen.

Pasculli schuf sich virtuose Oboenstücke, indem er Fantasien über Themen aus damals beliebten Opern komponierte. Dazu gehörten Donizettis La favorita, Poliuto und L’elisir d’amore, Verdis I vespri siciliani, Un ballo in maschera und Rigoletto, Bellinis Il pirata und La sonnambula sowie Meyerbeers Les Huguenots. An Oboenkompositionen gibt es fernerhin drei Charakteristische Studien mit dem Satz Le Api („Die Bienen“), ein Trio Concertante für Oboe, Violine und Klavier über Themen aus Rossinis Guillaume Tell, die Ricordo di Napoli („Erinnerungen an Neapel“) und die Übertragung der Violin- Capricen von Pierre Rode. Darüber hinaus hat Pasculli Musik für seine Kapelle geschrieben.

In seinen Opernfantasien ist das thematische Material von geringerer Bedeutung als die erstaunlichen technischen Anforderungen, die der Komponist den Ausführenden stellt. Was man hier an Ornamenten, Kadenzen und anderen Elementen zu bewältigen hat, ist bis heute aufsehenerregend – mögen die musikalischen Anspielungen heute auch ihre Aktualität verloren haben.

Seine Oper Poliuto schrieb Gaëtano Donizetti im Jahre 1838 nach Corneilles „christlicher Tragödie“ Polyeucte. Die vorgesehene Umarbeitung für Paris resultierte dann in der erweiterten Fassung namens Les martyres. In Neapel hatte man den italienischen Poliuto seinerzeit verboten: Hier wurde er erst zehn Jahre später aufgeführt – als der Komponist bereits verstorben war. Der Inhalt: Im Armenien des 3. Jahrhunderts lässt sich Poliuto heimlich von Nearco taufen. Poliutos Ehefrau Paolina war früher mit dem Prokonsul Severo verlobt und hat den Hohepriester Callistene abgewiesen, der Poliutos Eifersucht entfacht, indem er ihn ein Gespräch zwischen ihr und Severo belauschen lässt. Der Christ Nearco wird gefangen und zum Tode verurteilt, als er sich weigert, den Namen des Mannes preiszugeben, den er als letzten bekehrt hat. Poliuto meldet sich und wird ebenfalls gefangengenommen. Der Tod vereint ihn mit seiner Gemahlin Paolina, die nunmehr auch den neuen Glauben annimmt. Pascullis Fantasia über die Oper „Poliuto“ beginnt mit dem Thema des Priesterchores im Jupitertempel, der am Anfang der zweiten Szene des zweiten Aktes steht, in dem Nearco von Callistene und Severo ausgefragt wird. Außerdem enthält die Fantasie Poliutos D’un alma troppo fervida, womit er sich im ersten Akt auf seine Taufe vorbereitet.

La favorita brachte Donizetti 1840 in ihrer französischen Originalfassung heraus. Die Oper spielt im Spanien unter der Herrschaft Alfonsos XI. von Kastilien. Der Novize Fernando will sich von seinem Gelübde entbinden lassen, weil er sich in Leonora verliebt hat, die – was er nicht weiß – die Maitresse des Königs ist. Sie sorgt dafür, dass er in die Armee kommt, wo er sich hervortut. Der König zeichnet ihn aus, ohne das er von seiner Beziehung zu Leonora weiß, die ihm ein Höfling verrät. Auf Geheiß der Kirche gibt Don Alfonso seine Maitresse auf und kehrt zu seiner Königin zurück. Er belohnt den siegreichen Fernando mit der Hand Leonoras. Nach der Heirat wird Fernando ein älterer Liebesbrief zugespielt. Er erkennt seine Schande, legt sein Schwert ab und geht wieder ins Kloster zurück. Die als Novize verkleidete Leonora folgt ihm und stirbt in seinen Armen. Pasculli beginnt sein Concerto über Motive aus „La favorita“ mit der Szene aus dem ersten Akt, in der Fernando mit verbundenen Augen zu der Insel gebracht wird, wo er Leonora wiedersehen soll. Ihre Vertraute Inez und ihre Damen begrüßen ihn mit Dolce zeffiro il seconda. Eines der weiteren Themen ist Fernandos Spirto gentil aus dem vierten Akt.

Die französische Originalfassung von Giuseppe Verdis I vespri siciliani wurde 1855 in Paris uraufgeführt. Sie spielt im Jahre 1282. Auf dem großen Platz von Palermo rühmen sich die französischen Besatzungssoldaten ihrer Macht und zwingen Elena, deren Bruder von den Franzosen getötet wurde, für sie zu singen. Das patriotische Lied entflammt die Sizilianer, die sich auf die Franzosen stürzen. Durch das Auftreten von Monforte (Simon de Montfort) endet der Tumult. Elena wird von Arrigo begrüßt, der aus dem Gefängnis freigelassen wurde und jetzt eine große Laufbahn vor sich hätte, wenn er in Monfortes Dienste träte. Er lehnt das Ansinnen ab. Procida, der Anführer der sizilianischen Freiheitskämpfer, ist heimgekehrt. Vor der Stadt trifft er Arrigo und Elena. Arrigo will nicht zu dem Ball gehen, zu dem ihn Monforte eingeladen hat, und wird von französischen Soldaten ergriffen. Procida schlägt den Franzosen vor, einige Sizilianerinnen zu entführen (was, wie er weiß, die Wut seiner männlichen Landsleute entfesseln wird). Monforte erfährt, dass Arrigo sein Sohn ist. Der geht schließlich doch mit ihm zu dem großen Ball, bei dem die Verschwörer Monforte ermorden wollen. Deshalb steht Arrigo vor dem unlösbaren Problem, ob er dem endlich gefundenen Vater oder den sizilianischen Patrioten, seinen Verbündeten, die Treue halten soll. Er entscheidet sich, den Vater vor Procida zu schützen. Die Verschwörer werden ergriffen und eingekerkert. Elena und Procida sollen hingerichtet werden, doch Monforte ist bereit, sie zu begnadigen, wenn Arrigo ihn Vater nennt. Dieser tut das am Ende auch. In Monfortes Palastgarten sollen Elena und Arrigo getraut werden. Procida hat einen weiteren Angriff auf die Franzosen vorbereitet. Er teilt Elena mit, dass das Läuten der Kirchenglocken dazu das Signal sein werde. Sie will das Vorhaben zwar nicht verraten, hat aber vor, die Zeremonie zu verhindern und gibt vor, nicht heiraten zu wollen. Monforte weist ihre Vorbehalte zurück. Die Glocken läuten, und die Franzosen werden massakriert. Pascullis Gran Concerto über Themen aus dieser Oper enthält die Barkarole Del piacer s’avanza l’ora, mit der die vornehmen Gäste am Ende des zweiten Aktes in einer Galeere zum Ball des Gouverneurs gefahren werden. Außerdem benutzte Pasculli Arrigos Un sol tuo sguardo aus dem letzten Akt.

Seine große Oper Les Huguenots brachte Giacomo Meyerbeer 1835 in Paris erstmals auf die Bühne. Das französische Libretto wurde später auch ins Deutsche und Italienische übersetzt. Der adlige Hugenotte Raoul de Nangis liebt ein Mädchen, deren wirkliche Identität er nicht kennt. Er sieht das Mädchen im Garten seines Gastgebers, des Grafen von Nevers, doch Marguerite de Valois hatte vor, den Protestanten Raoul mit Valentine, der Tochter eines katholischen Adligen zusammenzubringen, um die religiösen Probleme in Frankreich zu lösen. Marguerites Page soll Raoul zu Valentine bringen. Doch Raoul weigert sich, weil er meint, sie sei mit dem Grafen von Nevers verlobt, was ihr Vater, der Graf von Saint-Bris, übelnimmt. Als er von Raoul herausgefordert wird, beschließen seine Freunde dessen Tod. Raoul findet heraus, dass Valentine zu dem Grafen von Nevers gegangen ist, um die Verlobung mit ihm zu lösen. Als er Valentine aufsucht, belauscht er ein Komplott, wonach die Katholiken vorhaben, am Bartholomäus-Tag ihre Gegner umzubringen. Nevers weigert sich, an dem Komplott teilzunehmen, und wird festgenommen, während Raoul davoneilt, um seine Freunde zu warnen. Er flüchtet mit Valentine und seinem Diener, und alle drei werden von dem Grafen de Saint-Bris getötet, der nicht weiß, dass er seine eigene Tochter umbringt. Pascullis Fantasia enthält den Choeur des baigneuses aus dem zweiten Akt („Jeunes beautés“) sowie das anders gestimmte, eindringliche Le danger presse, das Raoul singt, während die Ereignisse ihrem Höhepunkt zusteuern.

Pascullis Scherzo Brillante mit dem Titel Ricordo di Napolibeginnt mit einer als Allegro prestissimo bezeichneten Klaviereinleitung, die zu einem Largo-Thema führt, das immer weiter ausgearbeitet wird. Allegretto und Con eleganza wird ein zweites neapolitanisches Lied eingeführt, das ordentlich variiert wird, bevor eine Kadenz und die Wiederholung der Introduktion folgen. Eine weitere Variation, eine letzte scherzando-Variante und der durch einen längeren Triller markierte Schlussabschnitt beenden das Stück.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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