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8.570588 - CARULLI, F.: Guitar and Piano Music, Vol. 2 (Franz and Debora Halasz)
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Ferdinando Carulli (1770–1841) und Gustavo Carulli (1801–1876)
Musik für Gitarren und Klavier • 2

 

Von allen komponierenden Gitarristen des frühen 19. Jahrhunderts wie Sor, Giuliani und Aguado ist Ferdinando Carulli am meisten vernachlässigt worden. Obwohl er ein riesiges OEuvre hinterließ, sah man in ihm vor allem den Pädagogen, nicht den Autor von Vortragsstücken. Der neapolitanische Meister ließ sich 1808 in Paris nieder, wo er seine umfassende Méthode complète pour guitare ou lyre op. 27 verfasste und mit enormem Erfolg veröffentlichte. Was er als Komponist zum Gitarrenrepertoire beigetragen hat, verkannte man bis zum Erscheinen des thematischen Verzeichnisses, das der italienische Wissenschaftler Mario Torta 1993 vorlegte. Dieser bezeichnete den Komponisten, Virtuosen und erfolgreichen Lehrer als einen Mann, der „für die Zukunft des Instruments eine entscheidende Rolle gespielt hat […] Seine besten Solostücke verraten eine Fülle von Erfindungen, und seine Kammermusik ist von großer instrumentaler Vielfalt und Kraft.“ Carulli hat einige vierhundert Werke für die Gitarre geschrieben, darunter Soli, Duos und Trios, dann aber auch Stücke für größere Ensembles, Kammermusiken und Konzerte sowie viele Studien und Übungen. An zwei der hier eingespielten Stücke, dem Opus 236 sowie der Choix de Douze Ouvertures de Rossini, soll gemäß den Erstausgaben auch Ferdinandos Sohn, der Gitarrist, Komponist und Gesangslehrer Gustavo Carulli, beteiligt gewesen sein.

Der Ruf des Komponisten Ferdinando Carulli besserte sich merklich, als Julian Bream und John Williams vor gut dreißig Jahren eine Aufnahme seines Duos G-dur op. 34 und der Serenade A-dur op. 96 präsentierten. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte man von Carulli vor allem das Gitarrenkonzert op. 14 sowie die genannte Serenade gekannt, die auch in einer Aufnahme des Gitarrenduos Presti-Lagoya zu haben war. Die hier vorliegende Auswahl ist dem Duorepertoire für Gitarre und Klavier gewidmet, einer Kombination, die sich in den Pariser Salons und Familien einer großen Beliebtheit erfreute und von Carulli mit besonderer Aufmerksamkeit bedacht wurde. Auch andere Gitarristen der Zeit interessierten sich für diese Besetzung—namentlich Carullis Landsmann Mauro Giuliani (1781–1829), der mit dem virtuosen Pianisten Johann Nepomuk Hummel zusammenarbeitete. Was man seinerzeit aber an Carulli besonders schätzte, war die große Sachkenntnis bei der Verbindung der beiden scheinbar so disparaten Instrumente, die er in mehr als zwanzig Werken dieser Art demonstrierte.

Das Duo op. 11 ließ Carulli im Jahre 1809 veröffentlichen. Es ist sein frühestes numeriertes Werk für Gitarre und Klavier und somit auch einer der ersten Versuche, die beiden Instrumente miteinander zu verbinden. Die mozartische Inspiration wird gleich in den ersten Takten des Allegro deutlich, wenn die beiden Instrumente das Thema gemeinsam exponieren. Mit der Brillanz der funkelnden Klavierläufe kann es die Gitarre zwar nicht aufnehmen, doch auch ihr gelingen überall, wo sie die Themen zu spielen hat, fesselnde Wirkungen.

Das nachfolgende Larghetto besteht aus einer Folge von vier Variationen über ein Thema, das wiederum—wie auch die erste Veränderung—vom Klavier dominiert wird. In der zweiten Variation hört man dann freilich die Gitarre dolce mit ihren eigenen einfallsreichen Linien zu einer leisen Begleitung. Darauf meldet sich das Klavier mit neuer Kraft und Lebendigkeit zurück, bevor die Schlussvariation einen arpeggierten Dialog der beiden instrumentalen Partner bietet. Das Rondo—Allegretto überlässt der Gitarre eine solistische Introduktion, worauf sich das Klavier meldet und das Thema oktavierend verstärkt. Trotz gelegentlicher Zweiunddreißigstel-Passagen des Klaviers achten die beiden Mitwirkenden in diesem Finale auf eine größere Ausgeglichenheit ihrer musikalischen Anteile. Am Ende hat das Stück dann ein zufriedenstellendes Gefühl der Kohärenz und klanglichen Synthese erreicht.

Die Duos op. 150 und op. 151 kamen in den 1820-er Jahren heraus. Beide Stücke bestehen aus einem langsamen Satz nach anschließendem Rondo und zeigen, wie gut der reife, inzwischen über fünfzigjährige Komponist die Klangwelten von Gitarre und Klavier zu verschmelzen wusste. Das Larghetto des Opus 150 ist ein kurzer, witziger Satz, in dem sforzando-Akkorde auf charakteristische Weise die thematischen Äußerungen und Wiederholungen unterbrechen. Das Rondo Andante bietet dem Pianisten dann zwar reiche Gelegenheit zu virtuoser Entfaltung, lässt die Gitarre aber auch zu gleichen Rechten kommen. Das Opus 151 beginnt mit einem etwas umfangreicheren, dreiteiligen Andantino, dessen erster Abschnitt am Schluss unverändert wiederholt wird. Das Rondo Allegretto ist ein fröhlicher Tanz im Sechsachtel-Takt, in dem das Klavier erneut Momente der technischen Brillanz mit dem durchgehenden cantabile der Gitarre kombiniert.

Die Drei Walzer op. 32 erschienen um 1815 im Handel und zeichnen sich durch einen vergnüglichen Dialog der beiden Instrumente aus, die sich geschmackvolle italienische Melodien teilen. Carulli schrieb diese Stücke zu einer Zeit, als der Walzer seine höchste Beliebtheit genoss (auch Komponisten wie Beethoven, Schubert und Weber trugen dieser Popularität Rechnung), und er entsprach dieser Mode mit einer geistreichen Gesanglichkeit, die dem Ballsaal nahesteht. Die drei Walzer bilden eine zusammengehörige Gruppe, wie auch die Tonartenfolge (G-dur, D-dur und A-dur) verrät, die die musikalische Kohärenz dieses Triptychon noch verstärkt.

Gioacchino Rossini (1792–1868) war für die Gitarristen des frühen 19. Jahrhunderts eine dankbare Quelle der Transkription. Die Mélange en Duo (Motifs de Rossini) op. 236 ist ein solches Miniatur-Panorama, mit dem man sich bemühte, die Spannung der großen Bühne auch in die Salons zu bringen. Darin erklingen verschiedene Meisterwerke Rossinis, die sich bei dem gebildeten Publikum, das Carullis Arrangements zu hören bekam, einer großen Beliebtheit erfreuten. Die Motive entstammen so unterschiedlichen Opern wie Tancredi, Der Barbier von Sevilla, Die diebische Elster und Aschenbrödel und werden zu einer kontrastreichen Folge verbunden, in der Ferdinando Carulli und sein Sohn Gustavo ihre Begabung mit Zuneigung, aber auch mit Kunstfertigkeit und Verständnis in den Dienst des italienischen Großmeisters stellen.

Die 1822 veröffentlichte Grande Marche de Ries op. 168 entstand nach einem Werk des deutschen Pianisten und Komponisten Ferdinand Ries (1784–1838), der nach seinem Klavierunterricht bei Beethoven in Wien viele Reisen nach Russland, Schweden und England unternahm. Das Magazin The Harmonicum hörte in seiner Art, das Klavier zu spielen eine romantische Wildheit, die ihn von allen andern Vertretern seiner Zunft unterschied. Die letzten Lebensjahre verbrachte Ries in Deutschland, wo er damals unter anderem an einer wichtigen frühen Beethoven-Biographie mitarbeitete.

Die beiden nächsten Werke bieten dann wieder Rossini- Kompilationen. Sie wurden in den zwanziger Jahren als Choix de Douze Ouvertures de Rossini („Zwölf ausgewählte Rossini-Ouvertüren“) ohne Opuszahlen veröffentlicht. Die Einrichtungen basieren auf den Ouvertüren zu Aschenbrödel und Die Italienerin in Algier. Das letztgenannte Bühnenwerk schrieb Rossini mit 21 Jahren: Darin geht es um Mustafa, den türkischen Bey in Algier, und sein Verlangen, eine Italienerin zu ehelichen. Als mit Isabella eine Dame der gewünschten Nationalität an der nordafrikanischen Küste Schiffbruch erleidet, beginnt die eigentliche und recht verzwickte Geschichte. Am Ende will Mustafa aber nichts mehr von italienischen Mädchen wissen: Er kehrt zu seiner Frau und wahren Liebe Elvira zurück.

Ein sehr gekonntes, fantasievolles Werk ist Carullis dreisätziges Grand Duo op. 86, das um 1814 in Paris herauskam. Zunächst stellt das Klavier allein in vierzehn Takten das Hauptthema des Allegro-Kopfsatzes vor, woran sich ein quirliger Wechsel an Klangfarben, geistreichen Modulationen und musikalischen Abhandlungen anschließt, die Carullis Meisterschaft von ihrer lyrischsten und einfallsreichsten Seite zeigen. Das an zweiter Stelle stehende Largo gewährt dem Pianisten eine neuntaktige Einleitung, in der er sich kunstvoller Filigranarbeit hingeben kann; dann setzt die Gitarre ein, und aus dem Zusammenwirken der beiden Elemente entsteht eine harmonische, von eindringlichen Klängen markierte Partnerschaft. Das abschließende, dreiteilige Allegro ist ein glänzendes Virtuosenstück im Dreiachteltakt, ein fröhlicher Tanz mit vielfältigsten Möglichkeiten des präzisen Zusammenspiels und der individuellen Brillanz.


Graham Wade
Mein Dank gilt Mario Torta, der mir freundlicherweise bei der Zusammenstellung dieses Kommentars geholfen hat Deutsche Fassung: Cris Posslac


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