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8.570597 - RICHTER, F.X.: Grandes Symphonies (1744), Nos. 7-12 (Set 2) (Helsinki Baroque, Hakkinen)
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Franz Xaver Richter (1709–1789)
Six Grandes Symphonies (1744): Nr. 7–12 (Folge 2)

 

Auch wenn man dem Namen Franz Xaver Richter häufig im Zusammenhang mit dem berühmten Hoforchester von Mannheim begegnet, so darf man ihn keineswegs für einen typischen Repräsentanten dieser berühmten Kapelle halten, die Dr. Charles Burney später als eine „Armee von Generälen“ bezeichnet hat. Als einer der meistgeachteten und fleißigsten Komponisten spielte er zwar eine wichtige Rolle im Musikleben des Hofes, doch er verweigerte sich in seiner Musik vielen der neuen formalen und stilistischen Entwicklungen, für die Johann Stamitz, der berühmte Musikdirektor der Kapelle, den Weg bereitet hatte. Statt dessen verankerte Richter seine Werke lieber in der Tradition mit dem Resultat, dass seine Musik harmonisch weitaus reicher und in ihrer Stimmführung fantasievoller ausfällt: Je nach dem, wie man zum Fortschritt stand, konnte man natürlich auch „konservativer“ sagen—und konservativ, ja reaktionär war Richter sicherlich. Dennoch eignet seinen späteren Werken, insbesondere seiner Kirchen-musik, eine technische Vollendung und expressive Kraft, die ihren Schöpfer weit über die Routine-produktion der meisten Zeitgenossen erheben.

Richter war mährisch-böhmischer Herkunft und stammte womöglich aus Holleschau. Wenig weiß man über seine frühe Erziehung und musikalische Ausbildung, wenngleich die vollendete Technik, die er in all seinen Werken verrät, für eine gründliche Berufsausbildung spricht. Man vermutet, dass er in Wien beim Kaiserlichen Kapellmeister Johann Joseph Fux studierte, einem fruchtbaren Komponisten, dem wir überdies die einflussreiche Kontrapunktschule Gradus ad Parnassum verdanken. Somit hat er denselben Unterricht genossen wie ein anderer wichtiger Komponist von Symphonien in der Mitte des 18. Jahrhunderts, Georg Christoph Wagenseil.

Im April 1740 wurde Richter Vize-Kapellmeister des Fürstabtes Anselm von Reichlin-Meldegg zu Kempten im Allgäu, wo er vermutlich während der nächsten fünf oder sechs Jahre blieb. 1747 erscheint sein Name dann unter den Hofmusikern des Mannheimer Kurfürsten Carl Theodor von der Pfalz. Obwohl ihn Marpurg 1756 als zweiten Geiger der Hofkapelle aufführte, gibt es keinerlei zeitgenössische Hinweise darauf, dass Richter tatsächlich als Instrumentalist gearbeitet hat. Er war Sänger von Profession, und wenn er in damaligen Unterlagen als virtuoso di camera bezeichnet wird, dürfte sich das auf diese Tätigkeit und nicht auf etwaige Zusatzpflichten als Geiger beziehen.

Als Mitglied der Mannheimer Kapelle hat Richter natürlicherweise eine Vielzahl von Symphonien kompo-niert. Daneben aber verfasste er auch eine bedeutende Menge geistlicher Werke. 1748 schrieb er auf Einladung des Kurfürsten das Karfreitagsoratorium La deposizione dalla croce. Da Richter dieses Werk im ersten Jahr seiner Mannheimer Anstellung schuf, könnte man vermuten, dass Carl Theodor ihn eigens verpflichtet hatte, um diesen Bereich der Musik bei Hofe zu verstärken, nicht aber, um sich einen weiteren Symphoniker in sein aufblühendes Orchester zu holen. Richter war auch als Lehrer tätig und schrieb von 1761 bis 1767 auf der Grundlage von Fux’ Gradus ad Parnassum eine Kompositionslehre, die er Carl Theodor widmete. Zu seinen wichtigsten Schülern gehörten H. J. Riegel, Carl Stamitz, Ferdinand Fränzl und der außergewöhnliche Joseph Martin Kraus. 1768 wurde Richter zum kurfürstlichen Kammerkompositeur ernannt; danach verschwindet sein Name von der Liste der Hofsänger.

1754 besuchte Richter den Hof von Oettingen- Wallerstein. In späteren Jahren bereiste er auch Frankreich, die Niederlande und England, wo seine Kompositionen auf großes verlegerisches Interesse stießen. Einer der Gründe für diese Reisen war seine zunehmende Unzufriedenheit mit der modischen Virtuo-sität, mit der er sich in Mannheim befassen musste. Er begriff, dass selbst fähige Komponisten wie Johann Stamitz immer mehr auf einen Vorrat an Formeln und musikalischen Effekten verfielen. Nichtsdestoweniger blieb er bis zum April 1769 in Mannheim; dann übernahm er als Nachfolger Joseph Garniers das Kapellmeisteramt am Straßburger Dom.

In den letzten zwanzig Lebensjahren wandte sich Richter immer mehr der geistlichen Musik zu. Damals komponierte er eine Reihe außergewöhnlicher Werke, die heute praktisch unbekannt sind. Mitte der achtziger Jahre—das genaue Datum ist unbekannt—wurde Haydns früherer Schüler Ignaz Pleyel, inzwischen einer der populärsten und erfolgreichsten Komponisten in Europa, zu Richters Stellvertreter ernannt. Pleyels Straßburger Jahre waren die fruchtbarsten seiner Karriere—seine Anstellung als Kapellmeister nach Richters Tod im Jahre 1789 endete jedoch vorzeitig durch den Ausbruch der Revolution und deren Nachwirkungen.

Dr. Charles Burney hielt Richter für einen der bedeutendsten Mannheimer Komponisten, obwohl er bewusst dem dort vorherrschenden, modischen Stil aus dem Wege ging. Seine frühen, deutlich vom österreichischen Barock aromatisierten Werke fanden in konservativen Musikzentren wie London und Berlin eine viel wärme Aufnahme als in Süddeutschland. Richters instrumentaler Kontrapunkt wurde seinerzeit sowohl im strengen Fugenstil wie auch in seinen freieren Formen sehr bewundert; er bediente sich dessen mit großem Geschick, um seine ansonsten vornehmlich homophonen Sätze zu beleben. Burneys Vorbehalt, dass Richter die melodische Linienführung gelegentlich durch den übermäßigen Gebrauch von Sequenzen geschwächt hätte, ist gewiss berechtigt, doch es lässt tief blicken, dass er sich für die einfallsreiche thematische Konstruktion begeisterte, die auf einer eher altmodischen Motivarbeit basierte.

Die Six Grandes Symphonies entstanden um 1740 und wurden 1744 in Paris von Duter, Boivin und Le Clerc als erster von zwei Teilen einer aus zwölf Symphonien bestehenden Edition veröffentlicht. Der Komponist zeigt schon hier die Merkmale seines reifen Stiles: Schnelle Sätze werden intensiv angetrieben und verdanken einen großen Teil ihrer Kraft der häufigen Verwendung kontrapunktischer Mittel, wohingegen langsame Sätze reich an expressiven Harmonien und unerwarteten melodischen Wendungen sind. All diese Stücke entstanden vor Richters Mannheimer Zeit und könnten bei seiner Berufung an den kurfürstlichen Hof eine Rolle gespielt haben. Interessant zu bemerken ist, dass die Musik nicht viel mit dem Stil des jüngeren Wiener Zeitgenossen Georg Christoph Wagenseil gemein hat, der, wie bereits gesagt, ebenfalls ein Schüler Fux’ gewesen war. Während sich Wagenseil in seinen Symphonien recht vorbehaltlos des neuen galanten Stils bedient, wurzelt Richters Schaffen fest in der barocken Tradition, und es gibt nur wenige Hinweise darauf, dass er sich des großen stilistischen Aufruhrs der damaligen Zeit bewusst war.

Wenn der Mannheimer Stil durch die Symphonien von Johann Stamitz, Carl Toëschi, Anton Filtz und andere verkörpert wird, so gab es auch für Richters Werke ohne Frage Bewunderer. Die harmonische Komplexität und kontrapunktische Kunstfertigkeit, die der Stamitz-Schüler Franz Beck in seinen Symphonien an den Tag legt, sind weit mehr Richter als dem Schaffen des Lehrers verpflichtet. Ebenso kann man annehmen, dass der Ursprung des äußerst konzentrierten und intensiven Stils, dessen sich Joseph Martin Kraus befleißigte, in den Werken Franz Xaver Richters zu finden ist.


Allan Badley
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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