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8.570704 - ALWYN: Concerto grosso No. 1 / Pastoral Fantasia / 5 Preludes / Autumn Legend (Lloyd-Jones)
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William Alwyn (1905-1985)
Orchesterwerke

 

William Alwyn hat rund fünfzig Orchesterwerke komponiert. Dazu gehören fünf Symphonien und eine Sinfonietta, Konzerte für Flöte, Oboe, Violine, Klavier und Harfe, drei Concerti grossi und eine Anzahl kleinerer programmatischer Stücke. Dazu kommen um die zweihundert Filmmusiken, die dem Komponisten durch ihre vielfältige Themenstellung ebenfalls bei der Vervollkommnung seiner Orchestertechnik halfen. In der Liste dieser Arbeiten findet sich die Musik zu etlichen britischen Filmklassikern der vierziger und fünfziger Jahre: Ausgestoßen (1946), Kleines Herz in Not (1948), Der Fall Winslow (1948) und viele andere.

Die sieben auf dieser CD vorliegenden Orchesterwerke zeigen, dass Alwyn immer wieder ganz individuell auf symphonische Aufgaben reagierte – von den frühen Fünf Preludes, in denen man bereits sein waches Ohr für Orchesterfarben spürt, bis hin zu der selbstgewissen Instrumentierung seiner evokativen Autumn Legend.

Die Overture to a Masque wurde am 1. Mai 1940 in London vollendet. Henry Wood hatte vor, sie am 24. September desselben Jahres bei seinen Proms in der Queens Hall aus der Taufe zu heben, doch das Schicksal durchkreuzte das Vorhaben: Als London während des Zweiten Weltkriegs unter schwerem Bombenhagel lag, beschloss die Regierung, sämtliche Theater, Konzertsäle und Lichtspielhäuser zu schließen. Dieser Entscheidung fiel auch die Premiere der Overture zum Opfer, die in Vergessenheit geriet und als verschollen galt, bis man sie fünfzig Jahre später im Archiv des London Symphony Orchestra wiederentdeckte und erstmals einspielte. Das Stück gliedert sich in drei Abschnitte, wobei zwei lebhaftere Außenteile den besinnlicheren Mittelteil einfassen. Nach einer kurzen, absteigenden Figur der Flöten, Klarinetten und Fagotte präsentieren die Oboen den melodischen und rhythmischen Hauptgedanken, der sich zu einem lebhaft synkopierten Tanz entwickelt. Dann greifen die Trompeten den ersten Gedanken wieder auf und führen zu dem nachdenklicheren Mittelteil. Dieser erreicht eine kurze Klimax, worauf – dieses Mal in den Klarinetten – die erste Idee wiederkehrt. Der synkopierte Tanz meldet sich erneut, und endlich wird eine ruhige Stimmung erreicht. Ein jähes Crescendo der Hörner führt zu einer fortissimo-Reprise der ersten rhythmischen Figur, die das Werk zu einem abrupten Schluss bringt. Die „Masque”, von der im Titel die Rede ist, war eine musikalisch-dramatische Unterhaltung, die sich im England des 16. und 17. Jahrhunderts großer Beliebtheit erfreute.

Im Verlauf des Jahres 1943 konnten Alwyns Werke wegen des Krieges im Konzertsaal nur sehr selten gespielt werden. Notgedrungen schrieb er eine Vielzahl an Filmmusiken – und zwar sowohl für Spielfilme wie auch für Dokumentationen. Einer der berühmtesten Titel aus der zweiten Kategorie wurde Desert Victory mit einem hinreißenden Marsch, der seinerzeit ungemein populär war. Immerhin schrieb Alwyn während desselben Jahres im Auftrag der BBC auch ein Orchesterstück, und zwar das erste Concerto Grosso Bdur, das er „George Stratton und meinen Freunden vom LSO” gewidmet hat. Als das Werk entstand, war Alwyn bereits einige Jahre als Flötist im London Symphony Orchestra tätig und hatte hier natürlich viele Freunde gefunden. Die ersten Ideen hielt Alwyn fest, während er in London als Luftschutzwart seine Pflicht tat. Besetzt ist das dreisätzige Werk mit Flöte, Oboe, Englischhorn, zwei Hörnern, Trompete, Schlagzeug, Solovioline und Streichern. Der erste Satz beginnt mit einer kurzen, schreitenden Figur, die im fortissimo von den Streichern vorgestellt wird. Anschließend meldet sich eine Trompetenfanfare, die von der Solovioline übernommen wird. Dieser Gedanke erscheint in verschiedenen Permutationen, darunter als kurze Kadenz der Solovioline, die den Satz zu einem heftigen Abschluss bringt. Ganz anders ist das nachfolgende, sehnsüchtige Siciliano, in dem das Englischhorn über leise sich wiegenden Streichern das Hauptthema intoniert. Das Finale greift Gedanken des Kopfsatzes auf und beendet das Werk auf lebhafte Weise.

Die Pastoral Fantasia für Viola und Streichorchester entstand von Juni bis Oktober 1939. Indessen sich die Gewitterwolken des Krieges verdichteten, warf dieses zarte, rhapsodische Werk ganz offenkundig einen wehmütigen Blick auf ein vergangenes England, in dem das Leben noch langsamer vonstatten ging und insgesamt angenehmer war. Dieser way of life sollte mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges für immer untergehen. Die Uraufführung der pastoralen Fantasie gaben zwei enge Freunde des Komponisten: Der Bratscher Watson Forbes und der Pianist Clifford Curzon spielten das Stück im März 1940 bei einer BBC-Sendung in einer Version mit Klavierbegleitung. Im November 1941 fand dann die Premiere mit Streichorchester statt. Watson Forbes wurde dieses Mal vom BBC Symphony Orchestra unter Adrian Boult begleitet. Fünfzig Jahre sollten vergehen, bis das Werk erneut aufgeführt wurde – was zu bedauern ist, da es eine beachtliche Bereicherung des nicht sonderlich großen Repertoires für Bratsche und Orchester darstellt.

Die Fünf Preludes für Orchester sind hier in ihrer Erstaufnahme zu hören. Sie wurden am 25. März 1927 in London vollendet und waren, als sie Sir Henry Wood am 22. September des Jahres uraufführte, die erste Komposition von Alwyn, die bei einem Promenade Concert erklang. In späteren Jahren folgten weitere Premieren bei den Proms: im August 1949 das Oboenkonzert, im Juli 1954 Lyra Angelica, im August 1959 die vierte Symphonie, im September 1960 die Overture Derby Day und endlich im August 1964 unter der Leitung des Komponisten das dritte Concerto Grosso.

Am 18. Juni 1927 schrieb Wood an Alwyn, er habe die Fünf Preludes zur Aufführung bei den Proms angenommen und warte jetzt nur noch auf die Entscheidung des BBC-Beirats. Dieser sprach sich offenbar für das Programm aus, denn am 13. Juli schickte Wood dem Komponisten seine Partitur mit der Bitte, sich sofort um die Herstellung des Stimmenmaterials zu kümmern. Weiter fragte er: „Möchten Sie ihr Werk vielleicht selbst dirigieren?” Am Ende verzichtete Alwyn aber darauf. Anfang September lud ihn Sir Henry in seine Wohnung am Regents Park ein, um mit ihm am Klavier die fünf Stücke durchzugehen, und zur Verblüffung des Komponisten konnte er sie allesamt auswendig spielen.

Alwyn setzt in diesem farbig instrumentierten Werk ein großes Orchester ein, um die kurzen Miniaturen kunstvoll und eloquent zu instrumentieren. Der erste Satz, ein Allegretto in C-dur, bringt einen ständigen Taktwechsel von 3/4 und 2/4, wobei das absteigende Hauptthema von Klarinetten, Trompeten und Streichern exponiert wird. Nach einer kurzen Klimax des vollen Orchesters kehrt das erste Thema wieder, das dann verklingt und zum fernen Klang einer Piccoloflöte und mit einem Pizzicato-Akkord der Violinen (ppp) schließt. Das elegische zweite Prelude, ein Andante in D-dur, lässt die Oboen das Hauptthema vorstellen. Die Piccoloflöte übernimmt, worauf die Klarinetten folgen, die ihrerseits erst in den sordinierten Hörnern und dann in den Streichern nachklingen. Den Schluss markiert die kleine Flöte, die das Thema zu tremolierenden Violinen und Harfenflageoletts spielt. Das dritte Prelude ist ein Walzer in A-dur, dessen Hauptthema von den Violoncelli exponiert wird, derweil die anderen Streicher mit Pizzikati, Flöten und Klarinetten mit Staccati begleiten. Das Thema wird vom vollen Orchester übernommen und zu einer Klimax geführt, an die sich die Wiederholung des Hauptgedankens anschließt, der nunmehr delikat von Flöten, Klarinetten, Celesta und Harfe sowie den Pizzikati der Violinen und Bratschen begleitet wird. Die Geigen übernehmen das von Flöten und gedämpften Hörnern umspielte Thema, worauf der Satz in der Unendlichkeit verhallt. Das vierte Prelude, ein Andante con moto in E-dur, ist für vier Hörner und Streicher geschrieben, die allesamt mit Dämpfern spielen. Es erklingt eine zarte, ruhige Melodie in den Streichern, die beinahe wie ein Schlaflied wirkt. Diese Atmosphäre bleibt in dem gesamten, gerade einmal 17-taktigen Stück erhalten. Das fünfte Prelude, ein Allegro molto in F-dur, ist ein Satz für volles Orchester, bei dem auch Xylophon und kleine Trommel zum Einsatz kommen. Das Hauptthema erklingt im Xylophon und wird von den sordinierten Trompeten verdoppelt. Später erklingt es in der Tuba. Der Satz gipfelt in einem fortissimo des vollen Orchesters und endet jäh mit einem Harfenglissando.

Das Tragic Interlude für zwei Hörner, Pauken und Streichorchester wurde im November und Dezember 1936 in London vollendet. Ursprünglich war dieses Stück der erste Satz des zweisätzigen Streichquartetts Nr. 13, das Alwyn im Oktober 1936 begonnen hatte. Es wäre möglich, dass er damals gerade den Roman Death of A Hero kennengelernt hatte, in dem sich Richard Aldington 1929 mit dem Ersten Weltkrieg auseinandersetzte. Dergestalt fühlte sich der Komponist zur Uminstrumentierung des ersten Quartettsatzes angeregt. Die handschriftliche Partitur des „Tragischen Zwischenspiels” zitiert drei Zeilen aus dem bewussten Roman:


„und ich dachte an die Gräber des zerstörten Troja,
und an die vielen schönen Jünglinge, die jetzt Staub sind,
und den langen Todeskampf und wie nutzlos er war. – “


Von den schmerzlichen Schreien der Streicher, die von schweren Hörner- und Paukeneinwürfen durchsetzt sind, bis zu dem abschließenden pianissimo tranquillo unterstreicht Alwyns leidenschaftliche Elegie diese Zeilen äußerst wirkungsvoll, und nur zu gut spürt man das Gefühl von Schmerz, Verlust und Verzweiflung. Das Tragic Interlude wurde am 1. April 1938 vom BBC Midland Orchestra unter Leslie Heward bei einer BBCSendung uraufgeführt.

Die bewegende, stimmungsvolle Autumn Legend für Englischhorn und Streichorchester wurde im November 1954 in Thornhill, Cowes, auf der Isle of Wight vollendet. In den fünfziger Jahren hatte Alwyn etliche präraffaelitische Bilder erworben, darunter vor allem solche von Dante Gabriel Rossetti, den er als Maler und Dichter sehr bewunderte. Tatsächlich hingen diese Gemälde an den Wänden seines Studios, in dem er komponierte, und bisweilen hatte er den Eindruck Rossetti sei im selben Raum anwesend. Alwyn nannte das Stück seine persönliche Hommage an Rossetti und hielt es für eines seiner schönsten Werke. Der Partitur sind die folgenden Zeilen aus The Blessed Damozel vorangestellt:


Gewiss, sie beugte sich über mich –
ihr Haar fiel mir ins Gesicht ...
Nichts: der herbstliche Fall der Blätter
Das ganze Jahr vergeht.


Die improvisatorisch anmutende Musik ist unmittelbar von Rossettis Worten inspiriert. Man könnte in dem Stück vielleicht das englische Pendant zu Jean Sibelius’ Schwan von Tuonela sehen. Roger Winfield (Englischhorn) und das Hallé Orchestra brachten das Werk am 22. Juli 1955 in der Cheltenham Town Hall zur Uraufführung. Die Leitung hatte Sir John Barbirolli, der ein großer Anwalt Alwyns werden sollte.

Die melodische, unterhaltsame Suite of Scottish Dances ist ein Arrangement für kleines Orchester aus dem Jahre 1946. Sie geht auf zwei alte Publikationen mit schottischen Liedern und Tänzen von etwa 1790 zurück. Diese enthalten „beliebte neue Contre-Tänze, wie man sie in Gesellschaft tanzt” sowie „Neil Gows modischste Tänze, wie sie 1787 und 1788 in Edinburgh getanzt wurden.” Alwyns Suite besteht aus sieben kurzen Tänzen: Die indische Königin, Eine Reise nach Italien, Colonel Thornton’s Strathspey, Reel: Die Jagd von Perthshire, Reel: Loch Earn, Carleton House und Miss Ann Carnegie’s Hornpipe. Das Werk ist Muir Mathieson gewidmet, der in den dreißiger, vierziger und fünfziger Jahren viele britische Filmmusiken (auch von Alwyn) dirigiert und viele Komponisten wie Vaughan Williams, Bliss, Bax und Arnold zu Filmmusiken überredet hatte. Die Suite of Scottish Dances wurde 1946 vom BBC Scottish Orchestra unter Guy Warrack uraufgeführt.

© Andrew Peter Knowles 2008
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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