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8.570724 - SZYMANOWSKI, K.: Stabat Mater / Veni Creator / Litany to the Virgin Mary / Demeter / Penthesilea (Wit)
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Karol Szymanowski (1882–1937): Stabat Mater op. 53 • Veni Creator op. 57
Litanei an die Jungfrau Maria op. 59 • Demeter op. 37b • Penthesilea op. 18

 

Wie im übrigen Europa führte das Erwachen des politischen Nationalbewusstseins im 19. Jahrhundert auch in Osteuropa zu einer Herausbildung verschiedener nationaler Musik-Schulen. In Polen hatte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Frédéric Chopin die Musik von west- und mitteleuropäischen Vorbildern emanzipiert, doch ein Stillstand der von Chopin initiierten Bewegung hatte die polnische Musik am Ende des Jahrhunderts in die provinzielle Rückständigkeit zurückfallen lassen. Mit Karol Szymanowski fand sich um die Jahrhundertwende eine Komponistenpersönlichkeit, die die polnische Musik nicht nur aus diesem Zustand des Niedergangs an die Schwelle der Moderne und erneut auf internationales Niveau führte, sondern mit seinen Werken auch neue Ziele und Wertmaßstäbe für die nachfolgenden Generationen polnischer Komponisten setzte. Karol Szymanowski fand seinen eigenständigen künstlerischen Weg erst nach zahlreichen Umwegen. Er wurde 1882 in dem ukrainischen Dorf Tymoschówka geboren und wuchs auf dem Gutshof seiner Eltern in einer äußerst kunstsinnigen Atmosphäre auf. Den ersten Klavierunterricht erhielt Szymanowski von seinem Vater, dann übernahm der zur Verwandtschaft der Familie gehörende Gustav Neuhaus seine musikalische Erziehung. Bereits 1900 hatte er eine Reihe - zumeist hochvirtuoser - Klavierkompositionen geschrieben, darunter eine Sammlung von neun Präludien, die als sein op. 1 veröffentlicht wurden. Ab 1901 setzte er seine Studien bei Sigmund Noskowski am Konservatorium in Warschau fort. Hier entstand sein erstes Werk für Orchester, die Konzert-Ouvertüre E-dur op.12 sowie die Klaviersonate c-moll op. 8, die beim Chopin- Wettbewerb in Lemberg den Ersten Preis gewann. Obwohl Szymanowski zusammen mit anderen Komponisten und Musikern einem Kreis angehörte, der sich die Förderung neuer polnischer Musik zum Ziel gesetzt hatte und später als das „Junge Polen? bekannt wurde, standen seine ersten Kompositionen noch deutlich unter dem Einfluss der deutschen Spätromantik.

Durch ausgedehnte Reisen nach Berlin und Wien vertiefte Szymanowski in den folgenden Jahren seine Auseinandersetzung mit der deutschen Musiktradition, vor allem mit den Werken von Max Reger und Richard Strauss. Darüber hinaus regte sich aber das Interesse an östlichen Kulturen und Weltanschauungen. Diese neuen Ideen finden ihren Niederschlag in Szymanowskis künstlerischem Weltbild und spiegeln sich in den Werken, die in jenen Jahren entstanden. Das angestrebte Ideal der komplizierten, kontrapunktischen Schreibweise von Reger und Strauss findet sich in der ersten Symphonie wieder, der Einfluss Alexander Skrjabin spiegelt sich in der zweiten Symphonie und in der zweiten Klaviersonate. Weitere Reisen führten Szymanowski nach Paris, wo er mit den impressionistischen Werken Ravels bekannt wurde, und über Sizilien bis nach Nordafrika. Durch die Beschäftigung mit der Antike, den mediterranen Kulturen und der orientalischen Mystik geriet der Einfluss der deutschen Musik zunehmend in den Hintergrund. Die Verbindung des farbig-schillernden impressionistischen Stils mit antiken, christlich-byzantinischen und orientalischmystischen Geisteshaltungen kommt in den Werken wie Des Hafis Liebeslieder op. 24 von 1914, dem Operneinakter Hagith op. 25 aus den Jahren 1912/13 und vor allem der dritten Symphonie Das Lied der Nacht op. 27 zum Ausdruck.

Nach dem ersten Weltkrieg kehrte Szymanowski nach Polen zurück und ließ sich in Warschau nieder. Ähnlich wie der Ungar Bartók und der Tscheche Janácek begann er Elemente der heimischen Folklore in seine Werke zu integrieren. Besuche in der polnischen Tatra brachten ihm die Volkslied- und Volkstanz- Tradition Polens nahe, und er entdeckte, dass die freie Verwendung melodischer und harmonischer Strukturen in der Volksmusik neue Wege in seinem kompositorischen Schaffen eröffneten. In diesem neuen nationalen Idiom entstanden Szymanowskis Meisterwerke wie die Oper König Roger, das Ballett Harnasie op. 55 und das Stabat Mater op. 53. Mit diesen Werken fand Szymanowski die lang ersehnte nationale und internationale Anerkennung. 1926 wurde er zum Direktor des Warschauer Konservatoriums ernannt, musste aber aus gesundheitlichen Gründen das Amt bereits nach drei Jahren wieder aufgeben. Da es trotz der allgemeinen Anerkennung um seine materielle Situation schlecht bestellt war, unternahm er in den dreißiger Jahren zahlreiche Konzertreisen kreuz und quer durch Europa. Die Strapazen dieser Tourneen untergruben jedoch seine ohnehin angegriffene Gesundheit zunehmend, und auch ein Aufenthalt in Südfrankreich verschaffte kaum Linderung. Szymanowski starb in einem Sanatorium in Lausanne am 28. März 1937.

Mit dem Stabat Mater op. 53 begab sich Szymanowski erstmals auf das Gebiet der geistlichen Musik. Das in den Jahren 1925/26 entstandene Werk für Sopran, Alt, Bariton, gemischten Chor und Orchester geht auf eine Reihe verschiedener Anregungen zurück und sollte eine Art ?polnisches Requiem? werden, in dem sich die tiefempfundene Religiosität des polnischen Volkes unmittelbar ausdrückt. Als Textgrundlage verwendete Szymanowski die lateinische Sequenz des Stabat mater dolorosa in der polnischen Übersetzung von Josef Jankowski. Selbst nicht religiös, sah Szymanowski den Text als Symbol für menschliches Leiden allgemein, und er versuchte, durch seine bildhaft-dramatische Vertonung den allgemeinmenschlichen Charakter hervorzuheben. Szymanowski hatte sich vor Beendigung der Partitur intensiv mit der geistlichen Musik des 16. Jahrhunderts beschäftigt, vor allem mit der Musik polnischer Komponisten, und verbindet in seiner sechssätzigen Komposition polyphone Techniken des 16. Jahrhunderts - lineare Melodielinien und archaische Harmonik - mit den Elementen der polnischen Volksmusik. Das Ergebnis ist ein zutiefst persönliches Werk, in dem sich religiöse und nationale Gefühle miteinander mischen. Es wurde am 11. Januar 1929 unter der Leitung von Grzegorz Fitelberg in der Warschauer Philharmonie uraufgeführt und fand die ungeteilte Anerkennung der internationalen Musikwelt.

Neben den sechs Kurpien-Liedern für gemischten Chor a cappella schrieb Szymanowski zwei weitere Chorwerke: Veni Creator op. 57 sowie die Litanei an die Jungfrau Maria op. 59. Das Veni Creator für Sopran, gemischten Chor und Orchester entstand im Sommer 1930 und war für die festliche Inauguration Szymanowskis als Rektor der Staatlichen Musikhochschule bestimmt. Der Grundcharakter der Komposition, für die Szymanowski den bekannten Pfingst-Hymnus in der Übersetzung von Stanisław Wyspiański vertonte, ist im wesentlichen vom Pomp der Zeremonie geprägt, für die sie vorgesehen war. Unmittelbar nach Beendigung des Veni Creator, noch im Sommer 1930, begann Szymanowski mit der Arbeit an der Litanei an die Jungfrau Maria op. 59. Die zwei Fragmente für Sopran, Frauenchor und Orchester auf Gedichte von Jerzy Liebert waren ursprünglich als fünfsätzige Komposition geplant, verwirklicht wurden jedoch nur zwei Sätze: Zwölftönige Cister, deren Saiten vom Himmel stammen und Wie ein Zwergbusch, ein dunkler Wacholder, ist meine Treue..., die im Gesamtkonzept an zweiter bzw. vierter Stelle stehen sollten. Sowohl die Satztechnik als auch das melodische Material der Gesangsstimme des 1933 in der Warschauer Philharmonie uraufgeführten Werkes weisen deutliche Parallelen zum Stabat mater auf.

Durch ihren devoten Charakter und die Einheit des unmittelbaren religiösen Ausdrucks nehmen das Stabat mater und die Litanei in Szymanowskis Schaffen eine Sonderstellung ein, die sich deutlich von der dritten Symphonie, wo der Chor als zusätzliche Orchesterfarbe benutzt wird, aber auch vom Veni Creator und den sechs Kurpien-Liedern unterscheidet.

Auch die Kantate Demeter op. 37b weist unübersehbare Parallelen zum Stabat Mater auf, obwohl die Komposition bereits 1917 begonnen und nach sechsjähriger Unterbrechung 1924 beendet wurde. Die auf den griechischen Mythos um die Mysterien der Elysien zurückgehenden Gedichte von Zofia Szymanowska thematisieren den Kreislauf von Tod und Auferstehung in der Natur aus der Perspektive einer Mutter, die den Tod ihrer Tochter beklagt. Obwohl die Instrumentation noch stark den impressionistischen Vorbildern verhaftet ist, deutet die langsam zunehmende Simplizität auf die folgenden Kompositionen voraus.

Während eines Aufenthalts in Italien 1908 komponierte Szymanowski Penthesilea op. 18 nach einem Teil der 14. Szene aus Stanisław Wyspiańskis Drama Achilles. Das Lied für Sopransolo und Orchester setzt den Stil der Liederzyklen op. 13 und op. 15 fort, jedoch erfordert das dramatische Thema eine mehr deklamatorisch-rezitativische Führung der Singstimme sowie eine Orchesterbegleitung, deren tonale Bindungen bereits starke Auflösungstendenzen zeigen.

Peter Noelke


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