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8.570735 - BACH, J.S.: Oboe d'amore Concertos, BWV 1053, 1055 / TELEMANN: Oboe d'amore Concertos, TWV 51:G3, 51:A2 (Stacy)
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Georg Philipp Telemann (1681-1767) und Johann Sebastian Bach (1685-1750)
Konzerte für Oboe d’amore

 

Die Oboe d’amore ist der Alt oder Mezzosopran der Oboenfamilie. Die anderen Familienmitglieder sind in absteigender Tonhöhe: Musette, Oboe (Oboe d’amore), Englischhorn oder Cor anglais sowie Bariton- oder Bass-Oboe. Die Oboe d’amore tauchte im 18. Jahrhundert auf, vielleicht als bequemes Instrument für die Tonart A-dur (das Instrument ist eine Terz tiefer als die herkömmliche Oboe, also auf A anstatt auf C gestimmt). Sie ist ein wenig größer als die Oboe und sieht mit ihrem birnenförmigen Schallbecher, dem sogenannten „Liebesfuß“, und ihrem kurzen Aufsatzstück wie ein kleines Englischhorn aus. Der dunklere Ton ist weniger nasal und durchdringend als bei der Oboe. Johann Sebastian Bach benutzte den ruhig-heiteren Klang seit 1723 auf idiomatische Weise in seinen Vokalwerken. 1717 setzte sie Christoph Graupner als erster in einer Kantate ein. Als Orchesterinstrument ist sie erstmals 1722 in einem Werk von Telemann dokumentiert. Die Komponisten des 19. und 20. Jahrhundert verwendeten das Instrument selten. Ausnahmen sind Claude Debussy und Richard Strauss: Letzterer benutzte den einzigartigen Ton in seiner Sinfonia Domestica, um seinen kleinen Sohn damit zu portraitieren. Bekannter ist das Solo der Oboe d’amore in Ravels Bolero.

Thomas Stacy

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Georg Philipp Telemann war einer der bedeutendsten Komponisten seiner Zeit, ein Rivale seines Freundes Johann Sebastian Bach und sogar die erste Wahl der Leipziger Stadtväter für den Posten des Thomaskantors, auf den 1723 schließlich Bach berufen wurde. Telemann hatte 1721 die Stellung des Kantors am Hamburger Johanneum angetreten, die mit der musikalischen Oberaufsicht über die fünf Hauptkirchen der Stadt verbunden war, und seine Verhandlungen mit Leipzig im Jahr darauf stellten sich später als Versuch heraus, seine beruflichen Bedingungen in Hamburg zu verbessern, wo er schließlich bis zu seinem Tod im Jahre 1767 blieb. Sein dortiger Nachfolger war sein Patenkind Carl Philipp Emanuel Bach, Sohn von Johann Sebastian.

Telemann, 1681 in Magdeburg geboren, entstammte einer christlich orientierten Familie; sein Vater war Pfarrer, die Mutter Tochter eines Geistlichen, und auch sein älterer Bruder ergriff die theologische Laufbahn. Bei Georg Philipp zeigte sich bereits früh sein besonderes musikalisches Talent, aber die endgültige Entscheidung für eine musikalische Karriere fiel erst während seiner Studienzeit in Leipzig. Dort gründete er das Collegium musicum der Universität, dessen Leiter Bach später werden sollte; 1703 wurde er mit der Leitung der Leipziger Oper betraut und komponierte seither insgesamt 20 Opern. Seinen Kommilitonen gab er vielfach Gelegenheit zu öffentlichen musikalischen Auftritten – nicht gerade zum Wohlgefallen des damaligen Thomaskantors Kuhnau, Bachs Vorgänger, der sein traditionelles Vorrecht gefährdet sah.

Nach seiner Leipziger Zeit wurde Telemann Hofkapellmeister des in Sorau residierenden Grafen Erdmann II. von Promnitz, der eine Vorliebe für französische Musik hatte. 1708 ging er nach Eisenach und 1712 als Musikdirektor nach Frankfurt am Main. Es folgten verschiedene andere Positionen, bis er sich schließlich 1721 in Hamburg niederließ, wo er den Rest seines Lebens verbrachte.

Telemann hinterließ eine ungeheure Menge an Kompositionen in allen gängigen Gattungen, u.a. 1043 Kirchenkantaten und 46 Passionsvertonungen – eine für jedes seiner Hamburger Jahre. In der Hansestadt widmete er sich auch weiterhin öffentlichen Opernaufführungen, und wegen dieser Tätigkeit kam es vorübergehend zu Schwierigkeiten mit dem Stadtrat, dessen Angestellter er war. Nachdem es ihm gelungen war, seine Stellung zu konsolidieren, übernahm er neben seinen anderen Verpflichtungen auch die offizielle Verantwortung für die Hamburger Oper, während er darüber hinaus bemüht war, seine Kompositionen im Druck herauszugeben und sie mit finanziellem Gewinn dem Musikmarkt zugänglich zu machen. Telemann war vier Jahre älter als Johann Sebastian Bach; er überlebte ihn um siebzehn Jahre. Als er 1767 starb, war Haydn bereits 35 und Mozart elf Jahre alt. Seinen musikalischen Stil wusste er während seiner ganzen Karriere stets weiter zu entwickeln – vom charakteristischen Spätbarock bis zum neuen galanten Stil, den sein Patensohn zur Blüte führen sollte.

Von Telemann werden drei Konzerte für Oboe d’amore aufgelistet, wobei angenommen wird, dass 1717 ein früheres Werk in e-moll entstanden war. Das Konzert G-dur wurde auf die Zeit zwischen 1725 und 1735 datiert. Es nutzt die pastoralen Qualitäten des Instruments in einem zart wiegenden Sechsachtel-Satz, einem lebhaften Allegro, einem ornamentierten Adagio in e-moll und einem abschließenden Vivace im Zwölfachteltakt, das mit seinen Tonwiederholungen Jagdszenen beschwört. Das Konzert A-dur entstand bereits um oder nach 1717 und beginnt mit einem pastoralen Siciliano. Das nachfolgende Allegro ist von charakteristischem Überschwang, in dem Largoa-moll wird der Solist vor allem vom basso continuo begleitet. Das abschließende Vivace hat vielfältige und interessante Rhythmen in der Figuration des Hauptthemas zu bieten, das von der Oboe d’amore und der ersten Violine allein exponiert wird.

Johann Sebastian Bach gehörte einer Familie an, in der man sich seit Generationen beruflich mit der Musik befasste. Vier seiner Söhne setzten diese Tradition fort und schufen die Grundlagen eines neuen Stils, der die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts dominieren sollte. Johann Sebastian Bach selbst verkörperte das Ende einer Epoche, den Höhepunkt des Barock, der sich darstellt als eine großartige Synthese aus der melodischen Erfindung Italiens, den rhythmischen Tanzformen Frankreichs und der kontrapunktischen Meisterschaft Deutschlands.

Der 1685 in Eisenach geborene Bach wurde nach dem frühen Tod der Eltern vor allem von seinem ältesten Bruder ausgebildet. Mit 18 Jahren begann seine berufliche Laufbahn: Er war zunächst Hofmusiker in Weimar, erhielt dann den Organistenposten in Arnstadt, den er nach vier Jahren mit demselben Amte in Mühlhausen vertauschte. Wieder ein Jahr später wurde er Organist und Kammermusikus des Herzogs Wilhelm Ernst von Weimar. Nachdem es ihm unter Schwierigkeiten gelungen war, seinen dortigen Dienst zu quittieren, wurde er 1717 Kapellmeister des Fürsten Leopold von Anhalt-Cöthen. 1723 ging er schließlich nach Leipzig, wo er als Kantor der Thomasschule und Musikdirektor der fünf Hauptkirchen bis zu seinem Tode 1750 wirkte.

Johann Sebastian Bach verstand sein Handwerk und war dementsprechend in der Lage, genau jene Art von Musik zu liefern, die man gemäß seinen jeweiligen Amtsverpflichtungen von ihm erwartete. So war es nur natürlich, dass er am Anfang seiner Laufbahn als Organist und Experte für den Orgelbau vornehmlich Werke für dieses Instrument verfasste. Der pietistisch ausgerichtete Hof zu Köthen konnte der Kirchenmusik entraten; demzufolge entstand hier eine erhebliche Quantität instrumentaler Kompositionen für das Hoforchester und dessen Mitglieder. In Leipzig begann er mit einer Reihe von Kantaten für das Kirchenjahr, bevor er sich der Instrumentalmusik für das Collegium musicum der Universität zuwandte und sich anschickte, seine bisherigen Werke zu sammeln und zu ordnen. In Leipzig schrieb Bach auch eine Reihe von Cembalokonzerten, in denen er häufig auf frühere Werke aus der Köthener Zeit zurückgriff.

Aus diesen ließen sich die Originalwerke rekonstruieren, auf denen die neu arrangierten Konzerte basieren. Dazu gehört das Cembalokonzert A-dur BWV 1055, in dem Donald Tovey als erster ein ursprüngliches Oboe d’amore-Konzert vermutete, wobei er sich vom Umfang und vom Figurenwerk des Soloparts leiten ließ. Im Allegro-Kopfsatz beginnt der Solist im tiefen Register, und es gibt im weiteren Verlauf des Satzes Passagen, die nur vom basso continuo begleitet werden. Das nachfolgende Larghetto fis-moll im Zwölfachteltakt ist wie eine Arie komponiert, deren „Singstimme“ von durchgehenden Streicherrhythmen begleitet wird. Am Ende steht ein Allegro non tanto, in dem das Orchesterritornell verschiedene Solopassagen umrahmt.

Einige Probleme ergaben sich bei der Rekonstruktion des Konzertes D-dur BWV 1053 für Oboe d’amore, Streicher und Basso continuo. Die drei Sätze des hypothetischen Konzerts sind eine Bearbeitung der Sinfonia und der Arie „Stirb in mir, Welt“ aus der Kantate Gott soll allein mein Herz haben BWV 169 (zum 18. Sonntag nach Trinitatis 1726) sowie der Sinfonia aus der Kantate Ich geh und suche mit Verlangen BWV 49 (zum 20. Sonntag nach Trinitatis desselben Jahres). Der Kopfsatz der Kantate Nr. 169 ist für zwei Oboe d’amore, Streicher und eine obligate Orgel geschrieben. Die Arie h-moll, der fünfte Satz der Kantate, ist für Altstimme und Streicher komponiert und bewegt sich im wiegend-punktierten Zwölftachtel- Rhythmus eines Siciliano. Das Finale der hypothetischen Konzertrekonstruktion – in der Kantate Nr. 49 in E-dur – ist wiederum mit Oboe d’amore, Streichern und obligater Orgel besetzt. Der da capo- Satz im Dreiachteltakt muss nach D-dur heruntertransponiert werden und bildet dann den überzeugenden Abschluss eines Oboe d’amore-Konzerts, das seinerseits anscheinend das Material für zwei Kantaten sowie für ein Cembalokonzert lieferte – ein schönes Beispiel für die Fertigkeit des Komponisten, vorhandene Stücke je nach Notwendigkeit wiederzuverwenden.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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