About this Recording
8.570736 - LISZT: Preludes (Les) / Orpheus / Mazeppa / Die Ideale (arr. for 2 pianos) (Liszt Complete Piano Music, Vol. 29)
English  German 

Franz Liszt (1811–1886)
Les Préludes, Orpheus, Mazeppa und Die Ideale in der Bearbeitung für zwei Klaviere

 

Seit meiner Rückkehr von Wien habe ich ziemlich anhaltend an meinen Symphonischen Dichtungen, die zunächst und für ein paar Jahre nach meine Lebens-Aufgabe sind, gearbeitet. Ende dieses Monathes erscheinen davon in Partitur und Bearbeitungen derselben für 2 Pianoforte (bei Härtel – Leipzig) die ersten 6 Nummern, worunter Tasso, Orpheus, Prometheus, Mazeppa – und bis zum Winter wird auch meine Faust Symphonie veröffentlicht, en compagnie der Dante Symphonie, wo Hölle, Fegfeuer und Himmel ihren Ton wiederfinden sollen

- Franz Liszt an Konstantin Ritter von Wurzbach, Weimar, 25. April 1856

Franz Liszt wurde 1811 im ungarischen Raiding geboren. Sein Vater Adam war Amtmann im Dienste der Fürstenfamilie Esterházy, deren Kapellmeister Joseph Haydn einst gewesen war. Schon früh wurde Franz vom ungarischen Adel gefördert, so dass er 1822 nach Wien gehen konnte. Hier kam es seinerzeit zu der berühmten Begegnung mit Beethoven, der, wie man sich erzählt, dem Knaben trotz seiner völligen Ertaubung für sein Klavierspiel Beifall zollte und ihm den berühmten „Weihekuss“ applizierte, der den Empfänger als seinen Erben auszeichnete. Von Wien aus führte Liszts Weg nach Paris. Zwar verweigerte ihm Luigi Cherubini die Zulassung zum Conservatoire, doch wusste der Jüngling mit seinen Darbietungen das Publikum zu beeindrucken. Unterstützt wurde er jetzt durch die Klavierbauer-Familie Erard, für deren Produkte er bei seinen Konzerttourneen Werbung machte. 1827 starb der Vater, worauf seine Mutter nach Paris kam. Franz Liszt unterrichtete, studierte und profitierte von den intellektuellen Kreisen, mit denen er in der Seine-Metropole Kontakte pflegte. Ein neues Interesse am virtuosen Klavierspiel entstand, als er den großen Geiger Nicolò Paganini hörte, dessen technische Fertigkeiten er nun nachzuahmen begann.

In den nächsten Jahren schuf Franz Liszt zahlreiche Kompositionen – darunter auch Lieder und Opernfantasien. Seine Beziehung zu der verheirateten Comtesse Marie d’Agoult veranlasste ihn, Paris für einige Jahre den Rücken zu kehren. Er lebte zunächst in der Schweiz, kam dann nach Paris zurück, um endlich nach Italien, Wien und Ungarn zu reisen. 1844 endete die Beziehung zu seiner Geliebten und Mutter seiner drei Kinder. Seine Konzertkarriere dauerte noch bis 1847: In diesem Jahr begann sein Verhältnis zu der polnischen Fürstin Carolyne zu Sayn-Wittgenstein, die vor ihrem ungeliebten russischen Gemahl geflohen war und sich 1848 mit Liszt in der Goethe-Stadt Weimar niederließ. Hier beschäftigte sich Franz Liszt nun mit einer neuen Form der Orchestermusik, der Symphonischen Dichtung; außerdem widmete er sich, wie üblich, der Revision und Publikation früherer Werke.

1861 ging der inzwischen fünfzigjährige Franz Liszt nach Rom, wo Fürstin Carolyne bereits seit dem Vorjahr lebte. Nach erfolgter Scheidung und Annullierung schien der Weg zur Eheschließung offen, doch beide lebten fortan in getrennten Wohnungen. Liszt empfing schließlich die niederen Weihen und lebte abwechselnd in Weimar, wo er jüngere Künstlergenerationen unterrichtete, in Rom, wo er seinen geistlichen Interessen nachging, und in Pest, das ihn als Nationalhelden feierte. Er starb 1886 in Bayreuth, wo seine Tochter Cosima residierte und mehr damit beschäftigt war, die Musik ihres drei Jahre früher verstorbenen Ehemannes Richard Wagner zu verbreiten, als sich um ihren Vater zu kümmern.

Mit seinen symphonischen Dichtungen hat Franz Liszt seinerzeit für viele hitzige Debatten gesorgt. Der einflussreiche Wiener Kritiker und spätere Brahms- Apologet Eduard Hanslick schrieb bereits im Jahre 1857, dass Liszt seine Musik für fähig hielte, „die gewaltigsten Erscheinungen des Mythus und der Geschichte, die tiefsten Gedanken des Menschengeistes nachzugeigen und nachzublasen.“ Dabei richtete sich Hanslicks Einwand nicht grundsätzlich gegen außermusikalische Assoziationen in der Tonkunst, sondern vielmehr gegen die Größe der Themen, mit denen sich Liszt auseinandersetzte, und gegen die Vorstellung, dass sich der Komponist auf äußere Programme verließ, um das Fehlen musikalischer Inhalte zu rechtfertigen.

Die erste der zwölf symphonischen Dichtungen von Franz Liszt, Ce qu’on entend sur la montagne, fußte auf Victor Hugo. Bei dem nachfolgenden Tasso standen Goethe und Byron Pate. Das dritte Stück der Reihe, Les Préludes, war ursprünglich als Einleitung zu Les quatre éléments gedacht, in dem Liszt die vier Gedichte La terre, Les aquilons, Les flots und Les astres von Joseph Autran für Chor vertonen wollte. Er ließ das Vorhaben jedoch fallen und revidierte die ursprüngliche Ouvertüre, um sie 1854 in Weimar aufzuführen, und erst zu diesem Zeitpunkt stellte er eine gedankliche Beziehung zu Lamartines Nouvelles méditations poétiques her. In Les Préludes, einer seiner bekanntesten symphonischen Dichtungen, verwendet Liszt das Verfahren der thematischen Metamorphose, das Hanslick ungnädig als Leben und Abenteuer eines Themas abkanzelte. Diese Methode besteht darin, dass ein einziger musikalischer Grundgedanke im Laufe eines Werkes in immer neuen Modifikationen und Transformationen erscheint und so die Einheit der Komposition gewährleistet. Les Préludes erschienen als Partitur und in Liszts eigener Einrichtung für zwei Klaviere 1856 in Leipzig.

Die symphonische Dichtung Orpheus diente zunächst als Vorspiel zu Glucks Oper Orfeo ed Euridice, die Liszt 1854 dirigierte. Angeregt wurde das Stück offenbar durch eine etruskische Vase im Louvre, die darstellt, wie der erste Dichter-Musiker Orpheus mit seiner Lyra die wilden Tiere bändigt. Das Orchesterwerk entwickelt sich zu einem Hymnus an die Musik, dessen Schlussakkorde wie Weihrauch zum Himmel aufsteigen. Die Partitur und das Arrangement wurden ebenfalls 1856 veröffentlicht. Mazeppa geht auf ein Gedicht von Victor Hugo zurück. Josef Joachim Raff half bei der Orchestrierung der Originalfassung von 1851, die Liszt aber drei Jahre später revidierte. Hier geht es um den Kosakenführer

Mazeppa, den man nackt auf den Rücken eines Wildpferdes bindet, nachdem man in seiner polnischen Heimat eine amouröse Intrige entdeckt hat. Mazeppa wird von ukrainischen Bauern gerettet, die dann unter seiner Führung auf der Seite des schwedischen Königs Carl XII. gegen Peter den Großen kämpfen. Die Partitur und Duo- Einrichtung erschienen 1857 in Leipzig.

Die Ideale, die zwölfte symphonische Dichtung, ist von Schillers gleichnamigem Gedicht inspiriert. Das Werk entstand 1857 zum 100. Geburtstag des kunstsinnigen Großherzogs Carl August, der seinerzeit Goethe und Schiller nach Weimar geholt hatte, und es wurde auch ebendort uraufgeführt. In der Partitur hat Liszt verschiedene Zitate aus dem umfänglichen Gedicht Schillers abdrucken lassen, aus denen die Gliederung erhellt. In der langsamen Einleitung hört man, wie die Freuden und Ideale der jungen Jahre vergehen, worauf an die Ambitionen der Jugend mit ihren Idealen von Liebe, Wahrheit, Glück und Ruhm erinnert wird. Der Enttäuschung folgen neue Hoffnungen: Freundschaft und die Erfüllung im Erschaffen. Das ganze Werk endet mit dem Glauben an das Ideal, das höchste Ziel des Lebens: Dazu hat Liszt, wie er selbst in einer Fußnote der Partitur schreibt, dem Gedichte Schillers eine abschließende Apotheose hinzugefügt, in der noch einmal Motive des ersten Hauptteils aufgegriffen werden. Die Partitur und Arrangement erschienen 1858 im Druck.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


Close the window