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8.570737 - NIELSEN, C.: Symphonies, Vol. 1 - Nos. 1 and 6, "Sinfonia semplice" (Danish National Radio Symphony, Schonwandt)
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Carl Nielsen (1865-1931)
Symphonien Nr. 1 g-moll op. 7 • Nr. 6 op. 116 Sinfonia semplice

 

Neben dem Finnen Jean Sibelius ist der Däne Carl August Nielsen eine der überragenden skandinavischen Komponisten-Persönlichkeiten des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Geboren wurde er am 9. Juni 1865 in der Nähe von Odense auf der Insel Funen. Bei seinem Vater, einem Dorfgeiger, erhielt er seinen ersten Violinunterricht, und mit 14 Jahren wurde er als Trompeter in das Infanterieregiment von Odense aufgenommen. 1884 kam er als Schüler ans Königliche Konservatorium von Kopenhagen, wo er unter anderem bei Niels W. Gade, dem großen dänischen Romantiker, studierte. Seit 1886 war er mit Unterbrechungen Geiger im Hoforchester, von 1908 bis 1914 Hofkapellmeister und von 1915 bis 1927 Dirigent der Kopenhagener Musikvereinigung. 1915 wurde er außerdem Lehrer am Konservatorium, und schließlich ernannte man ihn 1931 zum Direktor dieses Instituts - wenige Monate vor seinem Tod. Am 3. Oktober 1931 starb Carl Nielsen in Kopenhagen.

Schon vor seiner Ausbildung am Konservatorium hatte Nielsen die ersten Kompositionsversuche unternommen. Und nach Beendigung seiner Studien stand fest, dass er aus der Neigung einen Beruf machen würde. Er vervollkommnete seine Kenntnisse in Deutschland und präsentierte schon 1892 die erste von insgesamt sechs Symphonien, ein erstaunlich reifes und für seine Entstehungszeit überaus originelles Werk, das schon viele der unverwechselbaren Charakteristika enthält, mit denen sich Nielsens symphonisches Schaffen deutlich von seinen Zeitgenossen unterscheidet.

Der Kopfsatz, ein Allegro mit dem ungewöhnlichen Attribut orgoglioso (stolz, hochmütig), beginnt mit beeindruckendem Muskelspiel und präsentiert in der Oboe einen sanften Nebengedanken, der einige eigentümlich schräge Klänge enthält: ein Charakteristikum, das uns im Schaffen des Dänen immer wieder auffallen wird. Überraschungen gibt es auch im melodischen Strom des nachfolgenden Andante und im gemächlichen Scherzo (Allegro commodo), das durch eigenartige harmonische Wanderungen gekennzeichnet ist. Die Symphonie endet mit einem feurigen, sonnigen Finale, das sich zum Schluss weit von der Grundtonart des Werkes (gmoll) entfernt hat.

Mehr als drei Jahrzehnte nach diesem faszinierenden symphonischen Debüt lieferte Carl Nielsen seinen eigentümlichsten Beitrag zu der traditionsreichen Gattung. Sinfonia semplice sollte das Werk heißen, und es sollte “ganz und gar idyllisch” angelegt sein, wie der Komponist seine Tochter wissen ließ. So einfach aber, wie der Titel es verheißt, ist die Partitur nicht. Vielmehr wird das unvorbereitete Publikum von dieser außerordentlich vielschichtigen Musik bisweilen regelrecht schockiert. Die schroffen Gegensätze, die plötzlichen Stimmungsumschwünge, die unvermittelt hereinbrechenden Klangkatastrophen und die immer wieder “aus dem Ruder laufende” Entwicklung werden allerdings bei mehrmaligem Hören immer durchsichtiger und verständlicher: Diese “einfache” Symphonie ist in Wirklichkeit eine komplexe Auflehnung gegen den nahen Tod (Nielsens Gesundheit war bereits stark angegriffen, als er das Werk verfasste). Trotz, Wehmut, skurriler Humor, Abschiedsgedanken, Entsetzen, Resignation und Aufbegehren stehen unvermittelt nebeneinander. Ein Extrem kompositorischer Auflösung bietet die Humoreske, in der es der kleinen Trommel offenbar nicht gelingen will, die Einwürfe der einzelnen Instrumente zu koordinieren - die Welt scheint völlig aus den Fugen. Der Spuk ist rasch vorbei: In breiten Melodien schwelgen die Streicher, die zuvor förmlich erstarrt waren. Der scheinbar so zerfahrene Weg der Komposition mündet in einen Variationssatz, der kurz vor seinem Ende mit einem Abschnitt des Schlagzeugs, der Tuba und der Fagotte den Tod symbolisiert, “der an die Pforte klopft”. Doch dann hellt sich die Symphonie auf. Das Unabänderliche wird akzeptiert, zugleich aber mit einem kleinen Augenzwinkern kommentiert.

Cris Posslac


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