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8.570747 - SCHUMANN, C.: Songs (Complete) (Craxton, Djeddikar)
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Clara Schumann (1819–1896)
Sämtliche Lieder

 

„Mach doch ein Lied einmal“, schrieb Robert Schumann am 13. März 1840 an Clara Wieck, kurz nachdem er selbst nach zehnjähriger Phase der Klavierkomposition gerade mit Begeisterung zur Liedkomposition gewechselt war. Clara Wieck hatte mit 12 Jahren, im selben Jahr als auch Robert Schumann 1831 sein Opus 1 veröffentlichte, ihr erstes Klavierwerk veröffentlicht. 1840 war ihre Werkzahl auf ein knappes Dutzend angewachsen, darunter auch ein großes Konzert für Klavier und Orchester. Schon im Alter von neun Jahren gab sie ihr öffentliches Konzertdebüt als Pianistin im Leipziger Gewandhaus. In den 1830er Jahren gibt sie jährlich etwa 18 Konzerte, meist im Rahmen von Tourneen, die ihr Vater, der Instrumentenhändler und Klavierpädagoge Friedrich Wieck, organisiert. Schon in einigen Konzerten der Jahre 1830 bis 1832 stehen dabei auch Liedkompositionen Claras auf den Programmen. Bei diesen Konzerten wirken zum Teil später berühmte Sängerinnen wie Agnes Schebest und Henriette Grabau mit. Teilweise heißt es nur unspezifisch „Lied von Clara Wieck“, in einem Fall sind jedoch auch einmal zwei Titel genannt: „Alte Heimat“ und „Der Wanderer“.

Keines dieser Lieder wurde von Clara Schumann veröffentlicht, doch wenigstens zwei scheinen erhalten zu sein: Ihrem Kompositionslehrer Heinrich Dorn schenkte sie 1832 ein (heute im Robert-Schumann-Haus Zwickau befindliches) Albumblatt mit den ersten elf Takten eines Liedes nach Justinus Kerner „Der Wanderer in der Sägemühle“. Von Claras Halbschwester Marie Wieck wurde dieses Lied 1875 als vermeintliche Komposition ihres Vaters aus dessen Nachlass veröffentlicht. Dieselbe Veröffentlichung von 1875 enthält—ebenfalls mit Autorenangabe „Friedrich Wieck“—eine Vertonung eines anderen Kerner- Gedichts „Der Wanderer“—wahrscheinlich irrte Marie Wieck auch hier in der Autorschaft und es handelt sich um die 1831 aufgeführte Komposition Clara Wiecks.

Ein letztes der Jugendlieder Clara Wiecks entstand 1834 als Freundesgabe für eine Publikation des Leipziger Malers und Schriftstellers Johann Peter Lyser. Dessen Text „Horch, welch ein süßes harmonisches Klingen“ versieht sie mit einem schwungvollen Walzer, der auch als reines Klavierstück seine Wirkung tun würde.

Erst nach der Hochzeit mit Robert Schumann am 12. September 1840 geht Clara Schumann auf seine Anregung zu erneuter Liedkomposition ein, und beschert ihn zum ersten ehelichen Weihnachtsfest 1840 mit drei Liedern Am Strande, Ihr Bildnis und Volkslied. Den Text des ersten von Robert Burns hatte Robert Schumann ihr bereits im Oktober vorgeschlagen. Im Titel des im Robert-Schumann-Haus erhaltenen Widmungsautographs vermerkt Clara „in tiefster Bescheidenheit gewidmet ihrem innigstgeliebten Robert zu Weihnachten 1840 von seiner Clara“. Robert berichtet hocherfreut im gemeinsam geführten Ehetagebuch: „…wie meine Herzens Kläre mich so viel erfreut und beschenkt. Namentlich 3 Lieder freuten mich, worin sie wie ein Mädchen schwärmt und außerdem als viel klarere Musikerin als früher. Wir haben die hübsche Idee, sie mit einigen von mir zu durchweben und sie dann drucken zu lassen. Das gibt dann ein recht liebewarmes Heft.“ Das Burns-Lied nahm Schumann sogleich im Juli 1841 in die von ihm herausgegebenen Musikbeilagen der Neuen Zeitschrift für Musik auf. Von den beiden verbleibenden Heine-Liedern veröffentlichte Clara später 1844 nur Ihr Bildnis („Ich stand in dunklen Träumen“) als op. 13/1, während das ausdrucksstarke Volkslied Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht“ unveröffentlicht blieb. Ihr Bildnis wurde ebenso wie ein weiteres, 1842 komponiertes Heine-Lied Sie liebten sich beide für die Druckausgabe in den Sechs Liedern op. 13 1844 stark überarbeitet; die vorliegende Einspielung bietet beide Versionen—die als Autograph im Robert-Schumann-Haus Zwickau überlieferte Frühfassung und die spätere Druckfassung—im Vergleich.

Beflügelt von der Idee eines ehelichen Gemeinschaftsopus mit Clara komponiert Robert Schumann im Januar 1841 zehn Lieder aus Rückerts Liebesfrühling und schlägt Clara fünf andere Gedichte aus dieser Sammlung zur Vertonung vor. Im Juni 1841 überreicht Clara Schumann ihrem Ehemann vier dieser Gedichte in ihrer Vertonung zum Geburtstag. Robert Schumann gibt darauf hin neun der eigenen und drei von Claras Rückert-Liedern ohne ihr Wissen in Druck und überrascht sie mit den ersten fertigen Exemplaren zu ihrem Geburtstag am 13. September 1841. Das schlichte, aber sehr tiefgängige Gute Nacht blieb unveröffentlicht. Die zwölf Lieder erscheinen unter dem Titel Zwölf Gedichte aus F. Rückert’s Liebesfrühling für Gesang und Pianoforte von Robert und Clara Schumann. Die Zeitgenossen erfuhren also nicht, wer welchen Anteil an der Sammlung hatte und nahmen teilweise an, Clara Schumann hätte vielleicht nur einige Melodien erfunden, die Robert Schumann dann ausgearbeitet hätte. Um so aussagekräftiger ist es, dass gerade die Lieder Clara Schumanns zu Publikums-Favoriten der Sammlung wurden—offenkundig konnte sie auf diesem Gebiet der Liedkomposition durchaus mit ihrem Mann konkurrieren. Die drei Lieder erklingen hier in der Fassung letzter Hand, wie Clara Schumann sie 1882 im Rahmen der Schumann-Gesamtausgabe veröffentlichte, wobei sie nicht nur offenkundige Druckfehler der Erstausgabe korrigierte, sondern auch nachträgliche Varianten in der Klavierbegleitung einführte.

Auch in den folgenden Ehejahren sind Liedkompositionen willkommene Geburtstagsgaben. Zum 8. Juni 1842 erhält Robert Schumann das Lied Liebeszauber auf den Gabentisch, ein Jahr später Heines Loreley, und die beiden Rückert-Lieder „Ich hab’ in deinem Auge“ und „O weh des Scheidens“. Das letztere ist bemerkenswert für seinen dissonanten Beginn und den nicht zur Grundtonart zurückkehrenden Schluss. Auf Initiative von Robert Schumann gab Clara Schumann sechs Lieder als eigenständige Sammlung heraus (op. 13). Es handelt sich dabei um vier der vorigen Weihnachts-bzw. Geburtstagsgeschenke und zwei im Juli 1842 wohl speziell im Hinblick auf die Veröffentlichung nachkomponierte Lieder auf Texte von Emanuel Geibel „Der Mond kommt still gegangen“ und „Die stille Lotosblume“. Clara Schumann widmete die Gesänge der dänischen Königin Caroline Amalie, bei der sie im Frühjahr 1842 auf einer Konzertreise zu Gast gewesen war.

Bereits seit ihrer Jugendzeit hatte Clara guten Kontakt zu der kunstliebenden Majorin Friederike Serre (1800–1872). Ihr Mann hatte 1819 das Rittergut Maxen als Landsitz erworben, wo Robert und Clara Schumann mehrfach zu Gast waren. Bei einem Erholungsaufenthalt im Frühsommer 1846 vertonte Clara Schumann zwei Gedichte der Majorin und widmete ihr die (heute im Robert-Schumann-Haus befindliche) Handschrift. Während das eine, Beim Abschied, erst vor wenigen Jahren erstveröffentlicht wurde, gab Clara Schumann das andere Mein Stern als Benefizkomposition mit englischem Text in ein Wohltätigkeitsalbum für das Deutsche Hospital in Dalston 1848.

Erst in der Düsseldorfer Zeit fand Clara 1853 dann erneut zur Liedkomposition zurück. Robert Schumann hatte um die Jahreswende 1852/53 den Roman Jucunde von Hermann Rollett gelesen und bezeichnete die Gedichte in seinem Lektürebüchlein als „sehr musikalisch“. Am 10. Juni notierte Clara Schumann in ihrem Tagebuch: „2 Lieder von Hermann Rollett aus ‚Jucunde’ komponiert. Es macht mir großes Vergnügen, das Komponieren. Mein letztes Lied hab ich 1846 gemacht, also vor 7 Jahren!“ Am 22. Juni hat sie eine ganze Liedsammlung abgeschlossen: „Ich habe heute das sechste Lied von Rollett komponiert und somit ein Heft Lieder beisammen, die mir Freude machen und schöne Stunden verschafft haben. …Es geht doch nichts über das Selbstproduzieren, und wäre es nur, daß man es täte, um diese Stunden des Selbstvergessens, wo man nur noch in Tönen atmet.“

Der Dichter erhielt wenig später Kunde, dass seine Gedichte in Musik gesetzt worden sein, und schrieb einen Dankesbrief an Robert Schumann. Der jedoch musste aufklären, dass seine Frau die Komponistin sei: „Meine Frau hat sechs Lieder aus Ihrer Jucunde componirt, die mir, auch wenn sie nicht von meiner Frau wären, recht wohl gefallen würden.“ (Brief vom 7. Februar 1854). Obwohl die Gedichte bei Rollett in einen Romanzusammenhang eingebettet sind, beabsichtigte Clara Schumann offenbar keinen Liederzyklus, da sie die Reihenfolge der ausgewählten Lieder gegenüber Rolletts Vorlage änderte.

Auch Clara Schumanns letztes Lied entstand noch zu Lebzeiten Robert Schumanns, nach dessen Tode kamen ihre kompositorischen Aktivitäten zum Erliegen. Am 8. Juli 1853 unmittelbar nach den Jucunde-Liedern komponiert sie Goethes Veilchen, angeblich ohne sich der berühmten Mozartschen Vertonung bewusst zu sein. Nach einem Bericht ihres Biographen Berthold Litzmann, der aus den heute verschollenen Tagebüchern schöpfen konnte, wurde sie dafür von Robert Schumann ausgelacht, dem ihre Komposition jedoch gefiel. Da Clara Schumann Mozarts Lied jedoch noch im März 1853 bei einem öffentlichen Auftritt begleitet hatte, konnte sie es schwerlich vier Monate später schon ganz vergessen haben. Den Dichter, Johann Wolfgang von Goethe, hatte sie in ihrer Jugend noch persönlich kennen gelernt. Im Oktober 1832 spielte sie ihm mehrfach vor, wofür der entzückte Poet ihr ein Medaillon mit seinem Konterfei verehrte.

Auf dem Flügel, den Clara zu dieser Zeit besaß, entstand die vorliegende Einspielung. Der von Matthäus Andreas Stein in Wien erbaute Flügel trägt die Nummer 513 und wurde von Friedrich Wieck für seine Tochter Clara in Auftrag gegeben. In Claras Jugendtagebuch heißt es 1828: „D. 4. Maerz erhielt ich von Herrn Stein in Wien den für mich bestellten Flügel von 6 Octaven in Kirschholz“ (Archiv, Robert-Schumann-Haus). Am 20. Oktober 1828 spielte die neunjährige Clara Wieck auf dem Instrument bei ihrem ersten öffentlichen Auftritt im Leipziger Gewandhaus. Vater Wieck verkaufte das Instrument später an die befreundete Familie Focke, von deren Urgroßenkel das Zwickauer Schumann-Museum ihn 1911 zum Geschenk erhielt. 1995/96 wurde es durch Robert A. Brown (Arnsdorf bei Salzburg) fachmännisch restauriert. Der Zwickauer Flügel diente als Vorlage für die Abbildung auf der Rückseite der früheren 100-DMScheine.

Thomas Synofzik


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