About this Recording
8.570764 - SCHUBERT, F.: Masses Nos. 2 and 4 / Deutsche Messe (Immortal Bach Ensemble, Schuldt-Jensen)
English  German 

Franz Schubert (1797–1828)
Messe Nr. 2 G-dur • Messe Nr. 4 C-dur • Deutsche Messe

 

Franz Schubert wurde 1797 als Sohn eines Lehrers in Wien geboren, und hier verbrachte er auch den größten Teil seines kurzen Lebens. Der Vater war 1783 aus Mähren gekommen, um, wie sein Bruder, an einer Schule in der Leopoldstadt zu unterrichten; zwei Jahre später heiratete er eine Schlesierin, die ihm insgesamt vierzehn Kinder gebar. Von diesen war Franz das zwölfte—und das vierte, das die frühen Jahre überlebte. Seinen ersten Klavierunterricht erhielt der fünfjährige Knabe bei seinem zwölf Jahre älteren Bruder Ignaz. Drei Jahre später begann sich Franz auch mit der Geige zu beschäftigen, indessen er als Chorist an der Liechtenthaler Kirche sang. Eine Empfehlung von Antonio Salieri half ihm dabei, dass er im Oktober 1808 als Chorist der Kaiserlichen Kapelle angenommen wurde. Damit wurde er zugleich Schüler des Akademischen Gymnasiums. Er wurde im Internat des „Stadtkonvikts“ untergebracht und konnte sich seiner weiteren Ausbildung sicher sein.

Die Freundschaften, die Schubert während seiner Schulzeit schloss, hielten ein Leben lang. Nach seinem Stimmbruch im Jahre 1812 erhielt er ein nicht unerwartetes Stipendium, das ihn in die Lage versetzt hätte, seine allgemeine schulische Ausbildung fortzusetzen. Er aber entschied sich für den beruflichen Weg eines Volksschullehrers, der ihm mehr Zeit für die Musik und vor allem für die Komposition ließ, in der er schon tüchtiges geleistet hatte. 1815 wurde er Hilfslehrer seines Vaters, doch zeigte er für die Arbeit weder große Neigung noch Zuneigung. Statt dessen widmete er sich vor allem dem Kontakt mit den ehemaligen Schulfreunden und der Suche nach neuen Bekannten. 1816 lernte er Franz von Schober kennen, und dieser lud ihn ein, in seiner eigenen Wohnung zu leben. Dieses Arrangement erlöste Schubert von der Notwendigkeit, sein Auskommen im Klassenzimmer zu finden. Im August 1817 kehrte er allerdings nach Hause zurück, da Schober das Zimmer für seinen im Sterben liegenden Bruder brauchte. So stand Franz Schubert wieder am väterlichen Katheder, bevor er einen Teil der nächsten Sommermonate im ungarischen Zseliz verbrachte, wo er die beiden Töchter des Grafen Johann Karl Esterházy von Galánta musikalisch unterrichtete. Anschließend kehrte er nach Wien zurück, um bei einem neuen Freund, dem Dichter Johann Mayrhofer, zu wohnen. Ende 1820 war Schubert dann einige Monate in der Lage, sich aufgrund seines damaligen Einkommens eine eigene Wohnung zu mieten.

Zu dieser Zeit war Franz Schubert nicht mehr weit von gründlichen Erfolgen als Komponist und Musiker entfernt. Seine Freunde wie Leopold von Sonnleither, ein Schulfreund des Mozart-Schülers Franz Xaver Süßmayr, oder ganz besonders der ältere Sänger Johann Michael Vogl verhalfen seiner Musik zu einem immer größeren Publikum. 1822 und 1823 lebte er wieder bei den Schobers, und damals verschlechterte sich seine Gesundheit zusehends, da er sich eine unheilbare venerische Infektion zugezogen hatte. Diese Krankheit überschattete seine letzten Lebensjahre und war der Grund für seinen frühen Tod. Man hat darin die unmittelbare Folge des liederlichen Lebenswandels gesehen, zu dem ihn Schober verführt und aufgrund dessen er sich zeitweilig einigen seiner langjährigen Freunde entfremdet hatte. Während der nächsten Jahre kehrte er mehrfach ins Haus des Vaters zurück, der seit 1818 im Wiener Vorort Rossau wohnte. Derweil pflegte Franz Schubert weiterhin seine gesellschaftlichen Kontakte, wobei seine eigenen musikalischen Leistungen und intensiven kompositorischen Aktivitäten oft die Hauptrolle spielten. Im Februar 1828 fand in Wien das erste öffentliche Konzert mit seinen Werken statt. Dem Unternehmen war ein finanzieller Erfolg beschieden, und Schubert konnte den Sommer mit Freunden verbringen—unter anderem mit Schober. Im September übersiedelte er in die Vorstadt Wieden zu seinem Bruder Ferdinand, da er hoffte, dass sich sein gesundheitlicher Zustand hier wieder bessern würde. Die gesellschaftlichen Aktivitäten gingen indessen weiter, woraus man schließen kann, dass er sich des unmittelbar bevorstehenden Todes nicht bewusst war. Ende Oktober erkrankte er bei einem Abendessen, und in den nächsten Tagen verschlechterte sich sein Befinden rapide. Er starb am 19. November 1828.

Schon in seiner Kindheit hatte Franz Schubert eine besonders enge Beziehung zur Kirchenmusik entwickelt. Mit acht Jahren hatte er als Chorknabe unter der Anleitung des Albrechtsberger-Schülers Michael Holzer an der Pfarrkirche von Liechenthal begonnen, und auch während der Jahre im Chor der kaiserlichen Hofkapelle hatte er viel Kirchenmusik zu singen gehabt. Sein umfangreiches liturgisches Schaffen setzte offenbar im Jahre 1812 ein, und zwei Jahre später entstand seine erste Messe in F-dur D. 105. Dieses Werk war für Liechtenthal gedacht und wurde ebendort unter der Leitung des jungen Komponisten selbst uraufgeführt. Seine letzte geistliche Musik verfasste er wenige Wochen vor seinem Tode.

Anfang März 1815 schrieb Franz Schubert seine Messe G-dur D. 167. Diese zweite von insgesamt sechs vollendeten Werken der Gattung verlangt in der Originalbesetzung ein solistisches Trio aus Sopran, Tenor und Bass sowie vierstimmigen Chor, Streicher und Orgel. Während man früher davon ausging, dass die zusätzlichen Stimmen für Oboen oder Klarinetten, Fagotte, Trompeten und Pauken von Schuberts älterem Bruder Ferdinand stammten, wurde nach der Wiederentdeckung des autographen Materials deutlich, dass es sich dabei um eine revidierte Orchestration des Komponisten selbst handelte. Die erste Aufführung dürfte in Liechtenthal stattgefunden haben, und aus den Sopransoli lässt sich vermuten, dass Schubert bei der Arbeit die Fähigkeiten der Nachbarstochter Therese Grob im Sinne hatte, die schon die entsprechenden Partien der F-dur-Messe gesungen hatte. Anscheinend hatte der junge Mann sein Herz an das Mädchen verloren, ohne dass sich seine Hoffnungen erfüllt hätten.

Wie in seinen anderen Messen behandelt der Komponist auch hier den liturgischen Text mit einer gewissen Freiheit. Im Credo verzichtet er auf den Et in unam sanctam catholicam et apostolicam ecclesiam („an eine heilige katholische und apostolische Kirche“), woraus man gelegentlich auf seine Distanz zur Kirche glaubte schließen zu können. Neuerdings nimmt man allerdings eher an, dass sich darin die damalige katholische Aufklärung spiegelte (vgl. Manuel Jahrmärker: Schubert—ein Anhänger der katholischen Aufklärung? In: Schubert-Jahrbuch 1997). Man muss freilich sagen, dass einige Kürzungen des Textes nicht wirklich sinnvoll erscheinen.

In der Messe G-dur folgt dem homophonen G-dur-Kyrie ein Sopransolo in a-moll zu den Worten Christe eleison, worauf das vorherige Kyrie eleison wiederholt wird. Wie in einigen der Mozartschen Missae breves, die Schubert als Chorsänger gekannt haben wird, sind Gloria und Credo jeweils zu einem Satz zusammengefasst, wobei der Text gelegentlich gestaucht wird. Das homophone Gloria steht in D-dur und verzichtet auf die Bitte Qui sedes ad dexteram Patris, miserere nobis (NB: Der Satz is hier in zwei Tracks mit separatem Domine Deus unterteilt). Das Credo beginnt mit der Schlichtheit eines Kirchenliedes, das von einer bewegten Basslinie begleitet wird. Tonartenwechsel führen im Crucifixus etiam pro nobis zu einer gewissen Dramatik, worauf ein dem Text gemäß jubilierendes Et resurrexit einsetzt. Der letzte Teil des Bekenntnisses (Credo in Spiritum Sanctum) greift auf den Anfang des Satzes zurück, indessen die Ober- und Unterstimmen des Chores kurz in antiphonischer Schreibweise verwendet werden. Das Sanctus in D-dur bricht als Adagio maestoso in aller Herrlichkeit herein, und beim Osanna in excelsis wird erstmals ein kontrapunktisches Element eingeführt. Das im Sechsachteltakt wiegende Benedictus ist für die drei Vokalsolisten geschrieben und kehrt zum kontrapunktischen Osanna in excelsis zurück. Das Agnus Dei beginnt in e-moll und überlässt dem Solosopran die erste Bitte, deren letzte Worte der Chor danach als Echo singt. Die zweite Bitte gehört dem Solobassisten, und erneut hört man im Chor das Echo der letzten Phrase. Der Sopran übernimmt dann das letzte Agnus Dei, und die Bitte um Frieden beendet das Werk in der Ausgangstonart G-dur.

Die Messe C-dur D. 452 entstand im Juni und Juli des Jahres 1816 und ist für Sopran, Alt, Tenor und Bass, vierstimmigen Chor, Streicher und Orgel geschrieben. Später erweiterte Schubert die Besetzung um zwei Oboen oder Klarinetten, zwei Trompeten und Pauken. Das Stück wurde im September 1825 (vermutlich unter Ferdinand Schubert) an der Wiener Kirche St. Ulrich aufgeführt und gehört zu der kleinen Gruppe liturgischer Werke, die der Verleger Diabelli im selben Jahre publizierte. Eine weitere Edition erschien posthum 1829 mit einem alternativen, einfacheren Chorsatz für das Benedictus. Die Publikation steht wahrscheinlich im Zusammenhang mit Schuberts Bemühen um die Stelle eines Vizekapellmeisters bei Hofe.

Das Kyrie verwendet, wie das auch sonst geschieht, die vier Solostimmen im Wechsel mit dem Chor, und nach dem Christe wird das Kyrie in einer entsprechenden Variante wiederholt. Das Gloria folgt mit seiner aufsteigenden Skala, den punktierten Rhythmen und der harmonischen Struktur der damaligen Gepflogenheit und wendet sich bei Quoniam tu solus sanctus zur Musik des Anfangs zurück. Das Credo enthält seinen erforderlichen Kontrast durch das Et incarnatus est in d-moll: Dieses Adagio molto verlangt die Vokalsolisten und mündet in das wiederum stark kontrastierende Et resurrexit in einem jubilierenden C-dur. Die Ruhe des Sanctus wird von dem Sopransolo unterbrochen, mit dem das Osanna in excelsis einsetzt. Nach diesem Abschnitt folgt in der vorliegenden Aufnahme das originale Benedictus in Fdur, das 1828 gegen einen einfacheren Abschnitt in amoll ausgetauscht wurde. Das Agnus Dei bewahrt den Gegensatz von Solostimmen und vollem Chor, um am Ende in ein Dona nobis pacem im munteren Dreiertakt auszulaufen, mit dem das Stück seinen musikalisch gelungenen Abschluss findet.

Die Deutsche Messe D. 872 schrieb Franz Schubert 1827 im Auftrag des Arztes und Schriftstellers Johann Philipp Neumann, der das Libretto zu Schuberts unvollendet gebliebenem Opernprojekt Sakuntala verfasst hatte. Neumann zahlte Schubert 100 Gulden für die Komposition, die aus einer Reihe einfacher Gemeindelieder zum Gebrauche bei der Messe bestehen sollte. Schubert hat diesen Auftrag getreulich erfüllt und lieferte ein Werk für gemischten Chor mit Begleitung von Bläsern und Orgel. Die Deutsche Messe erschien später in einer Reihe unterschiedlicher Arrangements, die zum Teil von Ferdinand Schubert stammten und belegen, wie beliebt das Stück in den Gemeinden war.


Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


Close the window