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8.570768 - LISZT, F.: Album d'un voyageur, Book I, "Impressions et Poesies" / Apparitions (Liszt Complete Piano Music, Vol. 32)
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Franz Liszt (1811–1886)
Album d’un voyageur I • Apparitions

 

Nachdem ich in der letzten Zeit viele neue Länder, neue und verschiedenartige Gegenden, viele durch die Geschichte und die Dichtkunst verklärte Orte kennen gelernt, nachdem ich empfunden habe, daß die mannigfaltigen Erscheinungen der Natur und die Vorgänge in derselben nicht wie eindruckslose Bilder an meinen Augen vorüberzogen, sondern daß sie in meiner Seele tiefe Empfindungen hervorriefen—entstanden zwischen ihnen und mir zwar undeutliche aber doch unmittelbare Beziehungen, ein unbestimmtes aber doch vorhandenes Verhältnis, eine unerklärliche aber vorhandene Verbindung. Ich versuchte dann, in Tönen einige meiner stärksten Empfindungen, meiner lebhaftesten Eindrücke wiederzugeben.
–Franz Liszt: Tagebuch eines Wanderers, Vorwort (Übs. von Th. Rehbaum)

Franz Liszt wurde 1811 im ungarischen Raiding geboren. Sein Vater Adam war Amtmann im Dienste der Fürstenfamilie Esterházy, deren Kapellmeister Joseph Haydn einst gewesen war. Schon früh wurde Franz vom ungarischen Adel gefördert, so dass er 1822 in Wien bei Carl Czerny Unterricht nehmen konnte. Damals kam es auch zu der berühmten Begegnung mit Beethoven, bei der dieser trotz seiner völligen Ertaubung dem Spiel des Knaben Beifall gezollt und ihm den sogenannten Weihekuss auf die Stirn gedrückt haben soll. Von Wien ging Liszt nach Paris. Luigi Cherubini verweigerte ihm, dem Ausländer, zwar die Zulassung zum Conservatoire; gleichwohl konnte der Jüngling das Publikum mit seinen Darbietungen beeindrucken. Unterstützt wurde er jetzt durch die Klavierbauer-Familie Erard, für deren Produkte er bei seinen Konzerttourneen Werbung machte. 1827 starb der Vater, worauf seine Mutter nach Paris kam. Franz Liszt unterrichtete, studierte und profitierte von den intellektuellen Kreisen, mit denen er in der Seine-Metropole Kontakte pflegte. Ein neues Interesse am virtuosen Klavierspiel entstand, als er den großen Geiger Nicolo Paganini hörte, dessen technische Fertigkeiten er nun nachzuahmen begann.

In den nächsten Jahren schuf Franz Liszt als Teil seines virtuosen Arbeitsmaterials zahlreiche Kompositionen—darunter auch Lieder und Opernfantasien. Seine Beziehung zu der verheirateten Gräfin Marie d’Agoult veranlasste ihn, Paris für einige Jahre den Rücken zu kehren. Er lebte zunächst in der Schweiz, kam dann nach Paris zurück, um endlich nach Italien, Wien und Ungarn zu reisen. 1844 endete die Beziehung zu seiner Geliebten und Mutter seiner drei Kinder. Seine Konzertkarriere dauerte noch bis 1847: In diesem Jahr begann sein Verhältnis zu der polnischen Fürstin Carolyne zu Sayn-Wittgenstein, die vor ihrem ungeliebten russischen Gemahl geflohen war und sich 1848 mit Liszt in der Goethe-Stadt Weimar niederließ. Hier beschäftigte sich Franz Liszt nun mit einer neuen Form der Orchestermusik, der Symphonischen Dichtung; außerdem widmete er sich, wie üblich, der Revision und Publikation früherer Werke.

1861 ging der inzwischen fünfzigjährige Franz Liszt nach Rom, wo Fürstin Carolyne bereits seit dem Vorjahr lebte. Nach erfolgter Scheidung und Annullierung schien der Weg zur Eheschließung offen, doch beide lebten fortan in getrennten Wohnungen. Liszt empfing schließlich die niederen Weihen und lebte abwechselnd in Weimar, wo er jüngere Künstlergenerationen unterrichtete, in Rom, wo er seinen geistlichen Interessen nachging, und in Pest, das ihn als Nationalhelden feierte. Er starb 1886 in Bayreuth, wo seine Tochter Cosima residierte und damit beschäftigt war, die Musik ihres drei Jahre früher verstorbenen Ehemannes Richard Wagner zu verbreiten.

Die Gräfin Marie Katharina Sophie d’Agoult wurde 1805 in Frankfurt am Main geboren und war die Tochter des damals dort lebenden Grafen Alexandre Victor François de Flavigny, eines verabschiedeten Offiziers aus Frankreich, und seiner Frau Marie Elisabeth Bußmann, die wiederum das Kind eines reichen Frankfurter Bankiers war. Nachdem sich Maries Eltern drei Jahre vergebens um einen geeigneten Ehemann für ihre Tochter bemüht hatten, war diese schließlich aus puren Vernunftgründen bereit, den fünfzehn Jahre älteren Grafen und ehemaligen Offizier Charles d’Agoult zu heiraten. Die Hochzeit fand 1827 im Beisein des französischen Königs und weiterer Mitglieder der Königsfamilie statt.

Marie d’Agoult scheint keine ganz einfache Frau gewesen zu sein (immerhin hatte sich eine Halbschwester nach einer immer merklicheren Geistesverwirrung das Leben genommen), gebar ihrem ungeliebten Ehemann aber doch zwei Töchter und ging ansonsten ihrer eigenen Wege. Schon zu Beginn der dreißiger Jahre unterhielt sie in Paris einen etablierten Salon, der zum Treffpunkt bekannter Künstler und Literaten wurde. Hier hatte sie auch den fünf Jahre jüngeren Franz Liszt kennengelernt. Die Beziehung zu dem damals 21-Jährigen wurde bald immer intimer; man traf sich heimlich entweder bei Liszts Mutter oder auf dem Landsitz der Gräfin bei Croissy. Im Mai 1835 setzte sich die inzwischen schwangere Marie d’Agoult, wie bereits erwähnt, in die Schweiz ab, wo sie mit Franz Liszt während der nächsten Wochen eine gemeinsame Reise antrat, die unmittelbar zu dem Album d’un voyageur („Tagebuch eines Wanderers“) führte, aus dem später das erste Jahr der Années de pèlerinage hervorging. Im Juli ließ sich das Paar in Genf nieder, wo Liszt einige Stunden an dem neuen Konservatorium gab. Das erste gemeinsame Kind, die Tochter Blandine, wurde im Dezember geboren.

Das Album d’un voyageur wurde in drei Teilen veröffentlicht. Als erstes erschienen die Paraphrases, in denen Franz Liszt verschiedene Originalmelodien aus den Schweizer Alpen verwandte. Der erste Teil der Publikation, Impressions et poésies, beginnt in der französischen Stadt Lyon und ist Abbé Félicité de Lamennais gewidmet, dem geistlichen Mentor des Komponisten, der alles versucht hatte, um Marie d’Agoult von überstürzten Aktionen abzuhalten. Er engagierte sich zunehmend für die Sache der Arbeiter und verteidigte unter anderem den Streik der Lyoner Seidenweber. Liszt hat sein Stück mit dem Motto der Arbeiter überschrieben: Vivre en travaillantou mourir en combattant („arbeitend leben oder kämpfend sterben“) klingt es auch in den ersten, fanfarenartigen Takten des Stückes, das vermutlich die Gespräche reflektiert, die Liszt im Herbst 1834 mit Lamennais in der Bretagne geführt hatte. Lyon wurde nicht in die Années de pèlerinage übernommen.

Die evokative Ruhe des Lac de Wallenstadt ist mit Worten aus Byrons Childe Harold überschrieben: „Dein See, gemessen mit meiner frühern Welt voll Sturm und Glut, mahnt mich mit seiner Stille, zu vergessen am reinern Quell der Erde trübe Flut.“—Damit ist als lebhafterer Kontrast Au Bord d’une Source („Am Rande einer Quelle“) gekoppelt, dem ein Zitat aus Schillers Der Flüchtling vorangestellt ist: In säuselnder Kühle beginnen die Spiele der jungen Natur.

Les Cloches de Genève („Die Glocken von Genf“) hat Franz Liszt seiner kleinen Tochter Blandine gewidmet. …Minuit dormait, le lac était tranquille, les cieux étoilés…nous voguissons loin du bord („Minuit schlief, still war der See, die Sterne leuchteten am Himmel, wir glitten weit vom Ufer dahin …“) sowie ein weiteres Zitat aus Byrons Childe Harold sind diesem Stück vorangestellt: „Ich lebe nicht in mir, sondern werde ein Teil dessen, was mich umgibt.“ In dieser Urfassung des Stückes hört man die Glocken entsprechend der Aufführungsanweisung mal näher, mal ferner klingen; ein Allegro appassionato unterbricht die Stille, die jedoch am Ende wiederkehrt.

Der französische Schriftsteller Etienne Pivert de Senancour (1770-1846), an den sich beispielsweise der englische Dichter Matthew Arnold in seinen Versen erinnerte, hatte den romantischen Geist in seinem Obermann eingefangen, einem Briefroman, in dem ein fiktiver Einsiedler aus einem Tal des Schweizer Jura mit einem ebenfalls erfundenen Adressaten korrespondiert. Liszt schaltet an dieser Stelle seiner Publikation einen Text („Vom Wesen des Romantischen und vom Kuhreigen“) aus dem nämlichen Buche ein, bevor er mit dem nächsten Klavierstück Vallée d’Obermann fortschreitet. Weiterhin zitiert er aus Obermanns 63. Brief : „…ich empfinde, ich existiere, um mich in unbezähmbaren Wünschen zu verzehren, um mich den Verführungen einer phanta-stischen Welt hinzugeben, und dann unter ihren sinnlich bezaubernden Irrtümern zusammenzubrechen.“ Deutlich erklingen dann im ersten Motiv des Vallée d’Obermann als Motto die Worte, mit denen die vorige Textstelle bei Senancour beginnt: „Que veux-je? que suis-je? que demander à la nature? („Was will ich? Was bin ich? Was verlange ich von der Natur?“). Daraus entsteht die weitere musikalische Entwicklung, die endlich im strahlenden Licht der Berge endet, wenn das Dilemma sich auflöst. Das Stück ist „Herrn von Senancourt gewidmet“.

Widmungsträger der Chapelle de Guillaume Tell („Tellskapelle“) ist der Politiker und Sklavereigegner Victor Schoelcher (1804-1893). Einer für alle / Alle für einen ist das Stück überschrieben—mit dem Motto der Schweiz, die der Legende nach durch den Freiheitskämpfer Wilhelm Tell vom Joch der Habsburger erlöst wurde. Die Musik mit ihren Alphorn-Rufen beschwört den Geist dieses Helden.

Das Werk endet mit dem Psaume (de l’église à Genève), dem einige Verse aus dem 42. Psalm vorangestellt sind: „Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir. Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott“ (die originale französische Textstelle ist dem Genfer Psalter entnommen). Liszt bringt den Psalm in einfachen Akkorden, die sich am Ende in Arpeggien auflösen und das bemerkenswerte Album auf meditative Weise beschließen.

Die Apparitions schrieb Liszt, nachdem er im Spätsommer 1834 im bretonischen La Chênaie mit Abbé Lamennais zusammengekommen war, dessen umstrittene Ansichten über die notwendige Trennung von Kirche und Staat zum Konflikt mit den kirchlichen Autoritäten und der Verbannung aus Rom geführt hatten. Das erste der drei Stücke, Senza lentezza quasi allegretto, ist der Herzogin de Rauzan, einer Dame der feinsten Gesellschaft, gewidmet. Die zweite „Erscheinung“, Vivamente, trägt den Namen der Vicomtesse Frédéric de Larochefoucauld. Eine Fantaisie sur une valse de François Schubert beendet die innovative Kollektion, deren einzelne Bestandteile bereits einiges von kommenden Neuerungen erahnen lassen.


Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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