About this Recording
8.570786 - REGER, M: String Trios and Piano Quartets (Complete), Vol. 2 (Aperto Piano Quartet) - Piano Quartet, Op. 133 / String Trio, Op. 141b
English  German 

Max Reger (1873–1916)
Gesamteinspielung aller
Streichtrios und Klavierquartette • 1 Streichtrio a-moll op. 77b
Klavierquartett d-moll op. 113

 

In Max Regers OEuvre nimmt die Kammermusik nicht nur den größten Teil ein, ihr galt auch sein kontinuierliches Interesse von der Violinsonate op. 1 bis zum kurz vor seinem Tod vollendeten Klarinettenquintett op. 146. Dabei überwiegt die Klavierkammermusik, die er als Pianist persönlich propagierte und mit höchst kompliziertem Klavierpart ausstattete; doch bedachte er auch die Streicher vom Solo bis zum Sextett mit bedeutenden Werken. Die vorliegende Gesammteinspielung [Note 1] vereint seine jeweils einzigen Klavierquartette und Streichtrios, die miteinander korrespondieren bzw. einander konträr ergänzen. Denn Reger verstand sein Schaffen als zusammenhängendes Ganzes, das er mit jedem Einzelwerk zu vertiefen suchte, auf neu erworbener Entwicklungsstufe als Komponist und Persönlichkeit.

Erst als reifer Komponist und angesehener Kompositionslehrer in Leipzig fasste er während der Konzertvorbereitungen zu Brahms’ Klavierquartett c-moll op. 60 im November 1909 den Entschluss zu seinem Klavierquartett d-moll op. 113 [8.570785] und sah es sogleich für das Ende Mai 1910 in Zürich stattfindende Tonkünstlerfest – den alljährlichen Treffpunkt der musikalischen Moderne – vor. In den kommenden Monaten hinderte ihn seine exzessive Konzerttätigkeit an der Komposition; erst seit Mitte März konnte er konzentriert an dem Werk arbeiten, das pünktlich, wenn auch aus dem Manuskript, uraufgeführt wurde.

Um eine Einführung gebeten, schrieb er ironisch: „Das Werk hat natürlich vier Sätze, welche Tatsache in meiner Vielschreiberei begründet ist. Das Larghetto (dritter Satz) geht ziemlich langsam; die anderen drei Sätze nimmt man nach altem Gebrauch natürlich schneller. Doch: man kann es bei diesem Werke auch umgekehrt machen – diese Musik wird immer schrecklich klingen. Tonart d-moll – für welche äußerst verwegene Behauptung ich keine Garantie übernehme. Themen aufzuzählen ist zwecklos, da diese doch niemals zu hören sind. Eine verehrliche Polizei wird hiermit aufmerksam gemacht, daß ich gerade in diesem Werke – wie leider schon so oft – ganz entsetzlich gestohlen habe. Von Fugen und ähnlichem Unfug habe ich jedoch – merkwürdigerweise – abgesehen. P.S: Sollte die Harmonik nicht immer ganz bazillenfrei sein, so bitte ich alle tonalen Keuschheitsapostel um gütige Vergebung.“

Bissig nennt Reger hier stereotype Kritikpunkte, die ihn zunehmend quälten: Einerseits wurde ihm mechanische Vielschreiberei vorgeworfen, da er in seinen Kammermusikwerken das klassische viersätzige Formmodell übernahm, andererseits verstörte er durch dessen avantgardistische Ausfüllung; denn weder Themenbildung und -durchführung, noch seine modulationsreiche Harmonik und extreme Expressivität entsprachen der Gattungstradition.

In der Tat beginnt der Eröffnungssatz seines Opus 113 nicht mit prägnanter Themenaufstellung – nein, er bricht mit wildem Ausdruck con passione über den Hörer herein und verläuft in unaufhaltsamem dynamischen Steigerungswellen. In diesem aufgeregten Gewirr gleichberechtigter Stimmen fällt die Orientierung schwer, obwohl das Formgerüst der Sonate gewahrt bleibt und Brahms’ c-moll- Quartett als übersteigertes Vorbild erscheint. Der Zerklüftung wirkt eine äußerste Konzentration auf wenig motivisches Material entgegen, das neben Intervallen auch rhythmische und harmonische Bildungen einbezieht und ein dichtes Geflecht von undurchdringlicher Vielfalt schafft. Als seine persönliche Lösung, die besser sei „als all die neuen Wege“, hat Reger dieses Werk und sein unmittelbar folgendes Klavierkonzert f-moll op. 114 genannt und damit sowohl diese Durchgestaltung „bis in die äußersten Zweiglein“ als auch sein Festhalten an einer stark erweiterten Tonalität gemeint.

Das nach eigenen Worten „tolle Scherzo“ – Vivace, mit langsamem Mittelteil – bietet ein typisches Beispiel für Regers grotesken Humor, der sich rückblickend vom Larghetto in seiner resignativen Grundstimmung, aber auch vom dramatischen, im Ausdruck dem Eröffnungssatz verwandten Finale als Galgenhumor erweist. Diese Bekenntnismusik aus einer Zeit, als Reger sich innerlich bereits vom konservativen Leipzig verabschiedet hatte, vereint Melancholie, trotzige Energie und grimmigen Humor. Als Reger im Herbst 1910 vielumstrittener Ehrendoktor der Medizin wurde, verdächtigte ihn eine Glosse, in diesem Klavierquartett „seine Patienten und ihre Krankheiten – die seelischen natürlich“ zu schildern.

In ganz andere Situation entstand das Klavierquartett a-moll op. 133. Drei Jahre hatte Reger als umjubelter Meininger Hofkapellmeister seine Kräfte verausgabt, bis ihn ein Zusammenbruch im Frühjahr 1914 zur Amtsniederlegung zwang. Während einer Kur in Meran plante er neben den Mozart-Variationen op. 132 auch ein Klavierquartett, das noch vor Abschluss des Orchesterwerks im Juli 1914 in Meiningen begonnen und im ersten Weltkriegsmonat fertiggestellt wurde. Vom Klangideal der Mozart-Variationen, in denen „jede Note auf Klang berechnet“ sei, ist auch dieses Quartett beherrscht, dessen freiströmende Melodik durch starke Chromatik eine besondere Weichheit und Süße erhält. Die Streicherstimmen werden als homogener Klangkörper behandelt, treten nicht in einen Wettstreit, sondern verdoppeln einander häufig paarweise oder im unisono, wodurch die Linien plastisch hervortreten und abschattiert werden. Auch das Klavier nutzt alle Klangregister, verdunkelt mit oktavierten Bässen oder leuchtet mit perlenden Läufen. An Ausdruckstiefe und Intensität Opus 113 nicht nachstehend, dämpft das a-moll Quartett dessen Ausbrüche: Das con passione des Kopfsatzes ist schwermütig gemildert, das Scherzo spukhaft, im langsameren Trioteil mit einem 55-taktigen Orgelpunkt der Bratsche träumerisch verhalten, das Largo con gran espressione innerlich wie ein Gebet; das der Ausdrucksphäre des Scherzos verwandt Finale con spirito neigt zu grimmigem Spaß. Über dem Ganzen liegt ein resignativer, ja pessimistischer Zug, aus dem die Stimmen nur mit Kraftanstrengung herausbrechen, um mit Ausnahme des Finales im ppp zu verebben. Das Quartett wurde von der Kritik sofort angenommen und „zum Schönsten, Reifsten und Geläutertsten“ gezählt, das Reger geschrieben habe, „zugleich zum Gehaltvollsten, was die moderne Kammermusik hervorgebracht.“

Die Stilvielfalt des Regerschen Schaffens offenbart das Werkpaar der Streichtrios a-moll op. 77b und d-moll 141b. Nachdem sich Reger 1903/04 in München mit seinen Opera 70 bis 75 – darunter eine wilde Violinsonate und ein kühnes Streichquartett – als extremer Fortschrittler positioniert hatte, kündigte sich ein ästhetischer Wandel an: „Mir ist’s absolut klar, was unserer heutigen Zeit mangelt: ein Mozart!“, hatte er Anfang Juni 1904 geschrieben und als „erste Frucht dieser Erkenntnis“ eine Flötenserenade op. 77a und ein Streichtrio op. 77b angekündigt. Mozart – für ihn ganz Rokokomusiker – war ihm Inbegriff kompositorischer Leichtigkeit, musikantischer Spielfreude und damit Gegenmittel zur satztechnischen Überfrachtung der Musik seiner Zeit. Entsprechend ist das a-moll Streichtrio op. 77b [8.570785] von demonstrativer Einfachheit, jedoch – wie er selbst bemerkt – „absolut nicht ‘unregerisch‘“. Seine stiltypischen Feinheiten – metrische Überraschungen, eigentümliche Harmonik und interessante Stimmführung – verbirgt es mit Raffinesse. Nach der Münchner Uraufführung vermutete Rudolf Louis, Reger habe si „den Karnevalsspaß erlaubt, die Maske des Klassizisten vorzubinden“ und „auch einmal für die Gegenwart, statt ausschließlich für eine ferne Zukunft zu schreiben.“ Insgesamt lässt sich weniger eine Stilwende konstatieren als eine Tendenz, die mal mehr, mal weniger hervortritt. Weiterhin komponierte Reger auch hochkomplizierte Werke, bemühte sich dabei allerdings zunehmend um Plastizität und Durchsichtigkeit, wie die Klavierquartette von 1910 und 1914 beweisen.

„Nun beginnt der freie jenaische Stil“, kündigte Reger nach dem Umzug in die Universitätsstadt im Frühjahr 1915 an und fühlte sich von den Zwängen seines Amts, aber auch vom Druck, Repräsentant der Avantgarde zu sein, befreit. Wenige Monate gelang ihm auch die Befreiung vom Konzertleben, so dass ein Großteil seines Spätwerks in ungewohnter häuslicher Ruhe entstand. Der Rückzug ins Private hatte aber auch resignative Züge: Den Bruch mit der Tonalität, den Arnold Schönberg vollzogen hatte, wollte er nicht mitmachen, der einer Aufgabe seines Koordinatensystems gleich gekommen wäre. Als bewusster Einzelgänger blieb er sich selbst treu und bemühte sich mit jedem Werk zu steigern; und so überrascht es nicht, dass er seinen ästhetischen Standort von 1904 überprüfte und erneut eine Flötenserenade op. 141a mit einem diesmal nur dreisätzigen Streichtrio d-moll op.141b als „Miniaturkammermusik“ konzipierte. „Das Werk ist wirklich gut“, konstatierte er befriedigt und tatsächlich ist das Streichtrio mit einem melodiösen Variationssatz und einer graziösen Schlussfuge ein ganz „echter Reger“, der trotz der Beschränkung die Klangfülle seines Spätwerks aufbietet.

Susanne Popp

 

[Note]
[1] CD 2 der auf 2 CDs angelegten Gesamteinspielung aller Streichtrios und Klavierquartette von Max Reger. Die 1. CD beinhaltet das Streichtrio a-moll op. 77b und das Klavierquartett d-moll op. 113. Sie wird bei Naxos mit der Nummer 8.570785 veröffentlicht.

[back]

Close the window