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8.570790 - THUILLE, L.: Sextet / Piano Quintet (Luisi, Chantily Quintet, Gigli Quartet)
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Ludwig Thuille (1861–1907)
Sextett B-dur op. 6 • Klavierquintett Es-dur op. 20

 

Große Kreise des musikalischen Deutschlands waren schockiert, als sich die Nachricht vom frühen Tode des Münchner Komponisten und Lehrers Ludwig Thuille verbreitete, der am 5. Februar 1907 mit nicht einmal 46 Jahren einem Herzschlag erlegen war. Die Kondolenzschreiben, die bei seiner Witwe Emma und den beiden noch nicht volljährigen Kindern eintreffen, bezeugen nicht nur menschliche Anteilnahme, sondern vielfach auch den ganz persönlichen Verlust, den der allseits geschätzte Mann in Fach- und Freundeskreisen verursacht hat. „Mit ihm sinkt wieder ein Stück schöner Jugendzeit dahin.—Ich kann Dir meine Gefühle nicht in Worten ausdrücken: Du weißt aber wohl, wie sehr ich Ludwig geschätzt und geliebt habe,” antwortet Richard Strauss auf die telegraphische Nachricht, und man glaubt ihm aufs Wort—denn Ludwig Thuille war einer seiner ältesten und vertrautesten Freunde gewesen, und man hatte sich nach vierjähriger Funkstille gerade erst wieder versöhnt, nachdem 1902 durch eine Verkettung von Mißverständnissen der bereits ein Vierteljahrhundert bestehende Draht gekappt worden war: Weil Strauss hinter einer nachteiligen Besprechung seines (tatsächlich nicht eben überragenden) Chorwerkes Taillefer als treibende Kraft den alten Freund vermutete, hatte er in der für ihn nicht untypischen Art das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Nun also war eben erst wieder Frieden geschlossen und die Freundschaft erneuert worden—und dann dieses Telegramm!

Ludwig Wilhelm Andrä Maria Thuille (sprich: Tu-ille) war am 30. November 1861 als Sohn des Kunst-, Buchund Musikalienhändlers Johann Andreas Thuille und seiner Frau Maria Notburga in Bozen geboren worden. Er ist fünfeinhalb Jahre alt, als die Mutter stirbt, und als Elfjähriger steht er auch ohne den Vater da—der allerdings noch für eine gehörige Schulausbildung gesorgt und ihm selbst die ersten Unterweisungen im Klavierspiel gegeben hatte. Der Knabe kommt nunmehr zu einem Onkel im oberösterreichischen Kremsmünster und erhält am Gymnasium des berühmten Klosters einen Freiplatz, der ihn zur Mitwirkung im Chor verpflichtet und somit seinen ohnehin vorhandenen Hang zur Tonkunst auf solidere Grundlagen stellt.

Von 1876 bis 1879 finden wir Ludwig Thuille in Innsbruck. Er wohnt hier bei seiner älteren Halbschwester Marie Marchesani und findet in der Witwe des Tiroler Komponisten Matthäus Nagiller (1815–1874) eine zweite Mutter, die sich in jeder Hinsicht um das geistige und materielle Wohl des Heranwachsenden kümmert: Dank ihrer Unterstützung kann der Knabe in den nächsten Jahren nicht nur die Schule absolvieren, sondern auch bei Joseph Pembaur d.Ä. Unterricht im Klavier- und Orgelspiel sowie in Theorie nehmen, womit er ein wirklich erstklassiges Handwerkszeug erwirbt, denn Pembaur senior war selbst Schüler Anton Bruckners und Josef Rheinbergers gewesen.

Die Damen Nagiller und Marchesani sind unter anderem mit der Familie des Münchner Hofhornisten Franz Strauss befreundet. 1877 kommt das Ehepaar Strauss mitsamt seinem 13-jährigen Sohn Richard zur Sommerfrische nach Innsbruck, und damals entsteht eben jene tiefe Freundschaft, die unter anderem in einem verhältnismäßig kleinen, aber sehr aufschlußreichen Briefwechsel dokumentiert ist.

Zwei Jahre nach den ersten gemeinsamen Wochen kommt Ludwig Thuille an die Königliche Musikschule nach München. Jetzt ist Josef Rheinberger selbst sein Lehrer in Tonsatz und Komposition, während Carl Bärmann, der Enkel des berühmten Klarinettisten, für den pianistischen Schliff des jungen Mannes sorgt. Den Innsbrucker Frühwerken Thuilles (man spricht von etwa drei Dutzend Liedern, einem Streichquartett und drei Klaviersonaten) folgen jetzt die ersten akademisch abgesegneten Werke: 1880 wird als Opus 1 die erste von zwei Violinsonaten veröffentlicht, ferner entstehen neben weiteren Liedern eine Frühlingsouvertüre, ein Klavierquintett g-moll, eine Orgelsonate und schließlich das Concert D-dur für Pianoforte mit Begleitung des Orchesters, dessen Komposition und Vortrag im Frühjahr 1882 Teil eines vorzüglichen Examens ist.

Bis dahin verläuft also fast alles nach Wunsch. 1883 erhält Ludwig Thuille den Mozart-Preis, der mit einem vierjährigen Stipendium verknüpft ist. Seine Symphonie Fdur wird am 23. Februar 1886 in Meiningen von Richard Strauss uraufgeführt und erringt unter dessen Leitung einen ebenso deutlichen Erfolg, als sie am 10. November desselben Jahres ihre Münchner Premiere hat. Doch bei genauerer Betrachtung machen sich schon damals, während Thuille vielfach als Pianist in Erscheinung tritt, die ersten Anzeichen einer schöpferischen Resignation bemerkbar. Neben der Symphonie, die ein Einzelkind bleiben wird, entsteht zunächst nur ein Trio Es-dur für Klavier, Violine und Bratsche, und es drängt sich die Frage auf, ob unterschwellig nicht vielleicht doch das Staunen über das Genie des Freundes sich langsam lähmend aufs Gemüt des älteren Thuille legt.

Er braucht für alles, was er komponiert, ein vielfaches der Zeit, die Strauss mit einem Projekt zubringt, und so dauert es beispielsweise auch über zwei Jahre, bis er sein (neben der posthum veröffentlichten Harmonielehre) bekanntestes Werk beendet: das Sextett F-dur für Klavier und Bläser op. 6, das als regelrechte Pièce de resistance den Namen ihres Verfassers auch zu Zeiten hochhielt, da auf die Wiederentdeckung seines Oeuvres noch nicht zu hoffen war. „Es ist eben nirgends eine leere Phrase in dieser Neuheit; alles Melodische zwar anspruchslos und einfach gehalten, aber auch natürlich, lauter und echt-ungekünstelt. Thuille glaubt nun einmal an das, was er schreibt—dies ist die große, so überaus erfreuliche und direkt [das] Herz erquickende Hauptsache dabei …” beschreibt 1889 der Münchner Feuilletonist Arthur Seidl das fürwahr entzückende Stück, das gerade erst fertig geworden war.

Unter welchen Selbstzweifeln Ludwig Thuille diese zauberhafte Musik verfaßte, von deren Realisation ihm Strauss übrigens wegen der vermeintlichen Besetzungsprobleme nachdrücklich abgeraten hatte, das ist in keinem Takt der Partitur zu ahnen: Allein die subtile Grazie und Eleganz der Gavotte, die Thuille hier an die Stelle von Menuett oder Scherzo treten läßt, diese köstliche, hauchzarte und in jeder Nuance überwältigende Idylle wäre hinreichend, um der Schöpfung einen Ehrenplatz in der romantischen Kammermusik zuzuweisen—und wie exquisit fügt sich die zauberhafte Miniatur nicht in die stimmungsvolle Gesamtkonzeption…

Mit dem Sextett beginnt sozusagen die „mittlere” Schaffens- und Lebensphase des Komponisten. Ludwig Thuille gibt den durchaus realistischen Gedanken an eine Pianistenkarriere auf und wendet sich dem Unterrichten zu. 1888 erhält er eine Professur an der Königlichen Musikschule und wird damit auf einem Felde aktiv, dem sich Richard Strauss fast völlig verschließt. Indessen aber hat Ludwig Thuille weitere Werke geschaffen—allen voran seine erste Oper Theuerdank, die einen Preis des bayerischen Prinzregenten erhält und von Richard Strauss am 12. März 1893 in München aus der Taufe gehoben wird. Die Resonanz ist sehr mäßig, führt aber immerhin zu einem weiteren gelungenen Orchesterwerk, der sogenannten Romantischen Ouvertüre op. 16, die Thuille auf Ersuchen seines Freundes Strauss für den Theuerdank nachkomponiert hatte.

Mittlerweile hat er von Otto Julius Bierbaum, dem späteren Herausgeber der Insel, das Libretto zu einer Spieloper Lobetanz erhalten. Die Karlsruher Uraufführung am 6. Februar 1898 wird ein glänzender Erfolg, desgleichen die Berliner Premiere, die nur wenige Tage später stattfindet. Andere deutschsprachige Bühnen spielen das Stück nach, und diese künstlerischen Resultate scheinen sich auf den Komponisten Thuille positiv auszuwirken. Jedenfalls beginnt er kurz nach dem Abschluß dieses Bühnenwerkes mit der Komposition seines (zweiten) Klavierquintetts Es-dur op. 20, dem an bedeutenden Kammermusiken noch je eine Sonate für Violine und eine solche für Violoncello mit Klavierbegleitung folgen werden. Doch wieder vergehen Jahre bis zur Vollendung: Erst 1901, als die letzte vollendete Oper Gugeline ihre Premiere erlebt, erhält das Werk seine endgültige Gestalt—und wieder einmal herrscht allgemeine Begeisterung. Richard Strauss schreibt am 24. September aus Berlin, der Joachim-Schüler Carl Halir sei „hochentzückt von Deinem Quintett” und habe bereits einen Aufführungstermin anberaumt, während der schon einmal bemühte Arthur Seidl sich freut, „unseren heimischen Komponisten nach wie vor so beherzt bei der gar klangfreudig Musikblühenden Arbeit zu sehen, die—im ersten Satze schon überaus zugkräftig geraten—in ihrem ernst getragenen Teile sogar zu modern-poetischer Vertiefung und stimmungsreichstem Gehalten […] fortschreitet und die imposante Steigerung allenfalls nur im letzten Satze einigermaßen vermissen läßt. […] Doch hat die durch und durch fesselnd verlaufene Pracht-Nummer jedenfalls gezeigt, daß auch heute noch in dieser Gattung wunderbar schöne, tief wirksame und überaus aufführenswerte Werke geschaffen werden, für welche von Herzen dankbar zu sein, der wahre Musikfreund alle Ursache hat.”


© 2009 Eckhardt van den Hoogen


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