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8.570798 - VIVALDI, A.: Bassoon Concertos (Complete), Vol. 5
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Antonio Vivaldi (1678–1741)
Sämtliche Fagottkonzerte • Folge 5: RV 466, 469, 473, 491, 496, 497

 

Antonio Vivaldi, der „rote Priester“, wie man ihn aufgrund seiner Haarfarbe in seiner Heimatstadt nannte—dieser prete rosso wurde 1678 als Sohn eines Barbiers geboren, der später als Geiger am Markusdom sein Brot verdiente. Der junge Vivaldi studierte Theologie und wurde 1703 zum Priester geweiht. In der Zwischenzeit hatte er sich bereits als phänomenaler Geiger einen Namen gemacht, und so wurde er Violinmeister des Ospedale della Pietà, einer der vier Wohltätigkeitseinrichtungen, die sich der Erziehung verwaister, bedürftiger und unehelicher Mädchen annahm. Die Pietà erfreute sich traditionsgemäß eines hohen musikalischen Standards. Vermöge ihrer musikalischen Ausbildung konnten die begabtesten Mädchen bis zu Hilfslehrerinnen aufsteigen und sich so die zu ihrer Verheiratung nötige Aussteuer verdienen. Vivaldis Beziehung zu der Institution währte mit einigen Unterbrechungen ein Leben lang, wobei er sich 1723 vertraglich verpflichtete, fortan allmonatlich zwei Konzerte zu komponieren. Zur selben Zeit unterhielt er als Verfasser von rund 50 Bühnenwerken sowie als Direktor und Organisator enge Beziehungen zur venezianischen Oper. 1741 verließ er seine Heimatstadt, um nach Wien zu gehen: Entweder, weil er dort unter dem Patronat des Kaisers seine Karriere fortsetzen oder nach Dresden weiterreisen wollte, wo sein Schüler Pisendel wirkte. Wenige Wochen nach seiner Ankunft in Wien starb Antonio Vivaldi dann allerdings unter recht armseligen Umständen. Der Künstler, der einst wohl an die 50.000 Dukaten jährlich wert gewesen war, hatte nicht mehr viel zu bieten—mit Ausnahme einiger Werke, die er zum Zwecke der Veräußerung mitgebracht hatte.

Etliche Besucher Venedigs bezeugten Vivaldis großes geigerisches Können. Mitunter attestierte man allerdings, dass seine Darbietungen zwar bemerkenswert, nicht aber eigentlich gemütsergötzend gewesen seien. Ganz ohne Frage verstand er es, sämtliche Möglichkeiten der Violine auszuloten, indessen er zugleich die neu entwickelte Form des italienischen Solokonzerts vervollkommnete. Von den rund 500 Konzerten, die er hinterließ, waren viele für die Geige komponiert, doch benutzte er auch eine Vielzahl anderer Solo-Instrumente und Instrumentalgruppen. Er behauptete, dass er für die Komposition eines neuen Konzertes weniger Zeit brauchte als ein Kopist zum Auszug der Stimmen, und er überraschte durch die immense Leichtigkeit, mit der er den Rahmen der dreisätzigen Form (schnell-langsam-schnell) auf immer neue Weise auszufüllen verstand.

Den Mädchen der Pietà stand neben dem Basisorchester aus Streichern und Tasteninstrumenten eine große instrumentale Auswahl zur Verfügung. Dazu gehörte unter anderem das Fagott, für das Vivaldi insgesamt 39 Konzerte geschrieben hat (wenn man zwei nicht vollendete Stücke einbezieht). Wir wissen nicht, warum er so viele Werke für das verhältnismäßig ungewöhnliche Instrument geschrieben hat. Dass er eines der Konzerte seinem böhmischen Gönner Graf Morzin, einem Vetter des frühen Haydn-Mäzens, gewidmet hat, sagt ebensowenig aus wie die Tatsache, dass er ein zweites Konzert dem venezianischen Musiker Gioseppino Biancardi dedizierte. Man hat allerdings vermutet, dass Biancardi als Meister auf dem Dulzian eine ältere Tradition des Fagottspiels repräsentierte. Das lässt sich annehmen, da Vivaldi den tiefsten Ton (B) des späteren Instruments vermeidet. Generell war das Fagott im 18. Jahrhundert ein wesentlicher Bestandteil des üblichen deutschen Hoforchesters. Hier, wo es in größerer Zahl vorkam als heute, hatte es vor allem die Basslinie zu verdoppeln: Daher wurde sein Part auch nur dann ausgezogen, wenn er sich ausnahmsweise einmal von den Stimmen des Violoncellos, des Kontrabasses und des Continuos unterschied. Wenn also in der Pietà darauf hingewiesen wurde, dass die Mädchen unter anderem auch Fagotte spielten, so ist das zunächst einmal ein Hinweis darauf, dass die Instrumente zumindest auch zum Zwecke der Verdopplung benutzt wurden. Im 17. Jahrhundert waren Solostücke für das Fagott entstanden, und die bautechnischen Veränderungen führten bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts zu einer Reihe von Solokonzerten. Gleichwohl ist die Zahl an Fagottkonzerten aus Vivaldis Feder ungewöhnlich groß.

In zehn seiner Fagottkonzerte hat Antonio Vivaldi eine Moll-Tonart verwendet. Allein vier dieser Werke stehen in a-moll—wie auch das hier vorliegende mit der RV-Nummer 497, das mit einem leidenschaftlichen Ritornell beginnt und nach einer Pause von den Violinen und der Viola in einer sanfteren Stimmung weitergeführt wird, ehe der anfängliche Schwung wiederkehrt. Der virtuose Solopart beginnt mit einer auf dem Tonikadreiklang basierenden Figuration, bevor rasche Läufe hinzutreten; spätere Einsätze sind durch Elemente aus dem zweiten Teil des einleitenden Ritornells variiert. Das Andantemolto e-moll wird vom Orchester mit imitativen Einsätzen eingeleitet, worauf sich das Fagott mit seinem von Zweiunddreißigstel-Triolen erfüllten Solo meldet. Der dritte Satz beginnt vorschriftsmäßig, das heißt mit einem orchestralen Ritornell, das im Anschluss die solistischen Episoden umrahmt, in denen das Fagott seine charakteristisch-weiten Sprünge tut.

Vierzehn der Fagottkonzerte stehen in C-dur. Dazu gehört also auch das von Ryom (wegen des in Böhmen hergestellten Notenpapiers) auf die Jahre 1730/31 datierte Werk mit der Nummer RV 473. Der erste Satz desselben beginnt mit einem Ritornell, in dem die Geigen zunächst unisono und dann in Terzen eine Sechzehntelfigur zu dem regelmäßigen Schritt des Basses hinzufügen. Das Solofagott setzt mit den wiederholten Tönen eines aufsteigenden Tonika-Arpeggios ein, geht beim zweiten Einsatz zu Sechzehnteltriolen über und verziert seinen Part beim dritten Mal mit Trillern. Das Largo a-moll wird feierlich vom Orchester eingeleitet, bevor die Soloarie mit ihrer Ornamentierung beginnt. Das Orchester stellt dann auch das abschließende Minuetto vor, dessen zwei Abschnitte wiederholt werden. Das Fagott bringt dann continuobegleitetes Material, das aus dem Menuett abgeleitet ist; es gibt vier jeweils wiederholte Abschnitte, bevor die Musik des Anfangs wieder aufgegriffen wird. Dann hat das Fagott vier weitere, kunstvoller ornamentierte Teile zu spielen, die ebenfalls wiederholt werden und sich gleichermaßen aus dem Anfang herleiten. Nach dem Menuett kommen nun zwei wiederholte Passagen des continuo-begleiteten Solisten, der hier weite Sprünge in Achteltriolen spielen muss. Der Satz endet mit dem Menuett, dessen zwei Abschnitte jeweils pianissimo wiederholt werden.

Das Konzert RV 491 ist eines von sieben Geschwistern in F-dur. Das einleitende Ritornell basiert auf einer absteigenden Sequenzierung, wonach der Solist mit zunehmend virtuoseren Beiträgen folgt. Das Largo g-moll basiert anfangs auf einer Akkordfolge, wie man sie auch in andern Werken des Komponisten findet, namentlich in dem Concerto Madrigalesco RV 129, dem Kyrie RV 587 sowie in Teilen des Magnificat RV 610 (Naxos 8.570445). Zur Begleitung des Orchesters bietet der Solist einen ganz aus Sechzehnteln bestehenden Gesang. Der energische letzte Satz erfordert neuerlich weite Solosprünge, wie sie bei Vivaldi regelmäßig in seinen Kompositionen für das Fagott vorkommen.

Das Konzert C-dur RV 466 beginnt praktisch mit demselben Ritornell wie die Arie Quegli occhi luminosi aus dem zweiten Akt der Oper Semiramide, die 1732 in Manuta auf die Bühne kam. Das erste Solo besteht dann aus raschen Sechzehnteltriolen, das zweite basiert auf einer Sequenz und enthält weite Sprünge. Der langsame Satz in derselben Tonart bringt ein Begleitschema, das nach dem Soloeinsatz fortgesetzt wird, und das Konzert endet mit einem Satz, der die einfache Form, in der er gehalten ist, wiederum mit unendlichem Abwechslungsreichtum behandelt.

Das Konzert C-dur RV 469 ist ebenfalls durch weite Sprünge gekennzeichnet. Diese werden hier bereits im einleitenden Ritornell angekündigt, das im ersten Soloeinsatz des Fagotts seinen Widerhall findet. Die zweite Soloepisode moduliert von G-dur nach a-moll und verwendet einen weiten Tonumfang des Instrument, die dritte beginnt mit Achteltriolen, die sich nach e-moll wenden, worauf das Anfangsmotiv in C-dur zu Beginn der vierten Solopassage wiederkehrt. Das nur vom Continuo begleitete Largo lässt an eine zweiteilige Arie denken, deren Abschnitte jeweils wiederholt werden. Das Ritornell des Finales beginnt mit einer abwärtsspringenden Oktave; die Anfangsfigur wird vom Fagott in seiner ersten Soloepisode aufgenommen, und es folgen Solopassagen, die durchgehend durch weite Sprünge gekennzeichnet sind.

Die Beweglichkeit des Fagotts wird ein weiteres Mal in dem Konzert g-moll RV 496 demonstriert, das „Ma: dè Morzin“ dediziert ist, dem böhmischen Grafen Wenzel von Morzin, dem Vivaldi auch seine Sammlung Il Cimento dell’armonia e dell’inventione, den „Wettstreit von Harmonie und Erfindung“ gewidmet hat, die neben acht weiteren Konzerten die berühmten Vier Jahreszeiten enthält, die der Widmungsträger damals bereits kannte. Die Soloepisoden des Fagottkonzerts erkunden erneut den weiten Tonumfang des Fagotts und seine virtuosen Möglichkeiten. Der langsame Satz für Fagott und Continuo wirkt wie eine pastorale Arie und wiederholt, wie üblich, die verschiedenen Abschnitte. Der Schluss-Satz steht, wie nur noch bei einem dieser Konzerte, in derselben Tonart und nutzt sowohl im Ritornell wie in den Soloepisoden insbesondere eine Figur aus, die aus dem Arpeggio des Tonikadreiklangs gewonnen ist.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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