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8.570825 - MENDELSSOHN-HENSEL, F.: Piano Sonatas / Lied / Sonata o Capriccio (H. Schmidt)
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Fanny Mendelssohn-Hensel (1805–1847)
Klaviermusik

 

Viele Jahre galt Fanny Mendelssohn-Hensel, wofern man sie überhaupt kannte, als eine bloße Fußnote der Musikgeschichte. Und bis heute steht sie noch im Schatten ihres jüngeren Bruders Felix, obwohl sie selbst eine begabte Komponistin war. Die Enkelin des berühmten Philosophen Moses Mendelssohn wurde 1805 in Hamburg als Tochter einer überaus kulturbeflissenen Familie geboren. Ihre Erziehung war ebenso ungewöhnlich wie konfliktträchtig: Sie genoss zwar fast dieselbe musikalische Erziehung wie Felix, doch führte man ihr immer wieder vor Augen, dass sie als Frau nicht jenen Weg würde einschlagen können, für den sie ganz offensichtlich ein ähnlich großes und verheißungsvolles Talent mitbrachte wie der Bruder. An ihrem 23. Geburtstag ermahnte sie ihr Vater Abraham: „Du mußt Dich mehr zusammennehmen, mehr sammeln, Du mußt Dich ernster und emsiger zu deinem eigentlichen Beruf, zum einzigen Beruf eines Mädchens, zur Hausfrau bilden.“ Selbst Felix, zu dem Fanny eine äußerst enge und liebevoll-vertraute Beziehung unterhielt, stand ihren musikalischen Bestrebungen zwiespältig gegenüber. Einerseits unterstützte er ihr künstlerisches Tun und ließ sogar einige ihrer Werke als die Seinigen durchgehen, andererseits aber hielt er sie stets davon ab, etwas unter ihrem eigenen Namen zu veröffentlichen.

1829 heiratete Fanny den Maler Wilhelm Hensel, und ein Jahr später brachte sie den Sohn Sebastian zur Welt. Ihre musikalischen Aktivitäten trieb sie dessen ungeachtet weiter. Sie reiste mehrmals nach Italien, wo sie den jungen französischen Charles Gounod kennenlernte, der durch sie nach eigenem späteren Geständnis die Klaviermusik von Johann Sebastian Bach kennenlernte. Fanny war eine leidenschaftliche Anwältin Bachs. Schon 1820 war sie in die Berliner Singakademie eingetreten, die sich mit der Wiederaufführung alter Musik befasste. Auch ihre musikalischen Aufführungen und kompositorische Tätigkeit setzte die junge Frau fort, allerdings fast ausschließlich im privaten Rahmen: Ihren einzigen öffentlichen Auftritt gab sie 1838, und noch einmal acht Jahre später erschien als ihr Opus 1 ein Liederheft im Druck. Diese Publikation war für Fanny der erste Schritt zur künstlerischen Unabhängigkeit, dem in der nächsten Zeit vermutlich weitere gefolgt wären, doch die ersten Knospen ihrer Karriere wurden zu früh vom Tod abgeschnitten: Am 14. Mai 1847, einen Tag nach dem Abschluss ihres letzten Liedes, erlag Fanny Mendelssohn einem Schlaganfall.

Unter Fanny Mendelssohns etwa fünfhundert Tonschöpfungen nehmen Lieder und Klavierstücke den bei weitem größten Teil ein. Ihren Zeitgenossen war sie eine „Salon-Komponistin“, und demzufolge konnte sie mit kleinformatigen Stücken auch auf die entsprechende gesellschaftliche Akzeptanz bauen. Sie offenbaren eine lyrische Begabung sowie einen Respekt vor der traditionellen Harmonik und Formgebung, zugleich aber auch einen stark individuellen Anstrich. Die Werke auf der vorliegenden CD entstanden zwischen 1823 und 1846, überspannen also fast die gesamte Erwachsenenzeit der Komponistin (ihre allererste Komposition war 1819 ein Lied, das sie ihrem Vater widmete). Die frühesten Stücke des gegenwärtigen Programms sind das Allegro molto agitato d-moll und der Schluß, die Fanny im Alter von achtzehn Jahren schrieb. Die beiden Sätze bilden einen scharfen Kontrast: Den Schluß erfüllt eine sehnsüchtige Nostalgie, während das Allegro molto agitato eine virtuos dahinwirbelnde Oktavetüde ist. Die Komponistin vermerkte am Rande des Manuskripts, es sei „sehr schwer“ und nach der Art des berühmten Virtuosen und Lehrers Friedrich Kalkbrenner gefertigt (dem Frédéric Chopin sein erstes Klavierkonzert gewidmet hat). Kalkbrenners Einfluss zeigt sich an der puren technischen Schwierigkeit des Stückes, das trotz seiner Kürze eine tour de force musikalischer Schauspielerei ist.

Im nächsten Jahr komponierte Fanny Mendelssohn unter anderem ihre Klaviersonate c-moll sowie die einsätzige Sonata o Capriccio. Beide Werke zeigen die junge Künstlerin im experimentellen Umgang mit der Sonatenform, deren Beherrschung nach wie vor als wesentliches Element im kompositorischen Arsenal angesehen wurde. Besonders die c-moll-Sonate zeigt das schöpferische Interesse an motivischer Einheit sowie die Fähigkeit, große Strukturen zu organisieren: Viele der musikalischen Materialien lassen sich aus den beiden Hauptthemen des ersten Satzes ableiten. Gewidmet ist das Stück dem Bruder Felix „in absentio“, der sich Entstehung des Werkes gerade in Bad Doberan an der Ostsee weilte.

Das Notturno g-moll ist vierzehn Jahre jünger und zeigt, wieso es Felix ein leichtes war, Fannys Werke für die seinen auszugeben. Der Satz ähnelt deutlich seinen Liedern ohne Worte und bringt über eine durchgehend dahinrieselnde Begleitung eine schöne, sangbare Melodie. Wie bei vielen Klavierkomponisten des 19. Jahrhunderts zeigt sich der Einfluss der Nocturnes, die John Field geschaffen hat. Trotz seines unbestreitbaren Zaubers blieb das Stück zu Fannys Lebzeiten ungedruckt.

Das exquisite Adagio Es-dur aus der Zeit von 1840 bis 1843 bezeugt wiederum Fannys außergewöhnliche melodische Begabung und verrät zudem einen Sinn für kühne Harmonien. Des weiteren hört man, besonders in den ersten Akten, den Einfluss von Johann Sebastian Bach, den Fanny Mendelssohn stets allen anderen Komponisten vorzog. Das Jahr 1843 zeitigte auch die Klaviersonate g-moll, mit der Fanny ihre größte Leistung auf dem Gebiete der Klaviermusik vollbrachte. Das feurige, lyrische und dramatische Werk zeigt die Künstlerin auf dem Gipfel ihres Könnens. Frühere Versuche mit derselben Form, wie sie etwa in der fast zwanzig Jahre älteren Sonata o Capriccio zu sehen sind, kamen hier zur vollen Blüte. Der packende, heißblütige Kopfsatz fordert sofort die ganze Aufmerksamkeit des Publikums und führt mit weichen Tönen zu einem ätherischen Scherzo (im kontrastierenden h-moll), dessen schimmernde Sechzehnteltremoli una corda zu spielen sind. Ein würdevolles Adagio schließt sich an, worauf ein lebhaftes, leichtfüßiges Presto die Sonate ihrem dramatischen Höhepunkt entgegentreibt.

Gleichermaßen leidenschaftlich ist das Allegro molto c-moll aus dem Jahre 1846, in dem Fanny Mendelssohn beschlossen hatte, ihr Opus 1 zu veröffentlichen. Trotzig, kraftvoll und teuflisch schwer, stellt das Allegro molto einen perfekten Kontrapunkt zu dem rebellierenden Entschluss dar. Die beiden anderen Werke aus dem Jahre, das Lied Es-dur und das Andante con moto E-dur, zeigen die Komponistin in einer weniger turbulenten Geistesverfassung. Der Titel Lied spielt deutlich auf die Lieder ohne Worte ihres Bruders an, und die sehnsuchtsvolle Lyrik der Musik wirkt auch tatsächlich wie ein Gesangsstück. Dabei sind sowohl das Lied wie auch das Andante con moto momentweise von einer äußerst glühenden Eloquenz, die sich zu emotionalen Höhepunkten steigert.

Es wird kaum möglich sein, beim Hören dieser eindringlichen Musik nicht an Fanny Mendelssohns baldiges Ende zu denken oder darüber zu spekulieren, was sie alles hätte leisten können, wenn ihr nicht nur noch ein knappes Jahr vergönnt gewesen wäre. „Mendelssohns Schwester“: Dieses Attribut hat der Betrachtung ihrer kompositorischen Eigenständigkeit immer wieder im Wege gestanden, wozu die stilistischen Ähnlichkeiten der beiden Geschwister ein übriges taten. Gleichwohl entlarven die musikalischen Schöpfungen alle oberflächlichen Ansichten als unwahr. Wir erkennen statt dessen eine markante, denkbar kräftige musikalische Stimme, die es verdient, gehört zu werden.


Caroline Waight
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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