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8.570831-32 - BIZET, G.: Piano Music (Complete) (Severus)
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Georges Bizet (1838–1875)
Klavierwerke

 

In Frankreich hört man […] etwas Neues, manchmal sehr Interessantes, Frisches, Starkes. Bizet überragt natürlich alle anderen…[Er] ist ein Künstler, der seinem Jahrhundert und der Gegenwart Tribut zollt, jedoch von wahrer Inspiration durchglüht wird.“ So schreibt Pjotr Tschaikowski 1880 und 1883 in zwei Briefen an Nadjeschda von Meck.

Bizet, am 25. Oktober 1838 in Paris als Sohn eines Sängers und Komponisten und einer Pianistin geboren und früh von den Eltern musikalisch gefördert, wurde kurz vor seinem zehnten Geburtstag Schüler des Pariser Konservatoriums, wo er Klavier bei Antoine Marmontel und Komposition bei Pierre Zimmerman und Fromental Halévy studierte, alle ihrerseits Schüler Cherubinis. Großen Einfluss auf sein kompositorisches Schaffen hatte auch sein Freund und Förderer Charles Gounod.

Mit 16 Jahren komponierte Bizet seine erste Sinfonie, achtzehnjährig gewann er einen von Jacques Offenbach ausgeschriebenen Operetten-Kompositionspreis und den renommiertesten Kompositionspreis Frankreichs, den Prix de Rome, der ihm ein fünfjähriges Staatsstipendium sowie einen dreijährigen Aufenthalt in der Villa Medici in Rom gewährte.

Nach drei intensiven Jahren in Italien und einem bewegenden Abschied („Ich habe Derartiges noch nicht erlebt…Ich habe sechs Stunden lang geweint“, schreibt er seiner Mutter am 17.8.1860), seiner Rückkehr nach Paris und dem Ablauf seines Stipendiums beginnen für Bizet Jahre, in denen er privat Komposition und Klavier unterrichten und Kompositionsaufträge annehmen muss, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen: „Wenn Sie wie ich einen scheußlichen Walzer für X. orchestrieren müssten, würden Sie die Landarbeit segnen!“, schreibt er im September 1866 an Edmond Galabert, „Glauben Sie mir, es ist zum Rasendwerden, zwei Tage lang meine geliebte Arbeit unterbrechen zu müssen, um Kornettsoli zu schreiben. Aber man muss leben! Ich habe mich gerächt und das Orchester übler gemacht, als es von Natur aus klingt!“

Häufige Krankheiten, meist Anginen, halten ihn nicht davon ab, unermüdlich zu arbeiten. Bizet ist ein engagierter und großzügiger Lehrer, der manchen Schüler kostenlos unterrichtete.

In den 1860-er Jahren schreibt er u.a. die Opern Ivan IV, Les pêcheurs de perles, La jolie fille de Perth, die Fantaisie symphonique: Souvenirs de Rome, zahlreiche Lieder und die größeren Klavierwerke, in den siebziger Jahren die später zu zwei Konzertsuiten umgearbeitete Bühnenmusik L’Arlésienne, den Zyklus Jeux d’enfants für Klavier zu vier Händen sowie die Opern Djamileh (1871) und Carmen (uraufgeführt am 3.3.1875), deren Erfolg er nicht mehr erlebt. Er stirbt 36-jährig am 3. Juni 1875, seinem 6. Hochzeitstag, in Bougival bei Paris, vermutlich an einer Blutvergiftung, und ist auf dem Friedhof Père Lachaise begraben. Seine Söhne Jean Reiter und Jacques Bizet, letzterer ein Schriftsteller und Freund Prousts, stammen aus einer Beziehung mit Marie Reiter, dem Hausmädchen seiner Eltern, und seiner Ehe mit Geneviève Halévy, der Tochter seines Kompositionslehrers.

Seine umfangreiche Korrespondenz zeigt Bizet als freimütigen und geistreichen Briefeschreiber, der sich vielseitig interessiert: „Ich habe über 50 teils geschichtliche, teils literarische Bände gelesen“, teilt er nach seinem ersten Jahr in Rom mit. Er ist selbstbewusst, aber auch selbstkritisch („Ich habe endlich die Gewissheit, Musiker zu sein, woran ich so lange gezweifelt habe“, 23.6.1860) und besitzt ein leidenschaftliches, bisweilen cholerisches Wesen: „Nur mein streitsüchtiges Temperament ist hartnäckig. Ein Ellenbogenstoß auf der Straße, ein zu lange auf mich gerichteter Blick, und brrrrrr…ich bin außer mir!“, schreibt er am 26.11.1859 aus Rom. „Ich tue jedoch mein Möglichstes, um mich zu bessern […].“

Um die Bedeutung von Bizets Klavierwerk einzu-schätzen, ist es aufschlussreich, den Pianisten Bizet und die Rolle, die er selbst dem Instrument zumaß, näher zu betrachten. „Was mein Klavierspiel betrifft […], so haben wir eine glanzvolle Soirée bei Herrn Schnetz gehabt“, teilt der 19-jährige am 27.3.1858 seiner Mutter mit. „Der französische Botschafter und die hohen Tiere der französischen Verwaltung waren anwesend. Ich habe wie üblich diese Scheußlichkeiten von Goria gespielt. Das macht immer großen Eindruck.“

Trotz seines Erfolges tritt Bizet nur selten öffentlich auf, weil er fürchtet, mehr als Virtuose denn als Komponist wahrgenommen zu werden. Daran ändert auch seine prekäre finanzielle Situation knapp zehn Jahre später nichts: „Ich spiele sehr gut Klavier und lebe sehr schlecht davon, denn nichts in der Welt könnte mich dazu bringen, mich öffentlich hören zu lassen. Ich finde den Beruf des Interpreten widerlich“, schreibt er im Frühjahr 1867. „Noch eine Abneigung, die mich 15000 Francs im Jahr kostet. Ich lasse mich manchmal bei der Prinzessin Mathilde hören und in einigen Häusern, in denen die Künstler Freunde sind und keine Bediensteten.“

Dass Bizet ein meisterhafter Vomblattspieler ist, bestätigt Berlioz in seinem Artikel vom 8.Oktober 1863 im Journal des Débats: „Sein Talent als Pianist ist so groß, dass beim Vomblattspiel der Orchesterpartituren keine Schwierigkeit ihn aufhalten kann. Seit Liszt und Mendelssohn hat man wenige Vomblattspieler seiner Stärke gehört.“

Von seinem Klavierunterricht und seiner Spielweise gibt uns sein Schüler Edmond Galabert Zeugnis: „Hier sind die Empfehlungen, die er mir gab: mich selbstkritisch zu überwachen, mir sehr aufmerksam zuzuhören und die Passagen so oft zu wiederholen, bis der Anschlag die erwünschte Qualität besaß, mich nicht mit einem Ungefähr zufriedenzugeben […] Im übrigen erzielte er wunderbare Effekte […] durch gleichzeitigen Gebrauch beider Pedale, und im Fortissimo fügte er der Kraft und dem Glanz immer Wärme und Samtigkeit hinzu. Es war im übrigen sehr bewegend und einer der größten Kunstgenüsse, ihn zu hören, wie er, sich am Klavier begleitend, halblaut die Frauen-, Bariton- oder Basspartien sang, den Trauermarsch von Chopin oder Präludien und Fugen des Wohltemperierten Klaviers von Bach spielte. Er wies mich auf das Moderne in bestimmten Stücken hin wie im b-moll-Präludium des ersten Heftes, das er mit leidenschaftlichem und schmerzlichem Ausdruck lebhaftester Intensität spielte.[…] Er glaubte auch, dass es erforderlich sei, ein Stück auswendig zu lernen, um es völlig zu begreifen. Er hatte übrigens ein außerordentliches Gedächtnis und konnte lange Stücke komponieren, ohne eine einzige Note aufzuschreiben.“

Pianistische Fähigkeiten sieht er als Voraussetzung dafür an, Komponist zu werden: „Seiner Auffassung nach sollte ein Komponist Pianist werden, um sich mittels dessen daran zu gewöhnen, seinen Ideen Form zu verleihen. Er nannte die Namen großer Komponisten, die ausgezeichnete Pianisten gewesen waren: Johann Sebastian Bach, Mozart, Beethoven, Meyerbeer etc.“

Bizets Solo-Klavierwerk entstand in zwei Schaffensphasen seines kurzen Lebens: einer frühen von 1851 bis 1857, die endet, als er 19jährig nach Rom geht, und einer mittleren zwischen 1865 und 1868. Im Vergleich zu Bizets Opernwerk ist sein Klavierwerk schmal. Dennoch scheint es, dass Bizet Vergnügen daran fand, sein Talent in einer Vielzahl musikalischer Genres und Ausdrucksbereiche zu erproben. Neben lyrischer, chopinesker Klangpoesie (Nocturnes, Chansons sans paroles) findet sich Hochdramatisches (Variations chromatiques), Episches (Chants du Rhin), Virtuoses (Caprices, Chasse fantastique), Exotisches (Rondo turque), Tänzerisches (Walzer, Polka-Mazurka) und Geistliches (Méditation religieuse).

Außerdem schrieb Bizet ungefähr 200 Transkriptionen hauptsächlich fremder, jedoch auch zahlreicher eigener Werke; zu den ersteren gehört L’Arlésienne.

Das Klavierwerk Bizets ist erst nach und nach vollständig entdeckt worden. Unter den Werken, die posthum erschienen, sind die beiden Walzer, die beiden Caprices originaux und das Nocturne F-Dur.

Das Nocturne F-Dur und der Grande valse de concert Es-Dur sind Werke des gerade 16jährigen Bizet. Das Nocturne setzt lyrische Intensität in Pianissimo-Dynamik in den Außenteilen in Kontrast zu dramatischer Leidenschaft mit Steigerung bis zum dreifachen Forte im Mittelteil. Der Walzer Es-Dur, von Bizet im Januar 1855 in einem Konzert gespielt, ist in Rondoform geschrieben und zeichnet sich durch frische Eleganz und eine mühelose Verbindung von Lyrik und Virtuosität aus.

Die Trois Esquisses Musicales (Drei musikalische Skizzen), 1857 komponiert, bestehen aus dem Rondo turque (Türkischen Rondo) in a-moll, einer Sérénade in Des-Dur und einer Caprice in a-moll. Nachdem die Janitscharenmusik seit den Türkischen Kriegen Einzug in die europäische Kunstmusik gehalten hatte, entstanden zahlreiche Werke mit türkischem Kolorit, für Klavier u.a. Mozarts Rondo alla turca und Beethovens Variationen op.73. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gab es sogar spezielle Klaviere mit « Janitscharenzug », einem Pedal, das Paukenschlag und Schellenbaum imitierte. So enthält auch Bizets Rondo turque Elemente der türkischen Militärmusik: ostinate rhythmische Figuren, scharfe Punktierungen, Vorschläge und Arpeggien, während die Melodie eng um ostinate Zentraltöne kreist. In der Sérénade kontrastiert entfernter Gesang in windstiller Mondnacht in den Außenteilen mit einem bacchantischen Mittelteil, in dem die zahlreichen Arpeggien, Vorschläge und Orgelpunkte auf das Rondo turque verweisen. Die Caprice nimmt das a-moll sowie die Ostinati und Orgelpunkte des Rondos wieder auf und lässt verschiedene Teile wie einen bunten Maskenreigen aufeinanderfolgen.

Dem Nocturne D-Dur, das 1868 entstanden ist, gibt Bizet die Bezeichnung 1. Nocturne, obgleich es 14 Jahre nach dem F-Dur-Nocturne entstanden ist. Weit entfernt von der klaren, ungebrochenen Lyrik des letzteren, entsteigt es einer gespenstischen Finsternis mit einem Ausdruck von Zerrissenheit und Getriebensein, der sich in der Unbestimmtheit von Form und Tonart widerspiegelt; erst am Schluss kristallisiert sich über euphorischen Terzentrillern und –Kaskaden in dreifachem forte D-Dur heraus—ein kurz aufloderndes Feuerwerk, nach welchem die Nacht in eine ruhige, warme Stille herabsinkt.

Im selben Jahr 1868 entsteht auch Bizets ambitioniertestes Klavierwerk, die Variations chromatiques cmoll. An seinen Freund Edmond Galabert schreibt Bizet: „Ich habe gerade die Grandes variations chromatiques für Klavier beendet. Es handelt sich um das Thema, das ich diesen Winter skizziert hatte. Ich bin, ich gebe es zu, gänzlich zufrieden mit diesem Stück. Es ist sehr kühn behandelt, Sie werden es sehen.“ Offensichtlich inspiriert von Beethovens 32 Variationen c-moll, die Bizet außerordentlich schätzte und die er selbst öffentlich spielte, ist es das einzige seiner Klavierwerke, das von hochgespannter Dramatik beherrscht wird und in dem das Motiv des unausweichlichen und unheilvollen Schicksals von Anfang an präsent ist—auch wenn die C-Dur- Variationen des zweiten Teils eine verlockende, doch trügerische Erlösung versprechen. Bizets Interpretationshinweise spiegeln die Palette seiner Ausdrucksbereiche wieder: maestoso (majestätisch), leggero con eleganza (leicht und elegant), grazioso (anmutig), con fuoco (mit Feuer), agitato (erregt), alla polacca (wie eine Polka), espressivo assai (sehr ausdrucksvoll), appassionato (leidenschaftlich), malinconico (melancholisch), Quasi recitativo (rezitativisch). Mit tutta forza (mit ganzer Kraft) erfüllt sich am Ende das Schicksal. Die Variations chromatiques hat Bizet am 23.12.1871 in einem Konzert der Société nationale de musique öffentlich gespielt.

Den Walzer in C-Dur, die vier Préludes, das Thème brillant und die zwei Caprices originaux hat Bizet vor seinem 15. Lebensjahr, etwa 1851/52 geschrieben.

Der Walzer und das Thème brillant zeichnen sich durch Tonrepetitionen aus, die dem ersten Leichtigkeit und Eleganz (« grazioso ») und dem zweiten Brillanz verleihen. Das Thème wie auch die Préludes waren möglicherweise als Teile größerer Werke vorgesehen. Die erste Caprice cis-moll pendelt zwischen scherzender Melancholie und spielerischem Übermut, die zweite ist ein virtuoses „Glockenspiel“.

Die Arlésienne-Suiten sind das Destillat aus Bizets Schauspielmusik zu Alphonse Daudets Drama L’Arlésienne, das am 30. September 1872 im Théâtre du Vaudeville Premiere hatte. Das Stück handelt von der Liebe Frédéris zu einer jungen Frau aus Arles, der Arlésienne, die er heiraten möchte. Als seine Familie entdeckt, dass sie die Geliebte des Stallburschen Mitifio war, zwingt sie ihn, auf eine Heirat mit ihr zu verzichten und ein anderes Mädchen zur Braut zu nehmen. Er kann jedoch die Arlésienne nicht vergessen und nimmt sich kurz vor der Hochzeit in Verzweiflung das Leben. Da Daudets Theaterstück kein Erfolg beschienen war, riet man Bizet, aus den 27 Stücken der Schauspielmusik eine Konzertsuite zu machen, um die Musik für eine konzertante Aufführung zu retten.

Das Prélude—die Ouvertüre der Schauspielmusik—enthält ein Lied des 18. Jahrhunderts, den Marcho dei Rei (Königsmarsch), dem zwei kontrastierende Teile folgen, von denen der zweite Frédéris verhängnisvolle Liebe zur Arlésienne schildert. Das Minuetto diente als Zwischenaktmusik (Entr’acte No.17), das Adagietto war zuvor Teil von « Mélodrame » No.19 und « Entracte » No.22, und das Carillon (Glockenspiel) ist die Eröffnungsmusik « Entracte » Nr. 18 zum dritten Akt gewesen.

Die Chants du Rhin (Gesänge des Rheins) zu Versen von Joseph Méry komponierte Bizet 1865 und spielte zwei von ihnen am 16. April 1866 auf einer Soirée der Philharmonischen Gesellschaft von Beauvais. Die sechs Stücke L’aurore (Morgengrauen), Le départ (Abreise), Rêves (Träume), La bohémienne (Die Zigeunerin), Confidences (Bekenntnisse) und Le retour (Heimkehr) sind symmetrisch um La bohémienne als zentralem Stück gruppiert. Dieses wird von zwei sehnsuchtsvoll-meditativen (No. 3 und 5: E- und Des-Dur) und zwei äußerst bewegten und vorwärtsdrängenden (No. 2 und 6: ebenfalls E- und Des-Dur) umrahmt, mit L’aurore als Einleitung. Bizet greift hier das Thema der Zigeunerin auf, das zuvor bereits in den Opern The Bohemian Girl des irischen Komponisten Michael William Balfe, in Giuseppe Verdis Il Trovatore sowie in Franz Liszts Ungarischen Rhapsodien für Klavier in die Kunstmusik Eingang gefunden hatte und auf das er schon ein Jahr später in La jolie fille de Perth und zehn Jahre später mit Carmen zurückkommen sollte. Das vierte Stück Confidences weist in Tonart, Struktur und Motivik Parallelen zum Mittelteil des dritten Satzes von Chopins Sonate h-moll auf.

Die drei Stücke Méditiation religieuse (1855), Romance sans paroles und Casilda (beide 1856), alle in C-Dur geschrieben, sind in der Musikbeilage der Zeitschrift „Magasin de famille“ erschienen. Méditation réligieuse, geschrieben für Klavier, Orgel oder Harmonium, zollt der Tatsache Rechnung, dass Bizet 1852 in die Orgelklasse von François Benoit eintrat, und lässt den Einfluss Gounods spüren. Die Romance sans paroles und Casilda sind thematisch der Méditation verwandt. Casilda, Polka-Mazurka untertitelt, vereint Elemente beider Tänze.

Venise (Venedig, 1865) und Marine (1868) stehen beide in a-moll. Venise—identisch mit der Arie „Je crois entendre encore“ des Nadir aus den Perlenfischern—hat den Untertitel Barcarolle, und die Zweiunddreißigstelfiguren in hohem Register über einer ruhigen Wellenbewegung, mit dem Zusatz « scintillante » (funkelnd) versehen, scheinen das Glitzern des Wassers zu spiegeln. Aber auch Marine, der Comtesse d’Alton Shee gewidmet, könnte als Wasserlied gedeutet werden mit seiner wellenartigen Achtelbewegung in Sexten über einer Tenor-Kantilene. In der Romance sans paroles in CDur (1851/52) kontrastieren die koloraturreichen lyrischen Außenteile mit einem dunkel-unruhigen Mittelteil.

Die Chasse fantastique (1865) steht in der Tradition der Jagdmusiken: zu den bekanntesten gehören Haydns Symphonie No.73 La chasse und Webers Freischütz, in der Klaviermusik Liszts Etüden La Chasse sauvage und La Chasse nach Paganinis Caprice No. 9 sowie die gleichnamige Etüde von Stephen Heller, die—von Liszt aufgeführt—jenem zum Durchbruch als Komponist gereichte und die Bizet selbst gern spielte, wie sein Schüler Edmond Galabert überliefert. Bizet selbst hatte bereits während seines Romaufenthalts eine Konzertouvertüre mit dem Titel La chasse d’Ossian geschrieben, und der erste Satz seiner Symphonie Roma hatte ursprünglich den Titel Une chasse dans la forêt d’Ostie. Chasse fantastique, zu deutsch Wilde Jagd , bezeichnet nicht nur eine Jagdgesellschaft, sondern eine Erscheinung, deren Vorstellungen und Bräuche in vielen Ländern Europas bis ins 5. Jahrhundert zurückreichen: einen nächtlichen Gewittersturm in Winternächten, der als Jagd von Reitern, Pferden, Hunden, den Seelen Verstorbener, Fabelwesen und Göttern über den Himmel interpretiert wurde und in den der Legende nach durch einen magischen Sog auch die Seelen der Lebenden geraten konnten. Bizet hat die Chasse fantastique—seinem Klavierlehrer Marmontel gewidmet—entsprechend komponiert: nach einer improvisatorischen Einleitung über einer Fanfare werden der erste und dritte Teil in Es-Dur beherrscht von Jagdmotiven, während der Mittelteil mit einer Kantilene in f-moll beginnt und sich allmählich in eine Art Dämonentanz verwandelt.

In der zweiten Arlésienne-Suite stammen die Pastorale aus dem « Entracte et Choeur—Pastorale » No.7 der Bühnenmusik, das Intermezzo aus dem « Entr’acte » No.15, das Menuet jedoch aus dem dritten Akt der Oper La jolie fille de Perth. Den Abschluss bildet eine Farandole, ursprünglich ein provenzalischer Reigentanz aus dem 14. Jahrhundert, der von Einhandflöte und Tambourin begleitet wird. Sie setzt sich aus der « Farandole » No.21 » und dem « Choeur » Nr.23 der Bühnenmusik zusammen.


Julia Severus


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