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8.570840 - SPOHR, L.: Concertantes Nos. 1 and 2 / Duet in G Major, Op. 3, No. 3 (Kraggerud, Bjora, Oslo Camerata, Baratt Due Chamber Orchestra, Barratt-Due)
English  German 

Louis Spohr (1784–1859)
Concertante A-dur, op. 48 • Concertante h-moll, op. 88 • Drei Duette op. 3, Nr. 3

 

Aus der Zeit der Romantik gibt es wenige Konzerte für mehrere Solisten. Der Kult des Solovirtuosen beherrschte das Genre, das sich nunmehr auf die individuellen Beiträge konzentrierte, mit denen der jeweilige Instrumentalist zu der wesensmäßig argumentativen Form beitrug. Louis Spohr hat sich mit vier Klarinettenkonzerten und achtzehn weiteren für die Violine zwar auch auf diesem konzertanten Gebiete hervorgetan, doch zugleich hat er sich immer darum bemüht, beim Verhältnis zwischen Solo und Ensemble der musikalischen Integrität den Vorrang vor oberflächlichen Schauspielereien einzuräumen.

Mit achtzehn Jahren kam Spohr während einer Konzertreise ins russische St. Petersburg, wo er einem orthodoxen Gottesdienst beiwohnte. Er war fasziniert von dem antiphonischen Chorgesang und interessierte sich fortan während seines ganzen Lebens für die responsorialen Möglichkeiten des Dialoges, denen er in vielen seiner Kompositionen nachging – unter anderem in Werken wie der herrlichen doppelchörigen Messe op. 54 von 1821 und den vier prächtigen Doppel- Quartetten für Streicher. Den Höhepunkt bildete die siebte Symphonie, die für zwei Orchester geschrieben ist. Derselben Kategorie sind auch die beiden hier vorliegenden Concertantes zuzurechnen, in denen zwei gleichrangige Kräfte sich die Bühne zum Zwecke einer kultivierten Konversation teilen.

Man kann in Spohrs Ästhetik eine nostalgische Tendenz bemerken, die mit dem Entstehen des bürgerlichen Historismus in den anderen Künsten zusammenfiel. Diese sogenannte „Biedermeier-Zeit“ mit ihrer Eleganz, ihrem ausgeprägten handwerklichen Können und ihrer emotionalen Zurückhaltung wurde später verurteilt, als in der Kunst die größeren Sensationen ihren Aufstieg nahmen. Louis Spohr stellte sich gegen die Oberflächlichkeit der nationalromantischen Schule, deren Musik er für vulgär, repetitiv, vordergründig und bombastisch hielt. Der Schluss-Satz seiner sechsten, der sogenannten „historischen“ Symphonie attackiert diese Tendenzen unter dem Titel „Allerneueste Periode“.

Durch diese Haltung gegenüber einer zunehmend kommerzialisierten Musikwelt geriet Spohr während seiner Karriere in mancherlei Schwierigkeiten. So legte er das Direktorat der Frankfurter Oper nieder, als man sich dort weigerte, Beethovens Fidelio auf die Bühne zu bringen. Vor allem dieser Einsatz für die Werke Beethovens, Webers und des jungen Wagner (als einer der ersten dirigierte er Aufführungen des Fliegenden Holländer und des Tannhäuser) verdeutlicht seine Opposition gegenüber den zeitgenössischen Tendenzen – einer Opposition, die in dem Wunsche gründete, der seiner Auffassung nach wahren Art der Komposition die gehörige Förderung angedeihen zu lassen.

Daher forderte er neben der strukturellen Disziplin die Unterordnung des Virtuosen unter die musikalische Aussage. Womit nicht gesagt ist, dass diese Werke nicht auch ihre instrumentale Brillanz hätten. Die Musik ist technisch äußerst anspruchsvoll, und die glitzernden Solopassagen überziehen den Hörer mit einem tiefen Gefühl der Befriedigung. Man hat Spohrs Stil der „Weiblichkeit“ geziehen, doch zugleich findet man bei ihm keinerlei geschmacklose Exzesse; die Kompositionen sind harmonisch fortgeschritten und zeigen eine starke Betonung chromatischer Erfindungen. Die Formen, die er für seine Konzerte wählt, sind zwar klassisch, verfallen aber nie in Routine. Andererseits entwickelte er die durchkomponierten Formen, und noch vor Wagner war er in seinen Opern (Faust 1813 und Jessonda 1822) ein Pionier des Leitmotivs. Von übergeordneter Bedeutung waren freilich der gute Geschmack, die solide Handwerklichkeit und eine zurückgenommene Emotionalität. Unter dieser ästhetischen Auffassung litt sein Nachruhm, denn die Konzertbesucher verlangten extrovertiertere, sensationellere Formen des Ausdrucks. Die subtilen Merkmale der Musik wurden ihrem Schöpfer oft als Schwäche ausgelegt – zu Unrecht freilich, auch wenn der Hörer sich auf eine delikate, sensible Klangwelt wird einstimmen müssen, in der die thematische Emphase durch kleine Veränderungen erreicht wird. Spohr ist ein Meister beim Aufspüren der Entwicklungsmöglichkeiten, die sich in seinen klaren melodischen, meist am Anfang der Komposition ganz schmucklos exponierten Konturen verbergen.

All diesen Charakteristika wird man auch in den beiden Concertantes begegnen, die Spohr gern mit seinen Meisterschülern spielte. Bei der Gestaltung der individuellen Stimmen ließ er eine solche Großzügigkeit walten, dass keiner der beiden Solisten gegenüber dem andern zu kurz kommt. Vielmehr ergänzen sich die beiden dergestalt, dass sie auch zu den Entfaltungsmöglichkeiten des Partners beitragen. Diese Kollegialität manifestierte sich bei Spohr auch in der unermüdlichen Förderung der instrumentalen und kompositorischen Zeitgenossen sowie in seinem Engagement für die Musik von Johann Sebastian Bach. Tatsächlich zeigen die beiden hier vorliegenden Werke mancherlei Gemeinsamkeiten mit ähnlich besetzten Werken Bachs und der barocken Ideale, die durch das Concerto grosso vererbt wurden.

Der Begriff Concertante meint bei Spohr ein aus den üblichen drei Sätzen bestehendes Doppelkonzert für zwei Violinen und Orchester. Die erste Concertante Adur op. 48 entstand im Jahre 1808. Sie beginnt mit einer sanften Einleitung in a-moll, die bereits Fragmente der in dem eigentlichen Allegro vorkommenden, von den beiden Geigern in Oktaven dargestellten Konturen enthält. Die zweite Concertante h-moll op. 88 aus dem Jahre 1833 ist ein reifes Werk, in dem man viele stilistische Züge eines Berlioz, Tschaikowsky und Mahler vorweggenommen findet. Die orchestrale Einleitung bereitet die Bühne für die zwei Solisten, die beide Themen des Sonatensatzes exponieren. Der zweite Satz beginnt mit den Doppelgriffen beider Solisten, die infolgedessen wie ein Streichquartett kingen. Das Finale ist wiederum ein Rondo, in dessen dunkler getöntem Thema sich möglicherweise die Sorge um Dorette, die todkranke Ehefrau des Komponisten, spiegelt.

Im Jahr der zweiten Concertante (1833) veröffentlichte Louis Spohr mit seiner Violinschule einen der Grundpfeiler der deutschen Geigentradition. Diese Schule enthält unter anderem Duette für Lehrer und Schüler, die aber nichts mit den Violinduetten op. 3 gemein haben, von denen hier die dritte Nummer eingespielt ist: Der lebhafte Dialog dieser Stücke erfordert zwei wirklich gleichberechtigte Partner.


Olav Anton Thommessen
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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