About this Recording
8.570891 - BUSONI, F.: Piano Music, Vol. 5 (Harden) - 6 Studies / 6 Pieces / 10 Variations on Chopin's C Minor Prelude
English  German 

Ferruccio Busoni
Klaviermusik • 5

 

Dante Michelangeli Benvenuto Ferruccio Busoni wurde am 1 April 1866 in Empoli bei Florenz als einziges Kind des Klarinettisten Ferdinando Busoni und der Pianistin Anna Weiß geboren. 1874 gab er sein pianistisches Debüt in Triest, und bald darauf präsentierte er sich auch erstmals in Wien. Die Familie ließ sich in Graz nieder, wo der Knabe von dem bekannten Kompositionslehrer W.A. Rémy (Wilhelm Mayer) unterrichtet wurde. Einige Zeit verbrachte der junge Busoni in Bologna, von wo aus er nach Wien und dann 1885 auf Empfehlung von Johannes Brahms nach Leipzig ging, um bei Carl Reinecke zu studieren. Später war er selbst zeitweilig als Lehrer an den Konservatorien von Helsinki und Moskau tätig. Bis zur Jahrhundertwende nahm ihn seine pianistische Tätigkeit stark in Anspruch. Danach wandte er sich wieder stärker dem Komponieren zu, das fortan eine größere, zu seinem Leidwesen aber nie die dominierende Rolle in seiner Karriere spielen sollte. Ungeachtet Busoni die Jahre des Ersten Weltkrieges weitgehend in Zürich zubrachte, war Berlin von 1894 bis zu seinem Tode am 27 Juli 1924 sein eigentlicher Wohnsitz.

Ein wesentlicher Aspekt seines musikalischen Schaffens besteht in der Synthese des italienischen und deutschen Erbes: Emotion und Intellekt, Imagination und Disziplin. Obwohl er von Komponisten-und Pianistenkollegen viel Anerkennung erfuhr, war seine Musik lange Zeit den „Kennern“ vorbehalten. Er war weder grundsätzlich konservativ noch unbedingt radikal, verband aber in seinem OEuvre harmonische und klangliche Neuerungen mit einer Rückbesinnung auf die Vergangenheit, die erst in späteren Jahrzehnten geläufig wurde. Busoni hinterließ einen bedeutenden Kanon orchestraler Werke, eine ansehnliche Zahl von Kammermusiken und Liedern (von denen eine Auswahl auf Naxos 8.557245 erschienen ist) sowie vier Opern, deren letzte, der alles krönende Doktor Faust, bei seinem Tode unvollendet war. Den größten Teil seines Schaffens bildet allerdings die Klaviermusik. Bach prägte Busonis künstlerisches Wirken von Anfang an—sowohl bei der kontrapunktischen Arbeit des Komponisten wie bei der Programmgestaltung des Pianisten. Dieser Prozess der Assimilation fand seinen Höhepunkt in der 1918 veröffentlichten Bach-Busoni-Edition. Bei der späteren Musik, in der sich Busoni auf Bach bezog, handelt es sich dann eher um schöpferische Interpretationen als bloße Arrangements; eine starke Persönlichkeit ist aber auch schon in den frühesten Übertragungen zu spüren.

Präludium und Fuge Es-dur wurden um 1890 übertragen und erschienen im Juli 1918 im dritten Band der Bach-Busoni-Edition. Hier erleben wir Busonis Umgang mit Johann Sebastian Bach auf einer besonders grandiosen Ebene. Zunächst wird das in den kraftvollen rhythmischen Unisoni des Präludium und der muskulösen Stimmführung deutlich, deren harmonischer Stärke und kontrapunktischer Komplexität diese Musik ihre innere Macht verdankt. Dasselbe zeigt sich in der Fuge, die sich vom zurückhaltenden Anfang in planmäßig-kumulativer Bewegung bis zu einer Apotheose steigert, aufgrund derer die Komposition zu den größten Orgelmonumenten Bachs gehört.

1883 war für Busoni ein entscheidendes Jahr. Er war eben nach Wien gekommen, wo er die nächsten zwei Jahre zubringen sollte, und er hatte Brahms kennengelernt, unter dessen Einfluss er bald die kompositorische Nachahmung barocker, klassischer und frühromantischer Werke zugunsten eines ganz und gar aktuellen Idioms aufgab. Das direkte Ergebnis dieser stilistischen Neuorientierung waren die Sechs Etüden, die bereits 1884 unter der Opuszahl 16 veröffentlicht wurden. Die Vermutung, dass Busoni einen größeren, womöglich gar 24-teiligen Zyklus im Sinn hatte, wird durch die Tatsache genährt, dass es vier weitere substantielle Etüden aus seiner Feder gibt, darunter die Étude en forme de variations, die auf der zweiten CD dieser Serie (Naxos 8.555699) eingespielt ist.

Die hier vorliegenden Etüden verraten ihre Beziehung zu Brahms bereits in den fließenden Passagen und einschmeichelnden Harmonien des präludienartigen ersten Satzes; indessen könnte man sich bei der zweiten „Studie“ mit ihrer flinken Figuration und dem rhapsodischer gehaltenen Mittelteil eher an Mendelssohn erinnert fühlen. Das dritte Stück bildet definitiv einen Höhepunkt in den ersten reifen Werken Busonis: Die unablässig und hintergründig wirkenden Figuren lassen an Schumann denken, der sich hier allerdings mit einer entschieden italienischen Gewandtheit verbindet. Dem steht kontrastierend die vierte Nummer der Kollektion gegenüber, deren angriffslustige und hitzige Pianistik wie ein besonders effektvoller Chopin wirkt. Die fünfte Etüde ist als Fuge bezeichnet und ergänzt als solche gewissermaßen die eigentlichen Bach-Transkriptionen, die Busoni damals allmählich in seine Soloprogramme aufzunehmen begann. Bei dem sechsten und letzten Stück handelt es sich um ein einfallsreiches Scherzo, das ein überzeugendes Einvernehmen zwischen den bis dato unvereinbaren Virtuosen Liszt und Brahms herstellt und hinter die Sammlung einen entschieden bravourösen Schlusspunkt setzt.

Mit den Etüden beginnt in Busonis Karriere die intensivste Phase des großen, wahrhaft romantischen Virtuosen, die dann mit den 1895/96 entstandenen Sechs Stücken auf wirkungsvolle Weise beschlossen wird. Inzwischen hatte Busoni erstaunlich wenig an Klaviermusik geschrieben, wenn man von der zwei Jahre älteren, auf der dritten CD unserer Serie eingespielten Vierten Ballettszene (Naxos 8.570249) einmal absieht—und es sollte mehr als ein Jahrzehnt vergehen, bis der Komponist zu diesem Medium zurückfand. Die sechs in ihrer Gegensätzlichkeit einander ergänzenden Stücke bilden daher eine Zwischensumme der verschiedenen stilistischen Impulse sowie die Formulierung kompositorischer und pianistischer Vorhaben, die nicht weiter verfolgt wurden.

Das erste Stück, Schwermut, beginnt mit jenem mächtig über die Tasten wogenden Figurenwerk, das aber mehr aus Gründen der rhetorischen Grandezza einsetzt. Das zweite Stück, Frohsinn, kennzeichnet eine Lässigkeit und ein kunstvoll vorwärtsdrängender Elan, wie man ihn in den besten Kompositionen für den Salon finden wird—ein Merkmal, das das nachfolgende Scherzino mit seinem Umhertollen und dem neckischen Wechselspiel von Melodie und Begleitung nachahmt. Die beiden anschließenden Stücke sind die bei weitem längsten der Sammlung: Die Fantasia in modo antico geht in einer vornehmen Manier à la Bach voran, bevor sie in einen Fugensatz umschwenkt, der die bisherige Musik in einen durchweg eindringlicheren Diskurs verwickelt; und die an fünfter Stelle stehende Finnische Ballade, eine in folkloristisch getönten Einfällen durchkomponierte Studie, gibt sich teils atmosphärisch, teils eloquent. Das sechste und letzte Stück, Exeunt omnes („Alle gehen ab“) wirft alle Innerlichkeit mit charaktervoller Virtuosität über Bord.

Der Aspekt der Virtuosität bestimmt auch die Variationen und Fuge in freier Form über Chopins Prelude c-moll aus den Wiener Jahren 1884/85, die auf der zweiten CD der vorliegenden Serie (8.555699) veröffentlicht wurden. Nachdem Busoni hier ein Beinahe-Kompendium des romantischen Klavierspiels geschrieben hatte, kam er in späteren Jahren zu der Ansicht, das Werk sei zu exzessiv geraten—weshalb er im April 1922 die Zehn Variationen über ein Präludium von Chopin verfasste, in denen er das ursprüngliche Werk erheblich komprimierte und seiner ausgereiften Ästhetik entsprechend umschrieb. Ein Jahr nach seinem Tode erschien dann in der zweiten Auflage seiner Klavierübung (1925) eine nochmals gekürzte Version dieser späten Umarbeitung.

Bei dem gewählten Thema handelt es sich um das visionäre 20. Prélude aus Frédéric Chopins Vierundzwanzig Preludes, das in seiner Originalgestalt mit einem diminuendo vom forte zum piano fasziniert, jetzt aber in der für den späten Busoni typischen Weise dynamisch umgestaltet wurde. Die erste Variation bewegt sich in einem planvollen Schwung, der sich in der nächsten Variation in tanzhafte Figurationen verwandelt; die dritte Veränderung eröffnet dann neue harmonische Perspektiven, die die vierte entsprechend vertieft. In der fünften Variation wird ein kantiger Ton angeschlagen, der in der sechsten eine entschieden mephistophelische Wendung nimmt, worauf der improvisatorische Gestus der siebten von den munteren Kapriolen der achten Variation gekontert wird. Mit einem nachdrücklichen „Hört, hört“ beginnt in der neunten Nummer eine sich steigernde Fuge, die die zehnte Variation in einen Walzer und demnach in eine ebenso liebevolle wie ironische „Hommage“ transformiert. Die kurze, drängend bewegte Coda beschließt das Werk in brüsker, entschiedener Manier.


Richard Whitehouse
Deutsche Fassung: Cris Posslac


Close the window