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8.570925 - ROZSA, M: Viola Concerto / Hungarian Serenade (Karni, Smolij)
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Miklós Rózsa (1907–1995)
Konzert für Viola • Ungarische Serenade

 

Miklós Rózsa wurde in Budapest geboren und ging 1925 zum Studium an die Universität von Leipzig. Nachdem er am dortigen Konservatorium seinen Abschluss gemacht hatte, ließ er sich für kurze Zeit in Paris nieder, um als „Pariser Komponist ins Leben zu treten“. Arthur Honegger machte ihn hier mit dem Genre der Filmmusik bekannt, doch da ihm keine entsprechenden Spielfilme angeboten wurden, beschloss er, sein Glück in London zu suchen, wo er 1937 tatsächlich die erste Musik zu einem Spielfilm schreiben konnte—und zwar zu Ritter ohne Rüstung („Tatjana“) von Sir Alexander Korda mit Marlene Dietrich in einer der Hauptrollen. Drei Jahre später war Miklós Rózsa zu Kordas „Einmann-Musikabteilung“ geworden und hatte auch schon die Partitur zu Der Dieb von Bagdad abgeschlossen, als er den Auftrag erhielt, in Kalifornien die Musik zu einigen zusätzlichen Szenen zu komponieren, an denen sich United Artists beteiligte. Als Rózsa nach Hollywood kam, rechnete er mit einem Aufenthalt von vielleicht einem Monat. Am Ende verbrachte er sein gesamtes Leben in der Filmmetropole. Hier heiratete er, hier gründete er eine Familie, und hier starb er auch 55 Jahre später. Während dieser langen Zeit hat Rózsa nur einmal (1974) ganz kurz seine ungarische Heimat besucht, und doch behielt er in allem, was er für den Film oder den Konzertsaal komponierte, jenen Charakterzug, den der Dirigent John Mauceri als „ungarisches Herz“ bezeichnet hat. Immer hört man in seinen Werken den Ungarn, immer spürt man den Geist der magyarischen Volksmusik, die er während seiner Jugend gesammelt hatte.

Dieses ungarische Element schlägt sich auch in manchem Werktitel nieder. Neben der hier vorliegenden Ungarischen Serenade gibt es nicht nur die Variationen über ein ungarisches Bauernlied op. 4 und die Nordungarischen Bauernlieder und -tänze op. 5 (beide auf Naxos 8.570190), sondern fernerhin auch Drei ungarische Skizzen op. 14 und das Notturno Ungherese op. 28. Die Ouvertüre zu einem Symphoniekonzert op. 26 schließlich wurde durch den gescheiterten Ungarn-Aufstand von 1956 beeinflusst, und als sich ihm, der nie zu einem in Ungarn spielenden Film die Musik geschrieben hat, aufgrund einer Nebenfigur die Möglichkeit bot, ein Cimbalom einzusetzen, tat er es ausgiebig: in dem 1968 gedrehten Streifen The Power („Die sechs Verdächtigen“) seines ebenfalls emigrierten Landsmannes George Pal.

Neben zwei frühen konzertanten Stücken und der ungedruckten Symphonie op. 6 gehört die Ungarische Serenade op. 25 (ursprünglich op. 10) zu Rózsas ersten Orchesterwerken. Während seiner Leipziger Studienzeit hatte er wegen einer möglichen Uraufführung seiner Symphonie Kontakt zu dem ungarischen Komponisten und Dirigenten Ernő Dohnányi aufgenommen. Der ältere Kollege erkannte zwar die Qualitäten des Stückes, befand es aber—wie schon Bruno Walter vorher—als zu lang. Indes versprach er dem jungen Rózsa, die Premiere eines künftigen, kürzeren Werkes leiten zu wollen, und dieses Versprechen löste er im Oktober 1932 ein, als er im Budapester Opernhaus die Serenade aus der Taufe hob. Zunächst wurde nach der Novität des recht unbekannten Komponisten höflich applaudiert, doch als man bemerkte, dass Richard Strauss—der zu Aufführungen seiner Ägyptischen Helena in der Stadt weilte und mit Dohnányis Frau in einer Loge saß—wild Beifall klatschte, steigerte sich das Publikum zu einer „donnernden Ovation“. Rózsa erinnerte sich bescheiden: „Ich weiß nicht, ob ihm mein Stück gefallen hat oder nicht; aber er muss gemerkt haben, dass in seinen Händen die Zukunft eines jungen Komponisten lag.“ Als er Strauss nach dem Konzert vorgestellt wurde, war ihm das, als „sei man Beethoven begegnet“.

Ursprünglich war die Serenade für Streicher geschrieben. Sie begann bzw. endete mit der Ein- und Ausblendung eines Marsches, wie das bei alten Stücken dieser Art üblich gewesen war. Doch Dohnányi wollte, dass das Stück ein allgemeiner Erfolg wurde, und überredete den jungen Komponisten, mit einer lebhaften Danza zu schließen. Nach mehreren Revisionen erhielt das Werk 1952 endlich seine definitive Gestalt als Ungarische Serenade mit der Opuszahl 25. Von dem fröhlichen Fagottsolo der einleitenden Marcia an werden sämtliche Bläser mit größtem Effekt verwendet, um die kontrapunktische und reiche Schreibweise zu erhellen. Die an zweiter Stelle stehende, rhapsodische Serenata ist nach wie vor nur mit Streichern besetzt, während Flöte, Oboe und Fagott in dem schwungvollen Scherzo wieder prominent in Erscheinung treten (Rózsa benutzte die beiden Themen dieses Satzes auch in den Bagatellen op. 12 für Klavier, die etwa zur selben Zeit wie die Serenade entstanden). Am Anfang des Notturno steht eine ergreifende Klarinettenmelodie, und in der abschließenden Danza lässt der Komponist sein maßvoll besetztes Orchester mit aller zu Gebote stehenden Kraft agieren.

Als letztes seiner Solokonzerte schrieb Miklós Rózsa das Konzert für Bratsche und Orchester op. 37, das zugleich sein letztes Orchesterwerk überhaupt werden sollte. Gregor Piatigorsky hatte noch kurz vor seinem Tode gegenüber dem Komponisten sehr lobend von einem Bratschenvirtuosen namens Pinchas Zukerman gesprochen, und es ist durchaus möglich, dass Rózsa nicht zuletzt aus Respekt vor seinem guten Freund auf den Gedanken kam, den Zyklus seiner Konzerte mit einem solchen für Bratsche abzurunden. Es gab bereits Konzerte für Violoncello, Klavier und Violine sowie die Sinfonia concertante für Violine & Cello (die beiden letzteren auf Naxos 8.570350). Seine Arbeit an dem Bratschenkonzert wurde durch einige späte Filmmusiken unterbrochen, und der Komponist klagte: „Als ich mir das Konzert wieder vornahm, war der Zauber verflogen“. Ungeachtet dieser selbstkritischen Bemerkung enthält das Konzert eine Fülle von Ideen (es ist Rózsas einziges Konzert in vier Sätzen). André Previn, ein Kollege Rózsas aus der Zeit in Hollywood, dirigierte im Mai 1984 in Pittsburgh die Uraufführung. Solist war Pinchas Zukerman.

Während die Serenade in ihrem tonalen Spektrum an Zoltán Kodály denken lässt, erinnert das Bratschenkonzert an Béla Bartóks dunklere und eindringlichere Farben. Der Kopfsatz ist unruhig und brütend. Nirgends dürfen sich die beiden Themen emporschwingen oder Licht auf den Verlauf werfen. Die Musik lebt in denselben kargen Welten wie Rózsas späte Filmmusiken, darunter Providenceund Fedora („Die Farbe des Himmels“). Die bewegte Kadenz führt in der Mitte des Satzes einen Kampf, ohne sich aus der Grübelei befreien zu können. Das wilde, unbeständige Scherzo bringt weitere folkloristische Melodien, doch es ist schnell vorbei, und schon befinden wir uns in dem letzten orchestralen Nocturne, das Rózsa geschrieben hat. Während zwei leidenschaftliche Themen entwickelt werden, verbreiten sowohl das Solo wie auch das Orchester ein warmes, wenn nicht gar glühendes Licht. Im Finale reißt dann ein belebter Bauerntanz die Macht an sich. Folkloristisches Fiedelspiel wird hier in virtuose Darbietung verwandelt. Eine Oboe versucht, ein melodischeres Nebenthema einzuführen, doch die Solobratsche scheint mit ihrem recht unzufriedenen Kontrapunkt etwas gegen die Etablierung des Lyrischen einwenden zu wollen. Die Rollen werden dann bei der Wiederholung des Gedankens vertauscht, doch schließlich ist es das erste Thema, das die Musik in einem charakteristischen und bravourösen Endspurt vorantreibt. Von den frühen Kammermusiken über die reifen Meisterwerke für Orchester bis hin zu den letzten Stücken für Soloinstrumente war Miklós Rózsa geistig in seiner ungarischen Heimat verwurzelt, die er als junger Mann nur körperlich weit hinter sich gelassen hatte. Er selbst gab zu: „Auf die eine oder andere Weise ist die Musik Ungarns unauslöschlich jedem Takt eingeprägt, den ich je zu Papier gebracht habe.“

Frank K. DeWald
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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