About this Recording
8.570960 - REGER, M.: Organ Works, Vol. 10 - 52 Easy Chorale Preludes, Op. 67: Nos. 39-52 / Chorale Fantasia Freu' dich sehr, o meine Seele (Welzel)
English  German 

Max Reger (1873–1916)
Orgelwerke Folge 10
Präludium und Fuge e-moll op. 85 Nr. 4
Zweiundfünfzig leichte Choralvorspiele op. 67 Nr. 39-52
Präludium und Fuge gis-moll
Choralfantasie über „Freu dich sehr, o meine Seele“ op. 30

 

Einen grossen Teil seines musikalischen Interesses verdankte der junge Max Reger seinem Vater, einem Lehrer und begeisterten Amateurmusiker, sowie der frühen Ausbildung bei Adalbert Lindner, dem Organisten von Weiden in der Oberpfalz. Ein Jahr nach der Geburt des Sohnes (1873) war die Familie von Brand nach Weiden gezogen, und hier verbrachte der Knabe seine Kindheit und Jugend. Nach Abschluss seiner schulischen Ausbildung wollte er selbst Lehrer werden; indessen hatte Lindner frühe Kompositionen seines Schülers an seinen einstigen Lehrer Hugo Riemann geschickt, und dieser nahm den jungen Reger zunächst in Sondershausen und dann in Wiesbaden als Schüler bzw. Assistenten an. Der darauf folgende Militärdienst wirkte sich negativ auf Regers körperliche und seelische Befindlichkeit aus. Er kehrte fürs erste ins Elternhaus zurück, wo in der Folgezeit zahlreiche Werke entstanden—darunter eine monumentale Serie von Choralfantasien und anderen Orgelstücken. Viele dieser Kompositionen hat Reger anscheinend mit Blick auf die technischen Fertigkeiten seines Freundes Karl Straube geschrieben, einem bekannten Interpreten dieser Werke.

1901 verlagerte Reger seinen Wohnsitz nach München, wo er während der nächsten sechs Jahre lebte. Die dortige Musikwelt tat sich nicht leicht mit ihm, denn sie sahen in dem Zugereisten einen Verfechter der absoluten Musik und zumindest anfangs einen Gegner der Programmusik, für die die Namen Wagner und Liszt standen. Als Pianist war Reger allerdings erfolgreich, und auf diesem Wege fand er auch für seine eigenen Werke allmählich ein Publikum. In München entstanden unter anderem die Sinfonietta sowie etliches an Kammermusik und die beiden grossen Variationswerke über Themen von Bach bzw. von Beethoven, denen in späteren Jahren die bekannten Mozart-Variationen folgten.

1907 kam es zu einer Veränderung in Regers Leben. Er übernahm eine Kompositionsprofessur an der Leipziger Universität, und mit seiner Musik erreichte er inzwischen ein immer grösseres Publikum, wobei ihm sein Ruf als ausübender Musiker nicht nur in Deutschland und Österreich, sondern auch in den Niederlanden und sogar in London und St. Petersburg zugute kam. 1911 verpflichtete ihn der Herzog von Sachsen-Meiningen als Dirigent des von Hans von Bülow etablierten Hoforchesters, wo auch schon der junge Richard Strauss dirigiert hatte. Max Reger blieb bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges in Meiningen. Die kriegsbedingte Auflösung des Orchesters kam Reger entgegen, denn er hatte ohnehin bereits mit dem Gedanken gespielt, den Posten aufzugeben. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er in Jena, ohne freilich seine kompositorische und konzertierende Laufbahn aufzugeben. Er starb im Mai 1916, als er auf der Rückreise aus den Niederlanden in Leipzig Station machte.

Die Orgelmusik von Max Reger nimmt im Repertoire eine besondere Stellung ein. Weithin gilt er als der grösste deutsche Orgelkomponist seit Bach. Zwar war er selbst katholisch, doch in der lutherischen Tradition fand er einen musikalischen Quell, aus dem er die Inspiration für seine Choralvorspiele, Choralfantasien und andere Werke schöpfte. Die Wertschätzung, die seine Orgelwerke schon zu seinen Lebzeiten erfuhren, ist nicht zuletzt Karl Straube zu verdanken, der wie Reger bei Hugo Riemann studiert hatte und seit 1902 als Organist an der Leipziger Thomaskirche tätig war.

Präludium und Fuge e-moll sind das letzte Satzdoppel der Vier Präludien und Fugen op. 85 aus dem Jahre 1904, die Max Reger dem Berliner Domorganisten Bernhard Irrgang widmete. Das auf seinem ersten Motiv basierende Präludium ist durch eine gewisse kammermusikalische Qualität gekennzeichnet. Die Fuge exponiert im pianissimo ein erstes kurzes Subjekt, dessen fünfter Einsatz im Pedal erfolgt. Der abschliessenden Kadenz folgt ein zweites, chromatischeres Subjekt, und endlich werden beide Themen miteinander kombiniert, worauf der Satz in einer dynamischen Klimax über einem Orgelpunkt auf der Dominante gipfelt.

Die Zweiundfünfzig leicht ausführbaren Choralvorspiele zu den gebräuchlichsten evangelischen Chorälen op. 67 schrieb Max Reger in den Jahren 1902/03. Sie erschienen noch im Jahr ihrer Fertigstellung in Leipzig. Die siebzehn Stücke des dritten und letzten Heftes sind Hermann Gruner (1862-1938), dem damaligen Organisten und späteren Kirchenmusikdirektor von Falkenstein im Vogtland gewidmet, der sich schon früh als Musiker und Autor mit den Orgelwerken von Max Reger auseinandergesetzt hatte.—Vater unser im Himmelreich basiert auf der Melodie aus Schumanns Gesangbuch von 1539, die schon Johann Sebastian Bach mehrfach harmonisiert hatte. Reger erzeugt hier Echowirkungen, wobei er jede Liedzeile in einem höheren Register nachklingen lässt. Aus demselben alten Gesangbuch der lutherischen Kirche stammt der Choral Vom Himmel hoch, da komm ich her, dessen Melodie auf kunstvollere Weise in einen sehr lebhaft zu spielenden Zwölfachteltakt gekleidet ist und allmählich in der Oberstimme hervortritt.—Die Melodie des Wachet auf, ruft uns die Stimme kennt man seit dem späten 16. Jahrhundert und vor allem natürlich in der harmonischen Bearbeitung Bachs. Reger legt den Choral zunächst ins Pedal und lässt ihn dann in die höheren Stimmen übergehen.

Von Gott will ich nicht lassen, worauf auch der Text „Mit Ernst, o Menschenkinder“ gesungen wird, war ursprünglich ein weltliches Lied aus Frankreich mit dem Titel Une jeune fillette / De noble coeur („Ein junges Mädchen / Von edlem Herzen“) und kam im 16. Jahrhundert in kirchlichen Gebrauch. Die Melodie liegt hier im Pedal. – Warum sollt ich mich denn grämen ist eine Melodie von Johann Ebeling aus dem Jahre 1666, die Reger in die Oberstimme seines Choralvorspiels legt. Dazu tritt zunächst eine punktierte Begleitung, die vorübergehend einfacher wird und gegen Ende wiederkehrt.—Was Gott tut, das ist wohlgetan verwendet eine Melodie des 17. Jahrhunderts, die der Jenaer Kantor Severus Gastorius von dem Leipziger Organisten Werner Fabricius übernahm. Reger hat die Melodie in diesem lebhaften G-dur- Präludium ins Pedal gelegt.

Präludium und Fuge gis-moll komponierte Max Reger im Jahre 1906. Das Werk wurde ohne Opuszahl 1907 in Leipzig gedruckt. Das Präludium beginnt mit einem sehr leisen Andante sostenuto in der für den Komponisten charakteristischen Chromatik. Auch das Fugenthema setzt sehr leise ein—zunächst im Tenor, dann von Alt, Diskant und Pedal beantwortet. Im weiteren Verlauf steigert sich das Werk, bis es kurz vor Schluss einen massiven Höhepunkt auf einem Orgelpunkt der Dominante erreicht.

Die Nummern 45 und 46 der Zweiundfünfzig leichten Choralvorspiele fussen auf Wer nur den lieben Gott lässt walten. Das erste der beiden Präludien über die Melodie von Georg Neumark (1621-1681) ist ein etwas langsamer Satz in Moll, der die Melodie erst in der Oberstimme und dann im Pedal bringt. Die zweite Version steht in A-dur und bewegt sich in einem lebhaften Zwölfachteltakt. Die Melodie zu Werde munter mein Gemüte, auf die alternativ auch Der am Kreuz ist meine Liebe gesungen wird, findet sich in Johann Schops Sammlung Himmlische Lieder von 1642. Reger stellt sie in der Oberstimme vor. Ein Crescendo führt vor dem abschliessenden Höhepunkt zu Triolenfiguren.—Wer weiss, wie nahe mir mein Ende auf eine weitere Weise von Georg Neumark führt die Melodie durchweg in der Oberstimme. Darauf folgt die Melodie Wie schön leuchtet der Morgenstern, die in Philipp Nicolais Sammlung von 1597 überliefert, tatsächlich aber viel früher entstanden ist. Das Vorspiel bringt zunächst die Melodie in langsamem Tempo in der Oberstimme, worauf ein lebhafterer Teil zu abschliessenden Triolenfiguren führt.—Wie wohl ist mir, o Freund der Seele stammt aus Johann Anastasius Freylinghausens Geistreichem Gesangbuch (Halle 1704) und wird von Max Reger für ein meditatives Stück verwendet, dem sich das lebhaftere Jesus ist kommen anschliesst, das die Ober- und Unterstimme kanonisch behandelt. Die Choralvorspielsammlung endet mit Johann Crügers O wie selig: Reger bringt die Kollektion poco adagio zu einem kontemplativen Abschluss. Die Choralfantasie über „Freu dich sehr, o meine Seele“ entstand 1898 und ist dem Organisten Karl Straube gewidmet. Die Introduction beginnt mit einem signalhaften Vivacissimo, dem sich eine kurze, akkordische Adagio-Passage und eine Wiederholung des Vivacissimo-Anfangs anschliessen. Danach führt das Adagio zur Exposition des Fugenthemas (Andante), das im weiteren Verlauf zwischen verschiedenen Variationen wieder aufgegriffen wird. Die Choralmelodie F-dur liegt jetzt in der linken Hand (moderato) und wird von Sechzehnteln der rechten Hand auf dem dritten Manual begleitet. Die zweite Strophe bringt poco adagio in der rechten Hand eine d-moll-Variante der Choralmelodie zu einer kunstvollen chromatischen Begleitfigur. Diese führt zu einem Allegro vivace in b-moll, worin die oktavierte Choralmelodie in ihrer Originaltonart wiederkehrt. Einem allmählichen ritardando folgt eine Andante-Variation, die die Choralmelodie im Pedal verändert. Adagio con espressione wird die Ausgangstonart erreicht, derweil die variierte Melodie in der rechten Hand liegt. Eine Andante-Variation wird vom Motiv der Fuge eingeführt. Zum Abschluss wird die erste Strophe des Chorals Andante maestoso wiederholt, um in grossem akkordischen Triumph zu enden.


Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


Close the window