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8.570966-67 - HANDEL: Israel in Egypt (Aradia Ensemble)
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Georg Friedrich Händel (1685–1759)
Israel in Ägypten

 

Heute kann man sich kaum vorstellen, dass Händels Oratorium Israel in Ägypten—das nach dem Messias vielleicht populärste—zu seinen Lebzeiten als Misserfolg galt. Eine der Hauptursachen dafür ist ausgerechnet das, was den späteren Erfolg begründete: das Übergewicht groß angelegter Chöre und die wenigen Soli. Das kam den zahlreichen Amateur-Chorgesellschaften im England des 19. Jahrhunderts sehr entgegen, war aber befremdlich für ein Publikum, das vielfach noch immer die farbige Dramatik und die virtuosen Arien der italienischen Oper bevorzugte. Es genügt ein Blick auf Händels opernartiges Oratorium Saul, vollendet unmittelbar vor Israel in Ägypten und sehr erfolgreich, um das Scheitern des letzteren zu verstehen. Saul behandelt die Ereignisse um die Beziehung zwischen dem Helden David, Bezwinger des Riesen Goliath, und dem todgeweihten König von Israel und wurde erstmals am 16. Januar 1739 im King’s Theatre in London aufgeführt; es folgten zahlreiche Wiederaufführungen. Der tragische und dramatische Charakter des Werkes sowie großartige Arien und Chöre sicherten ihm anhaltende Popularität.

Wie kam Händel dazu, vorrangig solche „Sakral- Dramen“ zu schreiben? Esther—nicht nur Händels erstes, sondern auch das erste englische Oratorium überhaupt—brachte den Ball gleichsam ins Rollen. Ursprünglich für Händels früheren Dienstherrn, den Duke of Chandos, geschrieben, erlebte Esther in der Crown and Anchor Tavern, Strand, im Februar 1732 eine offizielle Privataufführung. Am 20. April folgte eine nicht autorisierte öffentliche Aufführung, so dass sich Händel genötigt sah, eine eigene öffentliche Aufführung am 2. Mai im King’s Theatre zu organisieren. Diese wurde ein großer Erfolg; zwei weitere Oratorien, Deborah und Athalia, entstanden kurz darauf. Der Rest ist Geschichte. Händels frühe Biographen führten den Erfolg des Oratoriums in England auf verschiedene Ursachen zurück: unter anderem darauf, dass sie in Englisch gesungen wurden, dass ihre Aufführung weniger kostenträchtig war als die einer Oper—weder ein Bühnenbild noch Kostüme waren nötig—, und dass die religiösen Texte und Themen Händels Bestes herausforderten.

Der Text von Israel in Ägypten soll von Charles Jennens, Händels Librettisten für Saul und vor allem den Messias, aus dem Alten Testament zusammengestellt worden sein. Das Werk hat drei Teile: Für Teil I verwendete Händel sein Funeral Anthem für Königin Caroline wieder, das er zehn Monate zuvor komponiert und zunächst in Saul hatte wiederaufgreifen wollen, was dann jedoch unterblieb. Dessen Text aus den alttestamentlichen Büchern Samuel, Hiob, Klagelieder Jeremias und Prediger Salomo sowie aus dem Philipper-Brief des Neuen Testaments musste nur leicht modifiziert werden. In dieser Reinkarnation dient er als The Lamentation of the Israelites for the Death of Joseph.

Die Texte für Exodus und Moses’ Song—die Teile II und III—entstammen dem 2. Buch Mose (Exodus) und drei Psalmen, wiederum aus dem Alten Testament. Händel begann die Arbeit an Teil III am 1. Oktober 1738; das Konzept war am 11. des Monats fertig. Teil II begann er am 15. Oktober; das Konzept stand am 20. Beide Teile wurden bis zum 1. November ausgeführt und vollendet. Händel pflegte bei seinen Opern und Oratorien zunächst den Rahmen zu skizzieren, bevor er diesen ausfüllte. Die Partitur ist eindrucksvoll in ihrer Grandeur mit einem Doppelchor und einem Orchester aus Posaunen, Trompeten, Pauken, Holzbläsern und Streichern mit Continuo.

Die erste vollständige Aufführung von Israel in Ägypten fand am 4. April 1739 im King’s Theatre statt; auch einige Orgelkonzerte von Händel mit ihm als Solisten wurden dabei gespielt. Die wenig enthusiastische Aufnahme des Werkes machte Händel klar, dass er die Dinge falsch eingeschätzt hatte. In den folgenden zwei Aufführungen im selben Monat straffte er die Chöre und fügte vier Arien hinzu. Abgesehen von einer weiteren Aufführung im Jahr 1740 wurde das Oratorium erst sechzehn Jahre später wiederbelebt. Selbst da wurden noch viele Veränderungen vorgenommen, vielleicht von Händels Assistent John Christopher Smith. Ein abweichender Teil I wurde geboten, bestehend aus Material aus dem Oratorium Solomon (1749), dem Occasional Oratorio (1746) und dem Peace Anthem. Auch in den Teilen II und III wurden einige Änderungen vorgenommen.

Dass Israel in Ägypten heute als Meisterwerk gilt, hat nicht wenig mit Händels üppiger und ausgefeilter Wortausdeutung zu tun—um so mehr, wenn man bedenkt, wie viel eigene und Musik anderer Komponisten er verwendete. Neben dem Funeral Anthem für Teil I übernahm Händel auch Musik aus eigenen Klavierwerken, einen Chor aus seinem Dixit Dominus und die Arie The Lord is my light aus einem der Chandos Anthems. Außerdem entlieh er manches aus Alessandro Stradellas Hochzeitskantate Qual prodigio und Dionigi Erbas Magnificat sowie Instrumentalwerken von Strungk, Kerll und vielleicht auch Giovanni Gabrieli. Das war seinerzeit ein gängiges Verfahren, und wenn wir Musik als eine Sprache betrachten, wird schnell deutlich, wie jemand ganze Passagen für den eigenen Gebrauch übernehmen konnte. Vergleichbares war Jahrhunderte lang eine Grundkomponente der rhetorischen Schulung. Im neuen Kontext gewinnen diese musikalischen Objets trouvés veränderte Bedeutung—mit überraschenden Resultaten.

Wie auch immer man über die ethischen Implikationen dessen, was wir heute Plagiat nennen, denkt: Israel in Ägypten enthält einige von Händels majestätischsten und inspiriertesten Chören. Wie Händel den Klang dem Sinngehalt anpasst, ist meisterhaft—gerade in so subtilen Dingen wie dem Aufgreifen des originalen hebräischen Versbaus. So in He rebuked the Red Sea, and it was dried up: Der donnernde Chor der ersten Hälfte des Verses wird ausbalanciert vom „vertrockneten“ Ausdruck der zweiten.

Diese Momente schaffen eine Art Folie für jene Textvertonungen, für die dieses Oratorium berühmt ist: so die surrenden Streicher in He spake the word, welche die Fliegen repräsentieren, und die furiosen Bläser und Pauken in He gave them hailstones for rain. Dann die gewaltigen Orchesterschläge in He smote all the first-born of Egypt und die bombastischen, schleichenden Texturen und Harmonien von He sent a thick darkness.

Trotz seines Misserfolgs zu Händels Lebzeiten hatte Israel in Ägypten Liebhaber unter den Cognoscenti, den Kennern, die dessen herausragende Qualitäten sofort erkannten. Angesichts der heutigen Popularität des Werkes können wir uns über unseren guten Geschmack nur freuen.

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Synopse


Teil I

Das 1. Buch Mose (Genesis) im Alten Testament endet mit der Geschichte Josephs, Sohn Jakobs und Rachels. Seinen Tod beklagen die Israeliten im ersten Teil des Oratoriums. Für das Verständnis von Händels Werk ist eine Kenntnis der Schlüsselereignisse nützlich. Es sind die folgenden:

Josephs ältere Brüder wurden neidisch auf ihn, weil ihr Vater Jakob diesem ein kostbares Gewand gegeben hatte. Als Joseph seinen Brüdern von zwei Träumen erzählte, in denen ihm vorausgesagt wurde, dass er ihnen vorgezogen werde, beschlossen sie, ihn zu töten. Einer der Brüder hoffte jedoch, Josephs Leben retten zu können; so überredete er seine Brüder, diesen in eine leere Grube zu legen. Doch dann verkauften sie ihn an eine vorüberziehende Gruppe von Ismaelitern. Sie beschmierten sein Gewand mit Ziegenblut und schickten es Jakob zum Beweis, dass Joseph von wilden Bestien getötet worden war. Die Ismaeliter brachten Joseph nach Ägypten und verkauften ihn dort an Potiphar, den Obersten der Leibwache Pharaos. Nach einer Zeit loyalen Dienstes wurde er ins Gefängnis geworfen, als ihn Potiphars Frau fälschlich der Vergewaltigung bezichtigte. Bald wurde er wieder frei, indem er zwei Träume Pharaos richtig auslegte: Sieben fetten Jahren werden sieben magere folgen. Er empfahl, ein Fünftel der Ernte aus den guten Jahren für die mageren zurückzuhalten, um die Bevölkerung vor dem Verhungern zu bewahren, und so rückte er zum Ranghöchsten nach Pharao auf und durfte Asenath, die Tochter des Hohenpriesters, heiraten. Joseph machte seinen Frieden mit den Brüdern, als Jakob und seine Familie nach Ägypten zogen, um sich dort anzusiedeln. Ihre Nachfahren lebten dort, bis einer kam, der sie versklaven wollte.

Teil II

Der zweite Teil des Oratoriums behandelt die Plagen, die Pharao heimsuchten, und die darauf folgende Flucht der Israeliten aus Ägypten, wie sie im 2. Buch Mose (Exodus) dargestellt sind.

Es war Mose, der die Kinder Israel—den Namen hatte er von Gott—aus Ägypten und ins Gelobte Land führte. Pharao hatte beschlossen, Ägypten von den Israeliten zu befreien, und befahl deshalb, alle ihre Neugeborenen zu töten. Miriam, Moses Mutter, versteckte diesen deshalb in einem Körbchen im Schilf des Nils, wo ihn die Tochter Pharaos entdeckte und zu sich nahm. Als Mose älter wurde, erkannte er die wahre Not seines Volkes. Als er einen ägyptischen Aufseher getötet hatte, floh er in die Wüste und lebte dort zwanzig Jahre als Hirte. Da sprach Gott aus einem Dornbusch und befahl ihm zurückzukehren. Dann brachte er zehn Plagen über Ägypten, so dass Mose und sein Bruder Aaron Pharao überzeugen konnten, ihre Leute gehen zu lassen. Doch jedes Mal, wenn dieser zustimmte, verhärtete Gott sein Herz gegenüber den Israeliten, und Pharao nahm seine Zusage zurück. Die zehn Plagen waren die folgenden: alles Wasser wurde zu Blut; Frösche befielen das Land; Staub wurde zu Stechmücken; Schwärme von Fliegen bedeckten das Land; alles Vieh wurde krank; Eiterbeulen bedeckten Mensch und Tier; Hagel, Regen und Gewitter ruinierten die Ernte; Heuschrecken fraßen, was geblieben war; Dunkelheit bedeckte das Land drei Tage lang; schließlich starben alle Erstgeborenen im Land, Mensch und Tier. Die letzte Plage überzeugte Pharao endlich, die Israeliten ein für alle Mal gehen zu lassen. Doch verfolgte er sie bis zum Roten Meer. Mose—mit der Hilfe des Herrn—erhob seine Hand über die Wasser, so dass sie sich teilten. Die Israeliten konnten auf trockenem Land weiterziehen. Die Ägypter setzten nach, doch Gott ließ die Räder ihrer Streitwagen abfallen, und Mose streckte erneut seine Hand aus, so dass die Wellen über Pharao und seine Armee zusammenschlugen.

Teil III

Die Israeliten, nun aller Gefahr entronnen, preisen Gott und danken ihm für ihre Errettung.


William Yeoman
Deutsche Fassung: Thomas Theise


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