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8.570987 - LUTOSLAWSKI, W.: Violin Music (Complete) / SZYMANOWSKI, K.: Myths / JANACEK, L: Violin Sonata (Daskalakis, Yampolsky)
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Witold Lutosławski (1913–1994): Recitativo e Arioso • Subito • Partita
Karol Szymanowski (1882–1937): Drei Mythen, op. 30
Leosˇ Janácˇek (1854–1928): Violinsonate

 

Witold Lutosławski Gesamtwerk für Violine und Klavier wird in diesem Programm von weiteren Meisterwerken der osteuropäischen Komponisten Leos Janacek und Karol Szymanowski umrahmt. Die Lebensjahre dieser Komponisten—1854 bis 1994—überspannen eine Periode dramatischer historischer und politischer Veränderungen und radikaler Entwicklungen in der Musik. Jeder dieser Künstler hatte einen einzigartigen Kompositionsstil und hinterließ ein sehr persönliches musikalisches Erbe.

Witold Lutosławski wurde in Warschau in 1913 geboren, und er starb dort 1994. Er nahm als Kind Klavier- und Geigenunterricht und begann mit neun Jahren zu komponieren. Seine Familie unterstützte seine musikalische Entwicklungen, auch nachdem er 1918 seinen Vater und seinen Onkel verloren hatte, die von Bolschewisten in Moskau erschossen wurden. Lutoslawski studierte Komposition bei Witold Maliszewski, einem Schüler Rimski-Korsakovs. Er sprach in späteren Jahren sehr respektvoll über seinen langjährigen Lehrer, auch trotz ihren ästhetischen Unterschieden. Lutosławskis Vorhaben, in Paris weiterzustudieren, scheiterte am Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Während des Krieges und auch danach spielte er Klavierduos in Warschauer Bars, den einzig legalen Aufführungsorten. Jahrelang eingeschränkt durch den Druck der Zensur, komponierte er Auftragswerke für bestimmte Anlässe, zum Teil auch Unterhaltungsmusik. Wie er später sagte, durfte er nicht komponieren, wie er es wollte; also komponierte er, wie er konnte. Zwei Ereignisse waren für Lutosławskis künstlerische Entwicklung ausschlaggebend: mit elf Jahren hörte er die 3. Sinfonie von Szymanowski “…und die Fülle der modernen Musik, die Welt des zwanzigsten Jahrhunderts tat sich mir mit einem Male auf.” Wesentliche Einflüsse nahm er später von Debussy, Strawinsky und Bartok auf, und er verehrte Webern. Seine Musik ist dissonant, aber strukturiert; er bevorzugt bestimmte Intervalle (Sekund, Tritonus, Quart) sowie Cluster und scheinbare Tonalität im polyphonen Kontext. Das zweite wichtige Erlebnis fand erst im Jahre 1960 statt; bereits ein reifer Komponist, hörte er einen Ausschnitt aus dem Klavierkonzert von John Cage. “Als ich ihm lauschte, wurde mir plötzlich klar, dass ich eine Musik schreiben könnte, die sich von der früheren gänzlich unterscheidet.” Er wollte Cage weder kopieren noch nachahmen; das Hörerlebnis war aber der Hebel, der eine neue künstlerische Entwicklung in Gang setzte. Cage hatte der modernen Musik das Zufallsprinzip wiedergegeben, und Lutosławski entwickelte fortan eine Technik der “kontrollierten Aleatorik.” Sie enthebt die Stimmen eines gemeinsamen Pulses; jede Stimme bekommt eigene Zeitangaben. So ist ein improvisatorisches Element gegeben, die Parameter sind jedoch klar definiert.

Recitativo e Arioso wurde 1951 für Tadeusz Ochlewskeimu komponiert, noch vor der Entwicklung der kontrollierten Aleatorik. Das erzählerische, melancholische Werk ist eine meisterhafte Miniatur. D- und F- Dur- Dreiklänge konkurrieren mit einem e-Pedalton im chromatischen Kontext, bis der letzte H-Dur-Akkord die Erlösung bringt. Die Violin-Melodie ist sehr ausdrucksvoll gestaltet, mit aufsteigenden Quarten und Seufzer-Intervallen.

Subito wurde 1992 komponiert und ist eins von Lutosławskis letzten Werken. Es ist ein kurzes kompaktes Stück in Form eines Rondos, in dem das schnelle Hauptmotiv mit lyrischen Zwischenspielen abwechselt. Die rhythmische Intensität wird bis zum Schluss gesteigert. Hier hat Lutosławski seine kontrollierte Aleatorik raffiniert in traditionelle Notation eingebettet. In beiden Werken ordnet er den zwei Instrumenten unterschiedliches musikalisches Material zu.

Partita wurde 1984 von Pinchas Zuckerman und Mark Neikrug in Auftrag gegeben; später schrieb Lutosławski für Anne-Sophie Mutter eine Version mit Orchester. Hier kombiniert er neoklassizistische Elemente—in der Form und im Dialog der Instrumente—mit seinem persönlichen Stil: dissonant, mit rhythmischer Intensität und sehr klar strukturiert. Kontrollierte Aleatorik bestimmt nur den zweiten und den vierten Satz, eigentlich Brücken zwischen den Hauptsätzen. Hier müssen die Instrumente unabhängig voneinander spielen; die Tonhöhen und -dauern sind vorgegeben, aber sie sollen nicht miteinander koordiniert sein. So gibt Lutosławski seinen Interpreten eine gewisse Unabhängigkeit, behält jedoch immer die kompositorische Kontrolle.

Lutosławski, selber zu Lebzeiten als ein großer Komponist des 20. Jahrhunderts anerkannt, rechnete es Karol Szymanowski hoch an, dass dieser die moderne westeuropäische Musik nach Polen brachte. Szymanowski wurde 1882 in Tymoszówka (Ukraine) geboren, früher einem Teil Polens, der vom Russischen Reich annektiert wurde. Seine musikalische und hochkultivierte Familie war stolz auf ihre adligen polnischen Wurzeln. Szymanowski bekam Musikunterricht zuerst bei seinem Vater und wurde Pianist. 1901 ging er zum Studium nach Warschau. Er gründete 1905 zusammen mit jungen Kollegen die “Verlagsgenossenschaft junger polnischer Komponisten”, um den musikalischen Austausch mit dem Ausland und auch die eigenen beruflichen Chancen zu fördern. Der Verein hatte seinen Sitz in Berlin und war sechs Jahre sehr aktiv. In seiner Jugend wurde Szymanowski von der Musik Wagners beeinflusst, jedoch entfernte er sich später davon. Wesentliche Anregungen erhielt auch er von Debussy und Strawinsky, sowie von Skrjabin und dem verehrten polnischen Vorgänger Chopin. Vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs reiste Szymanowski viel: er verbrachte Jahre in Wien, und weitere Reisen führten ihn nach Italien (1909), Sizilien (1910) und Nordafrika (1914), von wo er vielerlei musikalische Eindrücke mitbrachte. Nach seiner Rückkehr komponierte er die Drei Mythen für seinen Freund und Kollegen, den Geiger Pawel Kochánski. Dank den neuen Anregungen, besonders der Begegnung mit arabischen und frühchristlichen Kulturen, reifte sein musikalischer Stil. Es folgte eine besonders kreative Zeit, auch wenn der Krieg ihn an weiteren Reisen hinderte. Das Familienhaus wurde 1917 zerstört, und 1919 emigrierte die Szymanowski-Familie in das nun unabhängige Polen. Szymanowskis Ruhm als Komponist wuchs. Er machte sich nicht nur für seine eigene Musik stark, sondern für polnische Kultur überhaupt. 1927 bis 1932 leitete er die Warschauer Musikhochschule und setzte wichtige Reformen durch. Mit der Zeit zehrten seine diversen Aktivitäten, nicht zuletzt seine Konzerttätigkeit, an seine Kräften, und er verstarb 1937.

Szymanowskis Stil ist reich an Farben, Nuancen und dynamischen Kontrasten. Er ergänzt die Palette mit besonderen instrumentalen Effekten, in den Mythen etwa mit Glissandi, Flageoletts und Pizzicati – wie sie auch Lutosławski in der Partita einsetzt. Die Motive der Mythen sind klar erkennbar: Die Nymphe Arethuse wird beim Baden vom Flußgott Alpheus beobachtet, der sich in sie verliebt sich und ihr nachjagt. Arethuse sucht bei Artemis Schutz und wird in einen Brunnen verwandelt.—Der schöne Jüngling Narziss hatte die Liebe der Nymphe Echo verschmäht und wird von Aphrodite bestraft: er verliebt sich in sein eigenes Spiegelbild im Wasser und verzehrt sich danach, bis er dahinwelkt und in eine Blume verwandelt wird.—Pan ist der Gott des Waldes, halb Mensch und halb Ziegenbock, Sohn von Hermes und einer Nymphe. Er feiert mit den Driaden und begehrt die Nymphe Syrinx, die flüchtet und sich in ein Schilfrohr verwandelt. Pan schneidet das Schilfrohr ab und fertigt daraus die erste Panflöte. Wie bei aller großer Programmmusik ist auch hier der literarische Hintergrund für das Verständnis nicht unabdingbar.

Ähnlich wie Szymanowski hat Leoš Janácˇek viel für die musikalische Ausbildung seiner Heimat bewirkt. In seinen letzten Lebensjahren bis zu seinem Tod 1928 ein berühmter Komponist, kam er aus sehr bescheidenen Verhältnissen. Janácˇek wurde 1854 in Hukwaldy, Moravien, geboren, in eine Familie von Lehrern und Kirchenmusikern. Mit 11 Jahren folgte er der Familientradition und besuchte die Augustiner-Klosterschule in Brünn. Seine Ausbildung überspannte viele Jahre und Stationen, wie Prag, Leipzig und Wien. Während der Aus-bildung arbeitete er als Lehrer und Chorleiter und brachte seinen Ensembles wichtiges neues Repertoire, Werke von Mozart, Beethoven und Dvorˇák. Sein eigener Kompositionsstil wurde zunächst von Wagner und Dvorˇák beeinflußt, sowie von der modalen Kirchen- und Volksmusik. 1881 gründete er die Brünner Orgelschule, dessen Leiter er blieb, bis sie 1919 zur Musikhochschule wurde. Als Komponist reifte Janácˇek in der Zeit um 1897, als seine Technik der “Sprachmelodie” sich herauskristallisierte. Er imitierte damit die natürliche Geste, Farbe und Tonhöhe der tschechischen Sprache, um die Emotionen dahinter darzustellen—die Bedeutung hinter den Worten. Er sagte “Ich brauche die Worte nicht zu verstehen. Am Tempo und an der Modulation der Sprache kann ich erkennen, was ein Mensch fühlt; ob er lügt oder ob es nur eine konventionelle Unterhaltung ist. Ich habe jahrelang diese Sprechrhythmen gesammelt, und ich habe ein riesiges Lexikon. Dies sind meine Fenster zur Seele eines Menschen…” Diese Errungenschaft brachte eine neue Qualität in Janácˇeks Werke, angefangen mit der Oper Jenu°fa, die 1904 Premiere hatte. Der Stil Janácˇeks hatte eine neue dramatische Intensität erreicht, mit “sprechender” Melodik und energischem, rhythmischem Ausdruck.

Die Violinsonate wurde 1914–15 komponiert und 1921 revidiert. Das Werk hat einige Merkmale einer traditionellen Sonate, weist aber neue Töne im Repertoire auf, nicht zuletzt durch die gedeckten Farben ihrer Tonart, as-moll, Janácˇeks Lieblingstonart. Der 2. Satz ist eine schlichte, poetische Ballade, im Kontrast zum aufgewühlten Eingangssatz; der 3. Satz ist ein Scherzo, jedoch eher verzweifelt als spielerisch. Beide äußeren Sätze sind von großer Unruhe geprägt: der erste endet mit Erlösung, aber der vierte in völliger Resignation; der letzte Ausbruch der Geige, begleitet von hohen Tremoli des Klaviers, symbolisiert nach Worten des Komponisten den Einmarsch der russischen Armee in Ungarn 1914. Janácˇeks Kontrapunktik ist scheinbar konservativ, aber seine Fähigkeit, melodische Erzählkunst mit explosiver rhythmischer Intensität zu verbinden, bleibt einzigartig.


Ariadne Daskalalakis


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