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8.570988 - KHACHATURIAN, A.I.: Violin Concerto / Concerto-Rhapsody for Violin and Orchestra (Koeckert, Royal Philharmonic, Serebrier)
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Aram Chatschaturjan (1903–1978)
Violinkonzert • Konzert-Rhapsodie b-moll

 

Der armenische Komponist Aram Chatschaturjan wurde am 6 Juni 1903 in Tiflis geboren. Trotz seiner frühen musikalischen Interessen, die sich vor allem auf die Volkslieder und -tänze seiner Heimat richteten, musste er recht lange auf eine gehörige Ausbildung warten. Sein Vater war ein armer Buchbinder und hätte für die musikalische Erziehung des Sohnes nicht aufkommen können. So kam es, dass Chatschaturjan bis zu seinem 20. Lebensjahr kaum etwas von der Theorie und dem Repertoire der Musik wusste.

Im Herbst 1921 kam er nach Moskau, um einen Vorbereitungskurs der dortigen Universität zu absolvieren, und 1922 wurde er an die mathematisch-physikalische Fakultät aufgenommen. Er studierte die Fächer beinahe drei Jahre, ließ sich aber durch das Drängen seiner Freunde doch bewegen, sich ernsthafter mit der Musik zu befassen und nahm im Herbst 1922 auch seinen Unterricht an der Gnessin-Schule auf, wo er auf dem Violoncello ausgebildet wurde, im Ensemble spielte und bei Studentenkonzerten mitwirkte. 1929 schloss er seine Ausbildung an diesem Lehrinstitut ab und begann, dem Rat Mikhail Gnessins folgend, sich auf die Aufnahmeprüfungen des Moskauer Konservatoriums vorzubereiten, das ihn im Herbst desselben Jahres in seine Reihen aufnahm. Seit 1930 war Aram Chatschaturjan Schüler von Nikolai Mjaskowski.

Von seiner Studienzeit am Konservatorium erzählte Chatschaturjan später, er habe sich im Konflikt befunden zwischen dem „unwiderstehlichen inneren Drang, neue musikalische Formen zu erfinden und den recht strengen Regeln der klassischen Vorschriften, die bei den kompositorischen Aufgaben zu beachten waren. Ich benutzte zum Beispiel begeistert die kleine und große Sekunde, wofür mich einige Kritiker und Konservatoriumslehrer rundweg tadelten (Nikolai Mjaskowski freilich tat das nicht). Als Kind habe ich dieses dissonante Intervall im Trio der Volksinstrumente Tar, Kemantscha und Tamburin gehört. Ich liebe diese scharfen Klänge, die für mein Ohr so natürlich wie jede Konsonanz sind.”

Schon bei seinen ersten kompositorischen Versuchen hatte Chatschaturjan genau die harmonische Textur eines Werkes gespürt: „Es kam aus dem Innern,” wie er sagte, „ging von der Klangvorstellung in die Hände und nicht umgekehrt.” In seinem Kopf entstand das Bild einer Melodie mit ihrer harmonischen Einbettung, und diese Fähigkeit zeigte sich bereits in seinem ersten großen symphonischen Werk, der ersten Symphonie aus dem Jahre 1934.

Mit diesem Werk endete Chatschaturjans Studienzeit. Weitere große Kreationen folgten und vermehrten die Reputation des jungen Komponisten. Sein 1937 in Moskau vorgestelltes Klavierkonzert wurde sofort in der gesamten Sowjetunion populär und gehört bis heute zu seinen berühmtesten, meistgespielten Stücken. Das Konzert für Violine und Orchester (1940) und das Ballett Gajaneh (1942) wurden jeweils mit dem begehrten Stalin-Preis, dem heutigen Staatspreis, ausgezeichnet. Die beiden Ballettsuiten nach Gajaneh erfreuen sich einer beträchtlichen Popularität, wobei der berühmte Säbeltanz aus der ersten Suite einen ganz besonderen Erfolg erringen konnte.

David Oistrach war der Solist des Violinkonzerts, das am 16 November 1940 beim Moskauer Festival für Sowjetische Musik seine Uraufführung erlebte. Nicolas Slonimsky erkannte in der Partitur die „orientalischen Elemente der kaukasischen Melorhythmik”, die in den „wehmütig-lyrischen Episoden außerordentlich chromatisch, in den bewusst dramatischen Passagen diatonisch und im tanzhaften Finale orgiastisch” seien. Als 1947 die erste kommerzielle Aufnahme des Werkes mit Louis Kaufman herauskam, meinte der Musikkritiker Louis Biancolli, das Konzert sei „eine Studie faszinierender Kontraste. Die Ecksätze sind von berauschender Bewegung angetrieben und unterscheiden sich deutlich von dem Mittelsatz mit seiner einprägsamen Verwendung der tiefen Holzbläser und seiner sehnsüchtig-nostalgischen Traumstimmung.” Der erste Satz ist weit ausschwingend, heroisch und leidenschaftlich. Der zweite ist ein zugleich gesanglicher und romantischer Klagegesang und eine der ergreifendsten Kompositionen Chatschaturjans. Das Finale ist eine virtuose, von wilder Hemmungslosigkeit erfüllte tour de force.

1943 komponierte Chatschaturjan seine zweite Symphonie, der 1944 die Schauspielmusik zu Lermontows Maskerade sowie 1946 das Konzert für Violoncello und Orchester folgten. 1947 entstand schließlich die dritte Symphonie. Ungeachtet der offiziellen Ehrungen, die Chatschaturjan mittlerweile erfahren hatte, wurde auch er zur Zielscheibe des heftigen Angriffs, bei dem das Zentralkomitee der KPdSU am 10 Februar 1948 einen Rundumschlag gegen die Sowjetkomponisten führte. Der Angriff auf Chatschaturjan ist dabei besonders überraschend, weil er stets eine unmittelbar eingängige, von volkstümlichen Quellen ausgehende Musik schrieb, die sich schon beim ersten Hören leicht mitteilte und kurzgesagt nichts von dem enthielt, was man als „volksfeindliche Neigungen” oder „bourgeoisen Formalismus” hätte attackieren können. Chatschaturjan räumte jedoch öffentlich ein, dass die Kritik des ZK berechtigt gewesen sei, und versprach, in Zukunft annehmbarere Werke zu schreiben. So entstanden als nächstes die Trauerode zum Gedenken an Lenin (1949) und die Filmmusik zu Die Schlacht um Stalingrad (1952), von der der Komponist eine Suite herstellte. Seit 1950 unterrichtete Chatschaturjan Komposition an der Gnessin-Schule, wo er selbst seine musikalische Ausbildung begonnen hatte, sowie als Professor am Moskauer Konservatorium. Auch begann er, in der Sowjetunion und im Ausland zu dirigieren, und überall hatte er einen enormen Erfolg. Als er 1950 während einer Konzerttournee in Rom weilte, erwog er erstmals, ein Ballett über Spartakus, den heroischen Anführer der aufständischen Gladiatoren, zu schreiben. Er besuchte die eindrucksvollen Ruinen des Colosseums und die Arena, in der man einst die mörderischen Gladiatorenkämpfe veranstaltet hatte. Diese Eindrücke seien ihm, so Chatschaturjan, sehr hilfreich gewesen, als er in Moskau die Ballettmusik komponierte.

Das sowjetische Publikum konnte die symphonische Suite aus Spartakus lange vor der Premiere des Balletts hören, das schließlich am 27 Dezember 1956 im Leningrader Kirow-Theater seine Uraufführung erlebte. Die Suite besteht aus verschiedenen Tänzen und größeren symphonischen Fragmenten des Balletts, darunter dem weltberühmten Adagio. Im Frühjahr 1959 wurde Aram Chatschaturjan für Spartakus mit dem Lenin-Preis ausgezeichnet. In den sechziger Jahren schrieb er drei Konzert-Rhapsodien für Violine, Violoncello und Klavier. Als ihn Nicolas Slonimsky bat, diesen Titel zu erläutern, erwiderte der Komponist: „Ein Konzert ist Musik, bei der die Kandelaber hell leuchten; eine Rhapsodie ist Musik, bei der das Licht gedämpft ist; und eine Konzert-Rhapsodie ist eben beides.” Die Konzert-Rhapsodie b-moll für Violine und Orchester ist dem legendären Geiger Leonid Kogan gewidmet, der das Werk am 7 Oktober 1962 uraufführte. In den siebziger Jahren schrieb Chatschaturjan drei Sonaten für Solostreicher (je ein Werk für Violine, für Bratsche und für Violoncello). 1971 erhielt er für die Trilogie seiner Konzert-Rhapsodien den Staatspreis der UdSSR. Im Laufe seines Lebens hat er etwa 25 Filmmusiken sowie mehrere Bände mit Klavierstücken für Kinder geschrieben. Aram Chatschaturjan, der mit der Komponistin Nina Makarova (1908–1976) verheiratet war, starb am 1 Mai 1978 in Moskau.


Marina A. Ledin and Victor Ledin © 2009
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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