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8.570998 - BEETHOVEN, L. van: Piano Quartets, WoO 36 (New Zealand Piano Quartet)
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Ludwig van Beethoven (1770–1827)
Klavierquartette, WoO 36

 

Ludwig van Beethoven wurde 1770 als ältester Sohn eines Sängers geboren, der in der Kapelle des Kölner Fürsterzbischofs Dienst tat. Getauft wurde er auf den Namen seines Großvaters, der als Kapellmeister des hohen Herrn tätig gewesen war. Das Leben der Familie Beethoven war kein glückliches. Der Vater wurde sowohl als Sänger wie als Vater und Ehemann immer untauglicher, indessen seine Frau immer wieder gehässige Vergleiche zwischen ihm und seinem Vater zog. Ludwig van Beethovens musikalische Ausbildung war zwar unsystematisch, doch sie führte immerhin dazu, dass auch er, wie sich’s gehörte, in den Dienst des Erzbischofs trat, wo er als Organist sowie als Streicher im Orchester wirkte. Er begann sich eben in Bonn einen gewissen Namen zu machen, als man ihn 1787 erstmals nach Wien schickte, auf dass er von Mozart ausgebildet werden solle. Doch seine Mutter erkrankte, so dass er schon bald wieder abreisen und sich nach ihrem Tode ganz und gar um seine jüngeren Brüder kümmern musste, da der Vater daheim und im Beruf völlig versagte. 1792 wurde Beethoven ein zweites Mal nach Wien geschickt. Jetzt sollte er bei Haydn studieren, den er in Bonn kennengelernt hatte.

Bei seiner frühen Wiener Laufbahn kamen Beethoven die Umstände seiner Übersiedlung zugute. Der Erzbischof war ein Sohn der Kaiserin Maria Theresia, und er wurde bei vielen führenden Persönlichkeiten der Kaiserstadt eingeführt. Hier konnte er sich schon früh als bemerkenswert begabter Pianist profilieren, womit sich seine eindeutig genialen Fertigkeiten auf den verwandten Gebieten der Improvisation und Komposition verbanden. Als sich um die Jahrhundertwende die ersten Anzeichen der kommenden Ertaubung zeigten, schien das wie eine Ironie des Schicksals. Die Krankheit bewirkte, dass Beethoven nach und nach seine Tätigkeit als virtuoser Musiker aufgab und auf den Bereich der Komposition verlegte, dessen herkömmliche Verfahrensweise er bemerkenswert zu verändern und zu erweitern verstand. Die Taubheit verstärkte nur noch sein exzentrisches Verhalten und seine Paranoia, die im Laufe der Zeit extreme Züge annahmen. Zugleich entwickelte er dadurch seine kontrapunktischen Fähigkeiten. Er revolutionierte auch weiterhin die Formen, die er von seinen Vorgängern, namentlich von Haydn und Mozart übernommen hatte, erweiterte sie, bis sie beinahe zerbarsten und führte mit zunehmendem Alter immer mehr Neuerungen ein. Als er im März 1827 starb, kam es in Wien zu öffentlichen Trauerfeierlichkeiten.

Beethoven war fünfzehn Jahre alt, als er 1785 seine drei Klavierquartette schrieb, die als WoO 36 (Werke ohne Opus) gezählt werden. Dabei bediente er sich einer damals relativ seltenen Besetzung, deren Repertoire Wolfgang Amadeus Mozart praktisch zur selben Zeit (1785 und 1786) durch zwei vollendete Exemplare dieser heiklen Form erweiterte, an der sich später auch Johannes Brahms und jüngere Komponisten mit großem Erfolg versuchten. Beethovens Klavierquartette kann man im Lichte älterer Traditionen sehen, die dem Klavier wie in einem Konzert oder einer von Streichern begleiteten Sonate die Hauptrolle vorbehielten. Artaria veröffentlichte die drei Werke nach Beethovens Tod. An der Authentizität konnte kein Zweifel aufkommen, da Beethoven sich verschiedener Stellen aus diesen Quartetten bediente, als er seine drei Klaviersonaten op. 2 komponierte, die er 1796 mit einer Widmung an Joseph Haydn versah.

Bei der Publikation hat Artaria die eigentliche Werkfolge willkürlich verändert. Ursprünglich stand das Klavierquartett C-dur WoO 36 Nr. 3 am Anfang, das im ersten Satz mit seiner wiederholten Exposition an eine Klaviersonate erinnert, in der die Streicher zunächst lediglich eine Begleitfunktion erfüllen, bevor sie sich in der Durchführung und der veränderten Reprise selbständiger zeigen dürfen. Aus diesem Satz hat Beethoven eine Überleitung in den Kopfsatz seiner Cdur-Klaviersonate op. 2 Nr. 3 übernommen, während er aus dem Adagio con espressione das Hauptthema der fmoll-Sonate op. 2 Nr. 1 gewann. Der Mittelsatz des Quartetts verlagert das musikalische Geschehen vom Klavier zunächst auf die Violine und dann auf die Bratsche, denen sich bald das Violoncello zugesellt. Violine und Bratsche fallen gemeinsam in das Ausgangsthema ein, bevor sich die Aufmerksamkeit gegen Ende wieder dem Klavier zuwendet, das anschließend auch das Hauptthema des Rondo-Finales intoniert, bevor sich die Violine zu Worte meldet. Die anschließende Episode wird zunächst von den Pizzikati der Streicher begleitet, und die zweite Satzhälfte beginnt, wie es sich für ein Sonatenrondo gehört, mit einer Episode in a-moll. Der Satz endet mit einer letzten Wiederholung des Hauptthemas.

Das zweite Werk der Gruppe, das Klavierquartett Es-dur WoO36 Nr. 1, verteilt die Aufgaben zwischen dem Klavier und den Streichern gerechter. Den Auftakt bildet hier ein Adagio assai, in dem sich das Klavier anfangs auf die Begleitung der Streicher stützt, die sich im Mittelteil des Satzes einer größeren Prominenz erfreuen. Unmittelbar darauf folgt ein Allegro con spirito in der ungewöhnlichen Tonart es-moll. Dabei handelt es sich um einen Satz in Sonatenform, in dem verschiedene Beobachter das Finale der Sonate pathétique c-moll op. 13 aus dem Jahre 1799 vorweggenommen sahen. Das Quartett endet mit einem Variationssatz über ein Cantabile-Thema, das zunächst vom Klavier in Sechzehntelläufen verändert wird, worauf sich eine zweite Variation der Violine mit Sechzehnteltriolen anschließt. Die dritte Variation ist ein Adagio, in dem die Viola die Hauptrolle spielt, und die vierte Veränderung wird dann im Tempo des Anfangs dem Violoncello übertragen. Die dramatische fünfte Variation steht in es-moll und wird vom Klavier dominiert, das danach mit ebenso beherrschenden Zweiunddreißigstel-Figuren wieder zur Tonika zurückkehrt. Wenn das Thema, jetzt im Allegretto, wiederholt wird, schließt sich die Violine dem Klavier an. Das Werk endet mit einer kurzen Coda.

Das Klavierquartett D-dur WoO 36 Nr. 2 beginnt mit einem Signalruf des Klaviers. Danach setzen die Streicher ein, die nunmehr antiphonisch mit dem Tasteninstrument Zwiesprache führen. Die Exposition enthält das der Gepflogenheit entsprechende lyrischere Nebenthema, und nach der Wiederholung dieses ersten Formteils folgen eine kurze Durchführung sowie die modifizierte Reprise nebst Coda. Das Hauptthema des anschließenden Andante con moto in fis-moll wird zunächst zwischen Klavier und Violine aufgeteilt. Darauf modulieren die Streicher nach A-dur, und in der zweiten Satzhälfte wird wieder die Originaltonart erreicht. Das Quartett endet mit einem Rondo, dessen Hauptthema zunächst vom Klavier exponiert und dann von der Violine aufgenommen wird; dieser Gedanke umrahmt mehrere Episoden, in denen der Geist Mozarts ebenso zu spüren ist wie in allen drei Quartetten überhaupt.


Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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