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8.572019 - SAINT-LUBIN, L. de: Violin Virtuoso Works, Vol. 1 - Grand Duo Concertant / 2 Salonstucke / Potpourri (Khitruk, Kopelman)
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Léon de Saint-Lubin (1805–1850)
Virtuose Werke für Violine

 

Léon de Saint-Lubin, eigentlich Napoléon-Antoine-Eugène-Léon de Saint-Lubin, wurde am 5 Juli 1805 in Turin als Sohn eines in Folge der Revolution aus Frankreich emigrierten Offiziers geboren, der in Italien als Sprachlehrer tätig war. Nur wenig ist über sein Leben bekannt. Keines der neueren Musiklexika enthält seinen Namen, kein Musikwissenschaftler erforschte seine Biographie. Älterer Literatur ist zu entnehmen, dass der Knabe schon 1809 mit seiner Familie nach Hamburg übersiedelte, wo seine musikalische Ausbildung begann. Zunächst erhielt er Unterricht auf der Harfe, später auch auf der Violine, die schon bald sein Hauptinstrument wurde. Mit neun Jahren trat er erstmals mit einem Violinkonzert an die Öffentlichkeit und erhielt großen Beifall. 1817 gastierte er in Berlin und in Dresden. Dort nahm er noch Unterricht bei dem Geiger Giovanni Battista Polledro. (Es ist derselbe Polledro, mit dem Beethoven im Sommer 1812 ein Konzert in Karlsbad gab.) 1818 ging Saint-Lubin nach Frankfurt am Main und wurde Schüler bei dem berühmten Geiger und Komponisten Louis Spohr. Im Anschluss bereiste er Deutschland und debütierte im Herbst 1820 in Wien mit einem Violinkonzert seines Lehrers Spohr. Für zehn Jahre wurde die österreichische Musikmetropole Saint-Lubins neuer Wohnsitz, wo er nun zudem intensiven Kompositionsunterricht erhielt und schon im Kindesalter seine ersten Werke veröffentlichte.

Eine bemerkenswerte Episode ist Saint-Lubins persönliche Begegnung mit Beethoven, der dem Geiger eine kleine Kadenz widmete. Anlass war die Wiedereröffnung des Josephstädter Theaters, bei der das Festspiel Die Weihe des Hauses von Theaterdirektor Carl Meisl gespielt wurde—mit einer Bühnenmusik von Beethoven, bei der Saint-Lubin ein Violinsolo zu spielen hatte. Das Autograph, das ihm Beethoven daraufhin widmete, bestand aus zwei mit Bleistift geschriebenen Notenzeilen. Darunter notierte Saint-Lubin: „Beethovens Notenschrift.—Cadenz, die er mir aufschrieb, als ich am 3 Oktober 1822 bey Eröffnung des k. k. privaten Theaters in der Josephstadt ein Violinsolo von ihm vortrug.“ Das Blatt war später im Besitz der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien und trug die Signatur Sm 3154. Leider ist es im Zweiten Weltkrieg verloren gegangen. Im Beethoven-Werkverzeichnis von Willy Hess trägt es die Nr. 296.

Einer der wenigen Zeitgenossen, der Saint-Lubin erwähnt, ist Julius Benedict, ein Schüler von Carl Maria von Weber. Er traf Saint-Lubin im Oktober 1823, kurz vor der Uraufführung von Webers Oper Euryanthe, bei einem Besuch in Wien als Stammgast des legendären Musikalienladens von Sigmund Anton Steiner und Tobias Haslinger im Paternostergassel Nr. 572. Vermutlich hat er hier auch Beethoven kennengelernt—ebenso Franz Schubert, der gleichfalls häufig in Steiners Laden anzutreffen war. Daneben verkehrte Saint-Lubin in den Häusern der musikliebenden Wiener Aristokratie und trat dort in privaten Konzerten auf. So besuchte er zusammen mit Beethovens Freund Karl Holz regelmäßig den Advokaten und Schubert-Freund Ignaz von Sonnleithner, bei dem Streichquartette, aber auch Orchesterwerke aufgeführt wurden.

1823 wurde Saint-Lubin Konzertmeister und 1827 zweiter Kapellmeister am Josephstädter Theater, zog sich dann aber gänzlich aus der Öffentlichkeit zurück. Angeregt durch die Wiener Auftritte des phänomenalen Geigers Niccolò Paganini wollte Saint-Lubin seine Fähigkeiten auf der Violine vervollkommnen. Während dieser Zeit lebte er in Ungarn im Hauses eines Mäzens, dem ungarischen Grafen Ladislaus Festetics de Tolna (1785–1846). Nach Wien zurückgekehrt, nahm Saint- Lubin wieder erfolgreich am Musikleben teil, gab Konzerte und brachte mehrere Opern seiner Komposition zur Aufführung.

1830 erhielt Léon de Saint-Lubin eine Berufung als Konzertmeister an das Königsstädtische Theater in Berlin und blieb in dieser Stellung bis 1847. In seinem Berliner Haus veranstaltete er Konzerte und Quartett-Soiréen, bei denen sich so berühmte Musiker wie Louis Spohr, Felix Mendelssohn Bartholdy und Franz Liszt hören ließen. Seit vielen Jahren kränklich, starb Saint-Lubin bereits am 13 Februar 1850, erst 44 Jahre alt.

Saint-Lubin hinterließ ein vielfältiges Schaffen, von dem nur ein kleiner Teil, etwa 50 Werke, im Druck erschienen. Ungedruckt bleiben seine Opern, seine Sinfonien und seine fünf Violinkonzerte. Für sein bedeutendstes Werk hielt er selbst sein Oktett op. 33, geschrieben für die reizvolle Besetzung Klavier, Flöte, Klarinette, Fagott, Horn, Viola, Violoncello und Kontrabass. Es erschien 1835 im Verlag von Anton Diabelli in Wien. Darüber berichtet ein ungenannter Freund in einer Kurzbiographie über Saint-Lubin, die am 17 Februar 1833 in der Leipziger Allgemeinen Musikalischen Zeitung erschien.

Heute ist Saint-Lubin fast völlig vergessen, obwohl sich seine Kompositionen durchaus auf der Höhe der Zeit befinden und durch große Originalität und Gestaltungskraft auszeichnen. Das betrifft insbesondere seine Kompositionen für Violine solo. Einige von ihnen hat der große ungarische Geiger Jenö Hubay (1858–1937) neu herausgegeben und gespielt, ohne sie damit nachhaltig im Konzertrepertoire durchsetzen zu können. Für Virtuosen stellen sie tatsächlich eine äußerst dankbare Ergänzung des nicht sehr umfangreichen klassischen Repertoires für Solovioline dar.

Das viersätzige Werk für Violine und Klavier, Grand Duo concertant en forme de Sonate, op. 49, das einen gewichtigen Beitrag zur Gattung Violinsonate darstellt, erschien 1847 im Verlag Schuberth, der seinen Sitz in Hamburg und Leipzig hatte. Es zeigt Saint-Lubin als äußerst versierten Komponisten, der nicht nur für die Violine, sondern auch für das Klavier zu komponieren versteht. Die Melodik ist besonders im ersten Satz sehr einprägsam und erreicht teilweise durchaus die Qualität derjenigen Schuberts. Hervorzuheben ist das meisterhafte Scherzo, das hier an zweiter Stelle folgt und Beethovens Vorbild erkennen lässt.

Gaetano Donizettis tragische Oper Lucia di Lammermoor wurde erstmals am 26 September Teatro San Carlo in Neapel aufgeführt und gilt heute als einer der Höhepunkte des Belcanto. Besonders die Wahnsinnsarie der Lucia, „Il dolce suono—spargi d’amaro pianto“, ist jedem Opernliebhaber bekannt. Das Sextett „Chi mi frena in tal momento“, das Saint-Lubin als Thema für seine Fantasie sur un thème de Lucia di Lammermoor, op. 46, wählte, ist der Höhepunkt des zweiten Akts. Edgardo, Lucias Geliebter, verflucht darin seine Geliebte für deren vermeintliche Untreue, nachdem er gerade erfahren hat, dass sie einen anderen heiraten wird. Er weiß nicht, dass sie dazu gezwungen wurde. Saint-Lubins Werk erschien 1844 und nutzt in nur 64 Takten alle Möglichkeiten der Violine: komplizierte Doppel-bis Vierfachgriffe, Flageoletts, diverse Tremolo-Effekte, rasante Arpeggios über alle vier Saiten und das gleichzeitige Spiel von arco (gestrichen) und pizzicato (gezupft). Saint-Lubin schrieb das Stück offensichtlich für sich selbst. Es dokumentiert eindrucksvoll sein immenses geigerisches Können.

Thème original et Étude de S. Thalberg transcrits pour violon seul, op. 45(a), stellt lediglich ein Arrangement einer Klavier-Etüde von Sigismund Thalberg dar, einem seinerzeit äußerst erfolgreichen Pianisten und Komponisten. Die große Kunstfertigkeit, mit der Saint-Lubin das Klavierwerk kongenial in ein Werk für Solo-Violine überträgt und dabei—ähnlich wie beim vorigen Stück—alle Register der Violintechnik zieht, macht das Stück aber letztendlich zu einem genuinen Stück für Violine solo. Von den auf dieser CD vorliegenden Werken des vergessenen Komponisten ist es sicherlich eines der beeindruckendsten und darüber hinaus ein Paradestück für jeden Violinvirtuosen, der den enormen technischen Schwierigkeiten gewachsen ist. Die bei Pietro Mechetti in Wien erschienene Erstausgabe ist zwei nicht näher bekannten Freunden gewidmet: Antonio Bazzini und Camillo Sivori.

Das 1842 im Druck erschienene Adagio religioso, op. 44, für Violine und Klavier, ist ganz auf die gesangliche Melodik der Violine konzentriert. Demgegenüber erscheint das Klavier weitgehend auf eine schlichte, begleitende Funktion reduziert.

Am 10 Januar 1829, nur zehn Monate nach dem großen Triumph von La Muette de Portici (Die Stumme von Portici, 1828) brachte Daniel-François-Esprit Auber in der Salle Feydeau in Paris seine neue Oper La Fianceée (Die Verlobte) nach einem Libretto von Eugène Scribe zur Uraufführung. Es ist eine leichte, ganz in der spezifisch französischen Tradition stehende Opéracomique, die allerdings nicht in Paris, sondern in Wien spielt. Aufgrund der melodischen Eleganz der Musik ist es nicht verwunderlich, dass mehrere Stücke sehr populär wurden, insbesondere der Tyrolienne „Montagnard ou berger“ („Is der Bua frisch und g’sund“) und das kanonische Terzett „Où trouver le bonheur“ („Wo das Glück zu finden ist“). Als Auber bald darauf mit der Räuber-Oper Fra Diavolo (1830) seinen wohl größten Erfolg feierte, geriet La Fiancée in Vergessenheit—zu Unrecht, wie die originelle Paraphrase Saint-Lubins, Pot-pourri sur différents thèmes de La Fiancée, Opera d’Auber, beweist. Potpourris über Themen aus beliebten Opern waren im 10. Jahrhundert eine durchaus seriöse Gattung und erlebten einen Höhepunkt in den hochvirtuosen Opernphantasien von Franz Liszt.

Bei diesem Werk mit dem etwas komplizierten Titel Morceaux de Salon. Deux Nocturnes en forme d’Andante, No. 1 suivie d’un Rondino. No. 2 suivie d’une Polonaise, op. 47, handelt es sich eigentlich um vier separate Stücke, von denen Saint-Lubin jeweils zwei zu einem zusammenfasste. Davon ist besonders die abschließende Polonaise recht effektvoll und zupackend komponiert und besticht durch ihre prägnante Melodik. Der Komponist widmete die Stücke dem Grafen von Westmoreland, der seinerzeit britischer Gesandter am preußischen Hof in Berlin war.


Klaus Martin Kopitz


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