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8.572024 - MARTINU, B.: Piano Music (Complete), Vol. 6 (Koukl)
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Bohuslav Martinů (1890–1959)
Sämtliche Klavierwerke • Folge 6

 

Bohuslav Martinů wurde auf dem Kirchturm des böhmischen Dorfes Polička geboren, das rund 80 Kilometer nördlich von Brünn in der heutigen Tschechischen Republik liegt. Mit dem Komponieren begann er bereits im frühen Alter von zehn Jahren, nachdem er zwei Jahre zuvor erstmals die Geige in die Hand genommen hatte. Er besuchte zwar das Prager Konservatorium, doch wollte es ihm nicht gelingen, das Studium zu einem gehörigen Abschluss zu bringen. Als junger Mann arbeitete er als Orchestergeiger in Prag, bevor er 1923 nach Paris ging, um bei Albert Roussel zu studieren. 1940 floh er vor den immer weiter vorrückenden Nazis in die USA. Martinů war ein fruchtbarer Komponist. Er schuf mehr als vierhundert Werke, darunter rund achtzig Stücke für Klavier, die allerdings, obwohl sie einen großen Teil seines Schaffens darstellen, bezeichnenderweise im Schatten seiner Orchesterwerke und Kammermusiken stehen.

Im Text zur vierten, ursprünglich als Abschluss der Reihe geplanten CD (Naxos 8.570215) wurde bereits darauf hingewiesen, dass noch immer Manuskripte von bislang unaufgeführten, unbekannten oder verschollenen Werken Martinůs auftauchen. Daher wird jeder Versuch einer enzyklopädischen Gesamtdarstellung in Zukunft womöglich zu erweitern sein. Giorgio Koukl hat inzwischen jedenfalls so viele Klavierstücke ermittelt und eingespielt, dass man damit drei weitere CDs produzieren kann. Die vorliegende sechste Veröffentlichung beginnt mit drei Sammlungen aus Martinůs reifen Jahren in Paris.

In dem Jahr vor seinen Esquisses de Danses H. 220 [Vol. 1, Naxos 8.557914, Tracks 24–28] schrieb Bohuslav Martinů 1931 zwei Hefte Esquisses sowie zwei Kollektionen Jeux. Panton veröffentlichte nur das erste Heft mit 6 Esquisses in einem Band mit der zweiten Serie der Jeux unter dem Titel Esquisses / Jeux. Der erste Teil der Jeux wurde nicht veröffentlicht, ist aber auf der vorliegenden CD enthalten, woraus die korrekte Bezeichnung Jeux I und Jeux II folgt. Die zweite Kollektion mit wiederum 6 Esquisses ist im Laufe der Jahre verloren gegangen. Damit aber klar wird, dass Martinů mit dieser Sammlung das Gegenstück zu dem ersten Set geschrieben hat, wird dieser letztere hier ganz richtig als Esquisses I bezeichnet. In allen drei Sammlungen zeigt sich Martinů von der Seite, die die meisten Menschen kennen.

Im ersten Satz der Esquisses I H. 203 kann man etwas von der unterschwelligen „nähmaschinenartigen“ Bewegung hören, wobei hier die Melodie der Bedeutung der Textur nachgeordnet ist. Die zweite Skizze besteht aus einem Ragtime mit deutlicher Dreiklangsharmonik und einem unverkennbar von Amerika beeinflussten Rhythmus. Der dritte Satz stellt köstliche Scherzfragen rhythmischer und metrischer Natur. Die ruhiger und melodischer gehaltene vierte Skizze erinnert an Debussys Fille aux cheveux de lin und an die Wichtigkeit plagaler Kadenzen in Martinůs Musik. Das fünfte Stück ist leicht jazzig; es gibt darin Gegenrhythmen und eine ebenso einfache wie effektvolle Melodie, die mit wechselnden tonalen Zentren wiederholt wird. Der sechste und letzte Satz kehrt zur Gefühlswelt des Anfangs zurück, ist dabei aber melodisch direkter.

Die Jeux I H. 205 sind ein noch deutlicherer Martinů. Der erste Satz ist bitonal angehaucht und enthält Sequenzen, die auf spielerische Weise den grundlegenden Puls verschleiern. In dem vergnüglichen zweiten Satz rattert unterschwellig wieder eine „Nähmaschine“, während der dritte mit kleinen jazzigen Frechheiten die schönen und fesselnden Tongeflechte des reifen Martinů bringt, die oftmals furchtbar vertrackt auszuführen sind—beispielsweise, wenn in einer Hand quintolische und in der andern septolische Muster liegen. Der vierte Satz bringt Martinů in seiner „destillierten Essenz“.

Die Jeux II H. 206 beginnen mit einem mechanischen Grundimpuls, der aber mit leicht jazziger Koketterie verbunden ist. Der zweite Satz erinnert mit seinem hartnäckigen, motorischen Rhythmus in der linken Hand ein wenig an Strawinsky. Auch findet man hier wieder ein Element aus Martinůs früherem Schaffen—die Neigung nämlich, bestimmte Phrasen auf wechselnden tonalen Zentren zu wiederholen. Der dritte Satz ist ein kleines Juwel von vollkommener Schönheit, dessen schwirrendes Figurenwerk sich neben dem Metrum bewegt und auf prächtige, wenngleich friedvolle Weise die Aufmerksamkeit des Hörers gefangennimmt. Die vierte Nummer zeichnet sich wieder durch eine motorisch-toccatenhafte Verwendung musikalischer Spielfiguren aus. Erneut wird man an Strawinsky und vielleicht sogar ein wenig an Poulenc denken müssen. Der fünfte Satz ähnelt verschiedenen langsamen Sätzen aus Martinůs Kammermusik: Sehr fließend und natürlich klingt dabei die metrische Verschleierung der Sechsergruppen, die mal als Dreier und mal als Zweier aufgefasst werden. Das abschließende sechste Stück ist eine entzückende Marschgroteske, die an Prokofieff erinnert.

Im Gegensatz zu diesen Stücken aus Martinůs Pariser Reifezeit gehören fast alle andern Werke auf dieser CD in die frühen tschechischen Jahre des Komponisten. Giorgio Koukls Untersuchungen zufolge handelt es sich dabei durchweg um Ersteinspielungen.

Die Drei lyrischen Stücke H. 98 entstanden 1915 während des Ersten Weltkrieges in Prag. Das erste Stück enthält unverkennbar die für Martinů so typischen Glockenschläge und beginnt mit einer faszinierenden harmonischen Fortschreitung von beinahe zwei Minuten Dauer. Den zweiten Satz eröffnet eine volkstümlich klingende Introduktion, die beinahe aus dem Musiktheater stammen könnte. Der Hauptteil enthält schöne, interessante Harmonien. Das dritte der lyrischen Stücke ist ein Scherzando, in dem orientalische Elemente auf westlichfloskelhafte Weise behandelt werden. Zudem erinnert der Satz an den amerikanischen Impressionisten Charles Tomlinson Griffes—insbesondere an seine Klaviersonate.

Das kurze Black Bottom wurde zwar in Polička zu Papier gebracht, entstand aber wie die jazzigen Trois esquisses [Vol. 1, Tracks 18–20] erst 1927 und ist auch stilistisch eindeutig der Pariser Zeit zugehörig. Ein Jahr vorher hatte Jelly Roll Mortons in Chicago seinen Klassiker Black Bottom Stomp aufgenommen, dessen Titel auf den Detroiter Bezirk Black Bottom anspielt.

Martinůs Black Bottom wurde hingegen von der populären Tanzmusik angeregt, die während der späten zwanziger Jahre die Menschen in Raserei versetzte und schließlich die Beliebtheit des rhythmisch ähnlichen Charleston übertraf. Martinů s Schnappschuss erinnert einmal mehr daran, wie fasziniert er von der amerikanischen Tanzmusik war.

Abend am Strand H. 128 entstand 1921 in Prag und verrät den Einfluss von Debussy, wobei die impressionistischen Inhalte auch durch die bildhaften Satzüberschriften vermittelt werden: Ein kleines Segelboot kehrt abends in den Hafen zurück, Lied am Strand und Der Strand im Sturm. Das „Lied“ beschwört sogar puccineske Klänge, und das nicht nur in harmonischer Hinsicht, sondern insbesondere auch mit der melodischen Stimmführung unmittelbar vor Schluss des Stückes. Der dritte Satz lässt Vergleiche nicht allein mit Debussy, sondern auch mit der Fountain of Acqua Paola (aus den Roman Sketches) und der Klaviersonate von Griffes zu.

Das Lied ohne Worte H. 46 von 1921 entstand ebenfalls in Prag. Die klagende Melodie enthält einige der frühesten Hinweise auf die „Glocken“, die für Martinůs Musik so wichtig werden sollten.

Das Nocturne H. 95 entstand 1915 in Polička und präsentiert ein wirklich interessantes stilistisches Nebeneinander. Die wellenförmigen Harmonien der prachtvollen impressionistischen Nebel wechseln mit einer tonal einfachen, beinahe marschartigen Weise, die von Glockenschlägen begleitet wird.

Der letzte Titel dieser CD, die Chanson triste H 36, entstand 1911 gleichfalls in Polička und ist ein wirkungsvolles Charakterstück. Tatsächlich handelt es sich dabei über weite Strecken um einen Trauergesang. Gegen Ende aber richtet sich die Aufmerksamkeit plötzlich auf die harmonischen Konflikte zwischen den beiden Händen—es ist ein frühes Beispiel der Bitonalität, der man in Martinůs späteren Werken so oft begegnen wird.


Mark Gresham und Cary Lewis
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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